Der Bericht bei Sat.1 (ich beziehe mich auf den oben stehenden Link zu YouTube) spricht Bände. Herr Küpper erinnert mich in seiner "alle böse, alle lügen, nur ich nicht"-Pose an die beiden Osnabrücker / Münsteraner Callcenterbetreiber Bormann und Wulf, die genau so hilflos da standen, wenn sie zu kritischen Fragen die Arbeitsbedingungen in ihrem Unternehmen betreffend Stellung nehmen sollten.
In der verzerrten Wahrnehmung der Callcenterbetreiber ist es im Zweifel immer die Schuld des Mtarbeiters, denn dieser ist ja frustriert und überhaupt gekündigt worden und deswegen nur auf Rache aus blablabla etcpp. Na klar. Es gibt dokumentierte Fälle von Leuten, die in Callcenterunternhemen erkrankt sind. An den Arbeitsbedingungen. Und das sind keine Einzelfälle. In Anlehnung an das tolle Motivationsplakat bei Tectum könnte man auch sagen: Wer nicht brennt, brennt auch nicht aus.
Schade ist, daß zu wenig Agenten, denen so etwas widerfahren ist, damit an die Öffentlichkeit gehen.
Aber so langsam nähert sich das Image von Callcenterunternehmen ja der Realität an. Gut so. Sie sollen für das stehen, was sie meistens sind: Rechtlich grenzwertige Jobgaleeren ohne Zukunftsperspektiven (außer für die Bereiber), dafür mit einer maximalen Ausreizung der Produktivität des Humankapitales durch das bloße Erzeugen von Angst beim Mitarbeiter. Heizöfen der New Economy, befeuert mit der Gesundheit von Menschen.
Aber es ist zu wenig, einfach nur den Betreibern dieser "Jobwunder" den Schwarzen Peter zuzustecken. Ein großes "fuck you" sollte auch an jene Mitarbeiter gehen, die sich willfährig in solche Systeme ergeben, die Kollegen denunzieren, sich bei den Vorgesetzten einschleimen und auf diese Weise - anders ist es kaum möglich, man muß das "Firmenprofil" haben - in so einem Laden Karriere machen wollen. Und diese Verirrten findet man bereits zuhauf auf der Agentenebene.
Ganz im Gegensatz zur Meinung von Herrn Wallraf sehe ich nicht pauschal das Opfer in den Agenten ("arme Schweine"). Ich hatte seinerzeit eine Kollegin, die, als es darum ging, bei buw vom Inbound ins Outbound zu wechseln, die Arbeitslosigkeit inkauf genommen hatte, weil sie anderen Leuten, speziell Jugendlichen, keine nutzlosen oder gar überteuerten Handyverträge aufschwatzen wollte. Sie arbeitete ehrenamtlich noch in einer Schuldnerberatung und sah hierin zurecht eine Interessenskollision.
@John Doe:
Als BR hat man die Entwicklung im Betrieb zu berücksichtigen aber auch die Bedürfnisse der Geschäftsführung und der Beschäftigten. Man muss zwischen beiden Parteien vermitteln können. Das die Entwicklung momentan in die richtige Richtung geht, sollte allen klar sein. Verschiedene Prozesse die derzeit oder in der Vergangenheit hier häufig zur Ansprache kamen, sind in Veränderung.
[...]
Wenn der BR von Tectum seine Aufgabe auch auf Arbeitnehmerseite wahrgenommen hätte, hätte der Betrieb Tectum erst gar nicht so große Wellen geschlagen. Das Forum hier ist voll von Fällen, die es mit einem aktiven BR gar nicht gegeben hätte, und auch, wenn der BR erst spät installiert wurde - eine korrekt handelnde Geschäftsführung hätte es ebenso wenig zu dem kommen lassen, was zur Zeit bezüglich Tectum durch die Medien rauscht.
Aus eigener Erfahrung in einem anderen Callcenter kann ich sagen, daß es Usus ist, daß Geschäftsführer in CC gerne die Arbeit eines BR erfolgreich sabotieren, teilweise gibt es in dieser Hinsicht sogar Seminare und "Fachbücher". Unter anderem ist es gängige Praxis, in Schlüsselpositionen eines BR "geschäftsführungsnahe" Mitarbeiter zu setzen, die ausschließlich die Geschäftsführungsinteressen vertreten. Das muß man klar sagen, wenn man von der Aufgabe der neutralen Interessensvertretung eines BR redet, denn das ist Theorie, die Praxis sieht anders aus.
Das Geseier des Tectum-BR in der WAZ klingt schon sehr nach Augenwischerei, nett formuliert. Was man zwischen den Zeilen herauslesen will und kann, ist rein subjekitv, da gibt es keine eindeutige Message. Es zählt, was geschrieben steht, und das ist eher aalglatt. Auf mich wirkt es sogar fast wie iene "Entschuldigung" gegenüber der GF, daß im Moment so viel Wind um Tectum gemacht wird. Du siehst, alles subjektiv.
Damit Du mich nicht falsch verstehst: Auch ich hätte gerne Sachlichkeit auf allen Seiten. Leider läßt auch in diesem Falle mal wieder der Unternehmer die Sachlichkeit vermissen, indem er leugnet, denunziert ("frustrierte,
unredliche Mitarbeiter") und sich seiner Verantwortung als Unternehmer, bei der es um mehr geht als um Geldscheffelei, entzieht:
[...] In Deutschland ergibt sich die Fürsorgepflicht aus §§ 241 Abs. 2, 617-619 BGB als Nebenpflicht aus dem Arbeitsverhältnis, die aus weiteren Gesetzen ergänzt wird (z.B. Fürsorgepflicht des Arbeitgebers für den Handlungsgehilfen, § 62 HGB). Der Arbeitgeber ist danach gehalten, Arbeitsbedingungen zu schaffen, die jeden Beschäftigten vor Gefahren für Leib, Leben und Gesundheit schützen. Hierzu bestehen bereits eine Reihe von gesetzlichen Schutzvorschriften, etwa
* die Arbeitsstättenverordnung
* das Arbeitsschutzgesetz
* das Arbeitssicherheitsgesetz
[...]
Quelle:
http://de.wikipedia.org/wiki/F%C3%BCrsorgepflicht_%28Arbeitsrecht%29