hallo kazum,
ich hoffe du hast noch nicht bei der firma wesser angefangen, ich war naiv und dumm genug dafür, habs genau drei tage ausgehalten. um deine frage zu beantworten: es sind drückerkolonnen, und zwar vom feinsten!
die firma wesser gibt sich im internet sehr seriös. auch das sogenannte "bewerbungs- und informationsgespräch" kommt sehr ehrlich und seriös rüber. es wird dann dort davon geredet, daß man ja für eine gute sache unterwegs ist, an der frischen luft, lernt land und leute kennen, man soll die leute "überzeugen und nicht überreden", es ginge ums "informieren" und "für die sache begeistern", und man müsse schon auch "dahinterstehen" und "motiviert sein". im vertrag unterschreibt man dann auch, daß man sozial schwache, alte leute, ausländer usw. nicht als mitglieder wirbt. bis zur vertragsunterzeichnung fühlte sich für mich alles gut und seriös an (aber wie schon gesagt ich bin wirklich sehr naiv).
wenn man dann dort anfängt, wird man zunächst zum "stopover" nach stuttgart geladen. man verbringt da 24 stunden in einem hotel gemeinsam mit ca. 30 "newcomern", d.h. leuten, die auch gerade anfangen. man macht konversationsspiele, "zum beseer kennenlernen", und wird aufgrund des eindruckes, den man erweckt hat, einem team zugeteilt und regelrecht verschickt wie ein postpaket.
vom beginn des "stopovers", d.h. des stuttgart-aufenthaltes an, geht alles sehr schnell, man kann keinen klaren gedanken fassen. wichtig bei diesen leuten ist auf jeden fall, daß du die firma lieben mußt, der herr wesser ist der guru, die "teamchefs" sind seine helfer. die machen sehr auf "eine große familie", wird direkt so gesagt. einige leute kriegen "paten", d.h. mitglieder von wesser sind die ganze zeit persönlich mt diesen leuten in kontakt, per telefon, sms und besuchen, jeden tag. das wäre "zum besseren gemeinsamen arbeiten" (und nicht etwa zur kontrolle). nach dem stopover kommt man ganz holterdipolter in irgendein team irgendwo in deutschland, wohin man kommt erfährt man erst ganz kurz vorher.
ich kam abends 22.00uhr in meinem team an, es war schon dunkel, d.h. ich konnte auch nicht richtig begreifen, wo ich eigentlich war. die teams sind entgegen den angaben beim bewerbungsgespräch sehr groß, 10-15 leute, im bewerbungsgespräch war die rede von 5-max.7!
sofort nach der ankunft in meinem team wurde ich freundlich genötigt ein paar bier zu trinken, mir wurde was übers tolle teamleben erzählt, und dann gings gleich noch ran "gespräche üben", die halbe nacht, und am nächsten morgen gleich wieder. im team erfährt man zuerst, daß man "alles vergessen" soll, was einem beim stopover erklärt wird. man lernt ein vorgefertigtes gespräch, lernt sogennante "reizworte" kennen, die man nicht sagen darf (z.B. "betrag", "abbuchen", "mitgliedschaft", "regelmäßig", "geld" usw.), man erfährt daß man sich tatsächlich als mitglied der organisation auszugeben hat, für die man wirbt (ich war also "von den johannitern", "vom rettungsdienst komm ich sie heute besuchen, keine angst, es ist nichts passiert, ich komm sie nicht abholen..." so der auswendigzulernende text), man erlernt eine "einwandbehandlung", d.h. wie man auf bestimmte typische einwände antworten soll (z.B. sagt eine person "ich mach nicht mit, bin schon beim roten kreuz" drauf sagst du "na daß ist ja toll daß sie schon so hilfsbereit sind, solche leute wie sie suchen wir ja grade bla bla bla...."), man lernt kleinere und auch größere lügen kennen, die sich im werbegespräch unheimlich gut machen. und so weiter und so fort. na jedenfalls du kommst abends 22.00uhr im team an und sofort wirst du in beschlag genommen und dir wird ein werbegespräch eingehämmert. ansonsten funktioniert das sogenannte team so, daß alle gemeinsam essen kaufen, gemeinschaftskochen, gemeinschaftsessen, gleiche zeit aufstehen gleiche zeit zu bett gehen, natürlich keine einzelzimmer, schlüssel zur wohnung hat nur der teamchef, wann immer du die wohnung verläßt tust du es nicht alleine sondern immer im mindestens 4-personen-aufmarsch, meist mit teamchef dabei, beim "gespräche üben" guckt das ganze team zu, zum "helfen" und noch "ein paar tips geben", das team sieht dann auch wie du vom teamchef abgekanzelt wirst wenn du deine sache nicht gut machst, wie gesagt es war sehr viel alkohol dort und man wurde abends vom teamchef kräftig zum trinken animiert (vielleicht damit man auf keinen fall zum denken kommt?), es sind immer alle zusammen du bist nie alleine. es wird gezielt eine repressive gruppendynamik erzeugt, und die totale abkapselung von der außenwelt hat wohl auch methode. man ist immer entweder beim werben unterwegs oder in der unterkunft, d.h. von der gegend, diesem dorf in dem ich war, habe ich erst richtig notiz nehmen können am letzten tag, als ich mich davongeschlichen habe.
am nächsten tag, d.h. deinem ersten arbeitstag, übst du morgens gleich nach dem aufstehen noch einmal, dann wirst du mit den anderen vom team im teamauto so 20-30km weit weg ins "gebiet" gefahren, auf der karte wird dir aber nicht gezeigt wo das ist, und dann schwärmen die werber aus. beim arbeiten sollst du keinen rucksack o.ä. dabei haben, d.h. du wirst angewiesen, ohne essen, trinken, pass, portemonaie usw., nur in arbeitskluft (bei werbung für die johanniter und rotes kreuz ist das eine rettungssanitäteruniform mit einem ausweis) und mit arbeitsmappe 9 stunden lang unterwegs zu sein, wobei dir der zugang zum teamauto verwehrt wird, da nur der teamchef den schlüssel dazu hat. am anfang läufst du ein bißchen mit einem "erfahrenen" werber mit, dann schmeißen sie dich ins kalte wasser, d.h. nach ca. 2-3 stunden über die schulter gucken machst du es alleine. übrigens hat niemand hemmungen, alte, sozial schwache usw. zu werben, ich war dabei wie eine alte, offensichtlich kranke und sehr verwirrte frau als johanniter mitglied geworben wurde (und nachdem sie dann die unterschrift getätigt hat stellte sich durch zufall heraus daß sie schon bei den johannitern war, die dame war so dement da konnte sie sich gar nicht mehr dran erinnern, und daraufhin hat der werber auch noch versucht sie zu einer erhöhung ihres bisherigen beitrages zu beschwatzen). man lernt die leute vollzulabern bis sie eine unterschrift leisten, mit "informieren", "von der guten sache begeistern" und "überzeugen statt überreden" hat das wahrlich nichts zu tun.
am abend des ersten arbeitstages, bei dem ich mir sehr viel mühe gegeben hatte und tatsächlich zwei mitgleider geworben habe, wollte ich nur noch schlafen. schon im bett liegend, 24.00uhr, wurde ich genötigt aufzustehen und "gespräche zu üben", das bis nachts 3.00uhr und vor komplett versammeltem team. mein einwand ich müsse doch mal schlafen wurde beiseite gefegt: "du bist doch noch jung", "ist nun mal ein harter job", "wir schlafen hier jede nacht nur so 4-5 stunden, alle machen das so, das kannst du ja dann wohl auch" usw.). und dabei wurde ich die ganze zeit freundlich zum bier trinken gebracht. am nächsten morgen, ich steh auf mit tierisch kopfschmerzen (ganze nacht sturzbesoffen gespräche geübt), kommentar drauf "na wenn du schon weißt daß du kein alkohol verträgst darfst du in zukunft aber keinen mehr trinken", ha ha wer hat mich denn dazu genötigt?! und gleich wieder ran gespräche üben, dann mit der gruppe ins gebiet, kein plan wo das eigentlich ist, und wieder ausschwärmen. ich habe noch zu meinem "erfahrenen" begleiter vom ersten tag gesagt daß wenn ich abends wieder nicht schlafen darf ich aber nach hause fahre - er drauf, "was zum SCHLAFEN willst du nach hause" und "wenn du jetzt gehst nachdem ich dich stundenlang geschliffen habe kriegst aber einen riesen arschtritt von mir".
naja, als ich dann endlich alleine war habe ich mich erstmal ins grass gesetzt und die sonne genossen, dann habe ich meinen besten freund angerufen, danach ins internet gegangen und mit einem mir sehr lieben menschen konversation betrieben, dann habe ich einen riesigen schokoeisbecher gegessen (hatte verbotenerweise doch geld usw. dabei), dann in dem kaff den bahnhof gesucht, mich zurück zum quartier durchgeschlagen, die vermieter rausgeklingelt auf daß sie mir aufschließen, meine sachen zusammengesucht, mich per sms vom teamchef abgemeldet. abends habe ich mich dann doch noch mal, nun schon privat, persönlich vom teamchef verabschiedet. ich habe ihm erklärt, daß schlafentzug bei gleichzeitiger reizüberflutung eine klassische gehirnwäschemethode ist, und daß die teamstruktur auf gruppenzwang abzielt, und daß insgesamt hier ja wohl offensichtlich versucht wird, gehirnlose arbeitsroboter zu züchten. hat er natürlich verneint, ist aber so.
übrigens kommen fast alle werber aus österreich (ich komme aus deutschland), mein team bestand aus 10 österreichern und mir. die meisten leute sind so um die 18 (ich bin 26). ich denke das jugendliche alter der werber ist auch kein zufall, unerfahren, grade aus der schule raus, vielleicht zum ersten mal länger von zu hause weg, ist man doch sehr empfänglich für gruppenzwang und gehirnwäschemethoden und checkt nicht was läuft.
ansonsten ist die firma wesser die große familie, man ist mit den ganzen festangestellten mitarbeitern natürlich per du, das sind "der peter" und "der anselm" usw., die wesser leute kommen die teams auch regelmäßig "besuchen" worauf sich immer alle freuen ("habts ihr schon ghört der peter kommt morgen zu uns zum mittag" - "oh toll der peter kommt uns mal besuchen", ICH HABE KEINE AHNUNG WARUM NIEMAND VON DEN LEUTEN DORT SCHNALLT DASS SIE IN EINER DRÜCKERKOLONNE ARBEITEN UND UNTER PERMANENTER KONTROLLE STEHEN!!!!). naja ich habs ja am anfang auch nicht sofort gecheckt, hat drei tage gedauert bis der groschen endlich gefallen ist. meine karriere bei der firma wesser dauerte von letztem sonntag bis gestern (mittwoch). ich stehe noch sehr unter dem eindruck dieses erlebnisses und mußte mir das grad mal alles von der seele schreiben, sorry für die überlänge, aber vielleicht hilft es ja dem einen oder anderen.
also, wesser-drückerkolonne-JAAAAAAA!!!!!!
arbeitet dort bloß nicht! ganz furchtbarer verein! nicht drauf reinfallen! großes pfui!
für alle die nicht wissen worum es überhaupt geht:
www.wesser.de , vergleicht doch mal die homepage mit meinem text.
so das wars von mir
danke fürs lesen
wer arbeiten will tue bitte was ordentliches
arvicola