Nachdem ich mich über Jahre im Bereich Fundraising, dort speziell im Sektor Mitgliederwerbung für Hilfs- / Umweltschutzorganisationen [= NPOs (Non Profit Organisations)] bzw. deren Durchführung bewegt hatte, und mich durch die Medien, aber auch im Verwandten- und Bekanntenkreis diesbezüglich immer wieder mit Kritik konfrontiert sehe, habe ich nun beschlossen, dieses Thema für alle Interessierten, sowie auch für mich selbst, im Rahmen einer Kurzanalyse möglichst objektiv und selbstkritisch aufzuarbeiten.
NPOs benötigen für ihre Arbeit Geld. Dieses erhalten sie im Rahmen von staatlichen Zuschüssen, überwiegend aber durch Spenden und Fördermittel von Privatpersonen, Institutionen und Firmen. Manche Tätigkeiten der NPOs werden auch kostendeckend durch Versicherungen getragen (z.B. der reguläre Rettungsdienst oder Pflegedienste).
Bedauerlicherweise kommt es immer wieder zu Skandalen, in denen Gelder von Geschäftsführern oder Vorständen veruntreut werden. Zwar wird das Auftreten solcher „schwarzen Schafe“ wohl leider nie ganz zu verhindern sein – in der freien Wirtschaft gibt es sie bekanntlich noch viel mehr als bei den Hilfsorganisationen – aber deren menschliches Versagen in ihrem Amt bzw. ihrer Position wiegt bei NPOs natürlich weit schwerer und wird zurecht deutlich kritischer bewertet. Es ist oftmals nur investigativen Journalisten zu verdanken, dass solche Zweckentfremdungen von Spendengeldern und Fördermittel überhaupt aufgedeckt werden.
Nur zu gut kann ich also Menschen verstehen, die sich nach dem Bekanntwerden entsprechender Ereignisse von der betroffenen Organisation oder gar generell von NPOs distanzieren und keine Unterstützung mehr leisten wollen. Doch sollte man auch immer sehen und dem entgegenhalten, was an Positivem geleistet wird:
Gemeinnützige Vereine bieten in Städten und Gemeinden vor Ort Tafeln und unterhalten Kleiderkammern für Bedürftige aus sozialschwachen Familien, organisieren sinnvolle Freizeitaktivitäten für Jugendliche, betreuen Senioren und Behinderte, Ehrenamtliche opfern teilweise hunderte bis zu tausende Stunden im Jahr für (Übungs-)Einsätze im Bereich Brandschutz und Gefahrenabwehr, humanitäre Auslandseinsätze in von Naturkatastrophen, Hunger und Krieg bedrohten Krisengebieten werden durchgeführt usw. usf. Das Alles kostet nun einmal sehr viel Geld: Es werden Materialien verbraucht, die Logistik muss organisiert werden, Räumlichkeiten sind zu unterhalten und natürlich muss auch die Verwaltung finanziert werden. Was Letzteres betrifft, gibt es sicherlich bei vielen NPOs durchaus noch Einsparpotenzial.
Vielleicht wäre es eine angemessene „Antwort“, nach einem größeren Skandal in der betroffenen Organisation die Unterstützung TEMPORÄR zu verweigern, nicht aber daraufhin das Fördern gemeinnütziger Institutionen und Vereine GÄNZLICH einzustellen.
Das Argument, der STAAT solle doch die wichtigen Aufgaben der NPOs übernehmen und sich die dafür notwendigen Gelder über die Steuern „zurückholen“, so dass alle gleichermaßen damit gerecht „belastet“ werden, ist nur bedingt gewichtig. Denn im Grunde bedeutete dies nicht nur NOCH MEHR STAAT (und staatliche Bürokratie), sondern auch eine Entmündigung des Bürgers, bei der Wahl ihm besonders unterstützenswert erscheinender, gemeinnütziger Projekte und Organisationen. Manch einer will vielleicht lieber einen mildtätigen Verein „vor der Haustür“ fördern, ein anderer kranke Kinder in Afrika, wieder ein anderer interessiert sich besonders für Arten- und Klimaschutz usw. Außerdem würden besagte Organisationen ihre (zumindest partiell durchaus vorhandene) Unabhängigkeit in Gänze verlieren, wenn sie sich allein durch das Steuersystem finanzierten.
Viele Blicken verächtlich auf „Werber“ hinab, die über den Weg einer Stand- oder Haustürwerbung auf die Arbeit von Hilfs- / Umweltschutzorganisationen hinweisen und den Bürger zur Unterstützung in Form einer möglichst dauerhaften Fördermitgliedschaft motivieren wollen. Solche Leute gelten oft als „Drücker“, „Abzocker“ oder „Betrüger“. Und leider muss ich sagen, dass dieser Ruf auf Grund entsprechenden Fehlverhaltens vieler solcher „Handelsvertreter“ (es handelt sich meistens nicht um bei Agenturen festangestellte Mitarbeiter, sondern um Freiberufler) gerechtfertigt ist:
Da wird dem potenziellen Förderer ein schlechtes Gewissen eingeredet (-> „Haben Sie denn kein Herz für hungernde Kinder / die Natur?“, „Sie wollen doch auch Hilfe, wenn es Ihnen schlecht geht, oder?!“...), es werden Lügen erzählt (-> „Der Staat hat uns nach der Gesundheitsreform die Gelder gestrichen!“, „Ja, wenn sie wollen, ist die Unterstützung NUR FÜR DIESES Jahr.“...) und es kommt zur Druckausübung (-> „Wenn Sie nicht mithelfen, können wir Sie auch künftig nicht mehr mit dem Rettungswagen mitnehmen“, „Fuß in die Tür“...).
Doch es gehen bei Weitem nicht alle Werber so unseriös vor. Vielmehr müssen sie ausbaden, was ihre unseriösen „Vorgänger“ an Schaden verursacht hat – verbrannte Erde, sozusagen: Man wird mit wüsten Beschimpfungen attackiert, die Türe wird einem vor der Nase zugeschlagen, mit der Polizei wird gedroht usw. noch ehe man überhaupt zu Wort gekommen ist. Hinzu kommt, dass die meisten Menschen nicht die Größe und Stärke zur Ehrlichkeit haben, wenn sie kein Geld für eine gemeinnützige Sache ausgeben möchten. Es wird verschämt zu Boden geschaut, der teure neue Mercedes und der hohe Benzinpreis vorgeschoben, die Ehefrau müsse mitentscheiden, aber die sei leider nicht zugegen (aus dem Hintergrund die Frage „Was gibt’s denn Schatz?“), man habe jetzt gerade keine Zeit oder ein Ferngespräch und möchte später nochmals „besucht“ werden (meistens wird die Haustür dann nicht mehr geöffnet) und 1000 andere Einwände mehr, die in Wahrheit Vorwände sind, werden gebracht...
Würden sich die ehrenamtlichen Mitarbeiter einer Hilfsorganisation dies Wochenlang anhören müssen, würde manch einer von Ihnen geistigen Schaden davon tragen: Einen „Vertreter“, jemanden der (nur) IM AUFTRAG der NPO um Unterstützung bittet, treffen Beleidigungen und Kritik deutlich weniger, denn er nimmt sie weniger persönlich. Dies ist ein sehr wichtiges Argument, das FÜR professionelle Mitgliederwerbungen durch Agenturen spricht. Hinzu kommt, dass ein Ehrenamtlicher ohnehin schon viel von seiner Freizeit für gemeinnützige Tätigkeiten „opfert“. Soll er nun auch noch ganze Monate im Jahr damit verbringen, von Haustür zu Haustür zu gehen? Zudem gehen die meisten Ehrenamtlichen auch ganz normalen Berufen nach und können nicht wie beispielsweise Studenten ein paar Wochen ihrer Semesterferien für derartige Aktionen nutzen.
Wie beschrieben, kann Mitgliederwerbung also mitunter eine starke psychische Belastung sein und ist auch generell als „hartes Brot“ zu bezeichnen. Kein Wunder also, dass diese Arbeit gut bezahlt sein will, damit sie überhaupt gemacht wird. Jeder, der schon einmal über mehrere Wochen eine Haustürwerbung mitgemacht hat, wird es bestätigen: Dieser Job ist mit nichts zu vergleichen!
Doch genauso wenig, wie man allen „Bürgern an der Haustür“ unterstellen kann, sie seien unehrlich, geizig und unfreundlich, kann man alle Werber über einen Kamm scheren und die Behauptung aufstellen, sie seien grundsätzlich „Drücker“. Vielmehr sollte man sich an seiner eigenen Nase fassen und durch das Vorleben besseren, reiferen Verhaltens zeigen, dass pauschalisierende Vorurteile noch niemals irgendeine Richtigkeit besaßen.
Ein Job als Werber für Fördermitgliedschaften hat – all dem bisher aufgeführten zum Trotz – durchaus auch seine schönen Seiten:
- Man trägt seinen Teil dazu bei, dass wichtige, ehrenamtliche Arbeit geleistet werden und Menschen in Not bzw. Tieren oder der Natur geholfen werden kann.
- Man lernt oft viele nette junge Leute im Werbeteam kennen und hat Spaß mit ihnen.
- Man trifft zuweilen auf sehr interessante Menschen an der Haustür, die wirklich etwas Wertvolles zu erzählen / berichten haben.
- Man lernt „das Volk“, den Menschen als solchen viel besser kennen, bekommt zunehmend größere Menschenkenntnis.
- Man entwickelt seine kommunikativen Fähigkeiten und seine Zielstrebigkeit weiter.
- (Speziell) als Teamchef lernt man mit großer, vielseitiger Verantwortung umzugehen und Probleme zu lösen.
- Man lernt, dass man zu viel mehr in der Lage ist, als man sich je zugetraut hätte (sowohl in Punkto Belastung, als auch in Sachen Leistung) und stärkt dadurch auch seine Persönlichkeit, Selbstsicherheit und auch sein Selbstwertgefühl.
- Man kann gutes Geld für gute Arbeit verdienen.
Der letztere Punkt ist bekanntlich auch ein häufig diskutierter, sehr kritisch betrachteter. Natürlich werden die Agenturen für die Organisation und Durchführung von Mitgliederwerbungen von den NPOs bezahlt. Schließlich sind sie Wirtschaftsunternehmen und keine Wohlfahrtsvereine. Einzig und allein entscheidend ist letztlich, wie das Verhältnis der an die Firmen bezahlte Provisionen zu den an die NPOs entrichteten Förderbeiträgen durch die (Neu-)Mitgliedschaften gestaltet ist.
Im Laufe meiner Zusammenarbeit und meinem Informationsaustausch mit Hilfsorganisationen, Agenturen und deren (Ex-)Mitarbeitern, bin ich für mich zu der Erkenntnis gelangt, dass man diesbezüglich folgende Aussage treffen kann (wobei der Informationszugang nicht immer beabsichtigt bzw. gewollt war): In Deutschland bekommen Werbeagenturen von den NPOs in der überwiegenden Zahl der Fälle bzw. Verträge in Summe EIN bis ZWEI Jahresmitgliedschaftsbeiträge (einschließlich der von der NPO zu entrichtenden Mehrwertsteuer), wobei sich deren Ausbezahlung degressiv gestaffelt über 1 bis 4 Jahre erstreckt.
Wenn also ein Fördermitglied nur EIN Jahr lang die NPO unterstützt, geht ein größerer Teil seines (Gesamt-)Beitrages an die Agentur (50 % und mehr). Wenn das Mitglied dem gemeinnützigen Verein etc. hingegen 40 Jahre als Förderer treu bleibt, bekommt die Hilfsorganisation in Summe über 95 % der Jahresbeiträge.
Dabei gilt allerdings zu beachten, dass die Inflationsrate den effektiven Wert der Jahresmitgliedschaftsbeiträge in dieser Rechnung nach unten drückt. Im 40sten Jahr beispielsweise entspricht EIN Euro zum heutigen Zeitpunkt nur noch rund 36 ct (!), bei einer angenommenen Inflationsrate von 2,5 %. Wenn man diese berücksichtigt und davon ausgeht, dass ein Fördermitglied IM DURCHSCHNITT 10 Jahre die entsprechende NPO unterstützt, kommt man rechnerisch auf eine effektive Effizienz bei einer seriösen Fördermitgliedschaftswerbung von rund 77 % des Spenden- bzw. Fördermittelaufkommens für die NPO, falls die Agentur in Summe nur EINEN Jahresbeitrag erhält. Nur etwa 68 % sind es hingegen, wenn die mit der Werbung beauftragte Firma ZWEI Jahresbeiträge bekommt. Streng genommen müsste man auch noch den Umstand berücksichtigen, dass die an die Agentur gezahlten Provisionen auch der Inflationsrate unterliegen. Da sie den Firmen aber innerhalb weniger Jahre nach dem Beitritt des Mitglieds ausbezahlt werden, spielt dies in der Berechnung kaum eine Rolle. Außerdem wirkt sich dieser vernachlässigbare Effekt ZU GUNSTEN der NPOs aus. Die Tatsache, dass Mitgliedsbeiträge in der Realität von Zeit zu Zeit angepasst werden, spielt in dieser Berechnung keine Rolle, da es sich dabei in aller Regel auch wieder um äquivalent zu bezahlende Dienstleistungen durch darauf spezialisierte Firmen handelt, so dass wieder eine neue „Wertschöpfungskette“ beginnt, die im Endeffekt auf das Gleiche hinausläuft.
WICHTIG dabei ist, dass die erwähnten, um die Inflationsrate bereinigten, effektiven Effizienzwerte von 68 bis 77 % nur bei einer durchschnittlichen Mitgliedschaftsdauer von 10 Jahren gelten. Beträgt diese nur 5 Jahre, halbieren sich diese Werte entsprechend. Deshalb ist es so ungemein wichtig, dass die Fördermitglieder RICHTIG ÜBERZEUGT werden, eine möglichst dauerhafte, nachhaltige Unterstützung zu leisten, und nicht auf die Schnelle irgendwie überredet werden! Denn sonst ist eine Mitgliederwerbung für NPOs schon vom Ansatz her mehr als fragwürdig, insbesondere im Hinblick auf ihren gemeinnützigen Aspekt.
ZUM VERGLEICH: Wenn eine Spenden-Aktion über eine bundesweite Postwurfsendungskampagne durch eine NPO durchgeführt wird, liegt die effektive Effizienz bei nur 50 %, wenn IM STATISTISCHEN MITTEL jeder 10te EINMALIG 10 Euro spendet und für den vorgefertigten Überweisungsträger, die grafische Gestaltung, sowie den Farbdruck des plakativ gestalteten Bittstellbriefes und die Verteilung an alle Haushalte realistische 50 Cent pro (Postwurf-)Sendung veranschlagt werden.
Was also kann und will ich „euch“ an dieser Stelle mit auf den Weg geben?
Zunächst an die „Werber“ gerichtet:
1.) Informiert euch vor Antritt eines Werbeeinsatzes möglichst umfangreich über die von euch zu vertretende Organisation und die Verwendung ihrer Fördergelder bzw. deren Finanzierungssystem. Im Internet gibt es genügend Möglichkeiten dazu und auch ein Anruf bei der NPO kann nicht schaden!
Wenn ihr euch über euren Arbeit- bzw. Auftragsgeber erkundigt, zieht nicht nur Äußerungen in Betracht, die von enttäuschten, ehemaligen Mitarbeitern stammen. Deren Schreie sind natürlich weitaus häufiger zu finden und viel lauter als die meist noch viel häufigeren Stimmen derer, die mit der jeweiligen Agentur positive Erfahrungen gemacht haben. Nur haben diese kein so großes Bedürfnis, sich auf solchen Foren wie diesem hier zu äußern. Überhaupt neigt der Mensch ja bekanntlich dazu, sich das Negative besonders stark zu merken, das Positive hingegen als für selbstverständlich zu erachten.
2.) Klärt für euch die Frage, ob ihr mit dem PRINZIP klar kommt, dass ihr Geld für das Einwerben von Spenden- oder korrekt ausgedrückt Fördergeldern / -Beiträgen bekommt, welches aus Anteilen der Letzteren stammt. Ihr müsst hinter der Sache stehen, um dauerhaft und mit ruhigem Gewissen erfolgreich werben zu können. Werdet selber Fördermitglied!
3.) Lügt nicht und erzählt den Bürgern an der Haustüre nicht irgendetwas, wenn ihr überfragt seid. Seit vielmehr ehrlich und sagt, dass ihr diesen „Job“ noch nicht lange macht und diese Frage nicht beantworten könnt, euer Gegenüber möge sich doch bitte an die NPO wenden.
4.) Seit ehrlich, wenn ihr nach eurer Position bei der NPO und / oder einer bei euch vermuteten ehrenamtlichen Tätigkeit gefragt werdet: Kaum jemand hat ein Problem damit zu erfahren, dass ihr „die Sache hier als Ferienjob macht und natürlich schon eine Entlohnung dafür bekommt, wochenlang von Früh bis Spät bei Wind und Wetter von Tür zu Tür zu laufen“.
5.) Fragt eure Teamchefs, wenn euch irgendetwas unklar ist und seit auch immer euch selbst gegenüber kritisch: Man sollte sich immer wieder fragen, ob man korrekt mit den Leuten an der Türe umgeht. Wie würde man selbst angesprochen werden wollen? Meldet gravierendes Fehlverhalten von Kollegen an euren Teamchef und wenn ihr den Eindruck habt, dass er sich darum nicht kümmert, an die Agentur!
6.) Nehmt nichts persönlich: Anfeindungen richten sich (meist ungerechtfertigt) an die NPO oder sind auf eure unseriösen „Vorgänger“ zurückzuführen, nicht aber auf euch, wenn ihr korrekt arbeitet.
7.) Die oberste Devise kann nur immer lauten: Bleibe freundlich und sachlich, umso mehr, je stärker sich das Gegenüber erbost. Ein harter Tag, bei dem man keinen Erfolg hat und häufig beschimpft wird, macht es einem sehr schwer, die Contenance zu bewahren. Man neigt dazu, seinem Frust irgendwann bei einer besonders unfreundlichen Person Luft zu machen. Manchmal kann man sich nicht mehr zurückhalten, aber solche Fälle müssen mit größtmöglicher Disziplin minimiert werden und sollten möglichst bald mit einer Entschuldigung befriedet werden, denn ihr steht für eine große Organisation: Wenn IHR einen Fehler macht, hat die NPO einen Fehler gemacht. Wer sich diesbezüglich nicht beherrschen kann, ist nicht nur für diesen Job ungeeignet, sondern im Grunde nicht viel besser als die „schwarzen Schafe“, die sich in den Führungsetagen von NPOs illegal bereichern – mit verheerenden Folgen, wie wir alle wissen.
8.) Drängt nicht mit Eloquenz, Rhetorik und Argumenten einen durchaus freundlichen, geistig aber klar unterlegenen Menschen (oder ein altes schwaches „Mütterlein“ etc.) so weit in die Ecke, dass er gezwungen ist, seine Lüge nach außen hin einzugestehen, dass er sein Geld nicht für euer (gemeinnütziges) Anliegen hergeben möchte. Es reicht zu wissen, dass er bzw. sie mit dieser Tatsache konfrontiert wurde. Wenn das „potenzielle Fördermitglied“ aber arrogant, offensichtlich wohlhabend und geizig ist, oder aber einfach ein gut gelaunter Mensch ist, dann spielt die Argumentationsschiene ruhig bis zum Ende aus – in aller Freundlichkeit und Sachlichkeit, versteht sich. Jemand mit viel Humor reagiert dann durchaus auch einmal mit Sätzen wie „Jetzt haben Sie mich aber erwischt, Sie lassen auch wirklich keine Ausrede gelten ;-). Na los, schreiben Sie schon...“
9.) Begreift euren Job zum einen als Finanzierungssystem für NPOs, zum anderen aber auch als Öffentlichkeitsarbeit für die entsprechende Hilfs- / Umweltschutzorganisation: Ihr könnt dafür sorgen, dass NPOs wieder ein besseres Bild in der Gesellschaft abgeben. Ein großer Mehrwert ist auch, dass – unabhängig davon, ob die von euch Angesprochenen nun Mitglied geworden sind oder nicht – mit dem Gedanken des Gemeinnützigen konfrontiert wurden. So etwas kann bei dem ein oder anderen auch zeitverzögert zu einem Umdenken führen.
10.) Nutzt eure Tätigkeit dazu, um auch SELBER einmal ehrenamtliche Arbeit zu leisten: Es gibt zum, Beispiel genügend alte, einsame Senioren ohne Angehörige, die sich unglaublich freuen, wenn sie nach Langem einmal jemanden zum Sprechen und Erzählen vor sich haben. Man kann sich ab und an ruhig mal eine halbe Stunde oder länger mit einem solchen Menschen unterhalten, auch wenn von vorneherein klar ist, dass er kein Mitglied werden möchte (oder gar kann, weil er einen staatlichen Vormund hat etc.). Das heißt natürlich nicht, dass man sich von gelangweilten Klatsch-Und-Tratsch-Tanten etc. ausnutzen lassen sollte ;-).
An den „Bürger an der Haustüre“ gerichtet:
1.) Seien Sie skeptisch, lassen Sie sich die Legalität der Haustürwerbung belegen. Bei berechtigten Zweifeln kann man sich bei der Organisation oder der Polizei / dem Ordnungsamt rückversichern, ob alles mit rechten Dingen zugeht.
2.) Weisen Sie einen unfreundlichen Werber auf sein Fehlverhalten hin und schließen Sie die Türe, wenn er uneinsichtig ist. Bei grobem Fehlverhalten sollte die NPO benachrichtigt, im Extremfall eine Anzeige bei der Polizei gemacht werden.
3.) Seien Sie ehrlich, wenn Sie kein Geld für die NPO im Rahmen der Werbungsaktion ausgeben möchten. Daran ist nichts verwerflich und man spart sich lange, für beide Seiten mühsame Diskussionen. Jeder kann für sich entscheiden, welche (ehrenamtliche) Arbeit er in welchem Umfang unterstützen möchte. Fragen Sie einen aufmüpfigen Werber, welche NPOs er denn finanziell unterstützt...
4.) Fragen Sie nach, wofür die Beiträge genau verwendet werden und was Sie sonst noch wissen möchten. Ein häufig überfragter Werber neigt im Allgemeinen dazu, sich zunehmend ernsthafter über sein „Produkt“ zu informieren und wird dadurch seriöser.
5.) Auch für Sie gilt natürlich: Bleiben Sie stets freundlich und sachlich.
Wer sagt, er brauche keinen, der zu ihm kommt und irgendetwas von der sinnvollen Unterstützung einer NPO erzählt, es sei verächtlich wie hierbei das „Spenden“ kommerzialisiert wird, der sollte sich selbstkritisch die Frage stellen, ob er nicht auch schon einmal im Rahmen eines „Red Nose Days“ auf Pro 7 oder eines „RTL-Spendenmarathons“ etc. gespendet hat. Dies ist erst recht eine Kommerzialisierung vom Leid anderer Menschen: Die Preise für Werbeblöcke zur Prime Time bei den hohen Einschaltquoten sind horrend. Und ist es nicht verrückt, dass der Mensch erst eine spezielle Unterhaltungsshow, eine Benefiz-Gala und den Antrieb durch das Verhalten anderer braucht, um in „Spendenlaune“ zu kommen? Ist der Mensch wirklich ein noch derart unmündiges, vom Tier nicht weit entferntes, konditioniertes Wesen, das dem Rudel nachläuft, nur um seine Anerkennung zu bekommen? Dass er auf Grund seiner evolutionär bedingten Trägheit (Energiesparen) von außen motiviert werden muss, damit er über die Befriedigung seiner eigenen Bedürfnisse hinauswächst und über den Tellerrand blickt, um auch an das Wohl anderer zu denken?
Ich ziehe den Hut vor jedem, der sich selbständig ein Bild über das Leid in dieser Welt (und vor der eigenen Haustüre) macht und sich über die Möglichkeiten informiert, wie man zur Linderung dessen beitragen kann! Doch soll er dann konsequent sein, auch tatsächlich dementsprechend Handeln und einem Werber keine Moralpredigt halten. Wären alle Menschen ganz im Kant’schen Sinne derart aufgeklärt und mündig, dass sich Bittstellbriefe und Mitgliederwerbungen im herkömmlichen Sinne erübrigten, sähe die Welt ganz anders aus. Doch bis es soweit ist, müssen wir uns auf utilitaristische Weise anderer Methoden bedienen.
Und fast keiner, der in Deutschland lebt, volljährig, zurechnungsfähig und nicht obdachlos ist kann ernsthaft behaupten, er könne für gemeinnützige Tätigkeiten keine zwei, drei Euro im Monat zur Seite legen:
Harriet D. Bruce Annan** ist eine aus Ghana stammende, gelernte Computerfachfrau, die seit einigen Jahren in Deutschland lebt. Nach dem dramatischen Scheitern ihrer Ehe mit einem Engländer verdient sie ihren Lebensunterhalt nun in Düsseldorf als „Klofrau“. Am Tag arbeitet sie auf der Düsseldorfer Messe, nachts putzt sie in einer Szenekneipe. Mit ihrem Verdienst unterstützt sie in ihrer Heimatstadt Accra bedürftige Kinder, holt sie von der Straße und ermöglicht ihnen eine schulische Ausbildung. Dies war seit jeher ihr Kindheitstraum. Ihr Hilfsprojekt heißt "African Angel"**. Wenn eine „Klofrau“ von ihren wenigen, mühsam verdienten Euros Kinder in einem Drittweltland unterstützen kann, können wir das auch.
Soweit meine Darstellung. Ich hoffe, ich konnte möglichst viele Aspekte des Fundraising und im Speziellen der Mitgliederwerbung beleuchten.
Ich wünsche allen Lesern dieses Artikels sowie auch dem Rest der Welt alles Gute.
Bernhard Stremayr
[Im Gegensatz zu manch einem anderen in diesem Forum, habe ich kein Problem damit, meinen realen Namen anzugeben.]
PS: Die Wahrheit ist stets zu komplex, als dass sie durch pauschale Beurteilungen und einseitige Betrachtungen dargestellt werden könnte.
** Links zu Harriet D. Bruce Annan:
http://www.afrikanet.info/index.php?option=com_content&task=view&id=803&Itemid=2http://www.african-angel.de