Großbritannien: Arme Alte!
Tony Blair war einmal angetreten, um dafür zu sorgen, dass es den Alten in Groß-britannien besser geht. Ein Viertel der Wähler im König-reich sind Rentner. So war es strategisch geboten, diesen Wählern eine bessere Welt zu versprechen. Nun geht Tony Blair, zurück bleiben so viele arme Alte wie sonst nirgendwo in West-Europa. Viele müssen mit 100 Euro pro Woche zurechtkommen. "Hope I die before I get old", singt eine Rentner-Band. Doch die Chancen stehen schlecht: 2030 soll jeder 12. in Großbritannien über 80 sein. Viele Alte fühlen sich nicht nur vom Staat im Stich gelassen. In einer Umfrage gab jeder 20. Rentner an, er sei im letzten Jahr von der eigenen Familie, Freunden oder Pflegern missbraucht oder betrogen worden.
Rockmusik ist immer auch Protest
"This is the first time I´ve done this by the way…” ("Auch, wenn’s das erste Mal ist... ") - Zusammen sind sie über 3.000 Jahre alt. Die Zimmers - übersetzt: die Gehwagen. "Man muss auf den Knien betteln, wenn man als alter Mensch von den Behörden ein kleines Extra möchte", erzählt Alf Carretta, Leadsänger bei "The Zimmers".
Tim Samuels wollte eigentlich einen Film drehen über alte Menschen. Herausgekommen ist ein Hit. Seine Stars traf er im Bingo-Club und beim Altersheim. "Das war eine bittersüße Erfahrung. Wir haben manche Fälle von Vernachlässigung gesehen, alte Menschen, die in Hochhäusern festsaßen, gelangweilt, manchmal unterernährt. Das war ziemlich düster und erschreckend", so der BBC-Journalist und Initiator der "The Zimmers".
Das Musikvideo ihrer Generation. Gelangweilt im Altersheim, mit 90 Jahren fühlt sich auch Sänger Alf Carretta abgeschrieben. Dreimal pro Woche hat er sich früher auf den Weg gemacht. Zu seiner Bingo-Halle im Nordwesten Londons. Doch der Zeitvertreib für alte Leute wirft kein Geld mehr ab. Die Halle ist dicht. Schluss mit lustig: "Das waren immer schöne Nachmittage hier, mit freundlichen Gesprächen, Bingo, ab und zu hab’ ich auch gewonnen. Es ist eine Schande, die Halle jetzt so zu sehen. Das zerreißt mir das Herz."
Großbritanniens Alte - jeder fünfte lebt in Armut
Etwas mehr als 100 Euro Grundrente pro Woche. Nirgends in der EU ist die Kluft zwischen Gehalt und Pension größer. Verarmt, verdrängt, vergessen. Einer von 20 Senioren in Großbritannien ist bereits Opfer von Missbrauch geworden.
Missbrauch - in den eigenen vier Wänden. Ihrem neuen Pfleger kann Kay Pitman nur schwer vertrauen. Auf seine Hilfe ist sie angewiesen. Multiple Sklerose. Doch die Pflegerin, die sie bisher betreute, beklaute sie auch. "Sie hat meine Tasche mit in die Küche genommen. Jeden Morgen. Und sie hat mein Geld herausgenommen. Ich hab' die Polizei angerufen. Aber die wollte ohne Beweis nichts tun. Das hat mich sehr verunsichert. Was sollte ich jetzt denken? Irre ich mich?", erzählt die alte Dame.
Auf eigene Kosten installierte Kay Pitman eine Überwachungskamera. Ihre Pflegerin schiebt sie aus dem Raum ins Bad. Dann der Beweis: Die Pflegerin stiehlt ihre Tasche. Und jetzt erst hilft die Polizei.
Ros Altmann, Wirtschaftswissenschaftlerin an der London School of Economics und ehemalige Labour-Beraterin zu Renten, dazu: "In Großbritannien machen wir uns große Sorgen um Kindesmissbrauch und sogar um Tierquälerei. Aber wenn es um alte Leute geht, interessiert sich kein Mensch mehr. Viel alte Leute fallen einfach durchs Rost."
Missbraucht von Pflegern, Freunden oder der eigenen Familie
"Die darfst sich nicht mehr um die Kinder kümmern" - Die Videokampagne eines Seniorenverbandes gibt es nicht ohne Grund. Nicht wegdrängen, sondern helfen und Alte nicht allein lassen.
Alleingelassen auch Dave Allen. Auf dem Grundstück stand einmal eine Eisengießerei. Er arbeitete hier - bis die Firma Pleite ging. 40 Jahre lang zahlte er in die Betriebsrentenkasse ein. Ein Jahr vor der Rente war alles weg: "Das sollte wirklich niemandem passieren. Was uns hier angetan wurde, das wird wohl erst die nächste Generation richtig begreifen".
Daves Frau Jane musste wieder arbeiten gehen mit 59 Jahren. Das Familienheim musste das Paar verkaufen - für ein kleineres Haus. Denn niemand half - niemand sprang ein und ersetzte die verlorene Rente. "Sein Geld verlieren ist das eine. Seinen Stolz verlieren ist etwas anderes. Mich hat meine Arbeit stolz gemacht - und dann wird das alles gestohlen", so Dave Allen. Und Jane Allen ergänzt: "Wir kämpfen weiter, denn die Regierung schuldet uns was. Unsere Generation wird einfach abgeschrieben."
Ausgezogen bis aufs letzte Hemd

Mit diesen nackten Pensionären hat auch Dave schon protestiert. Keine Hilfe von Tony. Und kaum Hoffnungen mit Blick auf Blairs Nachfolger.
Eines der seltenen Treffen des kommenden Premiers Gordon Brown mit alten Leuten. Die Konservativen koppelten die Rente von der Inflation ab, Labour aber versprach, das zu ändern. Das blieb ein Versprechen. Unter Labour ist es nicht kuscheliger geworden für Rentner, sondern kälter.
Diese beiden könnten bald Knastgeschwister sein. Sylvia Hardy saß schon im Gefängnis. Albert Venison droht Haft - Gerichtstermin Mittwoch, der Tag, an dem Gordon Brown Premierminister wird. Albert Venison, Renter, beschreibt seine Lage: "Am Monatsende bleiben mir etwas mehr als 84 Pfund, und davon muss ich Essen und Kleidung kaufen, mein Haus in Stand halten, vielleicht mal ein Geschenke für Freunde. Ich soll aber auch 104 Pfund Gemeindesteuer zahlen - ich hab' also die Wahl: Entweder Steuern zahlen oder satt werden. Ich entscheide mich für satt werden."
Wovon soll er die Gemeindesteuer bezahlen? 120 Euro reichen nicht. Albert geht den Weg bis zum Ende. Am Mittwoch zum Gericht, danach vielleicht hinter Gitter. "Ich bin bereit, ins Gefängnis zu gehen. Sonst wird nämlich nie jemand erfahren, was hier passiert" - erklärt Renter Albert Venison kämpferisch.
Wirtschaftswissenschaftlerin Ros Altmann wundert sich: "Ich kann nicht begreifen, dass Großbritannien im 21. Jahrhundert Zehntausende alte Menschen ignoriert. Sie haben ein Leben alles richtig gemacht, bis auf einen Fehler: Sie haben ihrer Regierung vertraut."
Die Sozialwohnung eines Rockstar, der das Pech hat, britischer Rentner zu sein. Doch nicht jeder will die Zimmers hören: "Einige Radiosender spielen unser Lied nicht. Ich weiß nicht warum. Vielleicht weil wir alt sind? Ich finde das gemein. Dies ist immer noch England, wir sind eine englische Truppe", so Leadsänger Alf Carretta.
Hier jubeln ihm immerhin Londons Teenager zu. Und manche wollen sogar ein Kind von Alf. Aber wegschieben lassen sich die "Gehwagen" nicht mehr. Alf Caretta hofft: "Wir rütteln die Leute wacht. Ich würde das nicht Notlage nennen, aber alte Leute werden an den Rand geschubst. Ich bin 90, und mein Leben ist nicht vorbei! Ich kann singen."
Rund 5 Millionen Menschen haben das Zimmers-Video aus dem Internet heruntergeladen. Rockstars eben - die Zimmers verleihen der Botschaft ihrer Generation, nun, nennen wir es: Nachdruck.
Autor: Björn Staschen