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Ratrace
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« Antworten #52 am: November 15, 2009, 14:32:07 » |
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Die Spaßgesellschaft ist leider noch lange nicht so tot wie dieser Fußballer, und aus jedem auch noch so unpassendem Anlaß muß ein "Event" gestrickt werden. Herr Enke war im Leben sicherlich eher zurückhaltend mit den Medien. Aber jetzt, wo er sich umgebracht hat, wird dieser widerliche Zirkus inszeniert - anstatt einer vernunftgesteuerten Diskussion über eine inzwischen stark verbeitete, oft tödlich endende Krankheit. Und wenn noch ein große Konserve RTL-Gefühlsgaga aufgemacht werden kann, umso besser. Mit Anteilnahme hat das Großevent Promi-Betrauern nichts zu tun. Klar fließen auch Tränchen, ist ja auch so ergreifend wie "Free Willy" oder ähnlicher Hollywoodschmonzes, nur eben live und vor der Haustür.
Fakt ist: Wenn man depressiv ist, und das wird der Herr Enke auch schmerzvoll erfahren haben, interessiert das niemanden (zuallerletzt die Mainstreammedien und dessen Durchschnittspublikum), man hat sich "zusammenzureißen", generell wird die Krankheit nicht ernstgenommen. Ich schleppe diesen Dreck seit Jahren mit mir herum, meine Ordner sind voll von behördlich unterstelltem Simulantentum einerseits, behördlichen Schikanen in der Mitte und von unabhängigen Gutachten, die mich kaputtschreiben andererseits. (Bevor mir hier einer unterstellt, ich wolle Mitleid erregen: Nein, ich scheiße drauf, ich gebe hier nur meine Erfahrungen mit der Krankheit am eigenen Leibe und mit den Reaktionen der Gesellschaft wieder.) Und genau so, wie die Beamtenwichser mit dem Thema umgehen, geht die Gesellschaft damit um. Ein paar Wochen oder gar Monate einen Burnout haben - ja klar, "issjavoll ok", aber, dann muß auch alles wieder vorbei sein - wehe nicht! Chronische Depressionen sind eher etwas für Weicheier, völlig inkompatibel mit der kapitalistischen Leitkulturfigur des Machers, des Fleißigen, des Könners, des Geldverdieners, des gesellschaftlich Anerkannten, des Familienoberhauptes, des uswusf. Diese Gesellschaftsform kann von ihrer Natur her keine Nische für Schwerkranke, für Menschen ohne "ökonomische Verwertbarkeit" (Sarrazin sprach von der ökonomischen Verwertbarkeit der Menschen und entblößte so unfreiwillig die Hauptforderung des Kapitalismus an seine Schäfchen) haben. Und gerade, was Depressionen angeht, steht das öffentliche Ansehen dieser Krankheit zu dem epidemiologischen Befund im krassen Widerspruch.
Jeder Depp, der schon mal - um im Bild zu bleiben - den Abstieg seines Lieblingsfußballvereins betrauerte, meint, zu dem Thema "Depressionen" etwas Essentielles beizusteuern zu haben, wie in Deutschland üblich auch völlig ungeachtet der oder gar - man bekommt manchmal geradezu zwangsläufig den Eindruck - wegen der eigenen Ahnungslosigkeit. Da kommen dann so Wellness-Antidepressions-Vorschläge für die gestreßte Hausfrau oder den Hausmann wie "Entspannungsmusik", "mehr in die Sonne gehen", "mehr spazieren gehen", oder gar "einfach mehr Spaß haben". Die Welt im Hirn von Fritz Kraut ist so einfach.
Keiner, und ich meine KEINER, der den Scheiß nicht selbst an den Hacken hat, kann auch nur irgendwie einschätzen, wie es sich anfühlt, wenn man nicht einmal mehr die Kraft hat, die notwendigsten Schritte, die für andere selbstverständlich oder gar nur unterbewußt vollzogen werden, auf die Reihe zu kriegen. Wenn das morgendliche Aufstehen die erste große Hürde ist, die man nach stundenlangem Kampf im verhaßten Bett, was lange nicht mehr Schlafstätte, sondern Hort der unerträglichen, verselbständigten Grübeleien ist, mit viel Glück bewältigt, wenn man kein Fressen mehr im Kühlschrank hat, weil man nicht einkaufen gehen kann, weil jedes Gesicht und jede Person auf der Straße und im Supermarkt und sonstwo eine Bedrohung darstellt oder einem zutiefst zuwider ist, wenn man nicht mehr kommunizieren kann, weil jedes Wort sowieso sinnlos und Kommunikation mit anderen Menschen kaum zu schaffen ist und man bei jedem Klingeln des Telefones - falls es überhaupt noch klingelt, irgendwann hört das nämlich auf - zusammenzuckt, wenn man desozialisiert, weil man niemanden mehr sehen will bzw. kann, wenn man nicht mehr in der Lage ist, irgendwelche Gefühle aufzubauen und selbst eigentlich engste Freunde einem wie Fremde vorkommen und einem völlig egal und teilweise sogar aus völlig unnachvollziehbaren Gründen verhaßt sind, oft auch in einem wilden Wechsel der Emotionen. Einfach, weil die eigene Gefühlswelt entweder mal wieder auf Totenstarre steht oder komplett abdreht, sich gegen einen selbst richtet oder gegen Leute, die nichts dafür können. Wofür man sich dann wieder Selbstvorwürfe macht. Dazu kommen dann noch die üblichen Sachen wie verstärkte Verarmungsängste (die zusammen mit Hartz IV bzw. Grundsicherung sogar ihren Wahngehalt verlieren und real werden, danke, Papa Staat), frei flottierende Ängste (also eigentlich Panikattacken aus heiterem Himmel) und andere phobische Erlebnisse. Denn Depressionen sind noch mehr als der innere Gefühlsfriedhof oder gar das bißchen Schlecht-Drauf-Sein. Die "Nebenwirkungen" der Krankheit können durchaus wahnhaftes Erleben miteinschließen. Selten direkte Halluzinationen, aber irrationales Angsterleben oder gar todesangstähnliche, wiederkehrende Panikzustände, Paranoia. Da kann einem schon mal die Lust am Leben vergehen. Und an einen Spaziergang in der Sonne ist in so einem Zustand mal gar nicht zu denken. Ein vorbeifahrender Zug, bevorzugt nachts, wenn keiner sonst unterwegs ist, hat da wesentlich mehr Anziehungskraft auf einen. Und an den Lokführer denkt man dabei auch nicht. Dies sei den Moralaposteln, die den Herrn Enke wegen der Wahl seiner Todesart nun posthum verdammen, versichert.
Wenn ich die Heuchelei um den Fußballer sehe, wird mir schlecht. Depressive sind der Gesellschaft de facto und im besten Falle egal, schlechtestenfalls sind sie sogar unerwünscht und werden als Simulanten und Schnorrer von Transfergeldern verunglimpft, ihnen werden von den Behörden Leistungen vorenthalten durch ganz offensichtlich geschmierte Amtsärzte, die Sachbearbeiter sind mit dem Thema entweder völlig überfordert oder sehen sich als Hüter der Staatsfinanzen und im Gegenüber den Feind. Otto Normal will nichts von den Kranken sehen und hören (wie alle unangenehmen Bereiche gesellschaftlich ausgeblendet werden), sie sollen sich leise aus dem Genpool entfernen. So weit, so "gut".
Aber dann soll die Gesellschaft gefälligst damit klarkommen, wenn Suizide - auch sogenannte "erweiterte Suizide" - geschehen, seien sie vor einer Lok, durch einen großen Knall beim Suizid durch Hausgas, durch einen Sprung vom Hochhaus, durch eine berührte Oberleitung, durch Erhängen oder auch durch einen Schulbesuch mit der Schrotflinte und geplanter Selbstrichtung zum Schluß. Bitte, liebe Leute draußen: Nicht bei sogenannten Amokläufen heulen, wie grausam das alles doch sei und daß wieder mal irgend etwas verboten gehöre. Ihr habt die gesellschaftliche Verantwortung geleugnet, also seid so konsequent und lebt mit den Folgen. Denn Depressionen können auch Jugendliche und sogar Kinder betreffen, oha. Nö, das geht dann auch nicht - zumindest nicht, wenn man aus dem Dahinscheiden des Kranken kein Schmierentheater machen kann. Was alles nicht mehr ist als eine Massenhysterie gleich der, die bei Auftritten von Teeniebands wie Tokio Hotel zu beobachten ist. Vielleicht ein wenig leiser, dem Anlaß "angemessen". Aber keinen Deut ehrlicher. Denn, die Garantie gebe ich allen: Das Schicksal des Herrn Enke und vor allem auch das Thema Depressionen wird nach der großen Freakshow im TV kein Schwein mehr interessieren. Erst recht wird im Anschluß an den Totentanz keine versierte Diskussion in der Öffentlichkeit stattfinden. Denn da hört das Entertainment ja auf.
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