MDR, Sendung "exakt" vom 16.09.2008, 20:15 Uhr: Schuften trotz RenteManuskript des BeitragesEin Mangel an Fachkräften lässt Firmen ehemalige Mitarbeiter aus dem verdienten Ruhestand holen. Andere Rentner arbeiten weiter, weil die Rente nicht zum Überleben reicht. O-Ton: Edith Birnschein, Rentnerin"Möchten Sie mal anprobieren?"
Für Edith Birnschein sollte das Arbeitsleben eigentlich längst gelaufen sein. 69 Jahre alt ist die Leipzigerin - und seit neun Jahren im Ruhestand. Eigentlich. Denn seit ihrer Pensionierung arbeitet die ehemalige Buchhalterin in einem Schuhladen für gerade mal fünf Euro die Stunde.
O-Ton: Edith Birnschein, Rentnerin"Nein, das hätte ich mir auf keinen Fall träumen lassen. Ich hab' wirklich gedacht: 'Rente – und dann bleibst Du zu Hause. Gehst Deinen Wünschen nach, deinen Hobbys nach.' Aber: Es geht nicht so wie man möchte."
Rund 600 Euro Rente bekommt sie. Nach Abzug der Fixkosten wie Miete, Strom und Versicherungen bleiben ihr gerade einmal 35 Euro pro Woche zum Leben. Ohne ihre Arbeit, sagt Edith Birnschein, würde es hinten und vorne nicht reichen.
O-Ton: Edith Birnschein, Rentnerin"Ich schieb' das von mir weg und ich geh' da auch nicht mit hausieren. Die wenigsten wissen, was ich Rente habe, oder warum ich noch hier stehe, warum ich das mache. Wenn ich gefragt werde, sage ich: 'Ich mach das gerne, es macht mir Freude.' Es ist beschämend. Aber wenn ich genug Geld hätte, würde ich's nicht machen."
Arbeiten trotz Ruhestand. Darauf sind immer mehr alte Menschen angewiesen. Der Trend ist deutlich: In den vergangenen fünf Jahren ist die Zahl der Minijobber im Rentenalter drastisch angestiegen. Um 51 Prozent auf über 760.000. Experten beobachten, dass gerade Menschen im Osten betroffen sind.
O-Ton: Ulrich Blum, Präsident IWH"Der klassische Rentner finanziert sein Alter mit seiner Rente, mit seiner Betriebsrente und seinem Vermögen, das er aufgebaut hat. In Ostdeutschland ist Vermögen kaum da, die Betriebsrenten existieren praktisch nicht. Das heißt, die Menschen müssen mit ihrer Rente auskommen."
Auch Werner Müller arbeitet, obwohl er schon 68 ist. Doch bei ihm ist die Situation ganz anders. Bei ihm geht es nicht ums Geld. Sein alter Betrieb in Nordhausen kann bis heute nicht auf ihn verzichten. Zurzeit organisiert Werner Müller den Abtransport eines von ihm konstruierten Bagger-Unterwagens. Vor einem halben Jahr wurde der Rentner zurückgeholt. Nicht zum ersten Mal. Denn gerade im ostdeutschen Maschinenbau fehlt der Nachwuchs.
O-Ton: Werner Müller"Ich war bis zu diesem Zeitpunkt gut drei Jahre zu Hause gewesen. Wir haben das Leben eigentlich gut genossen. Allerdings mit dem Wermutstropfen, dass meine Frau seinerzeit noch voll arbeiten ging und ich schon zu Hause war, also Hausmann war. Mittlerweile war's halt umgekehrt. Und jetzt geh' ich wieder arbeiten."
Mit fast 70 arbeitet Werner Müller Vollzeit, 40 Stunden die Woche. Wie gesagt: Nicht wegen des Geldes.
O-Ton: Werner Müller"Ich fühle mich nicht älter als vor zehn Jahren, aber das ist natürlich alles subjektiv. Wehwehchen gibt's hin und wieder mal ein kleines, aber das muss man einfach ignorieren."
Ehemalige Mitarbeiter reaktivieren - auf diese Lösung muss Konstruktionsleiter Manfred Bierwisch immer wieder zurückgreifen. Denn im Kampf um junge Fachkräfte haben ostdeutsche Mittelständler oft schlechte Karten.
O-Ton: Manfred Bierwisch, HBM NOBAS"Wir haben das jetzt gerade wieder gehabt, dass ein junger Mann mit seiner Freundin sich doch entschlossen hat nach Süddeutschland zu gehen, weil beide dort bessere Chancen sahen. Das wird sicher zum einen an der Bezahlung liegen und sicher auch an den Möglichkeiten, die man dort hat. Dort, wo man einfach in einem größeren Unternehmen ganz andere Aufstiegschancen hat."
Eine Besserung ist nicht in Sicht - im Gegenteil: Der Fachkräftemangel wird immer größer. In diesem Jahr fehlen allein 95.000 Ingenieure – 77 Prozent offene Stellen mehr als 2002. Ein Ausweg: Die Alten. Wie Werner Müller. Sein aktuelles Projekt geht dem Ende entgegen. Der Unterwagen wird morgen nach Japan zum Kunden geflogen und dann könnte der 68-Jährige auch wieder zurück ins Rentnerdasein. Zumindest vorerst.
O-Ton: Werner Müller"Vielleicht war es diesmal das letzte Mal, vielleicht auch das vorletzte. Das kann man heute noch nicht sagen. Aber irgendwann muss definitiv Schluss sein."
In Leipzig schaut Schuhverkäuferin Edith Birnschein dagegen eher skeptisch auf den Tag, an dem bei ihr definitiv Schluss mit dem Zuverdienst sein wird. Und das, obwohl sie gerade deswegen manchmal herbe Kritik einstecken muss.
O-Ton: Edith Birnschein, Rentnerin"Ich kriege oft zu hören, dass wir den jungen Leuten die Arbeitsplätze wegnehmen. Dass wir Alten eigentlich zu Hause bleiben sollen. Und mit dem Geld auskommen, was man hat."
Auch Kollegin Christel Zimmermann macht sich so langsam ihre Gedanken. Denn für die Mittfünfzigerin wird es in Sachen Rente nicht viel rosiger aussehen als heute für Edith Birnschein.
O-Ton: Christel Zimmermann, Schuhpalette Leipzig"Bin ich erschrocken, weil mit 600 Euro kommt man nicht weit. Ist bitter."
Frage: "Wissen Sie schon, mit was Sie zu rechnen haben an Rente?"
"Nach Prognose rechne ich mit 800 Euro. Ich habe auch immer voll gearbeitet und auch zu DDR-Zeiten in keinem schlecht bezahlten Zweig. Aber 800 ist auch wenig."
Wohlgemerkt - dafür muss Christel Zimmermann noch 12 Jahre Vollzeit arbeiten.
Hochqualifizierte Ruheständler dagegen sind inzwischen zum richtig guten Geschäft geworden. Stefan Haas vermittelt über ein Internetportal Führungs- und Fachkräfte, die das Arbeitsleben eigentlich hinter sich haben, eine gute Rente beziehen.
O-Ton: Stefan Haas, Erfahrung-Deutschland"Die suchen einen hochqualifizierten Finanzspezialisten. Und Sie sind uns aufgefallen, weil Sie ihr ganzes Leben in diesem Finanzsektor verbracht haben."
Fakt ist: Der demografische Wandel zwingt die Firmen zum Umdenken. Selbst dort, wo früher massenhaft 55-Jährige in die Altersteilzeit geschickt wurden, erleben Ruheständler jetzt ein Comeback.
O-Ton: Stefan Haas, Erfahrung-Deutschland"Es ist volkswirtschaftlich notwendig, dass wir den Erfahrungsschatz von diesen Leuten wieder dem Wirtschaftskreislauf zuführen, weil wir ansonsten einen extremen Mangel an Fach- und Führungskräften bekommen."
Beste Aussichten also für Hochqualifizierte jenseits der 65.
Noch einmal sind wir bei Edith Birnschein, der fast 70-Jährigen Schuhverkäuferin. Sie versucht sich schon jetzt darauf einzustellen, wie es wird, wenn sie nicht mehr arbeiten kann. Und mit ihrer kleinen Rente von etwas über 600 Euro auskommen muss.
O-Ton: Edith Birnschein, Rentnerin"Ich muss kontrollieren, wie viel ich ausgebe. Und bei 30, 35 Euro höre ich ganz einfach auf. Ob ich dann noch etwas brauche oder nicht, das verschiebe ich dann auf die nächste Woche."
Als einzige Hilfe bleibt das Haushaltsbuch - mit dem Edith Birnschein da spart, wo es noch möglich ist: Bei sich selbst. Bei Lebensmitteln. Beim täglichen Bedarf. Leben mit 35 Euro pro Woche - davor hat sie Angst.
O-Ton: Edith Birnschein, Rentnerin "Ab einem gewissen Alter kommt ja vieles auf einen zu, womit man gar nicht rechnet. Wie gesagt: Krankheit. Oder die Kosten steigen noch höher. Man weiß wirklich nicht, was werden soll in der Zukunft. Es ist alles ziemlich aussichtslos."
Experten rechnen fest damit, dass die Zahl der arbeitenden Alten weiter steigt. Entweder, weil man auf ihr Know-how nicht verzichten kann oder, weil sie sich den Ruhestand nicht leisten können.
Zuletzt aktualisiert: 17. September 2008, 01:07 Uhr