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Autor Thema: Streik-abc  (Gelesen 29067 mal)
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admin
Administrator

Beiträge: 1162


« am: Juni 20, 2003, 13:57:39 »

Deutschland kam zu einer Streikwelle, wie die Jungfrau zum Kinde.

Es gibt hier keine sonderlich streikwilligen Gewerkschaften, linke politische Gruppen haben sich um dieses Thema so gut wie gar nicht gekümmert und die Medien beschrieben diese Kampfform als ein Relikt aus längst vergangenen Tagen.

Inzwischen riefen Unternehmer die Polizei zur Hilfe und diese fuhr selbst mit Wasserwerfern auf.

Da wir hier keine ausgeprägte Streiktradition haben, macht es Sinn an dieser Stelle Erfahrungen zusammenzutragen!
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Gast
« Antworten #1 am: Juni 20, 2003, 15:55:46 »

Tarifstreit als "Luftkampf"
Dresden (dpa) - Der Lärm des Hubschraubers ist ohrenbetäubend. Während seine Rotorblätter mit einem immer leiser werdenden "flap- flap" langsam zur Ruhe kommen, werden die Türen des Helikopters geöffnet. Männer in Arbeitskluft wuchten schwere Kisten in den Leib der kleinen Maschine, die sich bald wieder auf den Weg quer über Dresden macht.


Ihr Start- und Landeplatz ist auf dem Firmengelände des Automobilzulieferers Federal Mogul. Und geflogen wird, weil die Werkstore und Zufahrten des Unternehmens während des Streiks in der ostdeutschen Metallindustrie von Streikposten besetzt sind.

Fliegen in Zeiten des Arbeitskampfes - ein ungewöhnliches Mittel. "Uns bleibt keine Wahl", sagt der Leiter des Standortservice, Thomas Werner. Die Kunden müssten versorgt werden. Das Produkt des Unternehmens - Kolbenringe - wird auf dem Luftweg ins etwa 12 Kilometer entfernte Kesselsdorf geflogen und dort in Laster umgeladen. "Der Hubschrauber ist pro Tag bis zu 30 Mal unterwegs, rund 10 Flüge davon sind Warensendungen", sagt er.

Fast alle der 320 bei Federal Mogul Beschäftigten arbeiten trotz des Streiks weiter, sagt Werner. Ein Teil davon werde täglich im Helikopter eingeflogen, "so viel, wie wir brauchen." Rund 100 Beschäftigte seien bereits vor den Flügen auf das Betriebsgelände gebracht worden und hätten dort auch übernachtet.

Die Firma war vor mehr als einer Woche aus dem Verband der Sächsischen Metall- und Elektroindustrie (VSME) und damit aus der Tarifbindung ausgeschieden. So sollte nach der Urabstimmung der Streik im Unternehmen abgeblockt werden.

Die IG Metall will dem Überfliegen ihrer Streikposten indessen nicht tatenlos zusehen. "Wir haben am Dienstag einen Rechtsanwalt eingeschaltet, der die Rechtmäßigkeit der Hubschrauberflüge überprüfen soll", sagt Willi Eisele von der IG Metall Dresden. Die Situation habe bei den Streikposten zu "Stunk" geführt. "Wir müssen aber verhindern, dass Menschen aufeinander losgehen, die nach dem Streik wieder miteinander arbeiten müssen", sagt Eisele. "De facto sind es Streikbrecher bei Federal Mogul", sagt Eisele. Dennoch wolle er kein Öl ins Feuer gießen. "Die Leute sind nun mal verängstigt, ihre Situation ist schwierig", räumt der Gewerkschafter ein.

Streikbruch ist in den Tagen des Arbeitskampfes ein besonders heikles Thema. Vor knapp einer Woche hätten die Unternehmer im GKN Gelenkwellenwerk in Zwickau-Mosel versucht, 60 Arbeitswillige mit Bussen ins Werk zu bringen, was aber scheiterte, schildert Zwickaus IG Metall-Chef Stefan Kademann. Wenige Tage später, in der Nacht von Sonntag auf Montag, gab es nach Gewerkschaftsangaben einen zweiten Versuch, diesmal beim VW-Motorenwerk in Chemnitz. Motoren und Material sollten in Zügen aus dem Werk rollen, sagt IG Metall- Funktionär Sieghard Bender. "Da haben wir uns auf die Gleise gesetzt und VW hat das abgeblasen."

Die streikenden Kollegen sehen die Produktion und den Transport per Hubschrauber mit gemischten Gefühlen. "Wir wissen nicht genau, wie die Situation in der Firma ist, ob die Leute unter Druck gesetzt worden sind oder wie viel sie verdienen", sagt ein 50- Jähriger aus Zwickau-Mosel. Eins sei aber sicher, fügt ein Kollege an: "Mit der 35-Stunden-Woche werden Arbeitsplätze geschaffen."


dpa/ecoline vom 18.06.2003 15:20
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Mr.K
Gast
« Antworten #2 am: Juni 21, 2003, 00:11:25 »

Es ist nichts neues, daß Gerichte gegen Arbeitskämpfe eingesetzt werden:



Zitat
Original von Süddeutsche Zeitung


Wegen der Blockaden des bestreikten Unternehmens ZF Getriebe in Brandenburg, eines Zulieferers von BMW, soll die IG-Metall ein Ordnungsgeld von 25000 Euro zahlen. Diesem Beschluss zufolge wird das Ordnungsgeld unter anderem gegen die Gewerkschaft fällig, vertreten durch ihren Vorstand Klaus Zwickel und dessen Stellvertreter Jürgen Peters.

Das Ordnungsgeld wurde verhängt, weil Streikposten den Zugang zu beiden Toren des Betriebs weiter blockierten. Dies war der Gewerkschaft am Dienstag per Gerichtsbeschluss untersagt worden. Gegen die Verhängung des Ordnungsgeldes will die IG-Metall Rechtsmittel einlegen.

Der Zugang zum Unternehmen sei möglich gewesen, sagte der Rechtssekretär der IG-Metall in Berlin, Klaus Helmerichs, der Süddeutschen Zeitung. Zudem müsse es möglich sein, "dass Streikposten auf Arbeitswillige einwirken, also zum Beispiel mit ihnen sprechen und zur Solidarität aufrufen".



Mit dem Helikopter zur Arbeit

In Dresden eskalierte unterdessen der Konflikt vor den Werkstoren des Automobil-Zulieferers Federal Mogul. Dort musste die Gewerkschaft einem Gerichtsbeschluss zufolge die Blockade des Werkstors beenden. Am Donnerstagmittag zog eine Hundertschaft der Dresdner Polizei vor dem Tor auf.

Nach einem Gespräch mit der Streikleitung wurde der Zugang zum Werk freigegeben. Nur ein geringer Teil der Belegschaft beteiligt sich an dem Streik. Um die Blockaden vor dem Werkstor zu umgehen und die Produktion fortzusetzen, wurden arbeitswillige Mitarbeiter mit Helikoptern in das Werk gebracht. Ein Teil der Mitarbeiter übernachtete am Arbeitsplatz.



Es ist eine angenehme Überraschung zu sehen, daß die IGM nicht gleich eingeknickt ist. Wo jetzt eine 3m Gasse für Streikbrecher & Co eingehalten werden muß, hat man festgestellt, daß diese Gasse nicht unbedingt geradeaus sein muß. Schließlich muß man es dem Pack nicht leicht machen.
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ManOfConstantSorrow


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« Antworten #3 am: Juni 21, 2003, 17:24:52 »

In Venuzuela wurde die Armee gegen Streikende eingesetzt.
In den USA wurde ein Hafenarbeiterstreik als Nationaler Notstand unter militärischer Drohung einfach untersagt. In Großbritannien wurden die Streikgesetze derart verschärft, daß funktionierende Streikposten kaum mehr möglich wurden. Die ist hier ist kaum bekannt. Versuchten sich die Gewerkschaften darüber hinwegzusetzen, wurden die Gewerkschaftsvermögen beschlagnahmt...
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Arbeitsscheu und chronisch schlecht gelaunt!
Gast
« Antworten #4 am: Juni 21, 2003, 17:50:21 »

Bei den britischen Streiks haben sogar viele ihr Leben verloren. Hier ist es recht unbekannt, wie hart es werden kann. Viele halten Streikbruch für eine einfache persönliche Entscheidung und merken nichteinmal was sie anrichten, wem sie in den Rücken fallen. "WHICH SIDE ARE YOU ON" lautet der Text eines traditionellen amerikanischen Arbeiterliedes. Auf der Seite der Ausbeuter? Und um morgen selbst den Tritt von denen zu kriegen, denen ihr heute noch in den Arsch gekrochen seid???
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Mr.K.
Gast
« Antworten #5 am: Juni 22, 2003, 12:17:39 »

Jack London: Der Streikbrecher


 

 
Nachdem Gott die Klapperschlange, die Kröte und den Vampir geschaffen hatte, blieb ihm noch etwas abscheuliche Substanz übrig, und daraus machte er einen Streikbrecher. Ein Streikbrecher ist ein aufrechtgehender Zweibeiner mit einer Korkenzieherseele, einem Sumpfhirn und einer Rückgratkombination aus Kleister und Gallert. Wo andere das Herz haben, trägt er eine Geschwulst räudiger Prinzipien.




Wenn ein Streikbrecher die Straße entlang geht, wenden die Menschen ihm den Rücken, die Engel weinen im Himmel und selbst der Teufel schließt die Höllenpforte, um ihn nicht hineinzulassen. Kein Mensch hat das Recht, Streikbrecher zu halten, solange es einen Wassertümpel gibt, der tief genug ist, daß er sich darin ertränken kann oder solange es einen Strick gibt, der lang genug ist, um ein Gerippe daran aufzuhängen. Im Vergleich zu einem Streikbrecher besaß Judas Ischariot, nachdem er seinen Herrn verraten hatte, genügend Charakter, sich zu erhängen. Den hat ein Streikbrecher nicht.




Esau verkaufte sein Erstgeburtsrecht für ein Linsengericht. Judas Ischariot verriet seinen Heiland für 30 Silberlinge. Benedict Arnold verkaufte sein Land für das Versprechen, daß man ihm ein Offizierspatent in der britischen Armee geben würde. Der moderne Streikbrecher verkauft sein Geburtsrecht, sein Land, seine Frau, seine Kinder und seine Mitmenschen für ein unerfülltes Versprechen seines Trusts oder seiner Gesellschaft.




Esau war ein Verräter an sich selbst. Judas Ischariot war ein Verräter an seinem Gott und Benedict Arnold war ein Verräter an seinem Land. Ein Streikbrecher ist ein Verräter an seinem Gott, seinem Land, seiner Familie und seiner Klasse!
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Gast
« Antworten #6 am: Juni 22, 2003, 23:15:34 »

Zitat
Original von Anonymous

Bei den britischen Streiks haben sogar viele ihr Leben verloren. Hier ist es recht unbekannt, wie hart es werden kann.


Bei dem Bauarbeiterstreik im vergangenen Jahr gab es osteuropäische Streikbrecher, die Messer zückten um sich Zugang zur Baustelle zur verschaffen. Hier ging die Polizei dazwischen, um die Streikposten zu schützen.

Nach heftigen Diskussionen gab es aber auch osteuropäische Arbeiter, die den Sinn des Streiks erkannten und ebenfalls die Arbeit verweigerten. Der Mut dieser Menschen, die für windige Unternehmer arbeiten müssen, in keiner Gewerkschaft sind (und kein Streikgeld kriegen), und nichts haben als ihre Arbeitskraft, die sie verkaufen, kann garnicht hoch genug geschätzt werden.
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ManOfConstantSorrow


Beiträge: 5650


« Antworten #7 am: Juni 24, 2003, 13:45:23 »

Als Kampfform gibt´s ja nicht den Streik allein.
HDW-Hamburg wurde z.B. von den Arbeitern BESETZT (als es die Werft in HH noch gab)!
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Pink Panther


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« Antworten #8 am: August 24, 2003, 14:47:17 »

Es herrscht der Blues. Die sozialen Bedingungen gehen den Bach herunter für Arbeitslose, Kranke und Rentner. Und Arbeitende sollen länger Arbeiten und weniger Geld kriegen.

Bei einer angeregten Diskussion am Frühstückstisch schnappte ich ein paar interessante Geschichten auf, die ich hier zum Besten geben will.


Die Stories liegen schon einige Jahre zurück, zeigen aber, daß es auch anders geht:
Ein 17 jähriger Schüler jobbte bei Tschibo. Er verfasste einen Text über den Betrieb und seine Arbeitsbedingungen und ließ das fotokopierte Flugblatt von Freunden vor dem Laden verteilen. Er löste damit einen Streik aus. Er wurde gefeuert und auch die Polizei ermittelte gegen ihn. Daraufhin nahm er einen Job bei Karstadt an und ging dort genauso vor...

Aus einem Bremer Krankenhaus habe ich gehört, daß ein Arbeitskampf dort von ein paar Zivildienstleistenden ausgelöst wurde, die sich gewerkschaftsunabhängig trafen, Flugblätter schrieben und von Bekannten verteilen ließen...
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ManOfConstantSorrow


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« Antworten #9 am: August 29, 2003, 02:14:50 »

Nach den verlorenen Streiks im Osten herrscht jetzt der große Katzenjammer und am liebsten will keiner mehr etwas davon hören. Man sollte sich zum einen durchaus die Ursachen für die Niederlage anschauen.

Ich habe hierzu einen Ausschnitt aus einem interessanten Interview mit dem Gewerkschaftsaktivisten Alfred Matejka, Betriebsratsvorsitzender bei Federal Mogul  (Zulieferer der Automobilindustrie) herausgepickt:
 
Manche Betriebsräte empören sich, wenn es hier im Westen zu Produktionsausfall kommt und "ihre" Mitarbeiter in Kurzarbeit gehen müssen. Sind sie dann nicht mehr fähig, Zusammenhänge zu erklären, wenn ein Streik Wirkung zeigt?
Bei diesen Betriebsratsvorsitzenden frage ich mich: Sind sie noch Sprachrohr der Belegschaften, die vor 19 Jahren gegen den erklärten Willen der herrschenden Klasse den Einstieg in die 35-Stunden-Woche durchgesetzt haben, oder sind sie mittlerweile zum Sprachrohr der Geschäftsleitung in den Konzernen geworden? Wenn gefordert wird, diese Betriebsratsvorsitzenden mit ihrer "Basisnähe" sollten in die IG Metall-Spitze aufrücken, dann frage ich mich: Was denkt ein Facharbeiter über einen Betriebsrat, der aus seinen Reihen "aufgestiegen" ist und jetzt einen Porsche 911 als Dienstwagen fährt oder 8.000 bis 10.000 Euro monatlich verdient also sehr weit über Tarif?

Dazu fällt mit nur ein: "Das Sein bestimmt das Bewußtsein", oder: "Wes Brot ich eß, des Lied ich sing".

 


Und hier noch ein trauriges Beispiel vom DGB, der sich ja lieber als verlängerter Arm der SPD sieht, als die Interessen seiner Mitglieder zu verteten:

DGB-Chef Sommer: Keine Massenproteste im Herbst geplant
"Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) will nach Worten seines Vorsitzenden Michael Sommer die Reformdebatte nicht durch einen "heißen Herbst" mit Massendemonstrationen wie in Frankreich und Österreich anheizen. (...) Frankreich und Österreich seien in einer anderen Situation, weil sich die Proteste dort gegen eine konservative Regierung richteten...."

 

Auf der anderen Seite ist nicht aller Tage Abend und wir sollten uns Gedanken machen, wie es denn besser geht. Dazu sollte man auch in anderen Ländern gemachte Erfahrungen nutzen.Zum Thema Generalstreik braucht man nicht nur nach Frankreich, Italien, Österreich, Spanien oder Portugal zu schauen.


Wenig bekannt sind die Generalstreiks unserer Nachbarn in Dänemark.

1985 forderten die dänischen Gewerkschaften die Herabsetzung der Wocharbeitszeit von 40 auf 35 Stunden und eine 5 prozentige Lohnerhöhung. Nach einer Woche Streik (seit dem  24. März ) wurde der Arbeitskampf von der Regierung verboten. Am folgenden Morgen standen die Vertrauensleute vor den Betrieben und riefen die Kollegen zu einem wilden Streik auf. Der Generalstreik kam jetzt erst richtig in Fahrt, Streikende Arbeiter legten so manchen Bullenwagen aufs Dach und belagerten das Regierungsgebäude. Die Lohnforderung wurde auf 15% aufgestockt . Bis zum 11. April gelang es Regierung und Gewerkschaftsführung nicht, den Streik unter Kontrolle zu bringen.
Dennoch endete die Auseinandersetzung zunächst mit einer Niederlage: Dem Streik fehlte ein organisatorisches Zentrum, und unter den UnterstützerInnen gab es Konflikte über die Ziele. Zudem war die Unterstützung der offiziellen Gewerkschaften, u.a. was die Auszahlung von Streikgeld betrifft, sehr zurückhaltend.

Es gab dann einen Einstig in die 35Std-Woche und eine 2%ige Lohnerhöhung und die Streikgesetze wurden weiter verschärft.

1998 gab es dann einen weiteren Generalstreik, es ging um eine Woche zusätzlichen Urlaub. Es kam zu Hamsterkäufen. Der landesweite Arbeitskampf wurde nach 11 Tagen von der Regierung per Gesetz beendet. Die Gewerkschaftsforderungen wurden nur zum kleinen Teil erfüllt. Zwangsschlichtung: Alle Beschäftigten erhalten einen Tag mehr Urlaub, Frauen und Männer mit Kindern zusätzlich zwei (ab 1999 drei) "Kinderbetreuungstage".

2002
verzichteten die Gewerkschaften anlässlich der ersten Großkundgebung gegen die Regierung am 20. März auf die »Meinungsführerschaft«. Es sollte ausdrücklich keine »Gewerkschaftsdemo« werden: Gegen die Verabschiedung des Haushaltes demonstrierte man zusammen mit verschiedensten gesellschaftlichen Gruppen, von Künstlern bis zu Studenten, die von den Sparmaßnahmen betroffen sind. Am gleichen Tag und aus dem gleichen Motiv fand ein politischer Streik mit etwa 5.000 TeilnehmerInnen statt. Schwerpunkt war der Kopenhagener Flughafen. Auch, dass die Gewerkschaften derartige »wilde« und illegale Streiks nicht rundheraus verurteilen (wozu sie schon wegen der drohenden Strafgelder angehalten sind), ist neu.
Am 16. Mai kam es zu einem wilden Streik gegen das »Teilzeitgesetz«, an dem sich etwa 20.000 Beschäftigte beteiligten - die größte irreguläre Streikbewegung seit mehr als sieben Jahren. An dem Arbeitskampf beteiligten sich KollegInnen vieler große Industriebetriebe (Lindö-Werft, Danish Crown-Betriebe fast im ganzen Land etc.), aber auch kleinere Betriebe und zu einem geringeren Teil Beschäftigte im Öffentlichen Dienst. Der Flughafen von Kopenhagen war wieder ein Schwerpunkt der Aktion. Allerdings gelang es nicht, das Gesetzesvorhaben der Regierung zu stoppen. Dem »wilden Streik« gegen die Regierung folgten im Juni/Juli kleine, lokale »wilde« Streikbewegungen, wobei es u.a. um Entlassungen von gewerkschaftlich aktiven Busfahrern auf Fyn, sowie um eine mit »Freisetzungen« verbundene Firmenverlegung bei dem Lebensmittelgroßhändler COOP ging. Der letztgenannte Streik erstreckte sich über ein paar Tage und weitete sich von einem Betrieb in der Nähe von Aarhus auf das ganze Land aus, wobei es zeitweise auch zu Blockaden der Lagerhallen kam. Während die kleine Bewegung der Busfahrer erfolgreich war, kam es bei der COOP nur zu einem Kompromiss, der die Zahl der Entlassungen einschränkte und diese »sozialverträglich« gestaltete.
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Arbeitsscheu und chronisch schlecht gelaunt!
Gast
« Antworten #10 am: Oktober 17, 2003, 11:54:36 »

Es gibt auch Kampfformen, die über einen Streik hinausgehen. Ich erinner´ mich noch gut, wie im Nordfranzösischen Besancon die Arbeiter ihre von Schließung bedrohte Fabrik besetzten. Es wurden Barrikaden gebaut. Die Produktionshallen wurden mit Schmieröl geflutet, damit nicht mit einer schnellen Polizeiaktion die Maschinen einfach demontiert werden können. Zehntausende Arbeiter kamen zu Solidaritätsdemos und es kamen auch Leute aus anderen Betrieben und Städten um die Barrikaden zu bewachen. Die im Vorfeld für deie Streikkasse auf eigene Faust produzierten Armbanduhren wurden unter der Hand überall verkauft. Auch in Deutswchland waren die Qualitätsuhren mit der Anti-AKW-Sonne auf dem Zifferblatt für 50DM sehr beliebt.


Zitat
Die Uhren tickten links: Wiedersehen 30 Jahre nach der Lip-Aktion
Besançon (dpa) - Vor drei Jahrzehnten machten sie weltweit Schlagzeilen, als sie ihre bankrotte ostfranzösische Uhrenfabrik Lip eigenhändig in Arbeiterselbstverwaltung fortführten. Am Samstag kamen 220 der früheren Arbeiterinnen und Arbeiter in Besançon zusammen, um ohne Nostalgie einige Erinnerungen auszutauschen. Es war das zweite Mal in den 30 Jahren, dass sich "les Lip" zu einem Mittagessen in der Stadt trafen, obwohl sie heute über ganz Frankreich verteilt leben.


Die Lip-Mitarbeiter hatten in einer Versammlung am 18. Juni 1973 mit dem Slogan "Wir stellen her, wir verkaufen, wir bezahlen uns" beschlossen, in ihrem Konkurs gegangenen Unternehmen auch ohne den "Patron" weiter zu produzieren. Dies ging als einzigartige Episode in die lange Geschichte der französischen Arbeiterbewegung ein. Auch die deutsche Linke diskutierte die ausgefallene Art der Franzosen, die Idee einer Arbeiterselbstverwaltung kurzerhand in die Tat umzusetzen.

Am 29. September 1973 kamen etwa 100 000 Menschen aus Frankreich und anderen Ländern Europas, um sich in einer Massendemonstration in Besançon solidarisch mit den aufmüpfigen Uhrenproduzenten zu zeigen. Diese hatten sogar eine "Kriegskasse" von 65 000 Uhren angelegt. In den Jahren 1974 und 1975 wurde das Unternehmen dann von einem neuen Chef übernommen. Eine Reihe ehemaliger Lip-Arbeiter arbeitet jedoch heute noch in einer auf Mikro-Mechanik spezialisierten Kooperative.


dpa/ecoline vom 21.09.2003
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Lurchi
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« Antworten #11 am: Dezember 21, 2003, 16:44:42 »

Es tut sich was in Italien. Hier ein paar Zeilen aus den OÖ-Nachrichten herauskopiert:
Zitat
Streik im Nahverkehr hält Italien weiter in Atem

Rom (APA) - Trotz eines am Samstag abgeschlossenen Abkommens zwischen der italienischen Regierung und den Gewerkschaften haben die Bedienstete der lokalen Verkehrsgesellschaften in mehreren Städten Italiens am Sonntag ihren "wilden Streik" fortgesetzt. Trotz der Appelle der Gewerkschaften, den Streik zu suspendieren, standen die öffentlichen Verkehrsmittel in Mailand, Florenz und Padua still.

In Venedig fuhren keine "Vaporetti", auch auf dem Festland waren am Sonntag keine Busse unterwegs. Nur eine Verbindung zwischen Venezia und Mestre wurde garantiert. In Rom, wo am Samstagnachmittag die unangemeldete Sperre der U- Bahn für Chaos gesorgt hatte, waren am Sonntag nur sehr wenige Busse unterwegs, was Proteste von Fahrgästen und Touristen auslöste, meldete das Staatsfernsehen RAI. Stunden lang mussten Fahrgäste in mehreren Teilen der Metropole auf den Bus warten. Dia Mailänder Verkehrsgesellschaft ATM konnte nicht sagen, wie lange der Streik in der lombardischen Metropole andauern werde. Sie bezeichnete den Protest als "verantwortungslos und unannehmbar". Um ein weiteres Chaos zu vermeiden, ordnete der Polizeichef Bruno Ferrante die "gesetzliche Einberufung" der ATM-Bediensteten am Montag bis Mittwoch an. Die Streikwelle im Nahverkehr ist in Italien seit einigen Wochen im Gange. Nach zwei ganztätigen Streiktagen in den vergangenen drei Wochen war es wiederholt zu unangemeldeten Arbeitskämpfen in verschiedenen Städten gekommen.

APA 12:42 21.12.2003  



Wilde Streiks nicht nur ohne Hilfe der Gewerkschaften, sondern gegen deren ausdrücklichen Willen! Um zu solch einer Unabhängigkeit zu kommen muß es reichlich unabhängige Diskussionen im Vorfeld gegeben haben. Vielleicht ist das ein Schritt in die richtige Richtung statt seine Zeit und Kraft zu vergeuden mit dem Versuch einen schwerfälligen und unwilligen Gewerkschaftsapparat in die richtige Richtung zu bewegen...
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« Antworten #12 am: Januar 20, 2004, 22:14:29 »

Zitat
Original von Yahoo-Nachrichten

Dienstag 20. Januar 2004, 16:37 Uhr

Zahlreiche Streiks in Frankreich angekündigt

Paris (AFP) - In Frankreich hat die erste große Kraftprobe dieses Jahres um Sparmaßnahmen in den Staatsbetrieben begonnen. Hunderte Bedienstete der staatlichen Versorgungsbetriebe für Strom (EDF) und Gas (GDF) legten ihre Arbeit nieder. Die großen Gewerkschaften riefen ihre Mitglieder zu einem Streik bei der Staatsbahn SNCF auf, der von Dienstag 20.00 Uhr bis Donnerstagmorgen dauern sollte. Im Fernverkehr sollte am Mittwoch mindestens ein Drittel der Verbindungen ausfallen.

Arbeitsniederlegungen sind im Laufe der Woche auch beim mehrheitlich staatlichen Telefonriesen France Télécom, bei den Pariser Flughafenbetreibern und in Krankenhäusern geplant.

Zusätzlich aufgeladen wurde die Stimmung durch Pläne für Stellenstreichungen bei France Télécom und bei der SNCF, aber auch durch die erklärte Absicht der Regierung, bei Streiks zukünftig einen "Minimalbetrieb" sicherzustellen. Der Minimalbetrieb etwa für die Bahnkunden sei eine Priorität von Präsident Jacques Chirac und daher von ihm zur vordringlichen Aufgabe für dieses Jahr erwählt worden, sagte Verkehrsminister Gilles de Robien.

Die Gewerkschaften drohten daraufhin mit einem "Flächenbrand". Nach den in den vergangenen Tagen bekannt gewordenen Planungen will die SNCF in diesem Jahr rund 3500 Stellen streichen, bei France Télécom sollen sogar 14.500 Stellen wegfallen.
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« Antworten #13 am: Januar 24, 2004, 15:45:31 »

Auch wenn ich mit meinen Versuchen auf eher gedämpftes Interesse stoße ARBEITSNIEDERLEGUNGEN bei Chefduzen weiter in den Mittelpunkt zu bringen , bleibe ich eisern und lege einen nach!

Es muß die Friedhofsruhe in den Betrieben nicht auf Ewig weitergehen. Es ist interessant sich mal da umzuschauen, wo es geklappt hat, auch jenseits der (sowieso meist Kampfunwilligen) DGB-Gewerkschaften.

Für einen wirklich interessanten geschichtlichen Rückblick habe ich folgenden Link gefunden:

http://www.nadir.org/nadir/periodika/aib/archiv/61/58.php?PHPSESSID=3822aa0779e1b1ab8b9360628ea9345c
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« Antworten #14 am: Januar 31, 2004, 04:43:16 »

Zitat
Original von Taz 31.1.04

Die Zeitungsverleger können sich auf noch mehr Streiks gefasst machen. Anfang kommender Woche wird es unter anderem bei der Süddeutschen Zeitung und den Stuttgarter Nachrichten Urabstimmungen geben. Bundesweit haben seit Donnerstag bisher rund 2.000 Redakteure gestreikt.

Zitat
Original von die Welt 31.1.04

Die IG Metall hat ihre Warnstreiks in der Metall- und Elektroindustrie am Freitag ausgeweitet. Nach Gewerkschaftsangaben legten bis zum Nachmittag rund 50.000 Beschäftigte in mehreren Bundesländern die Arbeit nieder. Schwerpunkt der Proteste war Baden-Württemberg, wo etwa 32.000 Metaller in Warnstreiks traten. Weitere Aktionen waren in den Spät- und Nachtschichten geplant.


Das sieht ja fast nach einer Streikwelle aus und man möchte schon fast etwas wie einen frischen Wind spüren...

Nach dem totalen Fiasko des abgebrochen Streiks im Osten bin ich jedoch vorsichtig. Der völlig korrupte Zwickel, der lieber den Mannesman Spitzenfunktionären Millionen zuscheffelte als die Interessen der Gewrkschaftsmitglieder zu vertreten, dafür aber den Streik sobotierte, kann jetzt nicht mehr querschießen. IGM Chef Peters ist da schon mehr zu trauen trotz seines windigen Stellvertreters Huber.

Aber eine Gewerkschaftführung macht keinen Streik, sondern die Arbeiter! Es gibt jedoch hier keine starke Streiktradition, das politische Bewußtsein ist eher schwach, die Verunsicherung aber groß. Deshalb schaue ich mir gespannt, aber auch skeptisch an, was die nächtsten Tage wohl bringen...
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