Ansturm auf den Berlinpass
Rabatt-Ticket für Hartz-IV-Empfänger wird in den Bürgerämtern stark nachgefragt / Senat wirbt um private Anbieter
Jan Thomsen
Der Berlinpass scheint gut anzulaufen. Nach der neuen Rabatt-Karte für Arme habe es in etlichen Bürgerämtern schon in den ersten Tagen des Jahres 2009 eine hohe Nachfrage gegeben, sagte Anja Wollny, Sprecherin von Sozialsenatorin Heidi Knake-Werner (Linkspartei), gestern der Berliner Zeitung. Genauere Zahlen sind zwar noch nicht bekannt, jedenfalls noch nicht für ganz Berlin. Der Leiter des Amtes für Bürgerdienste von Neukölln, Torsten Vogel, sagte aber auf Anfrage, bereits am vorigen Freitag, dem ersten Öffnungstag nach Neujahr, hätten seine Bürgerämter 227 der scheckkartengroßen Tickets ausgegeben, die vor allem Hartz-IV-Empfängern Ermäßigungen für eine Vielzahl von Kultur-, Sport- und Freizeitveranstaltungen ermöglichen. Auch am Montag sei der Ansturm bis zum Nachmittag ähnlich groß gewesen, sagte Abteilungsleiter Vogel. "Das hätten wir nicht gedacht."
Mit dem Berlinpass, den die Senatorin bereits Anfang Dezember angekündigt hatte, können sämtliche Ermäßigungen in Anspruch genommen werden, die es in öffentlichen und privaten Berliner Einrichtungen gibt. Nötig ist dafür nur noch das modern gestaltete Kärtchen mit Lichtbild, nicht mehr jeweils unterschiedliche Belege wie offizielle Bescheide des Jobcenters oder des Sozialamts. Anspruch darauf haben alle Empfänger von Arbeitslosengeld II ("Hartz IV"), Sozialhilfe und Grundsicherung sowie Asylbewerber, jeweils inklusive der mitversorgten Familienangehörigen: Laut Sozialverwaltung sind dies in Berlin bis zu 700 000 Menschen. Der Berlinpass ermöglicht unter anderem Ermäßigungen für Opern, Theater und Konzerthäuser (3-Euro-Kulturticket), für Museen, Bäder, Zoo und Tierpark, aber auch für den Erwerb des ermäßigten Monatstickets für BVG und S-Bahn ("Berlin-Ticket S"), das die Hälfte des normalen Preises kostet. Auch immer mehr Sportvereine haben Angebote präsentiert, zuletzt auch die Bundesligisten Hertha BSC (Fußball), Alba (Basketball) oder die Füchse (Handball).
Neuköllns Bürgerdienste-Chef Vogel betonte, es sei gut, dass die Karte nicht "Sozialticket" oder ähnlich heiße. Das würde die Betroffenen nur als Arme stigmatisieren, sagte er. Vogel kritisierte allerdings, dass die Berechtigten ihren Berlinpass nicht gleich beim Jobcenter erhielten, wie es bisher etwa bei der vergünstigten BVG-Monatskarte war. "Es ist doch unnötig, dass die Leute jetzt auch noch zum Bürgeramt müssen", findet Vogel. Auch Martin Federlein (CDU), Bezirksstadtrat und Abteilungsleiter für Bürgerdienste in Pankow, kritisiert die höhere Belastung für die Bürgerämter, die den Berlinpass seit dem 1. Januar ausschließlich ausstellen. Dennoch glaubt er, dass der Gang zum Bürgeramt vielen Berlinpass-Berechtigten leichter falle. Auch seine Behörde stellte am Montag knapp 250 Karten aus.
Immer mehr Angebote
Den aktuellen Stand der Anbieter veröffentlicht die Senatsverwaltung auf einer eigenen Internetseite (siehe Hinweis unten). "Wir werben weiter dafür, dass auch private Veranstalter Ermäßigungen anbieten", sagte Behördensprecherin Wollny. Schließlich gehe es fast immer um Restkarten, die ansonsten gar nicht verkauft würden. Neu hinzugekommen sind jetzt die Kinos in den Hackeschen Höfen und das Kant-Kino, demnächst kommen möglicherweise auch einige Musical-Veranstalter hinzu, hieß es. Wie gut das 5-Euro-Ticket für etliche Bundesligaspiele von Hertha BSC angenommen werde, konnte der Verein gestern allerdings noch nicht sagen.
Information und Angebote für den Berlinpass im Internet unter:
www.berlin.de/berlinpass------------------------------
Ein Gang ins Bürgeramt genügt
Antrag: Einen Berlinpass können Empfänger von Hartz IV, von Sozialhilfe und Grundsicherung bei jedem Bürgeramt bekommen. Asylbewerber gehen zur Zentralen Leistungsstelle für Asylbewerber.
Unterlagen: Der Berlinpass wird in der Regel sofort ausgestellt. Mitzubringen sind dafür lediglich der amtliche Bescheid, Sozialleistungen zu erhalten, der Personalausweis sowie ein Passfoto.
Berlin-Ticket S: Wer bereits eine Trägerkarte für das vergünstigte Monatsticket von BVG und S-Bahn hatte, kann dies bis zum Ablauf weiternutzen. Es gelten dieselben Angebote wie beim neuen Berlinpass.
http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2009/0106/berlin/0021/index.htmlKommentar in der Berliner Zeitung:
Amtlich arm, endlich sexy
Jan Thomsen
JAN THOMSEN freut sich über die Einlösung eines alten Versprechens von Klaus Wowereit.
Der neue Berlinpass löst immerhin für jeden fünften Hauptstädter ein, was der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) bereits seit 2003 weiß und auch öffentlich verkündet hat: Dass Berlin "zwar arm" (so sagte er damals dem Magazin Focus Money auf eine außerordentlich dämliche Frage), "aber trotzdem sexy" sei. Nebenbei: Dieser Satz dürfte Wowereits meistzitierter sein, zumindest nach seinem nicht minder einprägsamen Coming-out-Spruch von 2001, der schon längst nicht mehr zitiert werden darf, weil er schon viel zu oft zitiert wurde.
Also: Wer von Berlins amtlich Armen - nur gegen Vorlage eines behördlichen Bescheids! - einen Berlinpass beantragt und bekommt, der kann sich behaglich zurücklehnen: zum Beispiel in der ersten Reihe der Staatsoper, direkt neben dem edel betuchten, brutal parfümierten und schmuckbehängten Oberschichtler-Ehepaar, das für dieselbe Sicht und Akustik pro gerümpfter Nase 126 Euro bezahlt hat. Statt drei Euro, wie unser sexy Armer mit Berlinpass. Demnächst lädt auch Hertha ein, Billigtickets zu kaufen, ebenso Alba und die Füchse, dazu Museen, Kinos, Bibliotheken, Theater. Zwar gibt es derlei Vergünstigungen durchaus schon länger, aber: Mit der neuen kleinen Karte samt schickem Logo und netten Spruch ("Öffne dir die Stadt") ist die permanente Mittellosigkeit in der Hauptstadt jetzt auch von Amts wegen echt sexy.
Das wird viele Leistungsträger vermutlich aufregen, blicken sie doch kaum noch durch, was der durchschnittliche Hartz-IV-Empfänger so an Preisnachlässen stadtweit einstreichen kann. Eben dies wäre in der Tat mal eine andere Form von Sozialneid, wenn die voll zahlende Mittelschicht gegen die grassierende Erträglichmachung der Armut protestiert. Ist aber auch wirklich schade, dass Berlin besser im Erleichtern des Elends ist - als im Verringern.
http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2009/0106/berlin/0051/index.html