Übersicht   Hilfe Suche Einloggen Registrieren  
Seiten: [1]   Nach unten
Drucken
Autor Thema: Junge Welt: Wie der letzte Husten  (Gelesen 5991 mal)
0 Mitglieder und 1 Gast betrachten dieses Thema.
Kater


Beiträge: 7110


« am: November 16, 2009, 13:15:51 »

Zitat
Wie der letzte Husten
Selbstbewußt und gut informiert: Selbständige, die Anspruch auf Hartz IV haben, müssen sich im Amt respektvolle Behandlung erkämpfen
Von Gitta Düperthal
 
Mit ihren unregelmäßigen Einkünften und Ausgaben müssen sie der Alptraum eines jeden ARGE-Mitarbeiters sein: Wenn etwa eine PR-Schreiberin mit Hartz IV aufstocken muß, weil die Honorierung für ihr selbständiges Tun nicht ausreicht, um ihren Lebensunterhalt zu sichern, reagieren Behördenmitarbeiter häufig genervt. Weil sie überfordert seien, würden sie bei Ermessensspielräumen meist nicht im Sinn der Betroffenen entscheiden, moniert Ansgar Robel von der Initiative für Gerechtigkeit in Wiesbaden: »Und wenn sie Fehler machen, dann im Regelfall zugunsten der Behörde.« Kurz: Das selbständige Arbeiten mit Hartz IV ist nur für außergewöhnlich starke und streßresistente Persönlichkeiten zu ertragen. Allein die doppelte Buchhaltung fürs Finanzamt und die Agentur für Arbeit, erfordert neben dem Zwölf- bis 14-Stunden-Tag eines Freiberuflers, Durchhaltevermögen. Halbwegs kreative Menschen muß es zur Verzweiflung treiben, wenn jeder ausgegebene Cent und jeder verrichtete Arbeitsgang akribisch auf Formularen festzuhalten ist. Wer sowieso am Rande der Existenz als Selbständiger unter diesen verschärften Bedingungen arbeitet, muß obendrein Zeit mit umständlicher Bürokratie in Ämtern und oft inkompetenten Behördenmitarbeitern verbringen. Erzählen solche Selbständige, wie mit ihnen umgegangen wurde, klingt das so: »Sie behandeln einen wie der letzte Husten.« Oder: »Es ist erniedrigend, ständig erinnert zu werden, den ganzen Tag zu schuften und am Monatsende doch nicht den eigenen Lebensunterhalt gesichert zu haben.«

In unterschiedlichen Branchen sind Erfahrungen ähnlich niederschmetternd, wenn es um den Einstieg in die Selbständigkeit unter diesen Umständen geht. Die PR-Texterin Julia Schmidt (Name verändert) berichtet: Vom Amt kommt erst mal Abwehr. Behördenmitarbeiter behaupteten, der Antragsteller sei gar nicht fähig, sich selbständig zu machen. Immer die gleiche alte Leier: Nach dem Anzweifeln der Qualifikation des Antragstellers folge der Versuch, in Ein-Euro-Jobs oder Leiharbeit zu vermitteln. Lehnt der Betroffene ab, wird sanktioniert und Geld gesperrt. »Ich hab mich nicht gebeugt. Sie haben gemerkt, daß ich meinen eigenen Kopf hab«, sagt die 55jährige. Ihre Stimme klingt erfrischend selbstbewußt. Sie ist in der Lage, komplexe Sachverhalte schnell auf den Punkt zu bringen. Was allerdings beim Amt zunächst nicht positiv aufgenommen worden sei. »Früher wurde Ich-AGs Geld hinterhergeschmissen; heute ist alles schwierig«, kritisiert sie. »Sie hätten wohl gern, daß man als Hartz-IV-Empfängerin sein Gehirn an der Garderobe abgibt.« Einen Existenzgründerlehrgang hätte sie gern besucht – er wurde nicht finanziert. Einstiegsgeld erhielt sie nicht.

Julia Schmidt hatte ein Angebot von einer Firma bekommen, Gutscheine »Motto: Zweimal essen, einmal zahlen« für die Gastronomie zu gestalten. Sie ergriff die Gelegenheit beim Schopf, wollte sich ihr Vorhaben partout nicht ausreden lassen. Jetzt textet und fotografiert sie im Auftrag der Firma für zwölf Prozent des Verkaufserlöses, im Schnitt kommt sie dabei auf einen Stundenlohn von 3.50 Euro. Steuerberatungskosten wollte das Amt nicht finanzieren. Also verlegte sich Julia nach einmaliger Inanspruchnahme auf autodidaktisches Lernen. »Selbständig sein ist sowieso lerning by doing«, sagt sie. Mit viel Überzeugungskraft und intelligenten Argumenten hat sie sich letzten Endes beim Amt durchgesetzt. Ihr Job wurde auf rund 400 Euro monatlich eingeschätzt. Das heißt: Sie erhält Miete und Nebenkosten plus 359 Euro für den Unterhalt pro Monat – davon werden die 400 Euro Zuverdienst zur Anrechnung gebracht. Dann heißt es, berufliche Ausgaben im einzelnen geltend zu machen. Zunächst mußte sie monatlich abrechnen, dabei wurde gefeilscht wie auf dem orientalischen Basar. Sie hat einen Fotoapparat für die Arbeit angeschafft – prompt heißt es, »ein gebrauchter hätte es doch auch getan«. Mühsam aushandeln muß sie auch, daß Restaurant-Besuche zur Kontaktpflege in ihrem Metier notwendig sind.

Auch sonst stößt sie auf Widerstände. Fürs Auto muß sie ein Fahrtenbuch führen. Die Arbeitsagentur akzeptiert keine Abrechnung des Kilometergelds mit einer einfachen Auflistung wie beispielsweise das Finanzamt. Autowaschen ist Privatvergnügen; abgebrochener Autoschlüssel – so was gibt’s doch gar nicht!

Julia Schmidt stöhnt. Weitere Nachteile bringt der in Freiberufen übliche unregelmäßige Verdienst. Hat sie drei Monate gut verdient, muß sie ihre Einnahmen jeweils mit der Arbeitsagentur verrechnen, kann keine Rücklagen für schlechte Zeiten bilden. Später gilt es dann, alles wieder im Detail mühselig auszuhandeln. Da muß man schon ein Energiebündel sein. Manchmal muß sie sich Geld von ihren bereits erwachsenen Kindern borgen. Sinnvoller wäre, jährlich abzurechnen, aber das will man bei der Arbeitsagentur nicht. Die Behördenmitarbeiterin hat ihr vorgeschlagen, nebenbei noch einen 400-Euro-Job anzunehmen: Aber wann soll sie das bloß machen? Doch trotz aller Widerstände und bürokratischen Hürden will sie weitermachen; Aufträge aquirieren, die mehr Geld einbringen. »Man hat eine Visitenkarte, ist wieder wer«, schildert Julia Schmidt die Vorteile. »Mit erfolgreichen Außenkontakten wachsen Respekt und Selbstbewußtsein.« Die komplizierten Hartz-IV-Regelungen kennt sie in- und auswendig. Bittet sie die zuständige Sachbearbeiterin zur Korrektur von Fehlern, muß diese oft passen: »Da muß ich wohl noch mal in den Keller, die Akten holen.«


http://www.jungewelt.de/2009/11-16/053.php
Gespeichert
Bowie


Beiträge: 53


« Antworten #1 am: November 16, 2009, 18:04:19 »

Erst wollen sie Leute in die Selbstständigkeit zwingen, weil das Vereinzelung bedeutet und Hunger und angst die Besten Antreiber sind... da braucht man keine Repression mehr...  Statt damit glücklich zu sein, werden die so "Selbstständigen"nun  noch mit wachsender Bürokratie und permanenten Erniedrigungen maltretiert. tongue
Gespeichert
Rappelkistenrebell


Beiträge: 419



WWW
« Antworten #2 am: November 16, 2009, 19:16:14 »

Junge Welt ist eh die einizig lesbare Tageszeitung und sollte jeder am Besten auch abonnieren

www.jungewelt.de

Gespeichert

Gegen System und Kapital!


www.mlpd.de
Alex22


Beiträge: 1504



WWW
« Antworten #3 am: November 16, 2009, 19:46:40 »

Junge Welt ist eh die einizig lesbare Tageszeitung und sollte jeder am Besten auch abonnieren

www.jungewelt.de


Weihnachten ist bald.
Ich freue mich auf ein Jahresabbo. Danke Rappelkistenrebell
Andere werden mitlesen dürfen.
 Afro
Gespeichert

leithestrasse


Beiträge: 5


« Antworten #4 am: November 27, 2009, 19:09:57 »

Ich kann die Behauptungen im Artikel nicht bestätigen. Bei meiner örtlichen ARGE sind für Selbständige gesonderte Sachbearbeiter zuständig und ich habe mich dort sehr freundlich und gut behandelt gefühlt, anders als das normale "Fußvolk" dort behandelt wird. Insbesondere hatte ich dort zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, daß man mir Schmarotzertum unterstellt oder Sozialbetrug, während ich mitbekam, daß eine solche Behandlung bei den Nicht-Selbständigen zum Standard gehört.

Es wird wohl ganz stark von der einzelnen ARGE abhängig sein.
Gespeichert
Alex22


Beiträge: 1504



WWW
« Antworten #5 am: November 27, 2009, 19:39:31 »

....., daß eine solche Behandlung bei den Nicht-Selbständigen zum Standard gehört.

Es wird wohl ganz stark von der einzelnen ARGE abhängig sein.

meine ARGE hat einen guten Draht zum Gericht. Dort gibt es einen Richter der etwas einfältig bedenkenlos
Hausdurchsuchungen durch den Zoll veranlasst.
Natürlich wurde das Verfahren eingestellt.
Folge: hohe Kosten für den Staat, ein "Kunde" weniger, Krankenkasse erhält keine Zahlungen mehr und ich habe keinen Grund mehr irgend eine Rücksicht zu nehmen.

Dieser Staat folgt der DDR. 10 Jahre noch und dann ist der Ofen aus.
 Grin
Gespeichert

leithestrasse


Beiträge: 5


« Antworten #6 am: November 27, 2009, 20:07:13 »

Also wie gesagt, meine Erfahrungen waren gut. Man hat mir nach einem halben Jahr Einstiegsgeld sogar noch eine Verlängerung aufgedrängt, die ich eigentlich von mir aus abgelehnt hatte. Der Sachbearbeiter hat mich dazu überredet, es zu verlängern!

Weiß nicht, warum hier so viele schlechte Erfahrungen gemacht haben, denn das entspricht wirklich nicht dem, was ich erlebt habe.
Gespeichert
inline


Beiträge: 497


« Antworten #7 am: Dezember 24, 2009, 16:11:02 »

ich kann den Inhalt des Berichtes nur bestätigen

Zitat
Das selbständige Arbeiten mit Hartz IV ist nur für außergewöhnlich starke und streßresistente Persönlichkeiten zu ertragen. Allein die doppelte Buchhaltung fürs Finanzamt und die Agentur für Arbeit, erfordert neben dem Zwölf- bis 14-Stunden-Tag eines Freiberuflers, Durchhaltevermögen.
Halbwegs kreative Menschen muß es zur Verzweiflung treiben, wenn jeder ausgegebene Cent und jeder verrichtete Arbeitsgang akribisch auf Formularen festzuhalten ist.

Die Buchführung für das Finanzamt ist dagegegen nach dem Kleinunternehmergesetz ein Spaziergang.

Nun wollen die von der ARGE wohl noch mal alles durchkauen lassen, sie haben dafür extra einen externen Coach oder Betriebsprüfer angeheuert,der alles vor Ort prüfen willl. Das  Ergebniss soll  natürlich per Bericht weitergeleitet werden - Bin schon völlig genervt.

Man wird ständig in der Zwickmühle gesetzt, letzetendlich hat man nur noch 2 Züge. Entweder die Selbständigkeit aufgeben oder sich bei der ARGE komplett abmelden.


Gespeichert
Alan Smithee


Beiträge: 1249



« Antworten #8 am: Januar 02, 2010, 11:37:15 »

Die ARGEn schreiben sich scheinbar immer irgendwelche "Zielgruppen" auf die Fahnen. Diese werden dann "genauer unter die Lupe genommen"...
Die letzte "Zielgruppe" waren die alleinerziehenden Mütter und die U25. Davor waren es Kranke, überwiegend mit psychischen Problemen, denen man einfach die Erkrankung inoffiziell in Frage gestellt hat, dann "kümmerte" man sich besonders intensiv um ältere Leute (+50). Und jetzt sind es ganz offensichtlich die Selbstständigen, die man mit aller Macht versucht, aus dem Leistungsbezug zu ekeln  Shocked. Mal gespannt, wer als nächstes auserkoren wird.
Gespeichert

...still dreaming of electric sheep...
Pfiffi


Beiträge: 1175



« Antworten #9 am: Oktober 04, 2010, 12:14:56 »

Was mich noch interessiert, wurde mit der Selbständigen eine EGV abgeschlossen?

Darin sehe ich das Übel ,den ein durch Unbestimmtheit nicht zu überbietendes Dokument welches auch noch "freiwillig" unterschrieben werden soll, öffnet solchem Behördenwahsinn nur Tür und Tor.

Passierschein A38 sage ich da bloß, möchte nicht wissen in wie weit die Behörde es schafft sich mit sich selbst zu beschäftigen, ich denke das könnte sie ganz gut, wenn an der PCs der SBs nicht ab und zu ein paar Lämpchen aufblinken würden, dann würde auch niemand eingeladen bzw. zur Abtrittserklärungunterschrift eingeladen.

P.S. Leistungssachbearbeiter bitte nicht verwechseln mit SB oder Arbeitsberatern, diese sind hier gut geschult und sehr korrekt.
Gespeichert

Jeder kennt den "Dreisatz", welcher ist davon bei den JCs anzuwenden?

JC Dreisatz: Warum?  Wo steht das? Alles nur schriftlich!!
arm+alt2


Beiträge: 151


« Antworten #10 am: Oktober 04, 2010, 15:19:26 »

Mir drückten Sie dann eine EVG per Verwaltungsakt rein. Da war eigentlich eine Ganztagesmaßnahme (weiß nicht mehr wie der Laden hieß...), aber da ich diese Anleiterin mit meinem Charme und dem Versprechen, jede Woche einmal vorbeizukommen, einschläfern konnte, war das für mich kein Hindernis.
Die sollte mich halt 6 Monate "coachen". Also Termine vermitteln bei der HK, FA, Hilfe bei der Buchführung... was aber eh nicht mehr nötig gewesen wäre.
Die Maßnahme habe ich dann aber nach 2-3 Wochen abgebrochen, weil ich dann kein Geld mehr von denen brauchte.
Gespeichert
Seiten: [1]   Nach oben
Drucken
Gehe zu: