Krise beschert Arbeitsgerichten eine Prozessflut
DGB Rechtsschutz: Rund 50 Prozent mehr Kündigungsschutzklagen
Ruprecht Hammerschmidt
BERLIN. Die Wirtschaftskrise beschert den Gerichten jede Menge Arbeit. Obwohl die Arbeitslosigkeit in diesem Jahr entgegen allen Befürchtungen nur moderat angestiegen ist, sehen sich die Arbeitsgerichte mit einer Klagewelle konfrontiert. "Das Bundesarbeitsgericht (BAG) rechnet mit einem sprunghaften Anstieg von Kündigungsprozessen", sagte die BAG-Präsidentin Ingrid Schmidt der Berliner Zeitung. Eine Einschätzung die sich auf die vielen Neuverfahren vor den Arbeits- und Landesarbeitsgerichten stützt. Bis die Klagen in letzter Instanz beim BAG ankommen, dauert es in der Regel ein bis eineinhalb Jahre. Bundesweit suchten elf Prozent mehr Beschäftigte Rechtsschutz vor Arbeitsgerichten.
Nach Hochrechnungen des DGB Rechtsschutz sind deutschlandweit die Prozess wegen betriebsbedingter Kündigungen in diesem Jahr um mehr als 50 Prozent auf rund 22 656 Fälle gestiegen. Die stärksten Zuwächse gab es danach bei den Industriegewerkschaften IG Metall und IG BCE.
Ost-West-Gefälle
Beim Anstieg gibt es ein deutliches West-Ost-Gefälle. Nach Erhebungen des DGB Rechtsschutzes bildet die Region Nordost mit Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern zwar das Schlusslicht in der Klage-Statistik. Dennoch ist die Steigerung beachtlich. Beim Landesarbeitsgericht Berlin stiegen die Fallzahlen gegenüber dem Vorjahr um zehn Prozent, teilte ein Gerichtssprecher mit. "Die Arbeitsgerichte spüren die Krise", stellte er fest. Weil aber im Osten die Wirtschaft weniger von der exportorientierten Industrie abhängt, ist sie dort auch nicht so sehr von der Krise betroffen. Schwerer belastet die Rezession die Regionen im Südwesten der Republik, die stark von Automobilindustrie geprägt sind.
Die Justiz verzeichnet dort derzeit besonders hohe Zuwachsraten. In Baden-Württemberg etwa stieg die Gesamtzahl der Fälle auf rund 60 000 von weniger als 50 000 im Vorjahr, teilte das zuständige Landesarbeitsgericht mit. "Betriebsbedingte Kündigungen haben in der Krise zugenommen", stellte der Vorsitzende Richter am Landesarbeitsgericht Baden-Württemberg, Ulrich Hensinger, fest. Besonders betroffen sei der Neckar-Raum, in dem viele Maschinen- und Fahrzeugbauer ihren Sitz haben. Dagegen sei die Situation in der überwiegend durch Dienstleistungen geprägten Region Baden weniger dramatisch.
Die Spitze der Verfahren ist bei weitem noch nicht erreicht. Denn die verbreitete Kurzarbeit oder Beschäftigungspakte entschärfen die Entwicklung derzeit noch. "Im kommenden Jahr werden die Fallzahlen weiter steigen", prognostizierte Hensinger.
Auch in Bayern nehmen die Prozesse erheblich zu. Hochgerechnet hätten sich die Fallzahlen im Süden des Freistaates in den ersten neun Monaten des Jahres um 3 500 auf 44 500 erhöht, teilte das Landesarbeitsgericht München mit - eine Steigerung von 8,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Noch stärker von der Krise betroffen ist der Bezirk Nord-Bayern rund um Nürnberg. Dort stieg die Zahl der Verfahren bis November um 11,5 Prozent,teilte das Landesarbeitsgericht Nürnberg mit. Im Vorjahr war die Belastung der Gerichte dagegen noch um rund 1,3 Prozent gesunken. "Wir verzeichnen auffällige Steigerungen", sagte Thomas Weidenbusch vom Landesarbeitsgericht Nürnberg. Die finanziellen Probleme der Betriebe spielten bei der Prozessflut eine wichtige Rolle. Je mehr Insolvenzen es gebe, desto höher sei auch das Klageaufkommen.
Gerade die Region um Nürnberg wurde in diesem Jahr stark durch Pleiten erschüttert. Anfang des Jahres musste der oberfränkische Porzellanhersteller Rosenthal Insolvenz anmelden. Der traditionsreiche Modellbahnbauer Märklin mit einem Werk in Nürnberg folgte. Und schließlich beherrschte die Pleite des Versandhändlers Quelle wochenlang die Schlagzeilen. Um fast 20 Prozent seien die Prozesse vor dem Arbeitsgericht in Nürnberg gestiegen, sagte Weidenbusch. Überraschend dabei: Quelle-Beschäftigte suchen - derzeit jedenfalls - kaum Rechtsschutz. Von den ursprünglich 10 000 Angestellten erhalten 5 600 spätestens bis Ende Januar die Kündigung, bei 2 400 läuft der Zeitvertrag aus. "Von Quelle-Mitarbeitern sind nur rund 200 Klagen eingegangen", berichtete der Weidenbusch.
Der Experte des DGB-Rechtsschutz, Helmut Hüntling, erklärt dies dadurch, dass "gerade in großen Unternehmen die Betriebsräte in der Regel interne Lösungen aushandeln". Bei weitem nicht jede Entlassung lande nämlich vor Gericht. "Die Prozesse sind nur die Spitze des Eisbergs", sagte er. Müsste jede Kündigung einzeln verhandelt werden, wäre die Justiz heillos überfordert. Streit entstehe schließlich nur dort, wo es keine betriebliche Regelung gebe oder diese nicht akzeptiert werde, sagte er.
Der DGB Rechtsschutz vertritt Gewerkschaftsmitglieder bei Arbeitsgerichtsfällen und bezeichnet sich als die größte europäische Fachkanzlei auf diesem Gebiet.
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Letzte Hoffnung Justiz
Klagen: Sobald es den Unternehmen schlechter geht, bekommen dies die Arbeitsgerichte zu spüren. Im Boomjahr 2007 erreichten die Kündigungsschutzklagen einen Tiefstand - derzeit steigen sie stark an.
Quelle: Klagen erheben auch ehemalige Quelle-Beschäftigte. Mit dem Ende des vierten Weihnachtssamstags gingen in allen Quelle-Häusern die Lichter aus. Den letzten Mitarbeitern ist zum 28. Februar 2010 gekündigt worden. Übrig bleibt nur ein spezialisiertes Abwicklungsteam.
http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2009/1221/wirtschaft/0011/index.html