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Autor Thema: Reportage über das Berufliche Trainingszentrum in Berlin-Treptow  (Gelesen 883 mal)
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Kater


Beiträge: 7110


« am: Januar 16, 2010, 15:17:10 »

Zitat
Die Verwundbaren
Wer arbeitslos ist, wird oft auch depressiv. Und findet dann umso schwerer einen neuen Job. Im Beruflichen Trainingszentrum kann man neu lernen, den Arbeitsalltag zu meistern. Und vor allem auch, sich selbst zu schützen
Daniela Pogade

BERLIN. Peter Forster, der ein guter Ingenieur ist, aber ein dünnhäutiger Mensch, hat sich eines Tages selbst aus dem Verkehr gezogen. Er entfernte sich, kaum dort angekommen, schleunigst wieder aus dem Berufsleben. Menschen machen ihm Angst, seit er denken kann. Doch auch wer mit Leidenschaft Maschinen konstruiert, wird sich irgendwann mit Menschen abgeben müssen. Gleich der erste Job nach der Universität rief Forsters schlimmste Befürchtungen wach. Kritisiert mich der Kollege? Schaut mich mein Chef abfällig an?

"Extreme Versagensängste und extreme Angst vor Kontakten", attestiert sich Forster selbst. Er ist ein freundlicher Mensch von großer, rundlicher, etwas tapsiger Statur. Ein Mann, der geruhsam wirkt, aber schnell den Mut verliert. Als er ein Projekt gemeinsam mit Kollegen erarbeiten soll, erschrickt er fürchterlich. Seine Meinung zu äußern oder mit anderen zu diskutieren, ist ihm unmöglich. Schwitzen, Herzrasen und Beklemmungen ergreifen ihn. Nach vierzehn Tagen lässt er sich krankschreiben. Er bleibt lange krank, er erhält Arbeitslosengeld, seine soziale Phobie wird in verschiedenen Kliniken behandelt. Vier Jahre werden vergehen, bis er sich wieder traut, einen Telefonhörer in die Hand zu nehmen und nach einer neuen Stelle zu fragen.

Wer einmal länger aus dem Arbeitsleben verschwunden ist, wer zudem psychisch erkrankt, dem erscheint der Weg zu einem Vorstellungsgespräch unüberwindbar. In der gegenwärtigen Krise gibt es keinen Mangel an Erfahrungen dieser Art. Nicht zuletzt, weil immer mehr Patienten mit psychiatrischen Diagnosen aus den Arztpraxen und Kliniken entlassen werden, musste das Berufliche Trainingszentrum in Berlin, kurz BTZ, vor wenigen Wochen in ein größeres Haus umziehen. Im BTZ werden Menschen auf die Rückkehr ins Berufsleben vorbereitet, in das alte oder in ein neues. Peter Forster hat hier ein Training absolviert, mit Erfolg.

Zwölf Monate dauert so ein Training, die Lernenden werden im Haus recht schnörkellos als Teilnehmer bezeichnet. Als solche sollen sie fachliche Fertigkeiten einüben, vom Maschineschreiben bis zum Metallfräsen, je nach Eignung. Wichtig sind außerdem Übungen, die die sozialen Fähigkeiten stärken. Im Haus gibt es Psychologen, die den Prozess begleiten, und drei Psychiater für den Fall, dass Menschen, die unter einer Medikation stehen, akute Krisen erleben.

Für die Mitarbeiter sind die Teilnehmer "Menschen mit psychischer Behinderung". Sie wollen damit deutlich machen, dass es sich nicht um akut Kranke handelt. Im BTZ sollen Menschen, deren psychische Erkrankung bereits behandelt worden ist, in die Rolle von Arbeitnehmern zurückfinden.

Die Warteliste im Berliner Haus - in ganz Deutschland gibt es 15 Berufliche Trainingszentren - ist unverändert lang, obwohl in den letzten Jahren immer wieder mehr Platz geschaffen wurde. 82 Teilnehmer werden derzeit hier betreut.

Die weiten, hohen und lichten Räume des ehemaligen Industriebaus in Treptow bieten günstige Voraussetzungen, um in die Arbeitnehmerrolle zurückzufinden. Hier werden Unternehmenswelten simuliert, die so echt wirken, dass man gleich die Büropflanzen wässern möchte. Garderobe, Kaffeemaschine, Drucker, Rollcontainer, meterweise Ordner und Dokumentenablagen, es ist alles vorhanden. Die sogenannten Übungsfirmen dienen Trainingszwecken, sie sind nicht Teil der realen Geschäftswelt. Sie heißen Velomobil beispielsweise oder Papiertiger. Die eine stellt einen Fahrradgroßhandel dar, die andere ein Bürobedarfsgeschäft.

Bei Velomobil sitzt die 44-jährige Maja Kröger in einem ergonomisch vorbildlichen Bürostuhl und trägt Bestellnummern in ein Formular ein. Die Frau, die einmal ein Studium der Literaturwissenschaft abgeschlossen hat, absolviert jetzt ein kaufmännisches Training. Auf Wunsch können die Teilnehmer auch ein technisch-handwerkliches Training durchlaufen. Dann sitzen sie nicht in Übungsfirmen, sondern in Werkstätten, um zu erproben, wie Metallarbeiter, Tischler, Elektriker oder IT-Spezialisten arbeiten.

Stress rund um die Uhr

Maja Kröger arbeitet derzeit im Fahrradhandel, Abteilung Verkauf. Neben ihr sitzt der Lagerist, der naturgemäß kein echtes Lager benötigt, sondern vor allem lernen muss, die Lieferscheine am Computer korrekt in die Dateien einzugeben, auch um seine Konzentrationsfähigkeit zu trainieren. Realistisch betrachtet sind Maja Kröger und ihr Tischnachbar zwei Kollegen, die sich mündlich über die im Lager befindliche Anzahl der "Luftpumpe Mount, Größe 2" verständigen können. In der Übungssituation sind sie zwei Abteilungen, die ihre Daten per Formular und PC austauschen.

Maja Kröger, die hier nicht mit ihrem richtigen Namen genannt wird, hat sich nach ihrem Studium in den Neuen Medien weitergebildet, dann arbeitete sie als Grafikerin in einem Start-up-Unternehmen. Sie erinnert sich an "Arbeit, rund um die Uhr", an Stress und Abgabetermine, die drängten. Das Internet-Unternehmen ging pleite, Maja Kröger wurde Freiberuflerin und dann arbeitslos. In der Arbeitslosigkeit verschwammen die Konturen ihrer Existenz. Was genau sie beschwerte? Sie kann es nicht gut in Worte fassen. "Ich hatte quälende Gedanken, die mich immer stärker bedrängten." Eine Stimme in ihr urteilte sie unablässig ab. Im Krankenhaus wurde eine Psychose diagnostiziert, noch heute muss Maja Kröger Neuroleptika einnehmen, stark dämpfende Medikamente also. An ihrem weichen Gesicht mit den hellen blauen Augen lässt sich ablesen, dass sie fragil ist, an ihrer zögerlichen leisen Stimme auch, dass sie vermutlich oft nachgibt.

Es sind nicht nur die beruflichen Übungen, die Maja Kröger geholfen haben. Im psychosozialen Training werden Konflikte durchgespielt, die jedem Arbeitnehmer gut bekannt sind. Ein Rollenspiel kann so aussehen: Der Arbeitgeber bittet seinen Angestellten, am Abend Überstunden zu machen. Dieser hat jedoch einen wichtigen privaten Termin, er muss versuchen, die Bitte abzuwehren. Maja Kröger spielte in diesem Szenario den Arbeitgeber, was ihr eine gewisse Befriedigung verschaffte, da sie ein ähnliches Gespräch einmal auf der anderen Seite erlebt hat. Als Arbeitgeberin hat sie sich im Spiel durchgesetzt, ihr Gegenüber schaffte es nicht, die eigenen Ansprüche zu verteidigen.

Sich abzugrenzen, für sich zu sorgen, sich nicht auffressen zu lassen, dies, so sagen alle Psychologen im Haus, ist das Wichtigste, was die Teilnehmer für die Zukunft lernen müssen. Sind sie auch nicht mehr akut erkrankt, so bleiben sie doch stets latent gefährdet. Fachleute sprechen hier von erhöhter Vulnerabilität, zu Deutsch Verwundbarkeit. Niemand, der seine Gesundheit erneut riskieren will, kann auf Selbstschutz im Beruf verzichten.

Peter Forster, der Mann, den seine Mitmenschen so schrecken, litt nicht wenig, als für ihn die praktischen Übungen begannen. Er ging zurück nach Hause und ins Bett, als er aufgefordert wurde, sechs Telefonate am Tag zu führen, nur übungsweise, aber mit realen Gesprächspartnern aus den Abteilungen des Hauses: Lieferanten anrufen, Absprachen treffen, Rückfragen anbringen. Wieder schwitzte und zitterte er, denn von anderen etwas zu wollen, widerstrebte ihm derart, dass er in Panik ausbrach.

"Das hört sich blöd an, man spielt ja nur, aber sitzt man einmal in der Situation drin, wird schnell brutaler Ernst daraus", sagt er. Er konnte mit seinen Trainern aushandeln, zunächst mit einem Telefonat pro Tag zu beginnen. Praktische Übungen dieser Art sollte man ernst nehmen, denn jeder Teilnehmer absolviert auch ein Firmenpraktikum draußen, in der realen Welt. Und muss sich vorher zum Beispiel darum kümmern, eines zu finden.

Sieht man den Bedarf an Hilfe, die die Menschen im Trainingszentrum haben und liest man die Statistiken über psychische Erkrankungen im Job, so fragt man sich natürlich: Sind all diese Menschen Opfer der gerade so heftig diskutierten psychischen Überanstrengung im Beruf? Drohen Arbeitnehmer seelisch schneller zu erkranken als früher? Regelmäßig berichten die Medien in jüngster Zeit über psychische Erkrankungen als Folge von Überforderung bei der Arbeit. Im Beruflichen Trainingszentrum aber haben die Mitarbeiter mehrheitlich mit Menschen zu tun, die nicht im Beruf, sondern erst später in der Arbeitslosigkeit erkranken.

Peter Forster sagt: "Die Arbeit selbst hat mir Spaß gemacht. Ich wäre in jedem anderen Job genauso ausgetickt." Maja Kröger ist erst ernstlich erkrankt, als sie länger arbeitslos war. Die Psychologen im Haus kennen diesen Mechanismus: Wer lange genug arbeitslos ist, wird in der Regel auch psychisch krank. Umgekehrt, sagen sie, müsse man davon ausgehen, dass Berufstätigkeit grundsätzlich eine stabilisierende Wirkung habe, mag sie auch konfliktreich sein.

Die häufig behauptete Wechselwirkung zwischen dem viel beschworenen Burn-out-Syndrom und steigender beruflicher Belastung wird von den Fachleuten im Trainingszentrum nicht übermäßig gestützt. Burn-out sei streng genommen keine gängige psychiatrische Diagnose, sondern eher ein Modebegriff. Im übrigen könne man bestimmten Berufen nicht ohne weiteres bestimmte psychiatrische Diagnosen zuordnen. Lediglich die Helferberufe brächten häufig berufsbedingte psychische Erkrankungen hervor. Denn nahezu alle Angehörigen eines Heil- und Helferberufes hätten ein mehr oder weniger latentes Helfersyndrom.

Auch Arbeitsmediziner weisen darauf hin, dass die Arbeit an sich noch nicht krankmacht. Klaus Scheuch, Professor für Arbeitsmedizin an der Universität Dresden, hat eine These, die so provozierend wirkt, wie er sie fröhlich durchs Telefon kundtut: "Unsere Arbeitsbedingungen waren noch nie so gut wie heute." Ja, die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage wegen psychischer Erkrankungen habe sich prozentual erhöht. Was aber schlicht daran liege, dass die Statistik für sämtliche Erkrankungen rückläufige Zahlen aufweise, vor allem bei den Herz-Kreislauf- sowie Muskel- und Skeletterkrankungen. "Schauen Sie sich die absoluten Zahlen an, dann sehen Sie, dass die Zahl der psychischen Erkrankungen am Arbeitsplatz nur geringfügig gestiegen ist", sagt Scheuch. Dieser Anstieg gehe aber hauptsächlich auf die Arbeitslosen zurück, denn auch sie gehen in die Statistik der Arbeitsunfähigkeitstage ein, auch sie müssen sich krank melden. Ein weiterer Grund: Während Depressionen früher schamhaft in weniger anrüchige Syndrome umbenannt wurden, werden heute mehr psychiatrische Diagnosen gestellt.

Eine gewisse Furcht

Peter Forster, der noch immer eine gewisse Furcht vor Menschen hat, setzte alles daran, seine Zeit im Trainingszentrum bestmöglich zu nutzen. Noch größere Furcht als vor anderen Menschen hatte er vor anhaltender Arbeitslosigkeit. Die Gründe kann sich jeder vorstellen. Das Selbstvertrauen schwindet schnell, wenn Menschen weder eine Aufgabe noch einen definierten Platz in der Gesellschaft haben. Dazu kommen konkrete Erschwernisse, zum Beispiel finanzieller Art. Kann ich mir einen Abend mit Freunden in der Kneipe leisten? Beginne ich, für die anderen ein Hemmnis zu werden, weil ich finanziell nie mitziehen kann? Kann ich mir etwas Schönes, wenn auch Unnützes leisten, um meine Stimmung ein bisschen zu heben?

Was die Geschichte von Peter Forster betrifft, so hat sie den denkbar günstigsten Ausgang genommen. Aus dem Praktikum, das er während des beruflichen Trainings absolviert hat, ist eine feste Anstellung in einem Ingenieurbüro geworden. Die Statistik verzeichnet ihn nun als einen der Trainings-Absolventen, denen die Rückkehr in den ersten Arbeitsmarkt gelungen ist. Das ist nicht immer der Fall. Nur für ein Fünftel der Teilnehmer kommt eine Rückkehr in den ersten Arbeitsmarkt überhaupt infrage, von ihnen können siebzig Prozent dann tatsächlich vermittelt werden. Die große Mehrzahl wird nach dem Training immerhin an einer Umschulung oder Weiterbildung teilnehmen können.

Es gibt Anzeichen dafür, dass Peter Forster nicht mehr derselbe Mann ist, der als Berufsanfänger so schwer an seiner Umwelt litt. Er kann heute Absprachen mit Kollegen treffen. Er telefoniert mit Lieferanten und erklärt seinen Kunden, wie die Maschinen der Firma funktionieren.

Peter Forster, der jahrelang krank war und nun Schritt für Schritt in den Beruf zurückgekehrt ist, ist mit Sicherheit nicht gemeint, wenn Politiker von Leistungsträgern reden. Der Mann hat aber doch mehr geleistet als viele, die reibungslos funktionieren und täglich Kapital vermehren. Er hat sich selbst überwinden müssen, immer wieder.

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Krankheit und Übung

In Deutschland gibt es 15 Berufliche Trainingszentren, kurz BTZ genannt. Das Berliner BTZ befindet sich in Treptow. Die Warteliste im Berliner Haus ist unverändert lang, obwohl in den vergangenen Jahren immer wieder mehr Platz geschaffen wurde. 82 Teilnehmer werden dort derzeit im sogenannten Beruflichen Training betreut.

Das Training im BTZ ist keine Berufsausbildung. Es dauert zwölf Monate, die Teilnehmer können zwischen einer kaufmännischen und eine technisch-handwerklichen Variante wählen. Die Kosten für das Training übernehmen die Sozialversicherungsträger, unter anderem also die Renten- und Unfallversicherungen und die Arbeitsagenturen.

Das Trainingszentrum gehört zum Berufsförderungswerk Berlin-Brandenburg, welches wiederum die Aufgabe hat, die berufliche Rehabilitation von Arbeitnehmern zu unterstützen, Menschen also, die aus den verschiedensten medizinischen Gründen ihren Beruf nicht mehr ausüben können.

Nur für ein Fünftel der BTZ-Teilnehmer kommt eine Rückkehr in den ersten Arbeitsmarkt überhaupt in Frage. Die große Mehrzahl nimmt nach dem Training zunächst an einer Umschulung oder Weiterbildung teil.

Der Krankenstand in Berlin und Brandenburg lag im Jahr 2008 bei 4,7 Prozent der Arbeitnehmer. Der Trend für 2009 geht in dieselbe Richtung. Damit liegt die Region nach Angaben des neuen Gesundheitsberichts der Krankenkassen AOK und Barmer über dem Bundestrend (3,4 Prozent).

12,4 Prozent aller Krankheitstage in der Hauptstadt sind auf Depressionen und gravierende Stimmungsschwankungen zurückzuführen.


http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/0115/seite3/0001/index.html

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Alan Smithee


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« Antworten #1 am: Januar 16, 2010, 23:46:20 »

Solange Leute sich freiwillig für ein solches Training entscheiden, kann es für den einen oder anderen tatsächlich um eine Hilfe handeln. Ich befürchte allerdings, dass viele nur deswegen mitmachen, weil sie sonst Sanktionen erwarten könnten.

Ich persönlich bin gegenüber dem tatsächlichen "Erfolg" dieser Massnahmen sehr skeptisch. Wenn schon gesunde Menschen keine Arbeit mehr finden können, warum sollte ein Arbeitgeber dann einen "Kranken" einstellen? Und ich habe schon in meinem privaten Umfeld gesehen, wie super man sich um psychisch Erkrankte kümmert: Von einer Maßnahme in die nächste, absolut unqualifizierte Psychologen / Psychiater / Sozialarbeiter bei den Maßnahmeträgern, und wenn die Maßnahme dann vorbei ist, werden die Leute fallengelassen wie eine heiße Kartoffel.

Sowas ist in meinen Augen keine Hilfe, schon gar keine "Brücke in den Arbeitsmarkt". Man verdient sich auf Kosten der Kranken eine goldene Nase; meist mit schlimmen Auswirkungen für die Betroffenen.  Sad
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BakuRock


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« Antworten #2 am: Januar 17, 2010, 00:43:34 »

...................... und wenn die Maßnahme dann vorbei ist, werden die Leute fallengelassen wie eine heiße Kartoffel. .........................

Die naechste logische Frage waere die nach dem Wert eines Menschenlebens. Was ist ein Menschenleben wert?

Es zeichnet sich auch in unseren Gefielden immer deutlicher ab, dass ein Mensch nur so viel Wert ist, wie ein anderer (der Staerkere) zum eigenen Nutzen aus ihm herausholen kann. Und manchmal (befuerchte ich) ist das "aus ihm herausholen" auch schon woertlich zu nehmen.
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Alan Smithee


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« Antworten #3 am: Januar 17, 2010, 11:30:49 »

Wäre wirklich Interesse an der Vermittlung psychisch Kranker in eine (sozialversicherungspflichtige, mit angemessenem Gehalt!!) Arbeit vorhanden, müsste man komplett andere Wege gehen. Anstatt die Leute 12 Monate in fiktiven Unternehmen "unter Stress zu setzen", damit sie "abhärten", müssten Arbeitsstellen in den Kommunen geschaffen werden (und nochmals: sozialversicherungspflichtig; angemessenes Gehalt) in denen die Erkrankten Schritt für Schritt; zuerst stundenweise, dann halbtags, dann Vollzeit, wieder an eine Erwerbstätigkeit herangeführt werden. Die ärtzliche Betreuung (neutral und von außerhalb!) muss jederzeit auch während der Arbeitszeit möglich sein.

Denn: die Chancen für psychisch Erkrankte überhaupt erst eine Arbeitsstelle in der freien Wirtschaft zu bekommen, und dort dann auch noch psychisch bestehen zu können, halte ich für verschwindend gering. Und das wird in der Zukunft noch drastischer werden. Und entsprechende finanzielle "Areize" wie Lohnzuschuss laden dazu ein, aus den Stellen Durchlaufposten zu machen. Ist die Förderung für den einen Arbeitnehmer ausgelaufen, kommt der nächste vom Amt frei Haus geliefert. Oder als Praktikant zwangsuntergebracht...

Nein, tut mir leid; solche Maßnahmen wie in den BTZ dienen lediglich der Stigmatisierung. Was, wenn der psychisch Kranke sich nicht in seinen Bewerbungen "outen" möchte? Soll er dann in seinen Lebenslauf das BTZ als "berufliche Neuorientierung, 1 Jahr lang" erwähnen? --> noch ist das möglich. Aber wenn dann Daten per ELENA in Umlauf gebracht werden, sind solche Maßnahmen doch die beste Warnung für potenziell Arbeitgeber, dass er lieber die Finger von dem Bewerber lassen sollte.

Solange also nicht einmal ansatzweise sozialversicherungspflichtige und entsprechend entlohnte Arbeitsstellen in den Kommunen für Kranke / Behinderte geschaffen werden, gehen solche Maßnahmen komplett an der Realität vorbei, fördern finanziellen Missbrauch von Wirtschaftsuntenehmen und Maßnahmeträger auf Kosten der Kranken.

Zitat
jeder Teilnehmer absolviert auch ein Firmenpraktikum draußen, in der realen Welt. Und muss sich vorher zum Beispiel darum kümmern, eines zu finden.

Das kommentiere ich lieber nicht mehr, sonst platze ich noch vor Wut  Angry

Zitat
Nur für ein Fünftel der BTZ-Teilnehmer kommt eine Rückkehr in den ersten Arbeitsmarkt überhaupt in Frage. Die große Mehrzahl nimmt nach dem Training zunächst an einer Umschulung oder Weiterbildung teil.

Das alte Spiel: von einer Maßnahme in die nächste. Der Krug wandert so lange zum Brunnen, bis er bricht   Embarrassed
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Zoe


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« Antworten #4 am: Januar 17, 2010, 16:06:38 »

@alan smethee

gebe dir völlig recht mit deinen Anmerkungen. Vor allem wenn man diese Tour selbst hautnah miterlebt hat, weiß man um den Sinn/ Unsinn dieser "Erfolge"
Viel wichtiger finde ich, dass sich die Experten mehr um die Ursachen kümmern sollten, als an den Sympthomen rumzudoktern. Warum steigt denn die Anzahl der an Depression erkrankter so massiv?
Wieso leiden gerade Studienabgänger so häufig am Borderline-Syndrom? Wieso bekommen Menschen, die vorher Gesund und Robust schienen plötzlich Panikattacken?

Da kommen wir auch gleich wieder zum Ausgangspunkt: Die Gesellschaft ist krank, weil das System verfault.
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NUR WER KRIECHT KANN NICHT STOLPERN Cheesy
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