[Techi-Admin, 11.3.04] Die Rechtsabteilung der Freenet-AG hat den verantwortlichen Admin am 11.3. freundlicherweise darauf hingewiesen, dass in diesem Thread laut freenet rechtswidrige und geschäftsschädigende Äußerungen getätigt wurden und auf eine gerichtliche Klärung verwiesen, falls die genannten Äußerungen nicht bis zum 12.3. mittags gelöscht sind. Diese gerichtliche Klärung wird nicht notwendig sein, denn SÄMTLICHE von der Freenet AG explizit genannten Äußerungen haben wir wie gefordert gelöscht und überdies durch geschäftsfördernde Aussagen ersetzt (im Text fett rot markiert) [
Ergänzung: Dieser Thread ist vor drei Monaten gestartet worden. Die beschriebenen Zustände im Kieler Freenet Call-Center haben sich bis auf den heutigen Tag nicht geändert. Wer etwas Zeit zum Lesen hat, wird auch erfahren, wie die Vorgeschichte der aktuellen Zensur-Meldung zu Freenet auf Heise.de aussieht. Ich wünsche Euch/Ihnen einen spannenden Einblick hinter die Kulissen eines deutschen New-Economy-"Vorzeigeunternehmens"!
"DeppVomDienst", 1.3.03]
[Startbeitrag vom 2.12.03]
Da prangte es am letzten Donnerstag auf der Titelseite der KN: Endlich mal eine gute Nachricht für Kiel, "Call-Center will in Kiel expandieren"! Doch bei einem Blick ins Kleingedruckte spricht die KN von einem Haken. Der Haken ist allerdings nicht der, den die KN ihren Lesern weismachen will; der Haken heißt Freenet und die dortigen Arbeitsbedingungen. Und für den Kommentar auf Seite 2 schämt man sich geradezu für den verantwortlichen Redakteur: So nah am Niveau der BILD-Zeitung lässt einen die KN daran verzweifeln, das Monopol für die lokale Berichterstattung in Kiel zu haben.
Doch eines nach dem anderen:
Auf der Titelseite der KN darf sich das Freenet-Callcenter darüber ausheulen, dass man ja gerne expandieren würde, aber leider, leider wäre nicht genug qualifiziertes Personal zu finden. Man habe in "Zusammenarbeit mit Arbeitsamt, Hochschulen und Zeitarbeitsfirmen [Alpha Zeitarbeit Kiel, by the way]" nicht genügend Personal gefunden. Und viele Kandidaten würden "ganz offen" sagen, dass sie lieber Arbeitslosengeld beziehen würden.
Jaja, wirklich schlimm, es kommen die Tränen!
Schlimm allerdings ist tatsächlich, was Freenet an lächerlichen Löhnen für üble Arbeit bezahlt:
Mein letzter Stand ist, dass ein Grundlohn von 5 Euros bezahlt wird. Ein Euro bekommt man mehr, wenn man in einem Monat keine Fehlzeiten hatte. Und dann gibt es noch leistungsbezogene Prämien. Und hier lohnt es sich nun, einmal genauer zu schauen, was überhaupt die Arbeit bei Freenet beinhaltet.
Ein (echtes!) Fallbeispiel: An einem der letzten Arbeitstage im Mobilcom-Callcenter (praktisch der gleiche Laden) füllte ich bei einer Spätschicht aus Langeweile ein Preisrätsel auf freenet.de aus und hinterließ meine Handy-Nummer. Ein paar tage nun, nachdem ich dort gefeuert wurde (Umstände sind in einem anderen Thread nachzulesen
http://www.chefduzen.de/viewtopic.php?t=129) rief mich nun jemand von Freenet an und meinte, dass ich bei dem Gewinnspiel immer noch gut im Rennen sei (hatte das mittlerweile natürlich schon total verdrängt) und man aber auch einmal nachfragen wolle, ob ich schon Zeitschriften abonniert habe.
Kurzum: Freenet hat eine Kooperation mit dem Bauer-Verlag, um Abonnenten zu werben und Freenet setzt wirklich alles daran, um an Telefonnummern zu kommen, um Leuten Abonnements aufzuquasseln. Die Agents dort haben konkrete Vorgaben, wieviel Abos vermittelt werden sollen - quer durch alle Abteilungen. So passiert es also, dass jemand Einwahlprobleme hat und bei einer 1,24 Euro/Minute-Hotline anruft und auf Kosten des Kunden dieser noch Abos aufgequatscht bekommen soll. Es werden dann total hanebüchene Stories erzählt: "Oh, Herr XY, ich sehe gerade, dass sie schon ein Jahr Kunde bei uns sind. Dann haben Sie ja ein besonderes Anrecht auf ein besonderes Dankeschön-Angebot von uns ... darf Sie ein Kollege von mir zurückrufen?" Ich betone: Dies sind die Standart-Lügen quasi im Originalton, die den Agents beigebracht werden.
Von den Abovermittlungen sind auch die oben erwähnten Prämien abhängig. Als wenn dies nicht schon Druck genug wäre, dass die Agents ihren Dritte-Welt-Lohn durch permanente Lügengeschichten aufbessern müssen; nein, es gibt dann noch die Quotenvorgaben, d.h. wer nicht aufdringlich genug war, bekommt den Zeitvertrag (erst 2 Monate, dann 6 Monate) nicht verlängert. Eine gute Bekannte von mir erfuhr drei Tage vor Ende des zweiten Vertrages, dass sie gehen muss. Da sie nur acht Monate bei Freenet beschäftigt war, hatte sie auch keinerlei Anspruch auf Arbeitslosengeld und fand sich folglich auf dem Sozialamt wieder.
Freenet: Normal ist das nicht!
Ich hörte kürzlich, dass es mittlerweile bei freenet einen "Betriebsrat" geben soll; bis dahin hatte der Büdelsdorfer Mobilcom-Betriebsrat ein Übergangsmandat und somit waren die dortigen Betriebsvereinbarungen (auch laut Kieler Arbeitsgerichtsurteil) für die Freenet-Mitarbeiter gültig. Die Lohnerhöhungen und die Anwesenheitsprämien, die laut Arbeitsgericht im Call-Center auf den Grundlohn von 7,67 Euro (im Mobilcom-Callcenter-Bereich) zugesprochen wurden, wurden bei Freenet niemals umgesetzt und sollten somit einklagbar sein. Wirklich interessant, sollte der neue Freenet-Call-Center-Betriebsrat sich damit einverstanden erklären, dass unterhalb des jahrenlangen Lohnes im Mobilcom-Bereich gearbeitet wird. Um es zu rekapitulieren: Die vorherige Anwesenheitsprämie wurde auf einen Grundlohn von 7,67 Euro bezahlt, jetzt ist es ein Euro bei Grundlohn 5 Euro.
Ich habe vollstes Verständnis, dass wirklich nur Studenten, die mit einer gewissen "Blödheit" und moralischen Hemdsärmeligkeit beschlagen sind, solche Arbeit zu solchen Bedingungen annehmen. Und mein Respekt an diejenigen, die trotz Arbeitslosigkeit und daraus resultierender finanzieller probleme solche Jobs nicht annehmen!
Eine ganz andere Geschichte ist allerdings der unsägliche KN-Kommentar vom Donnerstag:
[...] Dennoch ist es erstaunlich, dass der Internet-Anbieter freenet derart große Probleme hat, genügend Personal zu finden [...]. Mehr als 15000 Männer und Frauen sind in der Landeshauptstadt erwerbslos gemeldet. Da müsste es doch möglich sein, auf der Stelle 200 Männer und Frauen zu finden, die redegewandt, spontan und lernbereit genug sind, um telefonisch die Kunden des zweitgrößten deutschen Internetanbieters zu betreuen.
Das dies nicht so ist, scheint zunächst das alte Vorurteil zu bestätigen: "Die Arbeitslosen" sind offenbar nicht stark genug, sich für einen Job zu engagieren. Natürlich ist das Quatsch.
Doch der Fall Freenet zeigt einmal mehr, dass die Überwindung der Massenarbeitslosigkeit in Deutschland bislang an den Rahmenbedingungen scheitert: Der finanzielle Anreiz, aus der Erwerbslosigkeit in ein reguläres Beschäftigungsverhältnis zu wechseln, ist schlicht nicht groß genug. Die Bundesregierung will diesen Webfehler des Sozialstaates [Hervorhebung von mir] korrigieren - und wird dafür von breiten Wählerschichten gnadenlos abgestraft [...]
Wie wäre es damit, die KN für schlampig recherchierte Hofberichterstattung abzustrafen? Und der sogenannte Webfehler ist, dass sich das Arbeitslosengeld nicht nach freenet-Löhnen richtet? Ganz nebenbei: Warum hat die KN (obwohl die Informationen vorlagen) eigentlich niemals über die Vorgänge im Mobilcom-Callcenter berichtet (sondern nur der Gegenwind). Ist das keine Meldung, dass dort die Agents jahrelang vorsätzlich um Löhne betrogen wurden und dass beim Kieler Arbeitsgericht knapp 40 Verfahren anhängig sind (und möglicherweise weitere 60 dort noch eingehen werden)?
Und abschließend: Würde der verantwortliche Redakteur, der sicherlich nach Tarif arbeitet und eventuell IG-Medien-Mitglied ist, zu solchen Bedingungen arbeiten?
Manchen Leuten wünscht man wirklich die Arbeitslosigkeit an den Hals ....
P.S.: Nachdem ich dem jovialen Freenet-Agent am Telefon erklärte, dass ich überhaupt kein Geld für ein Abo hätte, da ich gerade arbeitslos geworden sei, ließ dieser dann von mir ab und meinte dann, dass sie sich melden würden wegen des Gewinns, da ja noch nichts verloren sei und das Spiel noch laufen würde. Ich warte bis heute noch auf den Anruf, der mir ein Hotel-Wochenende in den Schweizer Alpen beschert ....