Der Niedriglohnvirus treibt mittlerweile noch ganz exotische Blüten mit Schwarzarbeitscharakter, indem sich AN selbst kündigen und als schwarzarbeitende Scheinselbstständige für den AG weiterarbeiten, aber sich der Beitrags- und Steuerzahlung entziehen.
Das mag zwar momentan in Notsituationen eine Lösung sein, aber wird sich langfristig bitter im Alter rächen, wenn die Rentenbeitragszeiten und die Rentenbeiträge für die eigene Altersrente fehlen. Man hat sich so selbst beschissen.
Und im Fall von Krankheit, Unfall, Invalidität durch die Berufseinwirkungen geht man leer aus, weil man nicht versichert ist.
Das sollte eigentlich für die Politiker ein Zeichen sein, daß man zwingend tariflich bezahlte, sozialpflichtversicherte Arbeitsverhältnisse und existenzsichernden Mindestlohnbedingungen mindest braucht.
Aber was wollen Politiker der Unternehmerparteien?
Die Sozialsysteme und den Staat zerschlagen, damit eine Willkür- und Terrorherrschaft der Unternehmer erblüht!
Solche Vermittlungsagenturen wie der unten beschriebene Vermittlungsdienst ASSD sollte man strafrechtlich verfolgen und öffentlich kriminalisieren.
MDR, Sendung "exakt" vom 10.04.2007, 20:15 Uhr: Flucht in die SelbständigkeitManuskript des Beitrages
Immer mehr Arbeitnehmer flüchten aus den Sozialsystemen. Rechtlich zulässig, aber für die Sozialkasse ein riesiger Ausfall.Olaf Schendler ist Koch in Dresden – in Ostdeutschland ein klassischer Niedriglohnberuf. Alle Kollegen um ihn herum sind, wie Schichtleiter Andreas Schulz, in dem Hotel fest angestellt. Nur Olaf Schendler nicht – der ist ein Selbständiger, ein Mietkoch, wie er sich selbst bezeichnet. Einweisung in die Tagesaufgaben.
O-Ton: Andreas Schulz, Schichtleiter"So, hier sehen wir am Pfannensheet, was morgen an Veranstaltungen anliegt. Mit 200 Personen. Und da haben wir einen kalten Buffet-Anteil und einen warmen."
Der heute 43-jährige Olaf Schendler hat fast sein ganzes Leben fest angestellt als Küchenchef hinterm Herd gestanden. Vor drei Jahren geriet sein alter Arbeitgeber in Schwierigkeiten: Kündigung – Arbeitslosigkeit – die Erfahrung selbst mit Anfang 40 keinen neuen Job mehr mit dem alten Gehalt zu finden. Also flüchtete er in die Selbständigkeit um auf’s gewohnte Geld zu kommen: Jetzt brutzelt er für den Brutto-Stundenlohn eines einfachen Koches. Trotzdem verdient er netto etwa so viel wie früher als Küchenchef.
O-Ton: Olaf Schendler, Mietkoch"Als ganz normal angestellter Koch würde man jetzt nicht auf das Geld kommen, was ich als Selbständiger verdiene."
Das funktioniert, weil Arbeitslosen- und Rentenversicherung leer ausgehen. Seine Arbeitgeber zahlen dadurch weniger, trotzdem bekommt Olaf Schendler netto mehr ausgezahlt. Das ganze ist wohl organisiert. Seine Aufträge lässt sich Mietkoch Olaf Schendler von einer Agentur vermitteln: Die ASDD wird seit drei Jahren von Wolfgang Sorger betrieben.
O-Ton: Wolfgang Sorger, ASDD"Nehmen Sie doch mal Platz. Ich würde Ihnen dann für die kommende Woche noch einen neuen Auftrag anbieten wollen – das ist ein großes Catering."
Insgesamt hat die Agentur 30 Leute in der Kartei: vom Kellner über die Empfangsdame bis zum Koch. In der Vergangenheit wurden personelle Engpässe in der Gastronomie meist durch klassische Zeitarbeitsfirmen ausgeglichen. Doch auch die sind anders als das Selbständigen-Konstrukt sozialversicherungspflichtig – und damit für Auftraggeber teurer, meint Steffen Krysiak von der Agentur.
O-Ton: Steffen Krysiak, ASDD"Aus dem Grund, dass diese Mitarbeiter in der Zeitarbeitsfirma fest angestellt sind und die ganzen Lohnnebenkosten mit bezahlt werden müssen. Und dieser Unterschied ist schon gewaltig."
Die Flucht in die Selbständigkeit hat inzwischen Dimensionen angenommen. Jeder neunte Erwerbstätige in Deutschland ist bereits selbständig – Tendenz steigend. Allein in den letzten zwei Jahren nahm ihr Anteil um über vier Prozent zu. Laut einer Forsa-Umfrage würden inzwischen über 73 Prozent aller Angestellten aus der Arbeitslosen- und Rentenversicherung aussteigen, wenn sie denn dürften.
Auch Michael Wollin ist in die Selbständigkeit geflohen. Der Friseurgeselle arbeitete hier früher als Angestellter. Vor vier Jahren verlor er seinen Job. Vier Wochen später fing er im selben Laden wieder an. Nur diesmal als selbständiger Friseur - als so genannter "Stuhlmieter".
O-Ton: Michael Wollin, selbständiger Friseurgeselle"Das war damals so, im letzten Halbjahr 2003, dass Herr Fritschka feststellte, dass er die Arbeitsplätze nicht mehr halten konnte. Und da war für mich halt die Überlegung, mir einen anderen Arbeitsplatz zu suchen, oder in die Selbständigkeit zu gehen."
Und das funktioniert so: Michael Wollin mietet bei seinem früheren Chef einen Friseurstuhl – für einen fixen Preis im Monat. Scheren, Kämme und Fön hat der 46-Jährige selbst angeschafft. Farben und Pflegemittel kauft er dem Salonbesitzer nach Verbrauch ab. Dafür bekommt er das gesamte Geld, das er von seinen Kunden einnimmt. Das lohnt sich für ihn – zumindest in der Nettoabrechnung:
O-Ton: Michael Wollin, selbständiger Friseurgeselle"Ich zahle keine Arbeitslosenversicherung, weil ich ja, wenn ich hier nicht zurechtkomme, auch kein Arbeitslosengeld kriege. Und mit der Rente, da habe ich meine Pflichtversicherung eingezahlt und habe mir das ausrechnen lassen. Und es ist einfach für mich nicht attraktiv gewesen, das noch 20 Jahre irgendwo einzuzahlen, mitunter, wenn man jetzt auch das Rentensystem sieht, ob du es dann wirklich auch ausgezahlt bekommst."
Früher landeten über 25 Prozent des Gesamtbruttolohnes bei Renten- und Arbeitslosenversicherung. Die gehen jetzt leer aus. Folge: Milliardenausfälle in den Kassen. Für Michael Wollin aber lohnt sich das ganze. Inzwischen hilft ihm eine Assistentin, damit er parallel zwei Kunden bedienen kann.
"Ich habe eine Assistentenbeteiligung, da zahle ich einen Obolus, dass sie für mich arbeitet."
Die Assistentin ist eigentlich eine von drei Auszubildenden des Salonbesitzers. Die sind die einzigen Festangestellten hier, denn inzwischen hat sich das Modell derart bewährt, dass alle Friseure im Salon wie Michael Wollin als Selbständige arbeiten. Der Kunde bekommt kaum etwas davon mit. Außer beim Bezahlen:
O-Ton: Michael Wollin, selbständiger Friseurgeselle"Wir arbeiten jeder in seine eigene Kasse, darum stehen hier so viele Kassen auch. Hier einmal, dort einmal. So dass jeder seinen Umsatz auch in seine eigene Kasse bringt natürlich."
Wieder bei Mietkoch Olaf Schendler. Der nächste Tag – ein anderes Restaurant. Wechselnde Auftraggeber sind wichtig, um die Selbständigkeit legal zu betreiben. Einsatzbesprechung mit Anja Decker.
O-Ton: Anja Decker, Carte Blanche und Olaf SchendlerDecker: "Ich hatte an ein Buffet gedacht."
Schendler: "Ein klassisches oder ein rustikales oder ein hochwertiges?"
Decker: "Machen sie mir mal einen Vorschlag."
Bei all den finanziellen Vorteilen – die Selbständigkeit hat für den Mietkoch aber auch einen gravierenden Nachteil: Seinen Lebensunterhalt verdient er nur, wenn alles wirklich gut läuft.
O-Ton: Olaf Schendler, MietkochReporterin: "Wie ist das eigentlich mit Urlaub und Krankheit?"
"Da ist man auf sich gestellt. Der Arbeitnehmer hat seine 26 Tage Urlaub im Jahr, die er bezahlt bekommt. Und unsereiner der muss dann sagen, ich kann mir eine Woche leisten – oder kann mir keine Woche leisten. Dann muss ich das eben so tragen."
zuletzt aktualisiert: 11. April 2007 | 00:27