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Autor Thema: Ausbeutung Total  (Gelesen 16326 mal)
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Geromat


Beiträge: 4


« am: 14. September 2007, 12:50:43 »

Hallo zusammen! ,

Ich bin 23 Jahre alt, und seid dem April diesen Jahres Küchenchef in einem kleinen Hotel. Mein Lohn ist der eines Postenchefs, ich arbeite im Monat mind. 185 std. mein Rekord war aber 240 std.  Dazu kommt noch, das unsere Spülkraft entlassen wurde, und ich bis auf 2 Auzulindende keine Fachkraft in der Küche habe. Die Azubis werden von vorne bis hinten ausgenutzt und jedliche Gespräche mit meiner Chefin führen zu nichts. Ich bin schon am Bewerbungen schreiben, mache mir aber sorgen um meine Azubis. Ich spiele mit dem Gedanken, einer Gewerkschaft beizutreten.

Kennt ihr so etwas, habt ihr einen Rat für mich ?

Ich danke für jeden guten Kommentar
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flipper


Beiträge: 3177



WWW
« Antworten #1 am: 14. September 2007, 14:20:46 »

ja, hört man so ziemlich oft von küchen- und sogar von konditoreipersonal. man könnte denken das sei die regel in der branche.

wie argumentiert die bossin?

1.
gewerkschaft heimlich beitreten (NGG?), beraten lassen.

2.
wenn arbeitszeit täglich >10h anonyme anzeige bei der zuständigen unfallversicherung (berufsgenossenschaft), gibts arbeitsschutzmängel?

3.
anzeige an die innung, wenn nichteinhaltung von ausbildungsplänen und überstunden bei azubis.

4.
warten bis deine kollegen feierabend haben und hier auftauchen.

5.
der bossin diplomatisch klar machen, dass qualität und dauerleistung gefährdet werden bei derartiger betriebssysteuerung (REFA e.V.)

gruss und willkommen,
flipper
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"Voting did not bring us further, so we're done voting" (The "Caprica Six" Cylon Model, BSG)
Geromat


Beiträge: 4


« Antworten #2 am: 15. September 2007, 09:27:00 »

Danke für die schnelle und gute Antwort @ Flipper ich werde es bei meinem nächsten Vorgehen berücksichtigen.
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Codeman
Schreibtischattentäter


Beiträge: 1789



« Antworten #3 am: 15. September 2007, 15:19:29 »

Als Ergänzung dazu.Bin selber Bäcker und Konditorgeselle.

1.NGG ist der korrekte Ansprechpartner für dich.Du solltest auch deine Azubis dazu ermuntern in die Gewerkschaft einzutreten.Wenn ihr alle 3 Mitglied seit,kann eure Chefin,auf keinen von euch einzelnd Druck ausüben.

2. korrekt

3. Bloss nicht an die Innung wenden.Die Innung ist eine freiwillige Organisation im Zusammenschluss von Betrieben.Sprich AG-Vertreter.Besser wäre es sich an die zuständige Handwerkskammer zu wenden.

4. korrekt

5. korrekt

Ergänzung

6. sämtliche arbeitspläne kopieren ggf. stempelkarten kopieren.Mehrarbeit ist 3 Jahre rückwirkend laut BGB einklagbar,so lange tarifvertraglich nichts anderes vereinbart ist.

MfG
Codeman
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Ich bin der Rostfleck am Schwert des Sozialismus - Zitat frei nach Schraubenwelle
Geromat


Beiträge: 4


« Antworten #4 am: 17. September 2007, 08:45:28 »

dANKE cODEMAN, Ich habe alle Arbeitszeiten, seid 1,5 Jahren gesammelt, auch der Azubis. Ist zwar traurig aber in der Gastronomie bzw. Nahrungs - Dienstleistungsbranche lernt man so etwas schnell.
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Geromat


Beiträge: 4


« Antworten #5 am: 17. September 2007, 08:55:09 »

Achso zu deiner Frage :

Argumente,

1.  Seid doch froh, das ich euch die Arbeitsplätze sicher!

2.  Die Azubis können ruhig ²mal" ein paar Ü- stunden machen, meine Ausbildung war auch schwer.

Ich glaube wenn ich alles schreiben würde , wäre ich morgen noch hier:)

Es ist einfach unglaublich, was diese frau von sich gibt. der witz an der ganzen sache ist das ich für die küche zuständig bin und ein Kollege (Betriebswirt) für den Rest des Hotels und Service, aber unsere ²chefin² setzt sich immer über unsere Entscheidungen hinweg.

Ich habe mit der NGG gesprochen, die können froh sein, wenn sie später noch
ausbilden dürfen.
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Kuddel


Beiträge: 11367


« Antworten #6 am: 17. September 2007, 13:11:15 »

Ich drücke die Daumen!
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dumm
Gast
« Antworten #7 am: 28. September 2007, 18:35:32 »

Tja es ist nun mal leider so im gastro bereich und in der küche ganz besonders,einmal arsch immer arsch. =)
ich arbeite selber schon 25.jahre in der gastronomie und du kannst mir glauben ich hatte noch nicht einen chef der besonders viel von festen arbeitszeiten oder geregeltem gehalt gehalten hat.
ich glaube nicht das es dir viel bringt wenn du mit deiner chefin sprichst oder dich an die gewerkschaft wendest,irgendwann hat man einfach keinen bock mehr und dann heißt es tasche nehmen und was neues suchen.und auch da wird es wieder so sein.
mir ist aufgefallen das selbst der netteste kellner und der beste koch zum rießen arsch mutieren wenn sie sich selbstständig machen.grins plötzlich sind schlechte löhne und ewig überstunden normal und der früher so nette kollege,der jetzt dein chef ist arbeitet selber nicht mehr,ist im dauerstreß und immer im urlaub.
mein tip also kauf dir ne eigene kneipe,nimm die lehrlinge mit und schreib mir wenn du das erste mal in urlaub willst und eine vertretung suchst! Tongue
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Kuddel


Beiträge: 11367


« Antworten #8 am: 28. September 2007, 18:59:33 »

nomen est omen
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Abraxas


Beiträge: 438



« Antworten #9 am: 21. Dezember 2008, 20:54:32 »

was ist bei der arbeitszeit dein stubdenlohn. als küchenchef? ist es nicht besser 8 stunden als koch zu arbeiten und danach putzen zu gehen? der stundenlohn ist besser. lass dir deine überstunden auszahlen. verjähren nach 2 jahren
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"es ist eine dumme idee menschen schlecht zu behandeln, die mit deinem essen alleine sind"
ManOfConstantSorrow


Beiträge: 6390


« Antworten #10 am: 08. Mai 2009, 19:59:24 »


Nach Telepolis-Bericht: Berliner Genossenschaft kündigt Gastronom, der Köchin aus Äthiopien festgehalten und ausgebeutet hat

Ein afrikanisches Restaurant in Berlin, in dem eine Köchin aus Äthiopien über eineinhalb Jahre hinweg unter sklavenähnlichen Bedingung festgehalten und ausgebeutet wurde, wird geschlossen. Die Genossenschaft „Weiberwirtschaft“ sprach dem Betreiber des Spezialitätenrestaurants KoKeBe in Berlin die fristlose Kündigung aus. Der Vorstand der Genossenschaft, die eine Förderung von Frauen im Unternehmerbereich zum Ziel hat, berief sich dabei auf einen Telepolis-Bericht ("Sklaverei in Berlin-Mitte") von Ende April.

http://www.heise.de/tp/blogs/8/137449
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Arbeitsscheu und chronisch schlecht gelaunt!
Kater


Beiträge: 7111


« Antworten #11 am: 09. Mai 2009, 13:00:47 »

gut dass der Laden geschlossen wird. Hier noch mal zum Hintergrund:

Zitat
100 Euro für eineinhalb Jahre Arbeit - Köchin aus Afrika wie eine Sklavin behandelt
Frauke Lüpke-Narberhaus

Wenn sie Ruhe brauchte, sollte sie in den Keller gehen, dort lag eine Matratze. Manchmal kam sie danach trotzdem kaum die Treppe wieder hoch, so erschöpft war sie. 85 Stunden Arbeit in der Woche strengen an. So viel musste die 44-jährige Äthiopierin Lakech Demise als Spezialitätenköchin in einem Restaurant in Mitte arbeiten. 24 weitere Stunden pro Woche putzte sie im Haushalt der Restaurantbesitzer. Wegen Erschöpfungszuständen wurde sie einmal sogar in einem Krankenhaus behandelt.

Den Namen Lakech Demise hat sie sich ausgedacht, ihren richtigen Namen will sie nicht nennen. Sie hat ihren Arbeitgeber angezeigt. Er erhielt im Februar 2008 vom Amtsgericht Tiergarten eine Strafe von sechs Monaten Haft auf Bewährung wegen "Menschenhandels zum Zwecke der Ausbeutung der Arbeitskraft". Das Urteil ist inzwischen rechtskräftig. Eine Verurteilung wegen dieses Delikts sei bundesweit erst zum dritten Mal erfolgt, sagt dazu Nivedita Prasad von Ban Ying, einer Berliner Beratungsstelle gegen Menschenhandel. Dabei gibt es diesen Straftatbestand bereits seit 2005.

Lakech Demise ist eine moderne Sklavin. Vor fünf Jahren kam die Äthiopierin legal nach Deutschland, um hier als Köchin in einem äthiopischen Spezialitätenrestaurant zu arbeiten. Der Bruder des Restaurantbetreibers hatte ihr in Afrika von dem Job erzählt und ihr einen Vertrag vorgelegt. Lesen und schreiben kann sie nicht, ihr wurde gesagt, sie bekäme 200 US-Dollar im Monat. Wie viel sie arbeiten sollte, stand nicht im Vertrag.

Statt der 200 Dollar Hungerlohn im Monat habe sie lediglich 100 Euro erhalten - und zwar für den gesamten Beschäftigungszeitraum von eineinhalb Jahren. So steht es im Urteil des Amtsgerichts Tiergarten. Eigentlich hätten ihr etwa 72 000 Euro Lohn zugestanden, heißt es weiter. Sie wehrte sich nicht, weil ihr Chef gedroht habe: Dass er sie jederzeit nach Hause schicken könne, dass die deutschen Behörden rassistisch seien, dass ihr Folter oder gar Tod drohe, wenn sie sich an sie wende. Der Chef nahm ihr auch den Pass ab. Die Äthiopierin macht ihre Geschichte erst jetzt öffentlich, weil sie sich von ihrem früheren Arbeitgeber gemobbt fühlt. Er rede in der Berliner äthiopischen Gemeinschaft schlecht über sie, sagt die Köchin. Sie wolle, dass das Gerede aufhört.

Es gebe nur wenige Anzeigen, weil die Betroffenen Angst hätten sich zu offenbaren, sagt Heike Rudat vom Landeskriminalamt. Sie fürchteten, ausgewiesen zu werden. Zudem verdienten sie trotz Ausbeutung in Berlin noch deutlich mehr als in der Heimat. Im Jahr 2008 sind der Berliner Polizei laut Rudat sieben ähnliche Fälle bekannt geworden. "Die Ermittlungen sind zum Teil noch nicht abgeschlossen."

Inzwischen gebe es in der Stadt ein Netz, das von Ausbeutung Betroffenen hilft, sagt Nivedita Prasad von Ban Ying. Wie viele Menschen von modernem Sklavenhandel betroffen sind, weiß niemand. "Es gibt aber Restaurants, in denen man verdächtig billig essen kann", sagt Prasad. Auch in Privathaushalten, bei der Ernte und auf dem Bau könnte es ähnlich unzumutbare Arbeitsbedingungen geben.

Die Äthiopierin Lakech Demise arbeitet wieder als Spezialitätenköchin. Jetzt wird sie nach Tarif bezahlt. Sie sagt, sie glaube nicht, dass sie noch einmal derart ausgebeutet werden kann. Sie kann sich inzwischen wehren. "Ich habe dazugelernt, ich weiß jetzt, wie Arbeitsbedingungen sein müssen."


http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2009/0429/berlin/0036/index.html

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Kater


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« Antworten #12 am: 17. August 2009, 16:35:02 »

Zitat
Fahnder durchsuchen 180 China-Restaurants

Polizei und Zoll sind mit einer ganzen Serie von Razzien gegen chinesische Menschenhändler vorgegangen. Bundesweit durchsuchten die Beamten China-Restaurants. Dort sollen die Opfer von Schleusern wie Sklaven gearbeitet haben - nach Deutschland geholt wurden sie als Spezialitätenköche.

Hannover - Auf der Spur von chinesischen Schleuserbanden haben Beamte von Polizei und Zoll am Montag 180 China-Restaurants und Wohnungen durchsucht. 1300 Beamte sollen bundesweit an der Razzia beteiligt gewesen sein. Schwerpunkt der Durchsuchungen lag in Baden-Württemberg, Bayern, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen, sagte ein LKA-Sprecher und bestätigte damit einen Bericht der "Neuen Osnabrücker Zeitung".

Die Beamten gingen Erkenntnissen über chinesische Menschenhändler nach, gegen die die Staatsanwaltschaft Hannover ermittelt. Schleuserbanden sollen demnach mehr als zehn Jahre lang mehr als 1000 Menschen aus China in die Bundesrepublik gebracht haben. Dabei sollen sie nach einem bestimmten Muster vorgegangen sein: Die Menschen seien als sogenannte Spezialitätenköche eingeschleust worden, danach seien sie als billige Arbeitskräfte ausgebeutet worden.

Nach SPIEGEL-Informationen prüft derzeit die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit, ob und in welchem Umfang gefälschte Papiere und Zeugnisse genutzt werden, um Arbeitskräfte nach Deutschland zu schleusen. Die ZAV muss zustimmen, bevor chinesischen Arbeitskräften eine Arbeitserlaubnis erteilt wird. Jedes Jahr wird 700 bis 800 Chinesen eine solche Erlaubnis erteilt.

Zu den Drahtziehern der Schleusungen, gegen die am Montag vorgegangen wurde, sollen laut der "Neuen Osnabrücker Zeitung" zwei Männer und eine Frau aus China gehören, die seit März in Hannover in Untersuchungshaft sitzen. Die vermeintlichen Spezialitätenköche sollen in den betroffenen Restaurants wie moderne Sklaven gehalten worden sein, sagte der LKA-Sprecher. Sie mussten demnach für Stundenlöhne von weniger als drei Euro arbeiten, die Pässe wurden ihnen abgenommen.

Neben dem Verdacht des gewerbs- und bandenmäßigen Einschleusens gingen die Beamten daher bei der Großrazzia auch Hinweisen auf "Menschenhandel zur Ausbeutung der Arbeitskraft" nach. Geprüft wurden außerdem Verstöße gegen die Sozialversicherungspflicht. Die Durchsuchungen begannen nach Angaben des federführenden Landeskriminalamts in Hannover am Montag zeitgleich um 11.30 Uhr.

Die "Neue Osnabrücker Zeitung" berichtete, in chinesischen Restaurants sollen inzwischen Kataloge existieren, in denen sich die Betreiber Arbeitskräfte aus der Heimat "bestellen" können. Die Betroffenen müssten in der Regel zwischen fünf- und zehntausend Euro für die Schleusung bezahlen.


http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,643274,00.html
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Kater


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« Antworten #13 am: 18. August 2009, 16:10:03 »

Zitat
Sklaven am Wok
Von Andreas Ulrich

Ausgebeutet, rechtlos und miserabel bezahlt schuften viele chinesische Köche in deutschen Asia-Restaurants. Sie sind meist Opfer systematischen Menschenhandels.

Eines Tages wollte Aijun G. sich krankmelden. "Du kannst Pause machen, wenn du Krebs hast", schrie der Boss. "Was kann mir schon passieren, selbst wenn ich dich totschlage?", so erzählt es Aijun G. Dann sei der Chef mit dem Stuhl auf ihn losgegangen, habe mit einem abgebrochenen Flaschenhals gedroht und gebrüllt: "Wenn du zur Polizei gehst, stech ich dich ab."

Das war der vorläufige Höhepunkt seines Arbeitslebens in Deutschland. Ansonsten musste Aijun G. in dem Asia-Restaurant in Speyer bis zu zwölf Stunden am Tag kochen, Geschirr spülen, die Böden wischen und die Abzugshauben putzen; für maximal 900 Euro im Monat und damit deutlich weniger, als ihm bei der Anwerbung in China versprochen worden war.

Spätestens nach der misslungenen Krankmeldung war Aijun G. klar, dass sein Traum, als wohlhabender Mann aus Deutschland in die Heimat zurückzukehren, wohl immer ein Traum bleiben würde. Der Koch erstattete Anzeige und klagte den entgangenen Lohn ein. Das zuständige Amtsgericht stellte das Strafverfahren wegen Körperverletzung vor kurzem gegen Zahlung einer Geldbuße ein, der Arbeitsgerichtsprozess dauert noch an.

Ob Aijun G. jemals entschädigt wird, ist damit offen. Doch zumindest für die deutschen Strafverfolgungsbehörden ist die Anzeige des geknechteten Kochs aus der Pfalz von besonderem Wert. Denn bislang ging die Polizei nur Hinweisen über ein weitverzweigtes System von Schutzgelderpressungen in deutschen China-Restaurants nach. Inzwischen aber haben die Ermittler ein ganz anderes kriminelles Milieu im Visier: eine Art Sklavenhandel des 21. Jahrhunderts.

Hunderte Chinesen werden in den Westen gelockt und hier teilweise brutal ausgebeutet. Es ist organisierter Menschenhandel mit hohem Gewinn bei geringem Risiko. Das Geld verdienen Schleuserorganisationen, die als Vermittlungsagenturen getarnt sind. Die Restaurantbetreiber profitieren von den niedrigen Löhnen.

Opfer sind Männer wie Zhao Zhen*, 36, aus der Provinz Jiangsu im Osten Chinas.

Mit seiner Frau, den beiden Kindern, den Eltern und Schwiegereltern lebte er in einem einfachen Lehmhaus mit einem Boden aus gestampfter Erde. Auf dem Grundstück hielt er Hühner und baute Gemüse an. Denn die 100 Euro, die Zhao in China als Koch verdiente, reichten nicht, um alle zu ernähren.

Bei einer Arbeitsvermittlung sagte man ihm, er könne auch in Deutschland kochen und dort das Zehnfache verdienen. Ein sparsamer Mann wie Zhao hätte so innerhalb von vier Jahren bis zu 25.000 Euro zurücklegen können - für ihn ein Vermögen. Die Aussicht, den Kindern eine Ausbildung finanzieren und der Familie ein größeres Haus kaufen zu können, war so verlockend, dass er zusagte.

Doch erst einmal sollte er selbst zahlen: umgerechnet 10.000 Euro für Vermittlungsprovisionen, Papierkram und die Reise. Er lieh sich das Geld bei der Bank, bei Verwandten und Bekannten. Dann unterschrieb er zwei Verträge, einen auf Chinesisch und einen auf Deutsch. Den deutschen konnte er zwar nicht lesen, doch der sei ohnehin nur eine Formalie für die Einreise, beteuerte der Vermittler. Zhao beantragte einen Reisepass.

Acht Paar Arbeitsschuhe nahm er mit, 15 Hemden und mehrere Hosen. Europa - das wusste er - ist teuer. Mit dem Bus fuhr er erst nach Nanjing und dann weiter nach Peking, wo er zum ersten Mal in seinem Leben in ein Flugzeug stieg. Sein neuer Chef erwartete ihn in Berlin am Flughafen. Er nahm ihm gleich den Pass ab. Sie sprachen nicht viel.

In der Küche des Restaurants zeigte ihm der Chef, wie man kocht, dass es auch Deutsche mögen. Und das ging so: "Die Qualität war schlechter als zu Hause, der Geschmack nicht so fein." Aus dem Gemüse, das die Gäste zurückließen, wurde Pekingsuppe gekocht, das übriggebliebene Fleisch musste gewaschen und am nächsten Tag wieder serviert werden. "Ich hätte das nicht gegessen", sagt Zhao.

Doch das durfte er ohnehin nicht. Für ihn gab es Reis, Nudeln und Chinakohl, dafür arbeitete er sieben Tage die Woche von 10 bis 23 Uhr und schlief auf einer Matratze in der Wäschekammer. Am Ende des ersten Monats gab ihm der Chef 300 Euro. "Den Rest hat er einbehalten, angeblich als Sicherheit, damit ich nicht weglaufe", berichtet Zhao. Als sich der Koch bei seiner Agentur beschwerte, hieß es nur: "Wenn du nicht arbeitest, schicken wir dich zurück nach China."

*Name von der Redaktion geändert


http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,643429,00.html

Zitat
2. Teil: "Teller spülen, Boden putzen, Dunstabzug reinigen"

Etwa 10.000 asiatische Restaurants gibt es in Deutschland. Der Bedarf an billigen Köchen ist entsprechend groß. Bis zu 4000 Chinesen brutzeln in deutschen Asia-Küchen. Jedes Jahr wird zwischen 700 und 800 chinesischen Köchen eine Arbeitserlaubnis erteilt, zustimmen muss die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit.

Um die kulturelle Vielfalt im Land zu fördern, gibt es eine deutsch-chinesische Vereinbarung, wonach ausgewiesene Spezialitätenköche bis zu vier Jahre in Deutschland arbeiten dürfen. Dafür müssen sie etwas können, was die Köche hierzulande nicht beherrschen.

Die ZAV prüft, ob die strengen Anforderungen erfüllt sind. Die Köche müssen Zeugnisse vorlegen und deutsche oder englische Sprachkenntnisse nachweisen. Die Kosten für An- und Abreise hat der Arbeitgeber zu zahlen, Arbeitszeit, Bezahlung und Urlaubsanspruch müssen dem jeweiligen Tarif entsprechen.
 
Zwar wacht in China die staatliche China International Contractors Association über die etwa zwei Dutzend Bildungsträger, die Spezialitätenköche nach Deutschland vermitteln. Doch deutsche Behörden haben zunehmend Zweifel an der Redlichkeit der chinesischen Institutionen.

So schloss das Auswärtige Amt im vergangenen Jahr vorübergehend zahlreiche chinesische Bildungsträger vom Visa-Verfahren aus, weil offenkundig Zeugnisse gefälscht worden waren. Mittlerweile weiß man auch bei der ZAV, dass der schöne Schein der Papiere nicht immer mit der Wirklichkeit am Wok übereinstimmt. "Wir gehen Hinweisen auf Missbrauch nach", sagt Beate Raabe von der ZAV.

Der Missbrauch beginnt schon damit, dass die Köche oft weit höhere Vermittlungsprovisionen zahlen, als zwischen den Ländern vereinbart wurden. Zudem müssen sie die Reisekosten doch selbst übernehmen, und ein geheimer Zusatzvertrag macht sie faktisch rechtlos.

Der Koch, heißt es in einem dieser Verträge, solle "fleißig, hart und beharrlich arbeiten", "nicht an Glücksspielen teilnehmen" und "auf den Rat" des Chefs hören. Er müsse sich darüber im Klaren sein, dass die Arbeit "in der deutschen Küche gute Körperkraft" voraussetze, außer kochen müsse er auch "Teller spülen, Boden putzen, Dunstabzug reinigen" und vieles mehr. Wer dazu nicht bereit sei, solle den Vertrag gar nicht erst unterschreiben, zudem sei er nicht kündbar.

Der Arbeitgeber ist lediglich verpflichtet, sich um Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis zu kümmern sowie Versicherung und Lohnsteuer zu zahlen. Von den ersten Löhnen werde ein Pfand von 1500 Euro einbehalten. Der Arbeitgeber bestimme die Arbeitszeit und wann Urlaub zu nehmen sei. Er werde aber den Koch "nicht absichtlich körperlich und seelisch verletzen".

Am Ende verpflichten sich beide Parteien, "auf keinen Fall dritten Personen Einzelheiten über den Inhalt des Vertrages" bekanntzugeben. Der offizielle Arbeitsvertrag sei "nur für die Beantragung des Visums zu verwenden", er habe "keine bindende Kraft".

Auch Yang Wang* hat zwei Verträge unterschrieben. Einen für die Behörden und einen, der sie praktisch zur Leibeigenen macht. Etwa 9000 Euro zahlte die Frau aus der Provinz Jiangsu an zwei Agenturen. Dafür bekam sie Kochkurse, die sie in wenigen Tagen von einer einfachen Köchin zur zertifizierten Spezialistin machten.

Sie flog nach Hamburg, wo sie von ihrer neuen Chefin am Flughafen abgeholt wurde. Gleich am darauffolgenden Tag begann die Arbeit. Zwischen 11 und 13 Stunden schuftete sie täglich und bekam dafür am Monatsende 680 Euro in bar, viel weniger, als ihr versprochen worden war.

Bernhard Welke, 47, ist Rechtsanwalt in Gentien in Sachsen-Anhalt. Bislang hat er vor allem mit Verkehrsunfällen, Vertragsrecht und anderen Zivilstreitigkeiten sein Geld verdient. Bis er vor zwei Jahren an einen chinesischen Koch geriet, der ihm sein Leid klagte.

Mittlerweile vertritt Welke mehr als 60 Chinesen, die sich von ihren Chefs und den Vermittlungsagenturen betrogen und ausgebeutet fühlen. Er führt im ganzen Bundesgebiet Arbeitsgerichtsprozesse. Manchmal erübrigen sich die Verfahren, weil die Ausländerbehörden die Köche, die sich wehren, zügig ausweisen. Denn mit dem Job verlieren sie schnell die Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis - für die Restaurantbetreiber die bequemste Lösung. Sie haben dann nichts mehr zu befürchten.

Viele Wirte bemühten sich nach Erfahrungen von Welke um gute Behördenkontakte. Sie würden dann mitunter auch bevorzugt behandelt, etwa wenn es darum geht, die Aufenthaltspapiere zu vervollständigen, die erst nach Ankunft der Köche und vor Aufnahme der Arbeit erteilt werden müssen.

Ein China-Restaurant-Betreiber in Rheinland-Pfalz etwa habe sich mit seiner guten Bekanntschaft zu einer Mitarbeiterin der Ausländerbehörde gebrüstet. Mitunter hatte Welke den Eindruck, als kungelten Beamte lieber mit den Restaurantbesitzern, anstatt sich um die Probleme der Köche zu kümmern.

So war es auch bei Aijun G. in Speyer. Es gibt eine tarifliche Ausschlussklausel, die den Arbeitgeber oft ungeschoren davonkommen lässt. Danach verfällt der Anspruch auf Bezahlung von Mehrarbeit, wenn er nicht innerhalb einer bestimmten Frist geltend gemacht wird. Die Beweislast liegt beim Arbeitnehmer.

Die Köche, die Welke vertritt, mussten an mindestens sechs Tagen in der Woche zwischen 65 und 94 Stunden schuften, ihr Lohn betrug meist nicht mehr als 600 Euro bar auf die Hand. Eine Lohnabrechnung sahen sie fast nie. Sie hatten kaum Kontakt zur Außenwelt, selbst das Mobiltelefon lief über den Chef, der damit auch sämtliche Telefonate kontrollieren konnte. Und wer sich dem Regime widersetzte, riskierte, wie in Osnabrück geschehen, den Besuch eines Schlägertrupps.

Fast allen Köchen wurde gleich nach ihrer Ankunft der Pass abgenommen. Nach Welkes Erkenntnissen wurden die Pässe teilweise von anderen Personen dafür benutzt, Spielkasinos zu besuchen oder Gelder nach China zu transferieren. Die Ermittler halten es auch für möglich, dass mit diesen Pässen Chinesen illegal in die EU geschleust werden.

Für die Restaurantbesitzer sind die Kochsklaven ohnehin ein gutes Geschäft. Steht einem Koch für 39 Wochenstunden ein Tarifgehalt von 1900 Euro brutto zu, arbeitet er aber tatsächlich 78 Stunden für 600 Euro, dann spart der Wirt pro Monat 3200 Euro.

*Name von der Redaktion geändert


http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,643429-2,00.html
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Abraxas


Beiträge: 438



« Antworten #14 am: 18. August 2009, 17:56:23 »

das ist überall so. in backshops schuften leute rund um die uhr. diverse läden stellen junge leute ein zahlen dan nicht oder nur ein taschengeld.  in der gastronomie sind schweinereien an der tagesordnung. auszubildende stellen oft 80% des hotelpersonals. schuften stunden über stunden. Beim Marktführer in sachen cattering in einem gebäude der deutschen bank wurde schon mal 16 stunden gearbeitet.
Würde der Zoll statt kleinstschmuggler zu jagen mal nachts in den kneipen und kantienen kontrollieren. vor allem auch in den hotels.
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Fritz Linow


Beiträge: 1163


« Antworten #15 am: 03. März 2018, 23:38:03 »

Zitat
Interview mit Pawel Nowotny, Mitarbeiter einer bekannten Hotelkette:

(…)
Pausen sind nur ein theoretisches Konzept bei uns.

keine Zeit zum Pissen.

Es ist schwer, sich zu organisieren.

Ein anderes Problem ist, dass die Kultur in der Hotelindustrie völlig kaputt ist.
(…)
https://perspektive-online.net/2018/03/kaum-jemand-will-das-lange-zeit-machen/
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Kuddel


Beiträge: 11367


« Antworten #16 am: 05. März 2018, 12:38:15 »

Zitat
Arbeitsbedingungen
Die dunkle Seite des Hotelwunders

Eine TV-Reportage über Ausbeutung im Niedriglohnsektor sorgt für Zündstoff. Hoteliers fordern, dass in den eigenen Reihen aufgeräumt wird.


Das Thema Lohndumping holt die Branche immer wieder ein. Ein Beitrag des TV-Senders Rbb24 sorgt derzeit für eine heftige Debatte in den sozialen Netzwerken. Der Hotelboom und Übernachtungsrekord in der Hauptstadt Berlin werden mit Bezahlung unter Mindestlohn, Ausbeutung und Drohungen gegenüber rebellischen Mitarbeitern in Zusammenhang gebracht. Zimmermädchen und Küchenhilfen kommen zu Wort, die von unbezahlten Überstunden, entfallenem Urlaub und Ausbeutung durch ihre Arbeitgeber sprechen. Nach eigenen Aussagen handelt es sich um Angestellte bei renommierten Berliner Hotels im unteren Lohnsegment. Auf Basis dieser Recherche kam im Sender eine Diskussionsrunde mit Vertretern vom DEHOGA und der Gewerkschaft NGG zustande. Der Tenor: Niedriglöhne im Gastgewerbe finanzieren den Boom in der Hotellerie mit.

System der Ausbeutung

Zum Großteil – aber nicht nur – sind Beschäftigte wie Zimmermädchen oder Küchenhilfen über Subunternehmen angestellt. Zum einen, um Kosten zu sparen, aber auch, weil der Fachkräftemangel keine andere Wahl lässt. Rund 250 Angestellte im Raum Berlin suchen jährlich Hilfe bei der Gewerkschaft, Zehntausende sollen Schätzungen zufolge betroffen sein. Ein betroffenes Zimmermädchen, das in einem Berliner Hotel direkt angestellt war, schildert: „Wenn ich die vorgegebene Zahl an Zimmern nicht geschafft habe, verlängerte sich die Arbeitszeit unbezahlt nach hinten. Das Wort Überstunde wollte die Chefin nicht hören.“ Bei der Gewerkschaft ist man sich sicher: „Hier ist ein Muster innerhalb der Branche zu erkennen, das den Boom mitfinanziert.“

Der DEHOGA sieht keinen unmittelbaren Handlungsbedarf. In der TV-Diskussion verwies Willy Weiland, Präsident des DEHOGA Berlin, darauf, dass Mitgliedsbetriebe rechtlich auf der sicheren Seite seien, wenn sie sich an die Gesetze hielten und sich von Subunternehmern mit einer Unterschrift wiederum bestätigen ließen, dass diese sich ebenfalls an die gesetzlichen Vorgaben hielten.

Die Haltung des DEHOGA erntet Kritik. Jürgen Krenzer, Inhaber von Krenzers Rhönschaf-Hotel in Ehrenberg, betont: „Wir müssen endlich aufräumen. Noch zu viele Betriebe investieren groß und refinanzieren sich auf dem Rücken ihrer Mitarbeiter.“

Als große Herausforderung sieht Marco Nussbaum, Founder und CEO von Prizeotel, die von Investoren getriebene Hotelmarktentwicklung. Steigende Grundstückspreise und Baukosten, gepaart mit den hohen Renditeerwartungen, bringen Manager unter anderem dazu, Personalkosten massiv zu drücken. „Weil sie mit alten Mechanismen Probleme von morgen lösen wollen“, so Nussbaum. Sein Ansatz als Hotelier: „Eine höhere Rate und niedrigere Distributionskosten schaffen finanzielle Spielräume.“

Sanktionen gefordert

Krenzer, Nussbaum und auch Klaus Schindlmeier vom Best Western Plus Palatin Kongresshotel in Wiesloch fordern grundsätzlich ein Ende der Kultur des Wegsehens. Schindlmeier: „Den Wedel-Effekt haben wir schon seit einigen Jahren. Alle wissen es und sehen weg. Schlimmer noch: Alle reden darüber und ändern nichts.“ Marco Nussbaum ergänzt: „In meiner Funktion als Unternehmer plädiere ich für Sanktionen wie dem Ausschluss aus den Verbänden und der Entziehung der Ausbildungslizenz bei Missbrauch.“
https://www.ahgz.de/news/arbeitsbedingungen-die-dunkle-seite-des-hotelwunders,200012245985.html
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