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Autor Thema: Kanalarbeiter - Ganz unten in Indien  (Gelesen 1265 mal)
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Kater


Beiträge: 7110


« am: 04. November 2007, 17:00:37 »

Zitat
KANALARBEITER - Ganz unten in Indien
Aus Neu-Delhi berichtet Daniel Pepper

Es ist eine der gefährlichsten und schmutzigsten Arbeiten, die man sich vorstellen kann: In der Millionenmetropole Neu-Delhi reinigen Tagelöhner die mit Fäkalien verstopften Kanäle. Allein in den vergangenen sieben Jahren kamen dabei Hunderte ums Leben.

Neu-Delhi - Rakesh hockt in einem zwei Meter tiefen Schacht. Fäkalien und Schlamm schwappen um ihn herum. In seinen Händen hält er eine Schaufel und einen Eimer, am Körper trägt er bloß eine lilafarbene Unterhose. Rakesh, 27, wühlt im Dreck, im eigentlichen Sinne. Mit seinen einfachen Werkzeugen schabt er den dicken, schwarzen Klärschlamm aus einem verstopften Abfluss, füllt ihn in einen Eimer und hievt ihn seinen Kollegen auf der Straße entgegen.

Dort, an der Oberfläche, zwischen dem Kanaleinstieg und einem klapprigen Holzkarren wächst derweil ein kleiner Berg faulenden Unrats. Jetzt langen die beiden Kollegen hinunter zu Rakesh und zerren ihn nach oben. Sein fast nackter Körper ist über und über mit Schmutz bedeckt. Seit zehn Jahren arbeitet Rakesh, der drei kleine Töchter und eine Frau zu versorgen hat, für die Stadtreinigung in Neu-Delhi. Im Monat verdient er etwa 70 Euro.

Rakesh stolpert in die Mittagshitze, zu betäubt, um sprechen zu können. Das erste, was du wahrnimmst, so erklärt sein Kollege Rajender Kumar, wenn du in die Kanalisation hinabsteigst, ist der unerträgliche Gestank. Dann siehst du die Schaben und die Ratten. Große Ratten. Und irgendwann stellt jeder der Arbeiter fest, erklärt Rajender, dass er unter Ausschlag und ständig schmerzenden Augen leidet, unter Atemwegs- und Leberproblemen.

Bodensatz der indischen Gesellschaft

Seit ihrer Geburt gehören Rajender, Rakesh und ihre Kollegen zur Kaste der Valmiki, den Benachteiligten der indischen Gesellschaft. Seit Jahrhunderten müssen ihre Mitglieder die schmutzigsten und gefährlichsten Arbeiten des Subkontinents übernehmen. In der ständischen Hierarchie - eigentlich gesetzlich abgeschafft - gibt es für sie praktisch keine andere Möglichkeit zu überleben.

Ihre Häuser liegen unten an der Straße, weit entfernt vom Leuchten der indischen Technologie-Zentren und der aufstrebenden Kommunikationsunternehmen. Ungefähr 800 Millionen Inder müssen mit weniger als 1,40 Euro pro Tag auskommen.

Santram Pradham vertritt die 8000 Abwasser-Arbeiter der Stadtreinigung in Neu-Delhi. Ihm zufolge sind in den vergangenen sieben Jahren rund 1000 Kanalarbeiter gestorben: Sie erstickten an den gefährlichen Gasen oder ertranken in den Exkrementen. Rund 800 von ihnen starben an Tuberkulose oder Hepatitis.

"Die eine Hälfte überlebt es nicht, die andere geht in den Ruhestand", sagt Pradham. Er führt die Sicherheitsmängel auf das geringe Interesse zurück, das die Beamten der Stadtwerke an den Valmiki haben.

Mit Hacke und Eimer im Kanal

Den Kanalarbeitern steht zwar eine Sicherheitsausrüstung zur Verfügung, es wurden Masken, Stiefel, Handschuhe und Pumpen angeschafft. Doch wenn sie zur Arbeit ausrücken, haben sie dennoch nur Eimer, Picke und Hacke dabei.

Rattan Singh ist der Vorgesetzte von Rajender und Rakesh und gehört ebenfalls zur Kaste der Valmiki. Er sagt, die nötige Ausrüstung sei zwar vorhanden, aber die Arbeiter wollten sie nicht nutzen. Man würde sie diskriminieren. "Sie wollen die Sicherheitsausrüstung nicht tragen - ganz einfach." Die Stadt habe nur wenige Maschinen zur Reinigung der Kanäle und die meisten könnten gar kein blockiertes Abflussrohr frei pumpen. "Sie sind riesig, und die Pumpen alt und klein", sagt Singh.

"Es stimmt - die Ausrüstung wird nicht genutzt", bestätigt der Ingenieur Mahendra Kumar. "Menschen von niedrigem Stand werden als Werkzeug angesehen."

Unterernährt und chronisch krank

Von der Stadtreinigung erhält man zur Lage der Kanalarbeiter keinen Kommentar. Ashish Mittal vom Ausbildungs- und Kommunikationszentrum Neu-Delhi hat 2005 einen Bericht über die Abwasser-Arbeiter geschrieben. Er fand heraus, dass die Hälfte der Kanalarbeiter unterernährt ist und unter chronischen Krankheiten leidet. Daran hat sich in den vergangenen zwei Jahren wenig geändert. "Die Stadt agiert verantwortungslos", sagt Mittal. "Wenn sie die grundlegenden Sicherheitsvorkehrungen träfen, müssten die Arbeiter nicht sterben. Aber die haben keine Lobby."

Jeder Kanalarbeiter kennt einen Freund oder Bekannten, der den Job nicht überlebt hat. Wie viele es genau sind, ist schwer zu sagen, denn es sind zumeist Tagelöhner, die auf der Straße angeheuert werden.

Klage gegen Stadt

Im vergangenen Juli hat die "Nationale Kampagne für die Würde und Rechte der Kanalarbeiter" vor dem Obersten Gericht von Neu-Delhi gegen vier städtische Ämter Klage eingereicht. Jene Behörden verfügen über eine eigene kleine Armee von Kanalarbeitern - die Stadtreinigung von Delhi hat die größte.

Hemlata Kansotia, eine erfahrene Sozialarbeiterin führt die Kampagne. Sie beklagt, dass die Valmiki als Kanalarbeiter ausgenutzt würden und dass sie gar keine andere Möglichkeit hätten. Die Kasten-Diskriminierung bestünde fort, auch wenn die indische Verfassung 1950 die Stände abgeschafft hat: "Wenn man sich die Ingenieure und Beamten ansieht, sind das alle Mitglieder von Indiens höheren Kasten. Die Valmiki sind die ärmsten der Armen der indischen Gesellschaft."

Die öffentliche Auseinandersetzung mit dem Thema soll bewirken, dass die Beamten des Stadtbezirks künftig für die Arbeitsbedingungen der Abwasser-Arbeiter verantwortlich gemacht werden können, dass neue und mehr Reinigungsmaschinen angeschafft und Sicherheitsvorschriften verbindlich durchgesetzt werden. Wenn Vorschriften weiterhin ignoriert werden, soll es dem Gericht möglich sein, die Beamten anzuklagen - ihnen könnte dann sogar eine Haftstrafe drohen.

Keine Entschädigung für Witwen

"Eine solche Regelung sollte es in jedem Bundesstaat geben", sagt Surekha Rahal. Der Rechtsanwalt einer Menschenrechtsorganisation in Delhi nimmt beeidete Aussagen der Witwen toter Abwasser-Arbeiter auf. Bisher haben sie noch keine Entschädigung bekommen.

In Neu-Delhi leben inzwischen rund 16 Millionen Menschen, und jährlich strömen Hunderttausende aus den ländlichen Gebieten in die Metropole - viel zu viele, um die Grundversorgung aufrechtzuerhalten. Würde man die verwinkelten Abwasserkanäle aneinanderlegen, käme man auf eine Strecke von 6000 Kilometern. 6000 Kilometer, die die Kanalarbeiter reinigen und dabei ihr Leben riskieren. "Wenn sich nichts ändert, wird das ganze System in den kommenden zwei Jahren zusammenbrechen", sagt Ingenieur Mahendra Kumar.

Im September ordnete ein Richter des Obersten Gerichtes von Neu-Delhi an, dass es den Beruf des Abwasser-Arbeiters bald nicht mehr geben soll, legte aber keinen genauen Zeitplan fest. Den fordern jedoch die Aktivisten, um die Verwaltung darauf festnageln zu können. Die nächste Anhörung ist für den 1. Dezember angesetzt. Die Anwälte der Kanalarbeiter werden weiter dafür kämpfen, dass sich das System ändert. Die Stadtreinigung wird darauf beharren, dass bereits genug getan worden ist - oder die Schuld auf andere Ämter abwälzen.


http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,514824,00.html
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Kuddel


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« Antworten #1 am: 19. Juni 2017, 16:54:30 »

Zitat
Kommunistischer Gewerkschaftsaktivist von Kommunalbeamten der indischen Regierungspartei ermordet
– weil er sie daran hindern wollte, Frauen zu fotografieren, die im Freien auf die Toilette gehen müssen




Das Opfer der hindu Mordbanden in Rajasthan am 16.6.2017 Zafar Hussein KhanDas Land der Könige, Rajasthan, ist der größte Flächenstaat Indiens, größer als die erweiterte BRD. Bei den letzten Wahlen errang die BJP, Regierungspartei auch in Delhi, 163 von 200 Sitzen im Parlament – eine der Hochburgen der zumindestens faschistoiden Hindutva-Bewegung, neben dem bevölkerungsreichsten Bundesstaat Uttar Pradesh und dem „Besipielstaat“ Gujarat, der lange von Herrn Modi selbst regiert wurde, inklusive Neoliberalismus und Jagden auf Moslems. Das gewalttätige Indien also, auch das Indien mit so vielen alltäglichen Vergewaltigungen. Genau da, inmitten der BJP Mobilisierungen gegen Rindfleischfresser, fotografieren Kommunalbeschäftigte einer kleinen Stadt Frauen beim „Open Air“ Toilettengang: Fast 5.000 Ortschaften haben hier immer noch kaum Toiletten, trotz aller angeblicher Fortschritte in der Regierungszeit der rechtsradikalen Frau Raje. Nun haben also Kommunalbeschäftigte in dem Ort Pratapgarh Frauen dabei fotografieren wollen, wie sie unter freiem Himmel ihren Toilettengang absolvieren müssen. Dann kam ein 55-jähriger Bauarbeiter, Zafar Hussein,  daher – und wollte sie daran hindern. „Solche Sachen“ sah er, so seine Familie danach, „als seine Pflicht an“. Dafür wurde er von der Bande ermordet. Schließlich war er Aktivist der Bauarbeitergewerkschaft im Gewerkschaftsverband AICCTU – und Mitglied der KPI (Marxisten-Leninisten). Solche Haltungen und solche Aktivitäten sind im Indien des Herrn Modi gefährlich – lebensgefährlich bei dem mobilisierten Mob im ganzen Land.
http://www.labournet.de/?p=117630
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