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Autor Thema: Vor 90 Jahren: Matrosenaufstand in Kiel  (Gelesen 12217 mal)
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Kater


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« am: 04. November 2008, 16:16:35 »

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Matrosen der Revolution

Der Kaiser wollte sie in eine letzte, sinnlose Seeschlacht schicken - doch die Besatzungen der deutschen Flotte verweigerten den Befehl. Der Matrosenaufstand breitete sich in Deutschland aus wie ein Flächenbrand. Nur Tage später war Wilhelm II. gestürzt, Deutschland Republik und der Krieg zu Ende. Von Katja Iken

Der Todesschuss für die deutsche Monarchie fiel bei Einbruch der Dämmerung - aus der Gewehrmündung kaisertreuen Truppen. Als an jenem bleigrauen Novembersonntag in Kiel demonstrierende Arbeiter und Soldaten auf die Karlstraße einbogen, um zur Arrestanstalt zu ziehen, eröffnete eine Militärstreife das Feuer. Im Kugelhagel starben sieben Männer, 29 wurden schwer verletzt. Einige bewaffnete Demonstranten schossen zurück; auch der Leutnant, der seinen Soldaten Feuer frei befohlen hatte, wurde von Kugeln getroffen.

Dann ging plötzlich alles ganz schnell. Was als Meuterei kriegsmüder Matrosen begann, eskalierte nach dem blutigen Zwischenfall vom 3. November 1918 im Handumdrehen zum bewaffneten Aufstand - und schließlich zur Revolution, die den Hohenzollern-Kaiser in Berlin seinen Thron kostete. Der Funke, an der Küste gezündet, entfachte einen nationalen Flächenbrand, der sich binnen weniger Tage durch das ganze Land fraß. Nicht einmal eine Woche nach der Schießerei in Kiel dankte Kaiser Wilhelm II. ab.

Himmelfahrtskommando zur Ehrenrettung

Auslöser dieses weltpolitischen Erdbebens, das eine Ära in Deutschland beendete, war ein wahnwitziger Befehl gewesen: Eitle Admiräle hatten die vor Wilhelmshaven tatenlos auf Reede liegende deutsche Hochseeflotte in eine letzte aussichtslose Seeschlacht gegen die haushoch überlegenen Briten schicken wollen - obwohl bereits Vorverhandlungen zum Waffenstillstand im Gang waren. Die finale "Entscheidungsschlacht", von der die Admiralität träumte, war ein hoffnungsloses Himmelfahrtskommando, einzig dazu da, dem fragwürdigen Ehrenkodex des Offizierskorps genüge zu tun. Für abertausende deutsche Seeleute hätte der von Konteradmiral Adolf von Trotha zum "ehrenvollen Kampf" stilisierte Wahnsinn
den sicheren Tod bedeutet.

Nun aber verweigerten den Gehorsam, weil sie kein Kanonenfutter werden wollten. Die Stimmung in der Hochseeflotte war schon länger miserabel gewesen, bereits im Sommer 1917 hatte es Rebellionen gegeben, die brutal unterdrückt worden waren. Doch mit dem Durchsickern des geheimen Angriffsbefehls kippte die Situation. In der Nacht vom 29. auf den 30. Oktober 1918 weigerten sich die Heizer und Matrosen des I. und III. Geschwaders, die Anker zu lichten und die Kessel zu befeuern - die Offiziere mussten ihren Befehl zurückziehen.

Flottenchef Admiral Franz Ritter von Hipper gab seinen Schlachtplan auf und ließ mehr als 1000 Mann verhaften. Zudem befahl er, die Verbände auseinander zu ziehen, um so der explosiven Lage auf den Schiffen Herr zu werden. Das besonders renitente III. Geschwader schickte er nach Kiel - und importierte so den Aufstand in die Ostseestadt. Denn die Matrosen, die Hinrichtungen wie im Sommer 1917 befürchteten, setzten alles daran, ihre in Kieler Arrestanstalten eingelieferten Kameraden zu befreien.

“Unbarmherzig folgte Salve auf Salve“

Kaum in Kiel an Land, verbrüderten sich die Seeleute mit den Arbeitern und Marinesoldaten vor Ort. Tag für Tag schlossen sich mehr Mannschaften den Aufständischen an, immer lauter ertönten neben der Forderung nach Freilassung der Matrosen auch die Rufe nach Frieden und Brot - und nach dem Ende der Monarchie.

Am Nachmittag des 3. November spitzte sich die Situation zu. Mehrere tausend Menschen waren auf dem Großen Exerzierplatz zu einer Kundgebung zusammengekommen. "Es lebe die Internationale!" und "Weg mit dem Kaiser!" hallte es durch die Kieler Innenstadt. Ziel der Demonstranten war die Marinehaftanstalt in der Feldstraße, wo sie die inhaftierten Meuterer befreien wollten. Dann fielen Schüsse. "Einige Kameraden von uns suchten immer wieder vorzudringen", beschrieb der Werftarbeiter Karl Artelt, einer der Anführer des Kieler Matrosenaufstandes, die blutige Episode, "doch unbarmherzig folgte Salve auf Salve, so dass bereits 30 unserer Kameraden teils tot, teils schwer verletzt, am Boden lagen."

In Windeseile verbreitete sich die Nachricht von dem Blutvergießen unter den meuternden Soldaten. Die Folgen waren dramatisch - alle Kieler Marineverbände schlossen sich dem Aufstand an. Auf den kaiserlichen Kriegsschiffen im Hafen überwältigen revolutionäre Matrosen ihre Offiziere und rissen die Reichskriegsflaggen von den Masten, bei der Torpedodivision bildete sich am 5. November der erste Soldatenrat - die Meuterer griffen nach der Macht. Der Widerstand gegen Irrsinnsbefehle war umgeschlagen in eine Revolution.

"Über der deutschen Flotte weht heute die rote Fahne der Revolution!"

Bald lag die Macht in Kiel in den Händen der Aufständischen. "Über der deutschen Flotte weht heute die rote Fahne der Revolution!", jubelte die "Schleswig-Holsteinische Volkszeitung": "Der 5. November 1918 wird ein ewig denkwürdiger Tag der deutschen Geschichte sein. Endlich ist das Volk ganz befreit! Endlich hat das Volk ganz gesiegt!". In Kiel herrschte bereits nach wenigen Tagen wieder Ruhe: Die Berliner Regierung hatte den SPD-Reichstagsabgeordneten Gustav Noske an die Kieler Förde gesandt, um die Ordnung in der Stadt wieder herzustellen.

Dem charismatischen, hochgewachsenen Sozialdemokraten mit dem Schlapphut gelang es, die Wogen zu glätten, indem er sich an die Spitze der Bewegung setzte: Am 5. November ließ sich Noske, den die Aufständischen begeistert als einen der ihren begrüßten, vom Soldatenrat kurzerhand zu dessen Vorsitzenden wählen. "Die politische Macht ist in unserer Hand“, erklärte der Rat am 7. November - tatsächlich rettete Noske von der alten Ordnung, was noch zu retten war, indem er die Forderungen der Meuterer nach Freilassung ihrer Kameraden und der Verbesserung ihrer Lebensbedingungen durchsetzte. Kaum waren sie erfüllt, kehrte wieder Ruhe in den Straßen ein; Noske gab die Leitung des Soldatenrats wieder ab und übernahm das Amt des Gouverneurs von Kiel.

Der Funke springt über

Der Unruheherd Kiel mochte sich durch Noskes diplomatisches Geschick befrieden lassen - die dort einmal entfachte Dynamik jedoch war nicht mehr aufzuhalten. Binnen Stunden sprang der Kieler Funke auf andere Marinestandorte über: Noch am 5. November revoltierten die Matrosen auch in Brunsbüttel, Cuxhaven, Lübeck und Hamburg. Am Tag darauf geriet der Aufstand endgültig zur überregionalen Revolution.

Einer Lawine gleich rollte die Bewegung von Norden los und griff von den Küstenstädten auf das Binnenland über. Überall rissen spontan gewählte Soldaten- und Arbeiterräte vor Ort die Macht an sich. Die alte Staatsgewalt wehrte sich, wenn überhaupt, nur noch sporadisch. Am 7. November erreichte die Revolution München und fegte mit Ludwig III. den letzten Wittelsbacher vom Thron. Als erstem deutschen Königreich wurde an diesem Tag in Bayern die Republik ausgerufen; innerhalb der folgenden zwei Wochen dankten sämtliche deutschen Fürstenhäuser ab. "Macht euren Dreck doch aleene", soll Sachsens letzter Herrscher, Friedrich August III, gesagt haben, als seine Untertanen ihm den Thron vor die Tür setzten.

In der Reichshauptstadt Berlin fielen die Würfel am 9. November. Angesichts von Massendemonstrationen und dem allgemeinen Zusammenbruch der militärischen Disziplin verkündete Reichskanzler Max von Baden an diesem Tag die Abdankung Wilhelms II. - ohne die Antwort des zaudernden Kaisers aus seinem Hauptquartier im belgischen Spa auf drängende Telegramme abzuwarten. Wenig später verkündete der Sozialdemokrat Philip Scheidemann vom Balkon des Reichstags das Ende des wilhelminischen Kaiserreichs ("Es lebe das Neue. Es lebe die deutsche Republik"), während im Berliner Tiergarten und dann noch einmal vom Balkon des Stadtschlosses der Kommunist Karl Liebknecht seinerseits die Republik ausrief ("Ich proklamiere die freie sozialistische Republik Deutschland, die alle Stämme umfassen soll!").

Wilhelm II. war da schon auf dem Weg ins niederländische Exil. Offiziell abgedankt hatte er noch nicht - im Grunde war es eine Art Fahnenflucht.


http://einestages.spiegel.de/static/topicalbumbackground/3068/matrosen_der_revolution.html
« Letzte Änderung: 14. April 2009, 10:47:10 von Kater » Gespeichert
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« Antworten #1 am: 10. November 2008, 10:24:19 »

Zitat
"Überall herrscht gesteigerte Kampfeslust"
Von Ulli Kulke

Vor 90 Jahren begann in Kiel der Matrosenaufstand, der das Ende des Kaiserreichs einläutete. Briefe des Marinekommandanten Reinhard Scheer an seine Familie belegen, dass er jegliches Gespür für die Stimmung unter den Soldaten verloren hatte

Der große Marinekommandant, der noch gut zwei Jahre zuvor die so kampfstarke britische Grand Fleet vor dem Skagerrak das Fürchten gelehrt hatte, ihm war der Realitätssinn abhanden gekommen. "Überall herrscht gesteigerte Kampfeslust", schätzte er am 29. Oktober 1918 in einem Brief an seine Familie die Lage ein. Admiral Reinhard Scheer, im Mai 1916 bei jener größten Seeschlacht der Marinegeschichte noch oberster Kommandant der kaiserlichen Hochseeflotte, inzwischen aufgestiegen zum Stabschef der Seekriegsleitung, übte sich gegen Ende des Krieges in Optimismus und Gelassenheit. Täglich schrieb er seiner Frau oder telefonierte ausführlich mit ihr, nahm sich Zeit für lange Spaziergänge mit seinem Hund Battie.

Gerade mal eineinhalb Wochen später war dann die Wirklichkeit über ihn hereingebrochen. Schlagartig hatte er erkennen müssen, wie wenig Kampfeslust gerade bei seinen Matrosen herrschte. Nicht nur der Sieg, von dem er immer noch geträumt hatte, war nun in Gefahr. Ganz offensichtlich hatte er nun auch Angst um sein Leben, befürchtete, von meuternden Matrosen an die Wand gestellt zu werden, wie es die bolschewistischen Revolutionäre mit ihren Offizieren gerade erst vorgemacht hatten. "Wenn ich keine Gelegenheit mehr haben sollte, Dir zu schreiben, so sollst Du doch noch einmal hören, wie teuer Du mir bist", hieß es im Brief am 10. November 1918.

Für Optimismus war ihm nun längst jeder Anlass genommen, und wo es noch Kampfeslust gab, so richtete sie sich gegen ihn selbst. Spätestens seit dem 4. November, heute vor 90 Jahren. Arbeiter- und Soldatenräte hatten, zuerst an jenem Tag in Kiel, anschließend binnen weniger Tage überall im Reich - noch Kaiserreich - die Macht übernommen. Am 9. November aber hatte Reichskanzler Max von Baden die Abdankung des Kaisers bekannt gegeben. Nicht zuletzt Reinhard Scheer selbst hatte daran, dass alles zuletzt so schnell ging, gehörigen Anteil. Er war der Betreiber jenes berüchtigten Flottenbefehls vom 24. Oktober, mit dem die Seekriegsleitung ihr gesamtes großes Gerät noch einmal zur Grand Fleet der Briten schicken wollte, auf die Nordsee, zu einer Art zweitem Skagerrak - ein Befehl, der die Matrosen auf die Barrikaden rief.

Ausgearbeitet hatte den Plan Konteradmiral Adolf von Trotha, ihm schwebte eine "letzte Entscheidungsschlacht" vor, "auch wenn sie ein Todeskampf wird". Intern machte sich die Flottenführung nichts vor: "Wenn auch nicht zu erwarten ist, das hierdurch der Lauf der Dinge eine entscheidende Wendung erfährt, so ist es doch aus moralischen Gesichtspunkten eine Ehren- und Existenzfrage der Marine, im letzten Kampf ihr Äußerstes getan zu haben." Düstere Aussichten für die Matrosen und Heizer, die noch an die Schlacht vorm Skagerrak denken mussten, wo bereits 8500 von ihnen auf beiden Seiten an Deck oder tief unten im Schiffsbauch elend zu Tode gekommen waren. So düster, dass die Website der Deutschen Marine heute in ihren Geschichtsbetrachtungen sich jeglicher Kritik an der damaligen Meuterei enthält. So düster auch, dass eigentlich selbst Admiral Scheer den Lauf der Dinge hätte ahnen können.

Julius Halm, Urururenkel Scheers, hat sich durch die Korrespondenz seines berühmten Vorfahren gegraben und stellt einen zum Ende des Ersten Weltkriegs hin wachsenden Wahrnehmungsverfall fest. Scheer, der in den frühen Jahren, als er noch zu Friedenszeiten um die Welt fuhr, in seinen Briefen solche Neugier bewies, für andere Kulturen durchaus aufgeschlossen war, er "dachte nun, er wüsste alles", meint Halm, und habe so den Sinn für neue Situationen um ihn herum verloren. Auch der Umschwung in der Marine sei so an ihm vorbeigegangen. Halm geht davon aus, dass Scheer "die Revolution von 1918 hätte verhindern können, hätte er die Zeichen der Zeit erkannt". Sie waren deutlich genug.

Offiziell war der Befehl Scheers noch streng geheim, als die Hochseeflotte Ende Oktober bei Wilhelmshaven auf der Schillig-Reede vor Anker lag. Doch sprach er sich in der Nacht vom 29. zum 30. Oktober zügig herum. Und dies, obwohl die Flüsterpropaganda der Heizer und Matrosen das Wasser zwischen den isoliert liegenden Schiffen erst mal überbrücken musste. Bald gab es Befehlsverweigerung beim Ankerlichten, offene Meuterei und sogar Sabotage im III. Geschwader auf den Schlachtschiffen "Thüringen" und "Helgoland". Die Admiralität fuhr großes Geschütz auf, am Morgen des 31. Oktober waren Torpedorohre einiger U-Boote und Torpedoboote auf die beiden Stahlkolosse gerichtet. Sollte die große, die letzte Schlacht nun schon im heimatlichen Jadebusen über die Bühne gehen? Die U-Boote waren Scheer eher ergeben, hatte der Flottenkommandant gegen Ende des Krieges doch noch ein großes U-Boot-Programm ins Leben gerufen, mit dem er die britische Seeherrschaft brechen wollte.

In letzter Sekunde ergaben sich die meuternden Matrosen und Heizer, ließen sich festnehmen. Widerstandslos, aber gewiss nicht leichten Herzens, hatte doch Admiral Scheer persönlich ein Jahr zuvor zwei meuternde Matrosen hinrichten lassen. Auf den ersten Blick war es ein Sieg der Seekriegsleitung. Andererseits sah das Flottenkommando ganz realistisch, dass man sich des Gehorsams nicht mehr sicher sein konnte.

Befehl an das III. Geschwader zur Rückfahrt in den Heimathafen Kiel, Flottenübungen bei der Durchfahrt durch den Nord-Ostsee-Kanal, Eintrag des Geschwaderkommandeurs Kraft: "funktioniert tadellos". Noch im Kanal aber ließ Kraft auf dem Schlachtschiff 47 Matrosen verhaften, die er als Haupträdelsführer ansah. Dies war das Signal dafür, dass gleich unmittelbar nach der Ankunft im Kieler Marinehafen klar war, dass nichts mehr "tadellos funktioniert". Die Matrosen, denen Landurlaub gewährt wurde, trafen sich abends am 1. November im Gewerkschaftshaus - und nun kam die Politik ins Spiel. Die örtlichen Gewerkschaften schalteten sich ein, SPD und USPD - jene Partei, die sich im Streit über die Kriegskredite von den Sozialdemokraten abgespalten hatte - waren zur Stelle. Zwei Forderungen mobilisierten nun, da die Kriegsmüdigkeit in der Heimat derjenigen an der Front nicht mehr nachstand, die Menschen zu mehreren Zehntausenden: kein Auslaufen mehr gegen den Feind und die Freilassung der inhaftierten Matrosen. Die Polizei sperrte zwar noch das Gewerkschaftshaus ab dem 2. November, am 3. schoss die Garnison in die Massen, tötete sieben Personen und verletzte mehrere Dutzend. Doch am 4. November 1918, jenem Tag, der als Beginn der deutschen "Novemberrevolution" gilt, hatten die Kräfte der kaiserlichen Ordnung in der Hafenstadt keine Macht mehr, auch wenn sie sich noch der Illusion hingaben, mit den Aufständischen zu verhandeln. Tatsächlich hatten sich die Soldaten der örtlichen Garnison mit ihnen verbrüdert, auf allen Kriegsschiffen im Hafen wehte die rote Fahne.

Auch wenn nun Matrosenräte, Arbeiterräte, Soldatenräte aus dem Chaos erwuchsen - dass die Bolschewisten die Macht übernähmen, wie es wohl Scheer befürchtet hatte, davon war man weit entfernt. Gustav Noske, Reichstagsabgeordneter der SPD, war aus Berlin herbeigeeilt, wurde begeistert empfangen und ließ sich flugs an die Spitze der Räte wählen - eine Erfahrung, die auf Jahrzehnte für die Sozialdemokratie sinnstiftend wirken sollte. Erst in Norddeutschland, bald auch in Württemberg und in Bayern war anschließend die kaiserliche Macht zusammengebrochen, sie war einem Flächenbrand zum Opfer gefallen.

Am 11. November 1918 war der Krieg für Deutschland zu Ende. Rat der Volksbeauftragten, Reichsrätekongress, Weihnachtsunruhen, Spartakusaufstand, das Reich kam lange nicht zur Ruhe - noch ein dreiviertel Jahr bis zum August 1919 sollte es dauern, bis die Weimarer Verfassung in Kraft trat. Den Matrosenaufstand hätte Reinhard Scheer vielleicht verhindern können, wenn er die Zeichen der Zeit erkannt hätte, das Kaiserreich damit aber wohl kaum retten können. Übrigens war sein Flottenbefehl im Grunde auch schon eine Meuterei - gegen das Parlament, das nach der neuen Reichsverfassung vom Oktober 1918 über einen solchen Kriegszug gen England hätte befinden müssen. Auch deswegen war der Befehl geheim. Und: Dass Kaiser Wilhelm in die Niederlande floh, war genau genommen sogar Fahnenflucht, weil er die Abdankungsurkunde erst Wochen später im Exil unterzeichnete. Doch darauf kam es da nun auch nicht mehr an.


http://www.welt.de/welt_print/article2670818/Ueberall-herrscht-gesteigerte-Kampfeslust.html
« Letzte Änderung: 14. April 2009, 10:48:08 von Kater » Gespeichert
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« Antworten #2 am: 10. November 2008, 17:47:42 »

Zitat
In den Toppen weht die roten Fahne
Von Helmut Bock

Als sich am 31. Oktober die Nebel über Wesermündung und Jadebusen heben, kommen ungewohnt viele Schiffe in Sicht, die auf der Schilling-Reede vor Anker liegen. Die Admiralität hat die Lieblingswaffe des Kaisers zusammengezogen – zum Manöver, wie es mäßigend heißt. Aber die 80 000 Matrosen und Heizer trauen solcher Erklärung nicht. Warum räumen Minensuchboote die Fahrstrecke nach Skagen, sogar weiter in Richtung der Orkney-Inseln, wo in Scapa Flow ein Teil der britischen Flotte liegt? Aus den streng überwachten Funkbuden sickert allmählich das Gerücht einer bevorstehenden Schlacht. Und endlich, seitdem gestern der Befehl »Seeklar!« gekommen ist, wissen sie es: Sie sollen in letzter Minute des verlorenen Kriegs gegen die dreifache Übermacht der Briten geworfen werden. In den sicheren Untergang, den sinnlosen Tod.

Die Heizer des Kreuzers »Straßburg« sind vom Landgang nicht mehr an Bord gekommen, und Matrosen haben versucht, die Flutventile zu öffnen. Gerüchte schmoren. Aufwiegelnde Gedanken laufen um. Erregte Gruppen rotten sich zusammen. Auf dem Panzerkreuzer »Thüringen« sind 1100 Mann. Der Befehl, die Anker zu lichten, ist dreimal missachtet worden. Am 31. Oktober, morgens acht Uhr, ist wieder Gezeitenhochwasser, die Möglichkeit zur Ausfahrt. Matrosen besetzen die Geschützbatterie auf dem Vorderdeck, blockieren das Ankerspill. An der Flaggenleine steigt ein Tuch in die Mastspitze, entfaltet im Wind ein leuchtendes, weithin sichtbares Rot – seit 1789 die Farbe des Bürgerkriegs, der Volksempörung. »Reißt das Feuer aus den Kesseln!« agitieren lautstark die Heizer. »Meuterei!« brüllen die Offiziere, bewaffnen und sammeln sich auf dem Achterdeck.

Admiral Hipper, Oberbefehlshaber der Großkampfschiffe, beordert ein Torpedoboot und ein U-Boot schussfertig auf Gefechtsposition gegen die »Thüringen«. Ein einziger Torpedo könnte den Koloss in den Grund bohren. Marine-infanterie, in Eile aus Wilhelmshaven herbeikommandiert, besetzt mehrere Schiffe. 600 Mann der »Thüringen«, 200 der »Markgraf«, 150 der »Helgoland«, nahezu tausend Mann werden unter scharfer Bewachung an Land gebracht. Die Meuterei scheint besiegt. Das Standgericht gegen Reichpietsch und Köbis, die schon im Vorjahr den Matrosenstreik anführten, die Schüsse ihrer exemplarischen Hinrichtung – sind noch in aller Erinnerung. Und dennoch: Die Heroenschlacht gegen die Engländer findet nicht statt! Unter dem Vorwand, die große Masse der Besatzungen könne nicht genügend versorgt werden, dampft das II. Flottengeschwader nach Brunsbüttelkoog, das III. durch den Kaiser-Wilhelm-Kanal zurück zur Kieler Förde.

Während der Fahrt will Vizeadmiral Kraft gegen den Virus der Meuterei ganze Arbeit leisten. Auf seinem Flaggschiff, der »Markgraf«, lässt er weitere 47 »Rädelsführer« einbunkern. Er führt das Geschwader nach Kiel, wo sich die Hauptmarinestation des Reiches für die Region der Ostsee befindet und muss bald erfahren, dass er genau dort seine Befehlsgewalt verlieren wird. Denn als am 1. November vor Pier und Hafen fünf Großkampfschiffe, 36 Torpedoboote und U-Boote liegen, als außerdem heimkehrende, total desillusionierte Frontsoldaten aus Flandern ihre Transportschiffe verlassen, konzentriert sich in der Hafenstadt eine höchst brisante Massenstimmung. Hunderttausend Blaujacken, Feldgraue, Proleten, Angestellte, viele Frauen und Mütter – sie alle sind nicht gewillt, den Befehlsgewalten und Durchhalteparolen weiterhin zu folgen. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Nachricht dessen, was auf der Flotte geschah. Und was dort begann, ist nicht zuende. Matrosen versammeln sich im Gewerkschaftshaus und fordern: »Freilassung der gefangenen Kameraden!«

Als sie am nächsten Tag wiederkommen, ist das Gebäude von Polizei besetzt. Ortskundige Funktionäre der SPD, der Gewerkschaft oder der Unabhängigen Sozialdemokraten lassen sich nicht blicken. Was tun? Bedürfnisse schaffen Gelegenheiten, Gelegenheiten schaffen ihre »Helden«. Ein Arbeiter im Matrosendress der I. Torpedo-Division ergreift die Initiative, ruft alle Protestierer auf den Exerzierplatz: Die Kameraden müssen freigekämpft werden! Oberheizer Karl Artelt ist der situationsbedingte Organisator: 28-jährig, gelernter Maschinenschlosser und linker Sozialdemokrat, hat er Widerstand gegen militärische Disziplin schon mit Festungshaft büßen müssen. Er agitiert für eine Kundgebung am nächsten Tag, steigt noch am Abend seinen USPD-Genossen auf die Bude. Resultat sind Flugblätter: »Arbeiter, demonstriert in Massen! Lasst die Matrosen nicht im Stich!«

Dann kommt der 3. November, ein Sonntag. Der Militärgouverneur lässt sichere Truppen in Bereitschaft halten und »Alarm!« blasen. Das Hornsignal befiehlt jedem Matrosen und Soldaten, aufs Schiff, in die Kaserne zu kommen – bewirkt aber das ganze Gegenteil. Der Lärm lockt einige Tausend auf den Exerzierplatz. Dort rufen Artelt und ein Gewerkschaftsführer wiederum zur Solidarität mit den Inhaftierten: »Auf zur Marine-Arreststation!« Man singt die Arbeitermarseillaise. Dann gellen vereinzelte Rufe: »Weg mit dem Kaiser! Es lebe die deutsche Republik!« Militärpatrouillen werden beiseite gedrängt. In der Stadt aber kommt es zur offenen Konfrontation: junge, verhetzte Rekruten gehorchen dem Schießbefehl. Sieben Tote und 29 Verletzte! Das erste Blut der deutschen Revolution fließt auf Kiels Straßenpflaster.

So wird die eiserne Logik entfesselt, von der die Geschichtsschreiber seit jeher berichtet: Fast immer beginnen Regierungskräfte mit der Anwendung tödlicher Gewalt – und erzeugen die Gegengewalt des Volkes. Spontan, mit brutal erzwungener Wut, rebellieren die Mannschaften der Hochseeschiffe und der Küstenmarine, legen Proletarier der Germaniawerft und der Torpedowerkstatt die Arbeit nieder. Offiziere werden entwaffnet und ihrer Rangabzeichen entledigt. Matrosen besetzen die Gewehrkammern der Kasernen. Durch freie Akklamation wählt die Torpedo-Division den ersten deutschen Soldatenrat und Artelt wird sein Sprecher. Am Morgen des 4. November verfügen die Aufständischen über 20 000 Gewehre mit Munition. Artelt führt eine Abordnung zum Gouverneur, wobei sich die geschichtswürdige Szene entspinnt: Ein Oberheizer zwingt einen Vizeadmiral, auf die Herbeirufung von Truppen gegen den Aufstand zu verzichten und die Verhafteten freizugeben. Noch einmal marschieren die Matrosen vor die Arrestanstalt. Diesmal sind sie bewaffnet – diesmal befreien sie ihre Kameraden.

Abends drängen sich Zwanzigtausend auf dem Wilhelmplatz. Kiel ist in den Händen von Matrosen und Soldaten, die weitere Räte bilden, und von Arbeitern, die den Generalstreik beschließen. Jetzt endlich haben sich Funktionäre der USPD und sogar der SPD angeschlossen. Sendboten schwärmen die Küste entlang, berichten in Brunsbüttel, Hamburg, Bremen, Wilhelmshaven. Indes erklären Matrosenvertreter im Gebäude der Reichsmarinestation dem machtlosen Gouverneur, acht wortlosen Admiralen, überdies lokalen Funktionären der beiden sozialdemokratischen Parteien und vier Reichstagsabgeordneten ihre politischen Forderungen: 1. Abdankung des Kaisers, 2. Beseitigung sämtlicher Monarchien in Deutschland, 3. »freie Volksrepublik«, 4. gerechtes Wahlrecht, 5. Pressefreiheit und 6. Entlassung aller politischen Gefangenen. Soldatendelegierte verlangen ergänzend: »Beseitigung des Militarismus«. Es sind Forderungen einer bürgerlich-demokratischen Revolution. Sie überfliegen die örtlichen Kompetenzen weit, werden nicht diskutiert und auch nicht sogleich veröffentlicht. Draußen sind unregelmäßige Schüsse zu hören. Ein Kapitän schießt auf einen Matrosen. Matrosen schießen auf den Kapitän und töten mehrere Offiziere. Am Ende der Nacht ist von allen Schiffen die kaiserliche Kriegsflagge verschwunden. In den Toppen weht die roten Fahne.

In den ersten Novembertagen 1918 entfachten die Flotte und die Stadt Kiel die Flamme der revolutionären Erhebung gegen Weltkrieg und Kaisertum. Ihre Funken sprangen ins Land – mit historisch unvergesslichen Folgen.

Prof. Helmut Bock ist Mitglied der Historischen Kommission der LINKEN.


http://www.neues-deutschland.de/artikel/138570.in-den-toppen-weht-die-roten-fahne.html
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« Antworten #3 am: 17. November 2008, 18:35:14 »

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Revolutionäre Gymnastik

Karl Liebknecht sah »wildgewordene Spießbürger« an der Revolution arbeiten. Der deutsche Arbeiter war in Wirklichkeit ein Kleinbürger. Aus Revolutionärinnen wurden unversehens Sekretärinnen. Und die deutschen Revolutionäre gaben einen erbeuteten Lastwagen voller Geldscheine brav der Reichsbank zurück. So konnte aus der »freien sozialistischen Republik Deutschland« nichts werden. Ein Rückblick aus Anlass des 90. Jahrestags der Novemberrevolution 1918 in Berlin.

von Ralf Hoffrogge

Mitte des Jahres 1918 war für Eingeweihte der militärische Zusammenbruch des deutschen Kaiserreiches absehbar, dennoch war sein Militär- und Repressionsapparat vollkommen intakt. Nach wie vor unterstützte die Mehrheit der einst als »vaterlandslos« beschimpften Sozialdemokraten den Krieg. Mit einer ersten Meuterei in der Hochseeflotte 1917 und drei großen Massenstreiks in den Städten, 1916, 1917 und zuletzt im Januar 1918, hatte es heftige Proteste gegen den Ersten Weltkrieg gegeben. Aber eine Revolution schien weit entfernt. Dennoch gab es mit der Spartakusgruppe und den in der Gewerkschaftsopposition tätigen »Revolutionären Obleuten« zwei Vereinigungen, die im Verborgenen energisch auf genau dieses Ziel hinarbeiteten. Beide gehörten der 1917 gegründeten Unabhängigen Sozialdemokratie (USPD) an und standen in Austausch mit deren Parlamentsabgeordneten, arbeiteten aber ansonsten autonom. Die Obleute hatten zuvor die Massenstreiks gegen den Krieg organisiert und sich dabei immer mehr radikalisiert. Sie schmiedeten nun Aufstandspläne, waren aber uneins darüber, ob sie sich dabei auf die Spartakusgruppe verlassen konnten. Einerseits war diese ihnen in ihren politischen Analysen durchaus überlegen und lieferte scharfe Agitationsschriften über die ökonomischen Hintergründe des Kriegs. Andererseits verfügte der Spartakus im Gegensatz zu den Obleuten nicht über eine Massenbasis in den Betrieben und war durch Spitzel und Verhaftungen stark geschwächt worden, so dass der Kontakt zwischen beiden Gruppen zeitweilig ganz abgebrochen war.

Dies änderte sich mit der Entlassung Karl Liebknechts aus der Haft. Er verdankte diese Freilassung einem Kurswechsel der Militärführung angesichts der drohenden Niederlage. Die Amnestie war eine Etappe auf dem Weg zur geplanten Demokratisierung des Kaiserreiches. Gegenüber den Entente-Mächten wollte man guten Willen zeigen und die Monarchie retten. Liebknecht wurde am 23. Oktober 1918 von Tausenden Arbeitern und Arbeiterinnen am Anhalter Bahnhof triumphal empfangen – dabei hatte das Militär seine Entlassung eigentlich geheim und in aller Stille vornehmen wollen. Rosa Luxemburg dagegen blieb bis zum 9. November in Haft und wurde erst durch die Revolution befreit.

Liebknecht nahm nun regelmäßig an den Sitzungen der Obleute teil, dank seiner Autorität wurden nun auch wieder andere Angehörige des Spartakus zu den Treffen zugelassen. Unter dem Titel »Vollzugsausschuss des Arbeiter- und Soldatenrates« trafen sich nun regelmäßig Vertreter von Spartakus, Obleuten und der USPD-Linken zu illegalen Sitzungen.

Karl Liebknecht war nach der Wiederannäherung von der Taktik der Obleute wenig begeistert. Trotz der eher durchwachsenen Bilanz seiner eigenen Organisation sparte er nicht mit Kritik. »Er sah in diesem Kreis keine Vereinigung entschlossener Revolutionäre, höchstens einen Klub wild gewordener Spießbürger, die im Verborgenen tagen und die Welt nichts von ihrem Dasein wissen lassen«, erinnerte sich später Richard Müller, der Anführer der Revolutionären Obleute (1).

In der Tat hatten die Obleute bisher niemals ihre Organisation als solche in die Öffentlichkeit gebracht, wie es die USPD und auch die Spartakusgruppe taten. Sie betrieben ihre Propaganda unter der Hand in den Betrieben, weiteten ihr Netzwerk von Vertrauensleuten aus und schlugen nur dann zu, wenn sie die Lage für aussichtsreich hielten. Demonstrationen führten sie keine durch, und auch andere Straßenpropaganda betrieben sie nicht. Überhaupt befürworteten sie eher Aktionen, auf aufklärende Propaganda oder Theoriearbeit, wie bei der Spartakusgruppe üblich, legten sie wenig Wert. Ihr Aktionsfeld war die Fabrik, ihre politische Aktionsform der Generalstreik. Obwohl sie mehrfach Hunderttausende von Arbeitern und Arbeiterinnen in den Streik geführt hatten, war ihre Organisation und ihre Arbeitsweise nur den Mitgliedern selbst bekannt. Erst im Dezember 1918, Wochen nach der Revolution, trafen sich die Obleute zum ersten Mal öffentlich und gaben auch erstmals eine Presseerklärung unter ihrem Namen heraus. Selbst der Kommentator der USPD-Zeitung Freiheit hatte damals anscheinend keine Ahnung, wer diese Obleute eigentlich waren.

Liebknecht war diese klandestine Arbeitsweise fremd. Als Parteipolitiker war er an Wahlkämpfe und öffentlichkeitswirksame Aktionen gewohnt, auch vom Naturell her lag ihm die große Geste mehr als die Arbeit im Verborgenen. Und natürlich drängte es ihn nach zwei Jahren Gefängnis zur Tat. Er wollte Schluss machen mit der vorsichtigen Linie der Obleute, die stets große Rücksicht auf die Stimmungen der Arbeiterklasse nahm, und drängte zur Aktion. Richard Müller beschreibt Liebknechts Überzeugung wie folgt:

»Nach der Meinung Liebknechts und der anderen Spartakusleute musste die Arbeiterschaft ständig in Aktionen, ständig in Kampfhandlungen gehalten werden. Demonstrationen, Streiks, Zusammenstöße mit der Polizei sollten den revolutionären Elan der Masse anfachen und bis zur Revolution steigern. (…) Die Erfahrungen der russischen Revolution wurden zur Begründung herangezogen.«

Müller und die Obleute lehnten diese Pläne einmütig ab. Sie verteidigten ihre bisherige Linie. Die russische Taktik gelte für Deutschland nicht, denn aufgrund der Sozialisierung im gewerkschaftlichen Tageskampf und der dadurch erreichten Errungenschaften waren ihrer Meinung nach die deutschen Arbeiter und Arbeiterinnen nicht dazu bereit, mit der Losung »Tod der Bourgeoisie« bis zum Äußersten zu gehen. Insbesondere Richard Müller verstand hier zu differenzieren zwischen den eigenen Ideen und dem tatsächlichen Bewusstseinszustand der Arbeiterklasse. Diesen kennzeichnete er nüchtern als einen, dem an der Verteidigung von Besitzständen gelegen ist: »In jeder Familie hatte sich im Laufe der Zeit dieses und jenes angesammelt, einst sauer erworben, dessen Verlust schmerzlich empfunden wurde. Ein Teil der Arbeiter hatte sich nicht nur kleinbürgerlich, sondern gut bürgerlich eingerichtet.« Die Arbeiterklasse in Deutschland hatte also schon 1918 ein wenig mehr zu verlieren als ihre Ketten, sie würde daher der voluntaristischen Linie des Spartakusbundes nicht folgen – so schätzte Müller die Lage recht realistisch ein.

Die Sturheit der Obleute verursachte nicht nur bei Karl Liebknecht einiges an Ärger. Generell war man im Spartakusbund darüber erbost, dass die Obleute sich partout nicht der vermeintlich überlegenen Gruppe unterordnen wollten. Neben inhaltlichen Differenzen schienen auch Profilierungsdrang und Konkurrenzdenken eine gewisse Rolle im Konflikt beider Gruppen zu spie­len. Im Grunde teilten die Obleute durchaus die revolutionären Vorstellungen Karl Liebknechts und des Spartakusbundes – sie lehnten jedoch dessen Taktik der permanenten Aktion ab und verspotteten sie als »revolutionäre Gymnastik«. Wie schon beim Januarstreik 1918 wollten die Obleute auch mit der nächsten Aktion erst dann beginnen, wenn die Stimmung reif war – dann aber wollte man in ganz Deutschland loslegen. Der Überraschungseffekt sollte dem Kaiserreich einen finalen Schlag verpassen und den Umsturz einleiten.

Der Klempner Emil Barth organisierte für die Gruppe bereits seit Wochen den Ankauf und die Sammlung von Waffen. Diese wurden unter Lebensgefahr in Privatwohnungen versteckt, etwa in den Zimmern der einzigen Frau im engeren Kreis der Gruppe, Cläre Casper. Bei ihr als alleinstehender Frau würde niemand die Waffen suchen. Auch andere Frauen waren damals an der gefährlichen Arbeit des Waffenschmuggelns beteiligt, etwa Lucie Heimburger-Gottschar. Es ist bezeichnend, dass sowohl Cläre Casper als auch Lucie Heimburger später im revolutionären »Vollzugsrat der Groß-Berliner Arbeiter- und Soldatenräte« mitarbeiteten, jedoch nicht als Ratsmitglieder, sondern als Sekretärinnen.

Finanziert wurden die Waffen teilweise durch Kontakte zu den russischen Bolschewiki, teilweise wurden sie auch einfach aus Munitionsfabriken gestohlen. Ein abenteuerlicher Plan, durch Kontakte zum französischen Geheimdienst weiteres Geld zu erhalten, scheiterte.

Die späte und in den Augen der Obleute mangelhafte Bewaffnung war ein Grund, warum sie den Aufstandstermin trotz der Ungeduld der Spartakusgruppe und speziell Karl Liebknechts auf den gemeinsamen Geheimsitzungen immer wieder aufschoben. Den Kampf um Berlin als Bastion der Regierungsgewalt wollten sie unter keinen Umständen unvorbereitet führen. Der USPD-Politiker Ernst Däumig, der vor dem Krieg selbst jahrelang Unteroffizier gewesen war, wurde deshalb im Geheimauftrag der Gruppe los­gesandt, um die Stimmung unter den Berliner Truppen auszukundschaften. Gleichzeitig wurden detaillierte Aufmarschpläne angefertigt, eine Choreographie der Revolution entstand. Am Vormittag des 2. November trafen sich schließlich Revolutionäre Obleute und Mitglieder der Spartakusgruppe in einer Kneipe in Berlin-Neukölln und sprachen über den endgültigen Aufstandsplan. Mehrere bewaffnete Demonstrations­züge sollten von den Großbetrieben am Stadtrand zu den Kasernen führen, um dann gemeinsam mit übergelaufenen Soldaten und erbeuteten Waffen die Machtzentren in der Innenstadt zu besetzen. Die Revolutionäre waren sich allerdings darüber im Klaren, dass ein bewaffneter Kampf gegen eine loyale Armee nicht zu gewinnen war. Die Truppen mussten deshalb durch Einschüchterung und Überrumpelung zur Neutralität oder zum Überlaufen bewegt werden. Bewaffnete Arbeiter und Soldaten würden deshalb jeweils an der Spitze gehen, um die Polizei und das Militär einzuschüchtern und vom Kampf abzuhalten.

Am Morgen des 2. November, als die Pläne zum Aufstand in Berlin noch präzisiert wurden, hatte die Revolution im Reich jedoch schon begonnen. Seit dem 27. Oktober 1918 gab es erste Meutereien in der Hochseeflotte, die Nachrichten darüber waren jedoch unklar. Einige Tage später hissten aufständische Matrosen die rote Fahne auf den kaiserlichen Schlachtschiffen und wählten Matrosenräte. Jetzt war nicht mehr zu leugnen, dass die Revolution im Gange war. Der Berliner Revolutionäre Obmann Paul Eckert resümierte später: »Wir dachten zu schieben, wurden aber durch die Matrosenaufstände geschoben.«

Trotz der unerwarteten zweiten Flottenrevolte wollten die Obleute jedoch nicht sofort losschlagen. Bereits am Nachmittag des 2. November kamen weitere Zweifel auf. Würden die Arbeiter und Arbeiterinnen in den Betrieben mitziehen? Zudem wusste man weder über die Stimmung in der Provinz noch über die Zuverlässigkeit der Berliner Truppen wirklich Bescheid. Erst wenn die Loyalität des Militärs so geschwunden war, dass die Soldaten nicht mehr auf die Aufständischen schießen würden, hielten Müller und seine Genossen den Zeitpunkt für den Umsturz gekommen. Allen war klar: Die eigene Bewaffnung reichte zwar zur Abschreckung, aber für einen ernsthaften Kampf mit militärischen Formationen waren die Revolutionäre nicht gerüstet. Um ein Massaker zu vermeiden, sollte daher ein verfrühtes Losschlagen um jeden Preis vermieden werden.

In einer weiteren Geheimsitzung des illegalen »Arbeiterrates« wurde dann am Abend des 2. November gegen das heftige Drängen Liebknechts entschieden, doch nicht am 4., sondern erst am 11. November mit dem Aufstand zu beginnen. Die Gruppe war nervös. Am Vormittag war man sich noch einig gewesen, angesichts negativer Stimmungsberichte aus den Betrieben waren die Obleute am Abend jedoch unsicher und gespalten wie selten zuvor. Richard Müller plädierte für die Beibehaltung des Termins, andere rieten ab. Die Entscheidung für eine Verschiebung fiel mit einer Mehrheit von 22 zu 19 Stimmen. Lediglich die Obleute waren in dieser Frage abstimmungsberechtigt, der Spartakus und die USPD nicht. Eine Tatsache, die wie kaum eine andere ihre führende Rolle in der Vorbereitung der Revolution unterstreicht. Der Spartakusgruppe gefiel die Verschiebung natürlich nicht. Ihr Vertreter Wilhelm Pieck, der es in späteren Jahren bis zum Staatspräsidenten der DDR brachte, warf den Obleuten »Mangel an persönlichem Mut« vor. Die negativen Berichte seien einigen Sitzungsteilnehmern nur allzu gelegen gekommen. Fakt war jedoch, dass viele Zeitgenossen sich Anfang November 1918 mehr als unsicher über die revolutionäre Stimmung in Deutschland waren, vielfach sogar von einer revolutionsfeindlichen Stimmung ausgingen.

Als die Revolte der Flotte sich ausweitete, wurde die Kritik an der Terminverschiebung trotz aller Unsicherheiten immer lauter. Am 3. November traf ein Vertreter der »roten Matrosen« in Berlin ein und berichtete dem revolutionären Zirkel aus erster Hand von den Entwicklungen in Kiel. Obleute hielten dennoch an dem Beschluss fest: Erst am 11. November sollte die Revolution in Berlin zum Kampf ums Ganze antreten. Barth und Müller lehnten auf den nun fast täglich stattfindenden Geheimsitzungen immer wieder eine Beschleunigung ab. Karl Liebknecht war außer sich. Wütend notierte er in seinem Tagebuch:

»Allen Forderungen auf Beschleunigung der Aktion wird seit dem 3. November von Däumig, Barth, Müller usw. stereotyp entgegnet: Jetzt sei alles auf den 11. November vorbereitet, es sei technisch unmöglich, die Revolution früher zu machen! Alle Proteste L.[iebknecht]s gegen diese grob-mechanische Auffassung prallten ab, bis die objektiven Verhältnisse die superklugen Revolutionsfabrikanten überrannten.«

Die Verärgerung von Pieck und Liebknecht war angesichts der sich überschlagenden Ereignisse durchaus nicht unberechtigt. Erst am 8. November, als nicht mehr geleugnet werden konnte, dass die Revolution überall im Reich bereits in vollem Gange war, gaben die Obleute nach. Kurzfristig wurde eine Sitzung einberufen. Diese wurde jedoch von der Polizei entdeckt und aufgelöst, was zur Verhaftung Ernst Däumigs führte. Das war eine Katastrophe, denn gerade Däumig hatte in einer Aktenmappe alle militärischen Pläne der Revolutionäre mit sich geführt.

Die Revolutionäre standen unter Zugzwang. Gleich zweifach drohten ihre Pläne aufzufliegen, eine Entdeckung war nur noch eine Frage der Zeit – Zeit, die in Stunden und nicht mehr in Tagen gezählt wurde.

Unterdessen verbreitete sich die Nachricht von der Festnahme Däumigs in Windeseile. Mochte sie auf die Verschwörer einschüchternd wirken, so löste sie unter der Arbeiterklasse Empörung aus. Die Regierung begann, die Kontrolle zu verlieren. In einer improvisierten Sitzung des Arbeiterrates am selben Abend wurde endlich für den nächsten Tag das Losschlagen beschlossen. Richard Müller plagten bis zuletzt schwere Zweifel. Später schrieb er über seine Gefühle am Vorabend der Revolution:

»Am 8. November abends stand ich am Halleschen Tor. Schwer bewaffnete Infanteriekolonnen, Maschinengewehr-Kompagnien und leichte Feldartillerie zogen in endlosen Zügen an mir vor­über (…) Das Menschenmaterial sah recht verwegen aus. Es war im Osten zum Niederschlagen der russischen Arbeiter und Bauern und gegen Finnland mit Erfolg verwendet worden. Kein Zwei­fel, es sollte in Berlin die Revolution des Volkes im Blute ersäufen. (…) jetzt, wo die Stunde der Entscheidung nahte, erfasste mich ein beklemmendes Gefühl, eine große Sorge um meine Klassengenossen, um das Proletariat. Ich selbst kam mir angesichts der Größe der Stunde beschämend klein und schwach vor. Kein unfehlbarer Führer zeigt dem Proletariat die Pfade, die es zu wandeln hat.«

Doch seine Sorgen waren unbegründet. Als die Arbeiter und Arbeiterinnen am Morgen des 9. November die Fabriken verließen und in Massen zu den Kasernen strömten, fand sich kaum ein Soldat bereit, auf sie zu schießen. Spontane Verbrüderungen fanden statt, rote Fahnen wehten auf Kasernen und Ministerialgebäuden. Sowohl Philipp Scheidemann (SPD) als auch Karl Liebknecht riefen die Republik aus – der eine die »Deutsche Republik«, der andere die »Freie Sozialistische Republik Deutschland«. Wer von beiden sich durchsetzen würde, sollte sich erst in den nächsten Wochen zeigen.


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« Antworten #4 am: 17. November 2008, 18:42:23 »

Fortsetzung:

Zitat
Theodor Plivier setzte diesem 9. November mit seinem Roman »Der Kaiser ging, die Generäle blieben« ein literarisches Denkmal:

»Durch Moabit marschiert eine große bewaffnete Truppe – die im Zellengefängnis befreiten Matrosen, Feldgraue, Arbeiter, angeführt von Richard Müller, der bis zum Januarstreik Vorsitzender der Revolutionären Obleute war. Neben ihm geht ein Mann, der ein erschreckend mageres Gesicht hat. Müller hat ihn vor einer Stunde zum ersten Mal gesehen, aber gemeinsam haben beide den Zug zusammengestellt und gemeinsam führen sie ihn an. Der Metallarbeiter Müller ist als Kandidat der USPD vor wenigen Tagen von der Front reklamiert worden. Der andere hat bis heute in einem Geschäft für Droschkenuhren Adressen geschrieben. Als Kriegsfreiwilliger war er verwundet zum Offizier befördert worden; später versuchte er, fahnenflüchtig als ›wilder Kämpfer‹ nach Frankreich überzulaufen, und stellte sich schließlich dem Gericht, um seine Strafe zu erhalten und abzusitzen.

Richard Müller und Heinrich Dorrenbach marschieren mit ihrer zusammengelesenen Truppe der inneren Stadt zu, um den Reichstag zu besetzen. An der Moltkebrücke stoßen sie auf eine vergessene Abteilung Gardeschützen. Die Soldaten denken nicht daran, die Brücke zu verteidigen. Sie werfen ihre Gewehre in die Spree, einige schließen sich der Revolutionstruppe an.

So gelangen sie ungehindert bis zum Reichstag.

Unter Hochrufen marschieren sie ein.

In der Wandelhalle macht die Truppe Halt.

Müller hält eine kurze Ansprache und erklärt, dass sie auf alle Fälle beisammen bleiben und den Reichstag besetzt halten müssen. Er werde sofort zu den Unabhängigen hinaufgehen und dem Vorstand von der Existenz der Truppe Mitteilung machen. Dorrenbach meint, zuerst müssen wir mal was zu essen besorgen.

Die Soldaten stellen ihre Gewehre zu Pyramiden zusammen und stehen verloren vor dem Marmorstandbild Wilhelms I., einige hocken auf dem Teppich. Die morgens mit Lastwagen eingetroffenen Matrosen, denen noch die nächtliche Fahrt durch den Nebel in den Knochen steckt, legen sich lang und versuchen zu schlafen. Dieses plötzliche Feldlager stört niemand. Ein nicht abreißendes Getriebe jagt vorbei, Parlamentarier, Journalisten, Soldaten, Volk – durch die Wandelhalle, durch das Restaurant, durch den großen Plenarsaal, die Treppen hoch, die Gänge der Obergeschosse entlang, in denen die Fraktionszimmer liegen. In einem Zimmer bildet sich ein Ernährungsausschuss, in einem anderen ein Wohlfahrtskomitee. Kommissionen tagen, deren Daseinszweck niemand kennt, die sich in kurzem wieder auflösen oder in andere Räume übersiedeln. In Zimmer 18 tagt der Vorstand der Unabhängigen, in Zimmer 15 der Vorstand der Sozialdemokraten, im Nebenraum findet eine Versammlung von Soldatenräten statt …«  (2)

Plivier stützte sich für seinen 1932 erschienenen Roman auf umfangreiches Quellenmaterial und Zeitzeugeninterviews, diese Stelle modellierte er teilweise nach den Erinnerungen Müllers, der in einer Fußnote seiner Revolutions­geschichte vom Marsch auf den Reichstag berichtet.

Plivier hebt am Schluss der Passage zu Recht auf den teilweise chaotischen Verlauf der Revolution ab. Obwohl der Obmann Emil Barth später von sich behauptete, die Revolution im Alleingang vom Hinterzimmer einer Kneipe aus geleitet zu haben, liefen doch faktisch die meisten Aktionen unkoordiniert und in recht improvisierter Art und Weise ab. Richard Müllers Beschreibung dürfte näher an den Tatsachen liegen: »Am Tage des Aufstandes bedurfte es keiner Leitung, sie wäre auch rein technisch nicht möglich gewesen, jeder musste nach eigenem Ermessen, wie es die Situation erforderte, handeln.«

Dennoch verlief die Revolution nicht völlig ohne Struktur. Der Historiker Ottokar Luban schreibt hierzu treffend: »Von zentraler Bedeutung war nun die planmäßige Vorbereitung des Aufstandes durch die Revolutionären Obleute, insbesondere die Bewaffnung. Diese stärkte zum einen das Selbstbewusstsein der Aufständischen gegenüber der am 8. November und am Morgen des 9. in den Berliner Straßen noch deutlich sichtbaren Machtpräsenz des alten Regimes. Die vielfach mit den Betriebsvertrauensleuten besprochenen Pläne sorgten nach der Ausgabe der Parole zum Losschlagen für ein relativ planmäßiges Vorgehen der Demonstrationszüge und gaben der Aktion für einige Stunden eine gewisse Ablaufstruktur.«

Die Revolution verlief zunächst erstaunlich unblutig, sie forderte am 9. November selbst nur wenige Todesopfer. Sieben davon wurden am 20. November auf dem »Friedhof der Märzgefallenen« im Volkspark Friedrichshain beerdigt. Die Revolutionäre des Jahres 1918 bestanden darauf, ihre Opfer neben denen der Revolution von 1848 zu bestatten. Die Zeremonie begann jedoch nicht im Friedrichshain, sondern auf dem Tempelhofer Feld, damals noch kein Flughafen, sondern ein Exerzierplatz. Von dort startete der Leichenzug in einer Demonstration mit mehreren hunderttausend Trauernden durch die Straßen Berlins. Richard Müller hielt zu Beginn der Trauerfeier eine Leichenrede, Emil Barth und Karl Liebknecht sprachen später im Friedrichshain. Eines der wenigen überlieferten Fotos von Richard Müller zeigt ihn bei der Zeremonie in Tempelhof. In Sonntagskleidung mit Hut steht er neben Friedrich Ebert in einer großen Menschenmenge, sein Gesicht hinter den starken runden Brillengläsern und dem gestutzten Oberlippenbärtchen wirkt erschöpft und abgehärmt. Vor dem 9. November war er wochen­lang seiner Wohnung ferngeblieben, hatte die ganze Zeit über seine Familie nicht gesehen – aus Angst vor Verfolgung durch Polizei und Militär. Bis zuletzt plagten ihn Zweifel über das Gelingen der Aktionen, das ständige Hin und Her zwischen geheimen Treffen und Besprechungen, die ständige Flucht hatten ihn zusätzlich angegriffen. Aber auch nach dem Umsturz fand er keine Erholung, denn der 9. November war nicht der Abschluss, sondern erst der Beginn der eigentlichen Revolution. All diese Anstrengungen sind ihm auf der Aufnahme vom 20. November 1918 deutlich anzusehen.

Am ersten Revolutionstag war die alte Staatsgewalt besiegt, eine neue hatte sich noch nicht konstituiert. Einige Obleute trafen sich am Nachmittag des 9. November 1918 im Reichstag, wo nun im allgegenwärtigen Durcheinander eine recht zufällig zusammengesetzte Versammlung von Soldatenräten tagte und hitzig über den Verlauf der Revolution diskutierte. Emil Barth gelang es schließlich, die Versammlungsleitung in die Hand zu bekommen. Richard Müller verfasste dann spontan, »ohne gründliche Prüfung, aus der Not der Stunde geboren«, einen Antrag über die Wahl von Arbeiter- und Soldatenräten in ganz Berlin und eine Zusammenkunft derselben im »Cirkus Busch« am Nachmittag des nächsten Tages (3). Hier sollte das Machtvakuum beendet und eine Revolutionsregierung gewählt werden. Der Antrag wurde angenommen, und die Obleute hatten zunächst wieder das Heft in der Hand.

Am selben Tag begannen in den Hinterzimmern des Reichstags Verhandlungen zwischen der USPD und der SPD über die Bildung einer Arbeiterregierung. Trotz größter Feindschaft zwischen den Anführern beider Parteien setzte sich schließlich auf Betreiben des USPD-Parteivorsitzenden Hugo Haase die Ansicht durch, dass eine gemeinsame Regierung notwendig sei. Jede Gruppe durfte ohne Intervention der jeweils anderen Fraktion ihre Delegierten für das Kabinett benennen – womit die Unabhängigen bereit waren, gegen ihre bisherige Linie mit den führenden Köpfen der »Kriegssozialisten« zusammenzuarbeiten. Karl Liebknecht wiederum setzte mit Unterstützung von Richard Müller und Emil Barth durch, dass dem Vereinbarungstext zufolge alle exekutive, legislative und richterliche Gewalt bei den Arbeiter- und Soldatenräten lag. Ein Eintreten in die Regierung lehnten sowohl Müller als auch Liebknecht jedoch ab. Die SPD hatte in der Vereinbarung die Räterepublik für den Moment akzeptiert, beharrte aber darauf, dass nur eine Nationalversammlung den endgültigen Charakter der neuen Verfassung beschließen könne. Sie erkannte also die revolutionären Räte nur unter Vorbehalt an. Die spontan entstandenen Räte verstießen eklatant gegen das Demokratieverständnis der sozialdemokratischen Führung, welches im Grunde ein bürgerlich-liberales war. Erst eine Nationalversammlung mit durch allgemeine Wahlen legitimierten Vertretern konnte in ihren Augen über eine neue Verfassung entscheiden. Revolutionäre Räte sah die SPD-Führung nur als Verursacher von Unruhe und Chaos.

Und Chaos gab es reichlich in den Tagen der Novemberrevolution, in der Szene aus Pliviers Roman wurde dies bereits angedeutet. Ein Mitglied der Revolutionären Obleute namens Paul Blumenthal berichtet uns eine weitere Episode, die sich während der Koalitionsverhandlungen zwischen USPD und SPD im Reichstag abspielte:

»Danach ging ich in das Fraktionszimmer zurück, wo ich den Sekretär unserer Fraktion der USPD, den Genossen Vogtherr, in großer Not vorfand. Irgendeine Gruppe von Soldaten hatte einen ganzen LKW mit Geldscheinen beschlagnahmt und hatte das Geld nun im Fraktionszimmer der USPD abgeladen. Der Genosse Vogtherr fragte mich, was machen wir nun damit? Wir wussten es auch nicht, und schließlich beschlossen wir, dieses ganze Geld in einen Tresor der Reichsbank zu geben. Ich bekam den Auftrag, den Transport des Geldes zu sichern. Wir haben das Geld dann auch zur Reichsbank gebracht, und ich möchte heute sagen, dass wir große Hornochsen waren, den Kapitalisten das schöne Geld wieder zurückzugeben. Damals aber dachten wir, wir hätten die Macht, und auch die Reichsbank würde uns gehören. Das war ein riesengroßer Irrtum. Nichts gehörte uns, und die Macht hatten nach wie vor die Kapitalisten.«

Lastwagen voller Geld in den Händen meuternder Soldaten – solche Zustände waren natürlich alptraumhaft für sozialdemokratische Parlamentarier und Gewerkschaftsfunktionäre, die seit Jahren in den Parlamenten, Landtagen, Versicherungsanstalten und Gewerbegerichten des Kaiserreichs mitarbeiteten und sich politische Umwälzungen kaum noch anders denn als einen langsamen Evolutionsprozess vorstellen konnten. Gleichzeitig zeigt diese Episode, wie fundamental die Revolutionäre des 9. November die Beharrungskräfte des Staatsapparates unterschätzten. Ein Missverständnis, das letztlich das Schicksal der Revolution besiegeln sollte.

Der 10. November 1918, an dem nun die Revolutionsregierung gewählt und ein oberstes Räte­organ geschaffen werden sollte, war ein Sonntag. Das erschwerte die Wahl von Arbeiterräten in den Fabriken deutlich. Die revolutionären, aber politisch völlig unerfahrenen Soldaten waren in den Kasernen, und die Mehrheitssozialdemokraten wussten dies. Noch am 9. November druckte die SPD Tausende von Flugblättern und verteilte sie in den Militärstützpunkten rund um Berlin, um die zu wählenden Soldatenräte auf ihre Seite zu ziehen. Auch persönlich agitierte die SPD unter den Soldaten, es bildeten sich gleich mehrere von SPD-Reichstagsabgeordneten angeleitete Soldatenräte. Weitaus eindrucksvoller war jedoch ein pathetischer Einigungsaufruf im Vorwärts am 10. November. Der Aufruf mit der Überschrift »Kein Bruderkampf« traf die euphorische Stimmung von Arbeitern, Arbeiterin­nen und Frontsoldaten gleichermaßen. Er schaffte es, mit einer großen Geste vier Jahre voller Kriegsnot und erbitterter Differenzen zu übertünchen. Im Gegensatz zur SPD unternahm der USPD-Parteivorstand keinerlei Versuche, die Rätebildung in seinem Sinne zu beeinflussen – ein schweres Versäumnis, wie sich später zeigen sollte. Der Spartakusbund bereitete lediglich ein Flugblatt vor, die Gruppe war Wilhelm Pieck zufolge »numerisch zu schwach, um eine ausgedehnte Agitation vornehmen zu können«.

Erleichtert wurde die Einflussnahme der Mehr­heits-SPD durch die Tatsache, dass der von Müller am Vortag »ohne gründliche Prüfung« verfasste Antrag recht ungenau war und nichts über die genauen Modalitäten der Rätewahlen aussagte – außer dass für je 1000 Beschäftigte ein Delegierter gewählt werden sollte. Aufgrund dieser unklaren Regeln, aber auch aus Zeitnot gab es während der Versammlung im »Cirkus Busch« keine Mandatsprüfung. Der Versammlungsteilnehmer Paul Blumenthal berichtet zudem, »dass die Kontrolle der Ausweise sehr schlecht und äußerst mangelhaft war, so dass alle möglichen Leute mit irgendwelchen Zettelchen dort Zutritt hatten«. Die Versammlung umfasste schließlich etwa 3000 Personen, unter denen die Soldaten in der Mehrzahl waren.

Richard Müller, Emil Barth und Oberleutnant Walz, der militärische Berater der Obleute, führten den Vorsitz. Allerdings gelang es den Obleuten nicht, in der Versammlung ihre Vorstellungen durchzusetzen. Die bessere Vorbereitung der SPD, vor allem aber die alles überragende Parole von der Einigkeit der Arbeiterparteien verhinderte die ursprünglich im Kreis der Obleute geplante Einsetzung eines nur von Spartakusvertretern und Obleuten besetzten »Aktionsausschusses« als oberstes Organ der Revolution. Der Plan war, diesen Ausschuss als Organ der Räte über die neue Regierung der Volksbeauftragten zu stellen und somit die formale Koalitionsvereinbarung, dass die Staatsgewalt in Händen der Räte liege, einzuhalten. Die Versammlung im »Cirkus Busch« lehnte jedoch die von den Obleuten eingebrachte Liste ab und verlangte, auch das oberste Räteorgan solle paritätisch aus Vertretern von USPD und SPD gebildet werden. Müller und Barth verwehrten sich heftig dagegen, Emil Barth wünsch­te gar die ganze Versammlung »zum Teufel«, falls »diejenigen im Arbeiterrat sein sollen, die wir gestern früh noch mit dem Browning aus den Buden herausholen muss­ten«. Wilhelm Pieck zufolge drohte er sogar, »sich eher eine Kugel durch den Kopf schießen zu lassen, als mit den Regierungssozialisten zusammenzuarbeiten«. Er löste mit diesen Ausbrüchen aber nur noch größeren Widerspruch aus, insbesondere unter den Soldatenräten.

Nachdem die Soldatenräte mit einem Boykott der Versammlung gedroht hatten und es zu tumultartigen Szenen gekommen war, wurde kein Aktionsausschuss gewählt, sondern statt dessen ein paritätisch zusammengesetzter »Groß-Berliner Vollzugsrat der Arbeiter- und Soldatenräte« gebildet. Es gab nun in der Anfangskoalition des Vollzugsrats sieben SPD-Mandate, sieben USPD-Mandate, die von den Obleuten wahrgenommen wurden, sowie 14 Sitze für die Soldatenräte. Den Vorsitz des Rates führten Richard Müller und der Sozialdemokrat Brutus Molkenbuhr. Sowohl die gewählten Personen als auch die Zahl der Mitglieder des Vollzugsrates wechselten im Laufe der nächsten Wochen ständig. Die Mehrheitsverhältnisse blieben aber stets ungünstig für Müller und die Vertreter der USPD, denn die politisch unerfahrenen Soldatenräte schlugen sich meist auf die Seite der SPD.

Als neue Regierung wurde nun der in den Verhandlungen des Vortages gebildete »Rat der Volksbeauftragten« eingesetzt, bestehend aus Friedrich Ebert, Philipp Scheidemann und Otto Landsberg für die SPD sowie Hugo Haase und Wilhelm Dittmann für die Unabhängigen. Emil Barth trat als dritter Vertreter der USPD in die Regierung ein. Die bürgerlichen Minister der Vorgängerregierung blieben auf Drängen der SPD als »technische Gehilfen« der Volksbeauftragten im Amt, ihre vermeintlich unpolitische Natur erwies sich jedoch schon bald als Fiktion.

Richard Müller und die Revolutionären Obleute waren nun von einer klandestinen Widerstandsorganisation aufgestiegen in die höchsten Regierungsämter. Müller war als Vorsitzender des Vollzugsrates nach revolutionärem Recht sogar Staatsoberhaupt, denn der Voll­zugs­rat war als höchstes Organ der Räte im Reich Träger der Staatsgewalt. Dennoch hatten die Obleute ihr Ziel verfehlt und vermochten es nicht, die Revolutionsregierung auch faktisch zu dominieren. Statt dessen bestimmten die erfahrenen Parteigrößen von USPD und SPD weitgehend das Geschehen. Die Ursachen waren einerseits der improvisierte Verlauf der Revolution und die schlecht vorbereitete Versammlung im »Cirkus Busch«, andererseits die parteitaktische Unerfahrenheit der Obleute, die der Agitation der SPD wenig entgegensetzen konnten. Hinzu kam die Tatsache, dass trotz des großen Einflusses der Gruppe bei den Industriearbeitern und Arbeiterinnen ihr Führungskreis in der Öffentlichkeit nahezu unbekannt war. In der radikalen Linken waren bis dahin Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg die einzigen bekannten Gesichter. Doch Luxemburg war während der Revolution noch in Haft, und Liebknecht hatte sich schlichtweg geweigert, gemeinsam mit der SPD in eine Regierung einzutreten. Das Nachrücken des politisch unbekannten Emil Barth und die große Kompromissbereitschaft seiner USPD-Genossen Haase und Dittmann gestatteten es Ebert und seinen Kollegen in den folgenden Wochen, den Rat der Volksbeauftragten zu dominieren und das Revolutionsgeschehen in gemäßigte Bahnen zu lenken. Der Vollzugsrat, insbesondere Richard Müller und die USPD-Fraktion, bemühte sich zwar, seine Autorität gegen­über der Regierung geltend zu machen, konnte aber den einmal eingetretenen Verlust der Initiative nicht rückgängig machen.

Der Weg der Revolution, erkämpft von meuternden Matrosen, desertierenden Soldaten und streikenden Arbeitern und Arbeiterinnen, führte nicht in den Sozialismus. Aus der »Sozialistischen Republik Deutschland« der Novembertage wurde die »Weimarer Republik«, benannt nach dem Tagungsort der Nationalversammlung.

Anmerkungen:

(1) Richard Müller veröffentlichte 1924/1925 unter dem Titel »Vom Kaiserreich zur Republik« eine lesenswerte dreibändige Revolutionsgeschichte, die 1974–79 mehrfach neu aufgelegt wurde.

(2) Theodor Plivier: Der Kaiser ging, die Generäle blieben, Frankfurt a. M. 1981 (Original Berlin 1932), S. 341f. Pliviers Roman wurde ein Jahr nach seinem Erscheinen von den Nazis verboten.

(3) Der »Cirkus Busch« war ein fest installiertes Zirkus­gebäude im Zentrum Berlins, das seit 1895 den gleichnamigen Zirkus beherbergte.

Gekürzter und redaktionell bearbeiteter Vorabdruck aus: Ralf Hoffrogge: Richard Müller. Der Mann hinter der Novemberrevolution. Band VII der Reihe »Geschichte des Kommunismus und Linkssozialismus«. Dietz-Verlag, Berlin 2008. Ca. 240 Seiten mit Abb., 19,90 Euro. Das Buch ist soeben erschienen.


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« Antworten #5 am: 08. Juni 2017, 20:07:51 »

Ein befreundeter Filmemacher hat ein einmaliges historisches Bilddokument aufgetan:

Stolze Revolutionäre
Der Kiel-Berliner Filmemacher Kai Zimmer entdeckte eines der wenigen authentischen Fotos vom Matrosenaufstand




http://www.infomedia-sh.org/index.php?page=nl_1706_matrosenaufstand_revolution18

P.S.: Nächstes Jahr jährt sich die Revolution zum 100. Mal.
Wir sollten in Kiel etwas dazu veranstalten.
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Fritz Linow


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« Antworten #6 am: 25. Januar 2018, 21:17:09 »

Absolut peinlich, wie die verfilzte Stadt wegen des Matrosenaufstandes ein folkoristisches Gedenkjahr abhalten will.

„100 Jahre Kieler Matrosenaufstand. Demokratie erkämpfen. Demokratie leben.“

Da sind zwar auch gute Sachen dabei, aber insgesamt ganz schöner Schrott.

Wenn dann für das Öffentlichkeitskonzept auch noch die Agentur Boy mit ins Kanonenboot geholt wird, ist es richtig unangenehm: Boy ist mit Albig zusammen, der nun DHL-Lobbyist in Brüssel ist, nachdem er jahrelang den ursozialdemokratischen Rätegedanken in Schleswig-Holstein hochgehalten hat.
https://www.kiel.de/de/politik_verwaltung/meldung.php?id=73831

Gute Informationen zum Kieler Matrosenaufstand gibt es hier:
http://www.kurkuhl.de/
http://www.kurkuhl.de/docs/vortrag-rev-in-kiel-1918-folien.pdf

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Fritz Linow


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« Antworten #7 am: 30. Januar 2018, 21:14:29 »

Ein ganz übler Ausbeuter und Menschenschinder gedenkt der Matrosen. Der SPD-Bürgermeister und das Jobcenter freuen sich. Die Deutsche Post ist ausnahmsweise mal ehrlich.

Zitat
26.1.18
Der rote Matrose von 1918 ziert die Nordbrief-Sendungen
(…)
Der Postdienstleister Nordbrief würdigt die revolutionären Ereignisse des Novembers vor 100 Jahren mit einer Sonderbriefmarke.
(…)
„Ich freue mich, dass wir dieses geschichtsträchtige Ereignis zusammen feiern können“, so Oberbürgermeister Ulf Kämpfer gestern bei der Vorstellung der neuen Marke.
(…)
Die Idee zur Briefmarke kam aus dem Rathaus und fand bei Nordbrief – im Gegensatz zur Deutschen Post – starke Befürworter.
(…)
https://www.shz.de/regionales/kiel/der-rote-matrose-von-1918-ziert-die-nordbrief-sendungen-id18922896.html
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Fritz Linow


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« Antworten #8 am: 02. März 2018, 18:16:25 »

Zitat
30.1.18
Zur Sondermarke der Fa. Nordbrief nimmt Frank Hornschu, Vorsitzender des DGB Kiel Region Stellung:

 „Der DGB und seine Gewerkschaften halten die Aktion der Fa. Nordbrief, in Erinnerung zur Novemberrevolution eine Sonderbriefmarke herauszugeben, für einen schlechten Witz und für extrem unaufrichtig.

Ein Unternehmen, welches den Beschäftigten wesentliche Freiheitsrechte - die u. a. seinerzeit im Zuge der Novemberrevolution, wie Demokratie, Wahlrecht, Tarifautonomie, betriebliche Mitbestimmung, durchgesetzt wurden - bewusst vorenthält, hat in diesem Zusammenhang sein Recht auf Demokratiewerbung verwirkt.

Die Fa. Nordbrief hindert die Beschäftigten innerhalb des Betriebes dran mitzubestimmen, so wie es das Betriebsverfassungsgesetz vorsieht. Die Fa. Nordbrief bezahlt die Beschäftigten für die so wertvolle Tätigkeit der Postzustellung derart unzureichend, dass die Beschäftigten ihren Lohn durch öffentliche Leistungen aufstocken müssen - die Bezahlung bei Nordbrief reicht nicht zu einem existenzsichernden Leben.

Nordbrief nimmt offenkundig diametral eine andere Haltung, für die sich die Arbeiter, Frauen und Matrosen vor 100 Jahren eingesetzt haben, ein; die Verantwortlichen bei Nordbrief schüchtern zudem die Beschäftigten bewusst und massiv ein, wenn sie ihre Freiheitsrechte im Betrieb nutzen wollen.

Die Gewerkschaften im DGB fordern von Nordbrief unverzüglich einen respektvollen und repressionsfreien Umgang mit ihren Beschäftigten. Sie fordern ein Ende des Sozial- und Lohndumpings. Sie fordern für die Beschäftigten bei Nordbrief Sicherheit und Ordnung, Tarifgebundenheit und Mitbestimmung.

Anderenfalls kann die Sondermarke der Fa. Nordbrief von der geneigten Öffentlichkeit nicht als eine ernstgemeinte Offenheit sondern nur als eine Art von purem Zynismus verstanden werden.“

http://kielregion.dgb.de/++co++72143e28-05d3-11e8-bdda-52540088cada
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Fritz Linow


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« Antworten #9 am: 08. Mai 2018, 22:47:52 »

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NachbarArsch


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« Antworten #10 am: 09. Mai 2018, 02:22:13 »

Hab gerade nen bischen in deinen links gelesen


Gute Informationen zum Kieler Matrosenaufstand gibt es hier:
http://www.kurkuhl.de/
http://www.kurkuhl.de/docs/vortrag-rev-in-kiel-1918-folien.pdf



Sind echt interessante Sachen dabei, danke dafür...
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Kuddel


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« Antworten #11 am: 17. Juni 2018, 09:02:38 »



https://revolutionsstadt.blackblogs.org/
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Fritz Linow


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« Antworten #12 am: 09. Oktober 2018, 11:13:18 »

Kurz nach dem Matrosenaufstand stellte der Vizeadmiral Wilfried von Loewenfeld im Auftrag von Bluthund Noske ein Freikorps zusammen, das zur Aufstandsbekämpfung u.a. in Kiel und Berlin eingesetzt wurde. Außerdem bekämpfte es den kommunistischen Aufstand im Ruhrgebiet. Ganz nebenbei war es aber auch aktiv am Kapp-Putsch beteiligt.
https://de.wikipedia.org/wiki/Wilfried_von_Loewenfeld

Gänzlich absurd wird es aber, dass dieser Loewenfeld zusammen mit einigen seiner Soldaten in einem Ehrengrab in Kiel liegt, das anscheinend nachwievor von der Stadt gepflegt wird:
https://www.kiel.de/de/umwelt_verkehr/friedhoefe/_$historische_graeber/ehrengraeber/loewenfeld.php

Da steht nur „Offizier“ und dass seine Biographie angeblich überarbeitet wird. Wäre da nicht die Beteiligung am Kapp-Putsch, könnten die SPD-Oberen ohne Skrupel auch mal einen Kranz niederlegen, wenn sie schon 100 Jahre Matrosenaufstand feiern. Eine öffentliche Diskussion findet anscheinend sowieso nicht statt.
« Letzte Änderung: 09. Oktober 2018, 11:15:22 von Fritz Linow » Gespeichert
Fritz Linow


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« Antworten #13 am: 11. Oktober 2018, 20:00:25 »

Zitat
Kiel ist eine geschichtsträchtige Stadt. Als Reichskriegshafen spielte der Kieler Tiefwasser-Hafen eine wichtige Rolle in beiden Weltkriegen. Wer sich mit der Geschichte Kiels beschäftigt, kann aber auch auf ein anderes Kapitel stoßen: Der Aufstand der Kieler Matrosen, der das Fanal zur Novemberrevolution gab. Wir sprachen mit Ulli Schippels, der Mitarbeiter der Rosa-Luxemburg-Stiftung Kiel ist und in Kiel hostorische Stadtführungen macht. Auch unsere aktuelle Programmzeitung beschäftigt sich mit der Novemberrevolution: https://radiocorax.de/die-cx-zeitung-fuer-oktober-november-2/
https://radiocorax.de/der-matrosenaufstand-in-kiel/
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« Antworten #14 am: 30. Oktober 2018, 10:21:54 »

Zitat
1918 Aufstand der Matrosen

 89 Min.
Verfügbar von 30/10/2018 bis 13/12/2018
Live verfügbar: ja
Nächste Ausstrahlung am Dienstag, 30. Oktober um 20:15

Die Geschichte des Kieler Matrosenaufstands 1918 als Dokudrama. Die revolutionäre Bewegung im November 1918 führte zum Sturz der Monarchie sowie zum Ende des Ersten Weltkriegs. Damit gehörte er zu den Schlüsselereignissen der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert und legte die Grundlage für die erste deutsche Demokratie. - Im ARTE Schwerpunkt "1918 - Das Ende des Schlachtens"

Quelle: https://www.arte.tv/de/videos/060787-000-A/1918-aufstand-der-matrosen/
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Alles ist in Bewegung. Nichts war schon immer da und nichts wird immer so bleiben!
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« Antworten #15 am: 03. November 2018, 13:57:11 »

Heute vor 100 Jahren versammelten sich 250 Matrosen und Arbeiter vor dem Gewerkschaftshaus, um die Freilassung inhaftierter "Meuterer" zu fordern.

Die roten Fahnen an dem Gebäude haben etwas operettenhaftes in Zeiten, in denen die DGB Gewerkschaften für Sozialpartnerschaft und sozialen Frieden (Friedhofsruhe!) in den Betrieben stehen.



Der örtliche DGB Chef und Sozialdemokrat Frank Hornschu mimte mit einer roten Armbinde den Revoluzzer



und hieß hohe Militärs willkommen.



Eine Bonzenkarre mit Berliner Kennzeichen fuhr zu den Feierlichkeiten zum Verrat an der Revolution.



Es wurden angesichts der Feierlichkeiten von Militärs und Bonzen aus Politik und Gewerkschaft andere Stimmen laut.



Gegen die Vernichtung von Erinnerungskultur



Verrat damals und heute.



Die Forderungen der revolutionären Matrosen sind noch gültig.



In wenigen Worten:



Eine geschichtliche Erinnerung zum Treffen der Bonzen:



Das Transparent provozierte Reaktionen, neben Zustimmung erlebten wir einige Gesichstsentgleisungen und wußten, daß sie zur Partei Noskes gehörten.
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Kuddel


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« Antworten #16 am: 03. November 2018, 18:29:06 »

Das lokale Schmierblatt Kieler Nachrichten beschrieb die Feierlichkeiten der Arschlöcher aus Politik, Gewerkschaft und Marine in der Onlineausgabe so:

Kiel auf den Spuren der Revolution

Kiels Oberbürgermeister Ulf Kämpfer (SPD) sprach von einem Ereignis von nationalgeschichtlicher Bedeutung: "Die Kieler Matrosen beschritten den Weg in eine freiheitliche, demokratische und entmilitarisierte Gesellschaft – auch wenn der Einsatz nicht in Gänze erfolgreich war." Die Ereignisse des 3. November 1918 bezeichnete Kämpfer als "Weltgeschehen - made in Kiel."



Landes-Bildungsministerin Karin Prien (CDU) sagte, "auch heute braucht es wieder Mut, für die richtige Sache einzustehen. Daran soll uns 1918 erinnern."




Bildungsministerin Karin Prien im Gespräch mit Reiner Hoffmann, dem Bundesvorsitzenden des DGB.


Im Gespräch von links : Prof. Jörn Leonhard vom Historischen Seminar an der Christian- Ludwigs Universität Freiburg, Christian Bock, Flottillenadmiral und Frank Hornschu, Geschäftsführer des DGB Kiel Region.

Die Grußworte von Flottillenadmiral Christian Bock, der den Matrosenaufstand als historisches Lehrbeispiel für die Bundeswehr bezeichnete, wurden kurzfristig von Aktivisten gestört.



Diese entrollten ein Transparent mit der Aufschrift "Krieg dem Terror: Nato zerschlagen" entrollten.




Protestaktion störte lauthals den Vortrag von Flottillenadmiral Christian Bock

http://www.kn-online.de/Kiel/Matrosenaufstand-Kiel-Gedenkveranstaltungen-und-Demos-zum-100.-Jahrestag




Das eklige Panoptikum posiert zum Gruppenbild


Von links: Frank Hornschu, Geschäftsführer DGB Kiel Region, Oberbürgermeister Ulf Kämpfer, Bildungsministerin Karin Prien und Reiner Hoffmann, Bundesvorsitzender des DGB.
Der Chefduzen-Stylewatch empfiehlt den Blick nach rechts: Alle Typen im Bildhintergrund tragen rasierte Glatze.
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Fritz Linow


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« Antworten #17 am: 03. November 2018, 21:40:00 »

Zwischendurch mal ein Foto von Norbert Gansel zusammen mit Lothar Popp, einem der treibenden Kräfte während des Matrosenaufstandes, Ende der 70er:

Quelle: kurkuhl.de
Gansel, der alte Drecksacksozialdemokrat, hatte kurz nachdem er in den Bundestag gewählt worden war, dafür gesorgt, dass die staatlichen Rüstungsaufträge auch weiterhin nach Kiel kamen. Das widersprach seinem pazifistischen und sozialistischen Juso-Gelaber zuvor in krassester Art. Später hat dieser schmierlappige und gläserne Abgeordnete dann als Bürgermeister alle stadteigenen Wohnungen verscherbelt, was heutzutage zu massiven sozialen Problemen führt. In eben dieser traurigen Tradition muss auch der jetzige Bürgermeister Ulf Kämpfer gesehen werden. Verlogen bis zum Gehtnichtmehr, aber immer interessiert…

« Letzte Änderung: 03. November 2018, 22:50:50 von Fritz Linow » Gespeichert
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« Antworten #18 am: 03. November 2018, 21:42:36 »

Zu diesem Moment läuft die 3. große Aktion des Tages: Die sozialrevolutionäre Abenddemo.
Ich habe entschieden, meine müden Knochen auszuruhen und stattdessen ein wenig Medienarbeit in der Sache zu machen.

Ich kann nicht gut schätzen, gehe aber von bis zu 1500 Teilnehmern bei der Demo aus, die um 14:30 vom Platz der Matrosen am Haupbahnhof startete (wobei ich nicht die Demo verschweigen möchte, die zuvor am Iltisbunker in Kiel-Gaarden begann).












Es ist wohl von der DKP überregional mobilisiert worden. Noch nie sah ich in der Stadt so viele Fahnen dieser Partei.





Immerhin fehlten hier die sonst bei jeder Demo auftauchenden SPD Fahnen, nicht einmal die Jusos wagten es, sich mit ihren Flaggen zu zeigen. Ufff.

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« Antworten #19 am: 04. November 2018, 10:35:52 »







Der Beitrag des kieler Chefduzen-Stammtischs:







Wer war für den Besetzung des Lautsprecherwagens zuständig? Man hatte da kein glückliches Händchen.
Bei den Reden schliefen einem die Füße ein. Es wurden die schlechtesten historischen Aufnahmen der bekanntesten Arbeiterlieder runtergeleiert. Es hätte sich da auch niemand über einen Redebeitrag von Walter Ulbricht gewundert.





Eines der meistfotografierten Transparente der Demo.







Der historisierende und Kulturlastige Programmablauf auf dem Rathausplatz ließ keine sonderlich revolutionäre Stimmung aufkommen.


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« Antworten #20 am: 04. November 2018, 10:50:05 »







Die Stimmung änderte sich erst, als vom Rathausbalkon Ansprachen gehalten wurden.



Wohl wegen technischer Probleme begannen die Reden ohne Lautsprecherverstärkung, recht authentisch und zur Situation vor 100 Jahren passend. Es wurden Teile von Reden der revolutionären Soldaten und Arbeiter gehalten und gemischt mit Bezügen zur heutigen Situation. Die in Kiel dominierende Rüstungsindustrie wurde ebenso thematisiert, wie die unmenschliche Politik gegen Migranten, sowie das Sterben flüchtender Menschen im Mittelmeer.



Es war bewegend, als Nachdrucke historischer Flugblätter vom Rathausbalkon geworfen wurden, denn die Forderungen der Revolutionäre haben ihre Gültigkeit nicht verloren.

Gegen Krieg und Autoritäten! Alle Macht den Räten!



Wir waren bei der Fortsetzung des Demonstrationszuges aus historischen Pfaden nicht mehr dabei, denn wir wollten uns den Totengäbern der Revolution widmen. Wir zogen mit dem Transparent zum SPD Haus.



Das ins Wanken geratene Kaiserreich versuchte mIt Hilfe von Sozialdemokraten seine Macht zu retten und Reichskanzler Prinz Max von Baden schickte Gustav Noske nach Kiel, um dort die Lage zu beruhigen. Noske wurde zwar umgehend zum Vorsitzenden des örtlichen Arbeiter- und Soldatenrates gewählt, vermochte aber nicht das Übergreifen der Revolution auf das gesamte Reichsgebiet zu verhindern.



Noske war als Volksbeauftragter für Heer und Marine verantwortlich für die Niederschlagung des Januaraufstandes 1919 (Spartakusaufstand), bei der auch Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ermordet wurden.



Es gab viele positive Reaktionen auf unsert Transparent. Einer beanstandete, daß ein weiterer Verräter der Revolution unerwähnt geblieben ist: "Friedrich Ebert. Der gehörte auch zu den Totengräbern. Und heute ist eine Stiftung nach ihm benannt."

Zitat
Friedrich Ebert, seit 1913 Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands und amtierte von 1919 bis zu seinem Tode als erster Reichspräsident der Weimarer Republik.

Während des Krieges vertrat er nachdrücklich und bis zum Schluss die Politik der „Vaterlandsverteidigung“ und des innenpolitischen Stillhaltens (Burgfriedenspolitik).

 In den Jahren 1919 bis 1923 ließ Ebert mehrere Aufstände von revolutionären Sozialisten mit Waffengewalt niederschlagen.
https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Ebert

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Onkel Tom


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« Antworten #21 am: 04. November 2018, 15:12:52 »

Schön, das die Bonzen von heute den Matrosenaufstand nicht so für sich
intrumentallisieren konnten, wie sie sich das zuvor vorstellten.
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Lass Dich nicht verhartzen !
counselor


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« Antworten #22 am: 04. November 2018, 15:46:01 »

Die sozialdemokratischen Bonzen sind echt ekelhaft.
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BGS
Polarlicht


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« Antworten #23 am: 04. November 2018, 16:07:46 »

Die sozialdemokratischen Bonzen sind echt ekelhaft.

In der Tat.

MfG

BGS
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"Ceterum censeo, Berolinensis esse delendam"

http://www.chefduzen.de/index.php?topic=21713.msg298043#new
(:DAS SINKENDE SCHIFF DEUTSCHLAND ENDGÜLTIG VERLASSEN!)
NachbarArsch


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« Antworten #24 am: 07. November 2018, 16:38:06 »

Von Classless Kulla gibt es nen netten Vortrag zu den Ereignissen damals. Leider hab ich den Vortrag verpasst, aber man kann ihn hier "fernsehen".
https://www.youtube.com/watch?time_continue=5316&v=yQ12EUHV3ag

Er beginnt mit der Vorarbeit und zeigt das all das nicht vom Himmel gefallen ist. Was folgt sind verschiedene Ereignisse und fortführende Kämpfe innerhalb der nächsten 5 Jahre. Letzendlich zeigt er auch auf was das alles mit der Machtergreifung der Nazis 10 Jahre später zu tun hat.
Schönes Schlusswort: " Klassenkampf ist nicht alles, aber ohne Klassenkampf ist alles nichts"

Hier der Blog von Classless:
https://www.classless.org/
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