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Autor Thema: Revolutionäres HDW  (Gelesen 19762 mal)
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admin
Administrator

Beiträge: 2125


« am: 29. Dezember 2002, 17:05:59 »

HDW scheint im öffentlichen Bewußtsein der einzige große Industriebetrieb in Kiel zu sein und somit die Heimat des Proletariats. Zeitweise traten sich die Agitatoren Flugblattverteilend am Werfttor gegenseitig auf die Füße. Es gab einige große Momente der Werftarbeiter, die letzten 20 Jahre sehen aber eher traurig aus...
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elektriker
Gast
« Antworten #1 am: 20. Januar 2003, 17:43:25 »

Die Zeiten haben sich verdammt geändert. Die Linken Gruppen sind von der Bildfläche (und vom Werftor) verschwunden. Einige der damaligen Aktivisten im Betrieb sind längst nicht mehr Maoisten oder Stalinisten, sie sind inzwischen in der SPD oder bei den Grünen (und geben auch ansonsten nur noch ein trauriges Bild ab).
Die Belegschaft ist eingeschüchtert und durch Zeitverträge, Fremdfirmen und Leiharbeit gespalten. Mit Leiharbeitern wird übel umgesprungen, wenn sie nicht vernünftig funktionieren brauchen sie am nächsten Tag nicht wiederzukommen.
Früher haben wir manchmal über die obskuren K-Gruppen und ihre Flugblätter gelacht, heute denke ich, der Betrieb könnte eine neue Generation "Agitatoren" gut gebrauchen um ein politisches Bewußtsein zu schaffen und den Kampfgeist zu entfachen.
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GorillaBiscuit


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« Antworten #2 am: 01. Juli 2006, 16:22:24 »

Ach je, keine "Rote Fahne" mehr vor'm Werktor? Das gab immer böse Blicke vom Ausbilder, wenn in der Lehrwerkstatt eine von den Zeitungen auf dem Tisch lag.

Ansonsten haben es zumindest Mitte der 90er der damalige Betriebsrat und die zuständigen hauptamtlichen Gewerkschaftsfunktionäre hervorragend verstanden, innerhalb der Belegschaft den letzten Rest der Bereitschaft, die eigenen Positionen zu artikulieren und zu versuchen, diese auch durchzusetzen, verschwinden zu lassen.

Vom Filz in der Betriebsratsebene mal ganz zu schweigen.
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Kuddel


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« Antworten #3 am: 01. Mai 2009, 13:25:24 »

Es ist zum Mäusemelken! Der Betriebsratsvorsitzende von HDW, der noch vor wenigen Wochen vorgeschlagen hat die Leiharbeiter zu feuern um die Stammbelegschaft zu schützen hat heute auf der Maidemo in Kiel gesagt, daß der Betrieb im Bereich Handels- und Kriegsschiffbau doch so gesund sei, daß es skandalös ist zu entlassen. Skandalös ist ein Gewerkschafter, der auf Kriegsvorbereitung stolz ist. Wir sollten dafür sorgen daß nie wieder die Bevölkerungen verschiedener Länder aufeinandergehetzt werden um sich gegenseitig wegzuballern. Immer wieder dieses ekelhafte "Hauptsache Arbeit" Argument. Bah.
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WeckerWeg


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« Antworten #4 am: 11. Mai 2009, 11:03:18 »

Heute am 11.Mai war Kundgebung vor dem Werkstor der HDW. Anlass ist ein Aktionstag der im Thyssen-Konzern vertretenen DGB-Gewerkschaften gegen Entlassungen und die Beschränkung der betrieblichen Mitbestimmung durch die Konzernzentrale. Gesprochen hat auch wieder dieser Betriebsratsvorsitzende. Der war ziemlich einschläfernd. Hat sein Co-Management gelobt und was sie alles getan haben für den Konzern und die Milliardengewinne die vor der Krise eingefahren wurden von Thyssen-Krupp. Sie hätten sich nix vorzuwerfen, weil sie ja schon Verzicht geübt hätten für ihre Arbeitsplätze. Kannste in die Tonne klopfen diesen Typ.

Es waren mindestens 400 Leute auf der Kundgebung vor dem Werkstor, Stimmung kam nicht so richtig auf. Auch die anderen Redebeiträge (IGM, Azubivertretung, Vertrauensleute) ziemlich defensiv.



Nachtrag 14.Mai:
In den Kieler Nachrichten wurden in einem Artikel über 1000 Demonstranten gemeldet.

Zitat
IG-Metall-Sprecher Peter Seeger sieht angesichts der wegfallenden Aufträge im zivilen Schiffbau die Gefahr, dass „in Kiel rund 300 Arbeitsplätze in Gefahr sind.“ Im Moment sind 165 Mitarbeiter der HDW-Gaarden in Kurzarbeit oder in Qualifizierungsmaßnahmen.

http://www.kn-online.de/schleswig_holstein/wirtschaft/91000_Kieler_HDW-Mitarbeiter_sehen_300_Arbeitsplaetze_in_Gefahr.html

Gestern kam dann die Meldung, dass sich die Gewerkschaften mit dem ThyssenKrupp-Konzern geeinigt haben. Aus einer Pressemitteilung bei Reuters:

Zitat
...
Das Gremium habe einstimmig beschlossen, dass die bisherigen Zwischenholdings zum 1.Oktober gestrichen werden, sagte Schulz am Mittwoch in Düsseldorf. Der Konzernvorstand könne damit die Arbeit der künftig in acht Bereiche aufgegliederten Geschäfte direkt bestimmen. Betriebsbedingte Kündigungen solle es nicht geben. Dies war eine der wesentlichen Forderungen der Arbeitnehmervertreter.
...
"Wir hatten Schwierigkeiten wieder zusammenzufinden", sagte Schulz [ThyssenKrupp-Chef]. Nun sei eine Lösung gefunden worden, mit der beiden Seiten leben könnten. "Wir haben mündlich und schriftlich vereinbart, alles zu tun, um betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden." In der Stahlsparte hat ThyssenKrupp bereits vereinbart, bis Ende September 2010 bis zu 2000 Stellen zu streichen - ohne betriebsbedingte Kündigungen. Zahlen über einen möglichen Stellenabbau im Gesamtkonzern nannte Schulz nicht.

http://de.reuters.com/article/companiesNews/idDEBEE54C0DO20090513
« Letzte Änderung: 14. Mai 2009, 10:45:33 von WeckerWeg » Gespeichert

we don´t work for the manni!
Entdinglichung


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« Antworten #5 am: 16. Februar 2011, 15:10:39 »

altes HDW-Flugi (sorry, aus HH) von 1972: http://entdinglichung.wordpress.com/2011/02/15/proletarische-front-%e2%80%93-gruppe-westdeutscher-kommunisten-pf-garantierter-lohn-statt-sozialplan-1972/
« Letzte Änderung: 16. Februar 2011, 15:56:53 von Entdinglichung » Gespeichert
Entdinglichung


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« Antworten #6 am: 21. Februar 2011, 11:20:33 »

noch eines: http://entdinglichung.wordpress.com/2011/02/21/proletarische-front-%e2%80%93-gruppe-westdeutscher-kommunisten-pf-nicht-verunsichern-lassen-1972/
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Entdinglichung


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« Antworten #7 am: 28. Februar 2011, 11:43:15 »

und noch eins: http://entdinglichung.wordpress.com/2011/02/28/proletarische-front-%e2%80%93-gruppe-westdeutscher-kommunisten-pf-beschissene-arbeit-beschissener-lohn-beschissenes-leben-ahahin-belasi-is-ahahin-belasi-aylik-ahahin-belasi-hayat-1973/
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admin
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« Antworten #8 am: 28. Februar 2011, 12:36:21 »

Die Kämpfe auf HDW waren sehr bedeutsam.
Es gab einen wilden Streik in den 50er Jahren, weil die kieler HDWler sauer waren einen niedrigeren Lohn, als ihre hamburger Kollegen zu beziehen. Die Bevölkerung sammelte Lebensmittel für die Streikenden und brachte sie mit Booten zur Werft. Dieser Kampf löste eine Streikwelle aus, an derem Ende die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall bundesweit durchgesetzt wurde. http://de.wikipedia.org/wiki/Streik_um_die_Lohnfortzahlung_im_Krankheitsfall

Ich kenne 2 HDW Aktivisten, die in den 70er Jahren an den Auseinandersetzungen auf der Werft beteileigt waren. Der eine war in der RGO (Revolutionäre Gewerkschaftsopposition) aktiv für die Kollegen und gegen den sozialpartnerschaftlichen Kurs der IGM. Der andere wurde in Handschellen vom Werkschutz in Handschellen abgeführt, weil ihm unterstellt wurde ein Notizbuch eines Meisters geklaut zu haben. Die Aufzeichnungen aus dem Notizbuch wurden veröffentlicht (in einem Flugblatt und im TV) und enthielten Beobachtungen von politischen Betätigungen von Mitarbeitern.

Der mit den Handschellen betreibt heute eine Yogaschule, der von der RGO ist jetzt Mitglied der GRÜNEN.  rolleyes
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« Antworten #9 am: 28. Februar 2011, 12:39:37 »

Die meisten Erinnerungen an dieser Kämpfe sind weitgehend verschollen. die IGM tut so, als wären die Verbesserungen der Arbeitsbedingungen allein auf ihrem Mist gewachsen.

Deshalb danke, entdinglichung für das Einstellen der Dokumente!
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« Antworten #10 am: 07. März 2011, 10:48:02 »

http://entdinglichung.wordpress.com/2011/03/07/proletarische-front-%e2%80%93-gruppe-westdeutscher-kommunisten-pf-feierabend-auf-finkenwerder-1973/ ... ansonsten gibt es zu und um HDW-Kiel auch was bei http://www.mao-projekt.de/BRD/NOR/S-H/Kiel_Erster_Mai.shtml
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« Antworten #11 am: 14. März 2011, 15:44:33 »

noch eins: http://entdinglichung.wordpress.com/2011/03/14/proletarische-front-%e2%80%93-gruppe-westdeutscher-kommunisten-pf-akkord-ist-mord-betriebsunfalle-sind-mord-1973/
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« Antworten #12 am: 17. März 2011, 13:01:40 »

Wir beobachten, daß Threads zu bestimmten Unternehmen eine riesige Zahl von Klicks bekommen. Viele geben mal kurz ihren Arbeitgeber als Suchbegriff bei der Internetrecherche ein und landen dann auf den Seiten von chefduzen.de. Es geht uns aber hier nicht darum zur Unterhaltung skurrile Nachrichten über Unternehmen zu veröffentlichen, das „Forum der Ausgebeuteten“ will die Menschen im Ausbeutungsverhältnis stärken. Unsere Dienstleistung besteht im Wesentlichen darin, daß wir dieses Forum zur Verfügung stellen und es moderieren. Eine praktische Wirkung gibt es erst dann, wenn die Betroffenen es selbst zum Informationsaustausch nutzen.

Bisher wird das Forum in viel zu großem Maße passiv genutzt. Man wartet auf hilfreiche Informationen und bemüht sich viel zu wenig, welche zu geben.


Es ist nicht nötig gewerkschaftliche oder politische Erfahrungen zu besitzen. Es ist hilfreich, wenn einfache Dinge im Alltag eines Betriebes beschrieben werden. Umstrukturierungen, Einführung neuer Technologien, Auslagerungen, Einsatz von Fremdfirmen oder Leiharbeit. Auch das Klima am Arbeitsplatz zwischen Kollegen und Vorgesetzten soll hier besprochen werden. Und besonders interessant sind alle Versuche sich zu wehren, egal ob sie erfolgreich sind oder kläglich scheitern. Melden viele sich krank oder sind auf der Suche nach einem anderen Arbeitsplatz? Wie verhalten sich Betriebsrat und Gewerkschaft? All das hat seinen Platz bei chefduzen.de und diese Infos können auch Ausgebeuteten aus anderen Betrieben/Branchen weiterhelfen.

Auf Eure Mitarbeit kommt es an!
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« Antworten #13 am: 21. März 2011, 10:49:57 »

noch ein PF-Flugi: http://entdinglichung.wordpress.com/2011/03/21/proletarische-front-%e2%80%93-gruppe-westdeutscher-kommunisten-pf-weniger-lohn-mehr-arbeit-1973/ ... mehr habe ich leider nicht
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Kuddel


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« Antworten #14 am: 30. August 2017, 04:32:14 »

Hamburger Werftarbeiter schrieben ein Buch (Zur HDW-Besetzung 1983)

"Was der Mensch wert ist"



Dieses Buch handelt (nicht nur) von der Betriebsbesetzung auf der HDW 1983, in dem verschiedene Arbeiter selbst ihr Leben und ihre Arbeit auf der Werft beschreiben. Ihre Angst um den Verlust des Arbeitsplatzes führte schließlich zu der Aufsehen erregenden Besetzung von HDW. Die Besetzung führte bei jedem Beteiligten zu großer Bewegung, zur Reflektion über die Interessen von Werftbesitzern und Staat. Auch wenn der Kampf um die HDW verloren ging, so gibt dieses Buch einen Einblick in die Arbeits- und Lebenssituation von Arbeitern, von ihnen selbst geschrieben.
http://tup-verlag.com/products/was-der-mensch-wert-ist



Anmerkung:
Wir verdanken das Erscheinen dieses Buches „HDW-Rudi“ wie wir ihn nannten. Er war damals in der HDW-Arbeitslosen-Initiative, zuerst Thadenstr., dann Thedestr., die er mit begründete und deren Organisator und Seele er war. Er sorgte dafür, daß mehrere Jahre lang ein „HDW-Kalender“ entstand, mit vielen Photos von KollegInnen. Er machte viele Interviews, hatte für jeden/jede der Arbeitslosen immer ein offenes Ohr. Er entdeckte seine Leidenschaften: Fotographieren und Malen. Erst nach Jahren trennte er sich von „seinen“ HDWlern und zog nach Stuttgart, um dort bei Bosch anzufangen.
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Kuddel


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« Antworten #15 am: 11. September 2017, 18:08:04 »

Zitat
Der längste Streik in der deutschen Geschichte
Lohnfortzahlung für Arbeiter: 114 Tage kämpften Schleswig-Holsteins Metallarbeiter


Am 24. Oktober 1956 begann in Schleswig-Holstein der längste Streik in der deutschen Geschichte seit dem Jahre 1905: Der Metallarbeiterstreik um die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, die bis dahin nur den Angestellten gewährt wurde um Urlaubsgeld und Verlängerung des Urlaubs. Am 14. Februar 1957 wurde er erfolgreich beendet, und am 25. Juni 1957 für alle Arbeiter in der Bundesrepublik Deutschland in ein "Gesetz zur Verbesserung der wirtschaftlichen Sicherung der Arbeiter im Krankheitsfall" gegossen. Das Gesetz verpflichtete die Unternehmer, sechs Wochen lang die Differenz zwischen Krankengeld und 90 Prozent des Nettoarbeitsentgelts zu zahlen.

Der Streik wurde in eindrucksvoller Geschlossenheit, unterstützt von nationaler und internationaler Solidarität, gegen die breite Front der bundesdeutschen Unternehmer geführt, die sowohl Bundes- als auch Landesregierung und die Medien auf ihrer Seite hatten.

Die Härte des Kampfes wird daran deutlich, dass erst nach vier Urabstimmungen eine Schlichtungsvereinbarung in Kraft trat, obwohl sie nur von 39,66 Prozent der Metaller angenommen wurde. 57,66 Prozent stimmten gegen den Kompromiss und wollten nach vier Wochen Streik bis zum vollständigen Sieg weiterkämpfen. Dabei ging es um drei Karenztage, die nach dem Willen der Mehrheit der Metallarbeiter wegfallen sollten. Die Unternehmer wollten den Zuschuss zum Krankengeld erst nach dem dritten Tag der Arbeitsunfähigkeit zahlen.

Als erfolgreich erwies sich die Taktik der IG Metall, den Streik als Schwerpunktstreik zu führen. Am 24. Oktober legten zunächst 25 000 Werftarbeiter in Kiel, Lübeck, Flensburg, Rendsburg, Elmshorn und Lauenburg die Arbeit nieder. In den nächsten Tagen folgten die Belegschaften der Firma Heidenreich & Harbeck in Hamburg-Bergedorf, der Norddeutschen Stahlwerke in Neumünster, der Metallhütte Lübeck und der Firma Hagenuk in Kiel. Am 28. November kamen die Optischen Werke I. D. Möller in Wedel, am 10. und 11. Januar weitere fünf Betriebe in Eckernförde, Neumünster und Kiel hinzu, so dass insgesamt 34 068 Arbeiter aus 38 Betrieben den Kampf führten.

CDU-Regierungen auf der Seite der Unternehmer


Die IG Metall sah sich von Beginn des Streiks an einer beispiellosen Hetzkampagne ausgesetzt. Die Adenauer-Regierung in Bonn und die Landesregierung unter Kai Uwe von Hassel in Kiel versuchten mit Hilfe der Medien die Moral und Kampfkraft der Metaller zu brechen. So behauptete der damalige Wirtschaftsminister Ludwig Erhard, die Metallarbeiter setzten den Wiederaufbau Deutschlands aufs Spiel und untergrüben den Wirtschaftsstandort Deutschland. Der Streik sei eine wirtschaftliche Katastrophe. Auf große Empörung stieß eine Maßnahme des schleswig-holsteinischen Innenministers Dr. Lemke (CDU). Der Altnazi ließ eine Exposé an alle Polizeidienststellen verbreiten, in dem Streikposten als Terroristen bezeichnet wurden. Dabei berief sich die Polizei auf eine Dienstanweisung aus einem Streik in Bayern, die Streikposten ebenfalls als Terroristen bezeichnet hatte, die als solche behandelt werden müssten. Wenige Tage später, am 1. November 1956, musste der Innenminister (ein Altnazi) in einem persönlichen Gespräch mit Mitgliedern der Streikleitung sein Bedauern über diese Handlung zum Ausdruck bringen. Diesen Vorfall berichtete neben den Streik-Nachrichten nur die sozialdemokratische "Schleswig-Holsteinische Volkszeitung". Alle anderen Medien verschwiegen die Nachricht, dass Lemke strikte Neutralität aller Polizeikräfte zusichern musste.

Eine gerichtliche Abfuhr erlebten auch die Metallunternehmer, die in Anzeigen die Behauptung aufstellten, dass der Streik längst zu Ende gewesen wäre, wenn die Arbeiter durch den Terror der zentralen Streikleitung am Betreten ihrer Werke nicht gehindert worden wären. Vor den Toren herrsche Terror, die Gewerkschaften redeten nur von Demokratie, betrieben aber eine krasse Streikdiktatur. Diese Äußerungen wurden vom Arbeitsgericht in einer einstweiligen Verfügung verboten, weil es sich um einen legalen Streik handele, der nach erfolgter Urabstimmung beschlossen worden sei. Immerhin hatten sich in der Urabstimmung am 11. und 12. Oktober 1956 77,5 Prozent der Abstimmungsberechtigten für einen Streik entschieden.

Von Neutralität wollte die Landesregierung indessen nichts wissen. Am 19. November 1956 referierte beispielsweise ein Ministerialdirektor der Landesregierung vor dem Landesfachausschuss der CDU nach einem Zeitungsbericht über den Schaden des Streiks für die Wirtschaft Schleswig-Holsteins: "Die im Ausstand befindlichen 32 000 Metallarbeiter haben eine wöchentliche Lohnsumme von 3,2 Millionen Mark. Da an Streik- und Fürsorgeunterstützung schätzungsweise 2,2 Millionen DM ausgezahlt würden, habe man mit einer wöchentlichen Kaufkraftminderung von einer Million pro Woche zu rechnen. Für die ersten vier Wochen des Streiks werde vermutlich ein Steuerausfall von mindestens 6,3 Millionen DM, höchstens 10,3 Millionen DM eintreten. Land und Bund entgingen eine Einnahme an Lohnsteuern von 2,3 Millionen Mark. Die Höhe des Rückgangs an anderen Landessteuern wie Einkommens-, Körperschafts- und Lotteriesteuer ließe sich nur schätzen, dürfte aber im ersten Monat zwischen 2,5 und 5 Millionen DM liegen. Weitere Steuerausfälle für Bund und Gemeinden beliefen sich auf 1,5 bis 3 Millionen DM. Noch schwerwiegender seien die Schäden für die Wirtschaft durch Auftragsverluste und Zurückziehung von Aufträgen. Man müsse mit dem Verlust Tausender Arbeitsplätze rechnen. Eine Kieler Firma habe bereits die Entlassung von 1 000 Arbeitsplätzen angekündigt."

Auch der Antikommunismus verfängt nicht

Neben dieser Stimmungsmache bedienten sich Unternehmer, Regierung und Medien des Antikommunismus. Die "Kieler Nachrichten" stellten fest, dass noch keine tariflichen Streitigkeiten vorüber gegangen seien, "bei denen sich nicht radikale Kräfte (Kommunisten oder Personen aus der Sowjetzone) eingeschaltet haben. Wie vom Innenministerium gestern mitgeteilt wurde, sind mit Streikbeginn Sprecher sowjetzonaler Rundfunkstationen und Berichter der DEFA-Wochenschau in Schleswig-Holstein tätig geworden."

In der Tat berichtete nur der Schweriner Rundfunk täglich über den Streik. Nach dem Streikbeginn brauchten die "Kieler Nachrichten" fünf Tage, ehe ein zweites Mal über den Streik geschrieben wurde. Und während der gesamten Dauer der Auseinandersetzungen kam nie ein Bericht über die Streiklage auf die Titelseite, als ob es sich nur um eine Randerscheinung der Tagespolitik gehandelt habe.

In einer Pressekonferenz in Bad Godesberg äußerte Dr. Paulsen, Vorsitzender der Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände, eine Gewerkschaft, die einen Streik wie in Schleswig-Holstein beginnt, arbeite der verbotenen KPD in die Hände. Aber weder der Vorwurf des Terrorismus noch Paulsens Griff zur antikommunistischen Keule konnte die Streikfront schwächen. Außerdem hatten Metaller in vielen Großbetrieben gute Erfahrungen mit Kommunisten gemacht. Beispielsweise in Kiel, wo etwas mehr als ein Jahr nach der Wahl der Kommunist Hein Wadle bei den Howaldtswerken, der damals mit 12 800 Beschäftigten größten deutschen Werft, bei den Betriebsratswahlen mit 4 427 (von 9 021 abgegebenen) die meisten Stimmen erhielt. Die "Kieler Nachrichten" widmeten dieser Tatsache sogar einen Leitartikel, in dem sie beklagten, dass von den 50 aufgestellten Kandidaten zehn der KPD angehörten. Acht von ihnen seien direkt in den Betriebsrat gewählt worden. Das Ergebnis der Betriebsratswahlen sei auch eine Folge des Streiks, so die auflagenstärkste Zeitung Schleswig-Holsteins, denn während des Arbeitskampfes habe die Werftleitung zum Mittel der ungerechtfertigten Kündigung von Arbeitern und Angestellten gegriffen und die Zustellung von Kindergeld sabotiert. Ähnlich äußerte sich "Die Welt". Hein Wadle sei bei der letzten Bundestagswahl Spitzenkandidat der KPD gewesen. "Die Welt": "Wadle ist ein geschickter und kluger Agitator, der SED-Parteischulen in der Zone besucht hat. In der Meinung der Belegschaft ist er aber auch ein guter Kollege."

Die Kommunisten sorgten mit dafür, dass der gewerkschaftliche Organisationsgrad in den Betrieben hoch war. Im gesamten Tarifgebiet betrug er 71,9 Prozent, in Kiel/Eckernförde, zu dem auch die Howaldtswerke gehörten, betrug er rund 85 Prozent. Und während des Streiks traten vor allem viele junge Kollegen der IG Metall bei. 1955/56 verzeichnete die IG-Metall-Verwaltungsstelle Kiel 1 087 neue jugendliche Mitglieder. Die Zahl der neuen Mitglieder stieg in der Verwaltungsstelle von 20 366 am 31. 12. 1955 auf 23 935 am 31. 12. 1956. Diese Tatsache trug dazu bei, dass die Zahl der Streikbrecher gering war. Auf der Howaldtswerft waren es während der gesamten 16 Wochen nur 16. Dabei hatte man die Streikbrecher mit so genannten "Mitarbeiterbriefen" zu ködern versucht, in dem man ihnen u. a. eine dauernde Sicherung des Arbeitsplatzes versprach.

Frauen ein stabiler Faktor in der Streikfront


Verkalkuliert hatten sich die Unternehmer auch, was die Frauen betraf. Auch an sie hatten sich die Firmenchefs mit Bittbriefen gewandt. Die "Streik-Nachrichten" veröffentlichten immer wieder Interviews mit Frauen der Streikenden. Typisch war die Meinung einer Frau aus Kiel: "Ich bin für den Streik, weil doch gerade wir Frauen wissen, wie es aussieht, wenn der Mann einmal Pech hat, krank zu werden". Was die Streikbeteiligung der Frauen angeht, so unterschied sie sich nicht von den Männern. Ein Beispiel dafür war das AEG-Schaltgerätewerk Neumünster, wo der Frauenanteil an der Belegschaft besonders hoch war. Die "Streik-Nachrichten" stellten fest: "Die Frauen des größten Industriebetriebs in Neumünster traten für die gemeinsamen Forderungen aller Arbeitnehmer genauso entschlossen in den Streik wie es ihre männlichen Kollegen bisher in Neumünster und anderen Orten des Landes getan haben." Viele Frauen ließen sich als Streikposten eintragen. "Wir können das genauso gut wie die Männer", sagte eine Kollegin im Interview.

Eine Fehlspekulation der Metallunternehmer war auch die Hoffnung, die Streikfront würde über Weihnachten zusammenbrechen. Dass dies nicht geschah, lag an der Entschlossenheit der Belegschaften, bis zum erfolgreichen Ende zu kämpfen, und auch an der großen Solidarität, die es aus Süd, West und Ost mit den Streikenden gab. Die "Frankfurter Neue Presse" stellte fest: "Die in manchen Herzen gehegte Hoffnung trog, die Frauen würden in der Vorweihnachtszeit ihren kampfwilligen Männern den Dolch in den Rücken stoßen."

Wachsende Solidarität in der Vorweihnachtszeit

In der Vorweihnachtszeit war die Solidarität besonders groß. Der Bundesvorstand des DGB verteilte allein an die Kieler Metallarbeiter mehr als 14 000 Weihnachtspakete. Der Ortsausschuss Kiel überreichte den Kindern der Streikenden 12 600 Weihnachtstüten. Die finanzielle Solidarität ermöglichte es, den verheirateten Kollegen ein Weihnachtsgeld von 30 DM und für jedes Kind zusätzlich 5 DM auszuzahlen. Außerdem gab es für Verheiratete einen Gutschein über 15 DM. Ledige erhielten 25 DM und einen Gutschein über 12 DM. Aus allen Gebieten der Bundesrepublik und aus der DDR wurden Kleidung, Kinderspielzeug und Pakete geschickt. Überall fanden Weihnachtsfeiern statt. Viele Künstlerinnen und Künstler vor allem aus dem benachbarten Hamburg traten kostenlos auf. Diese Weihnachtsfeiern wurden zu Höhepunkten des Kampfes. Jeden Tag wurden in den Streik-Nachrichten, die während des langen Kampfes 80 Mal erschienen, Spendenlisten abgedruckt. Dank der Solidarität fehlte nichts auf dem Gabentisch.

Im neuen Jahr Kampf bis zum Erfolg

Am 28. Dezember waren Schlichtungsverhandlungen nach 30 Stunden beendet, weil der Schlichter, der Kieler Arbeitsrichter Prof. Nikisch, mit den Unternehmern stimmte. So stampften am 2. Januar 1957 die Streikposten der IG Metall weiter ihre Füße in den Schnee, um sich zu wärmen. Der Streik ging auch im neuen Jahr unvermindert weiter. In einer Dokumentation des Streiks, die aus Anlass des 20. Jahrestages der erfolgreichen Beendigung des Streiks erschien, wird festgestellt: "Dieser bisher längste, hart geführte Arbeitskampf, der von einer breiten nationalen und internationalen Solidaritätsbewegung unterstützt und erfolgreich beendet wurde, hatte auch Auswirkungen auf das Bewusstsein der Arbeiter/innen nicht nur im norddeutschen Raum. Ihnen wurde erneut vor Augen gestellt, dass sie ihre Forderungen, ihre Interessen durch gemeinsames, solidarisches Handeln durchsetzen können."

Günther Wilke
http://www.dkp-online.de/uz/3842/s0301.htm
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Kuddel


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« Antworten #16 am: 11. September 2017, 18:12:26 »

Zitat
Schleswig-Holstein:
Wilder Streik – fristlos entlassen

15. April 1960,
Aus der ZEIT Nr. 16/1960

H. W., Kiel

Hein Wadle, Generalobmann und Betriebsrats-, mitglied der Kieler Howaldts-Werke, ehemals führendes Mitglied der Kommunistischen Partei in Schleswig-Holstein, muß sich nach einem anderen Arbeitsplatz umsehen. Er hat seinen Prozeß gegen den bundeseigenen Werftbetrieb in Kiel verloren. Das Arbeitsgericht in Kiel hat entschieden, daß Wadles fristlose Kündigung rechtswirksam ist. Wadle habe durch seine Aufforderung an die Belegschaft, in einem einstündigen Warnstreik gegen die Krankenversicherungsreform zu protestieren, den Arbeitsfrieden in der Werft gebrochen.

Wadle hatte auf der Sitzung der Betriebsvertrauensmänner am 9. Februar die Streikparole ausgegeben. Die Vertrauensmänner hatten seinen Streikvorschlag mit knapper Mehrheit gebilligt, aber bei der IG Metall zuckte man zurück. Wahrscheinlich lag den Gewerkschaftlern noch der folgenschwere Metallarbeiterstreik in Schleswig-Holstein in den Knochen. Auf jeden Fall distanzierte sich sowohl die Gewerkschaft als auch der Betriebsrat in aller Form vom Streikbeschluß der Vertrauensmänner und erklärten den Streik für illegal.

Trotz der fehlenden Rückendeckung durch die Gewerkschaft ließ Wadle seinen Streikaufruf vervielfältigen und an den Zähluhren anbringen. Er benachrichtigte auch die Presse. Die Betriebsleitung allerdings erfuhr erst am 10. Februar aus den Morgenzeitungen, daß die Arbeit am 12. Februar niedergelegt werden sollte. Sie erklärte, daß sie den Streik auf keinen Fall dulden werde. Der Betriebsrat warnte alle Arbeiter vor einer Teilnahme an dem Proteststreik. Hein Wadle mußte klein beigeben. Der Streik fand nicht statt.

Vier Tage später war der Generalobmann der Howaldts-Werke – trotz zehnjähriger Betriebszugehörigkeit – fristlos entlassen. In der Zonenpresse wurde sein „heroischer Kampf“ gefeiert. Hein Wadle aber klagte vor dem Arbeitsgericht.

Nach zweistündiger Verhandlung stellte das Gericht fest: Wadles Verhalten ist ein schwerer Verstoß gegen seine Pflichten als Arbeitnehmer und als Mitglied des Betriebsrates. Deshalb ist die Entlassung gerechtfertigt, auch seine Stellung als Betriebsratsmitglied schützt ihn davor nicht. Nur die Gewerkschaft ist berechtigt, einen Streik auszurufen und für legal zu erklären.
http://www.zeit.de/1960/16/wilder-streik-fristlos-entlassen
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Fritz Linow


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« Antworten #17 am: 12. September 2017, 22:27:07 »

Mal nebenbei zum Ende des Streiks (aus Wikipedia):
Zitat
Erneute Schlichtungsverhandlungen führten am 9. Februar in Kiel zu einem einstimmigen Einigungsvorschlag. In der vierten Urabstimmung nahmen ihn 39,7 % der Streikenden an, 60,3 % stimmten dagegen. Dieses Urabstimmungsergebnis wurde als konkrete Zahl nicht veröffentlicht. Da nach den Regularien der IG Metall für einen Arbeitskampf die Zustimmung von mindestens 75 % der Beschäftigten erforderlich ist, war damit der Streik beendet.
https://de.wikipedia.org/wiki/Streik_um_die_Lohnfortzahlung_im_Krankheitsfall

Eine Minderheit war für eine Beendigung des Streiks, aber durch Satzungs-Blabla reichte es, dass der sozialpartnerschaftliche Frieden wieder hergestellt war. Eine Mehrheit wäre bereit gewesen, noch weiter zu streiken und ein noch besseres Ergebnis zu erkämpfen...und vielleicht sogar noch viel mehr.

Der Erfolg des Streiks bleibt unbenommen, und es gibt bewegende Schilderungen und Filmmaterial, die zeigen, was alles eine übergreifende Solidarität bewirken kann. Aber wenn wir hier von einem "Revolutionären HDW" sprechen, sollte man zumindest kurz auch die Korrumpierbarkeit und Arschkriecherei der IG Metall erwähnen, die sich bis heute bei HDW durchzieht.

Vielleicht mag ja der eine oder die andere DKP-Funktionärin, die nun ihren Hintern im Kieler DGB-Gewerkschaftshaus wärmt, mal in den Archiven nachschauen, ob man den Streik wirklich so glorifizieren kann, wie es die DKP tut.
« Letzte Änderung: 12. September 2017, 22:34:48 von Fritz Linow » Gespeichert
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