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Autor Thema: He ain't marching anymore  (Gelesen 48734 mal)
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Beiträge: 344



« Antworten #25 am: 18. Mai 2010, 15:36:39 »

Deine Wünsche, Träume, Ideen haben sich vervielfältigt...
Du bist nicht einer, Du bist viele...
Du bist hier, jetzt und heute und immer!
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Schließt die Augen und seht die Dinge die sich verbergen denn nur so erkennt Ihr ihre wahre Natur!
ProgressiveProletarian


Beiträge: 274


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« Antworten #26 am: 18. Mai 2010, 22:28:21 »

Danke für all dein Engagement, Kater. Gute Taten sind niemals umsonst.

Dem kann ich nur zustimmen.  Ich hab ihn ein paar Mal in Berlin getroffen und selten einen ausgeglicheneren und freundlicheren Menschen erlebt. Mir fehlen die Worte.  Sad cry
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IOPS ist eine klassenlose, globale Graswurzelbewegung auf Basis selbstverwalteter, lokaler Gruppen.

http://www.iopsociety.org/de
Irrlichtprojektor


Beiträge: 876



« Antworten #27 am: 19. Mai 2010, 00:01:13 »

Möge die Erde Dir frei sein @Kater.
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admin
Administrator

Beiträge: 2333


« Antworten #28 am: 21. Mai 2010, 10:58:25 »

Für Kater
(Dieter Brünn 1951-2010)










An der Zeitschrift der Gruppe Arbeiterpolitik fielen mir die Nachrufe für verstorbene Mitstreiter auf. Das war ein deutlicher Unterschied zu den sozialen Bewegungen, die ihre Aktivisten verschleißen, sich dann aber kaum noch kümmern. Aktivitäten in diesen Gruppen sind meist zeitlich sehr begrenzt und diejenigen, die sich engagieren, bleiben gesichts- und namenlos.

Was dieser Teil der Arbeiterbewegung praktiziert, zeigt jedoch den notwendigen Respekt vor den Menschen, die einen großen Teil ihrer Zeit und Kraft in eine gute und wichtige Sache gesteckt haben. Auch wenn einige wegen ihres Alters oder krankheitsbedingt sich länger nicht mehr aktiv beteiligen konnten, erinnert man sich doch Ihres Beitrags an dem gemeinsamen Kampf.

Ich würde Kater auch gerne den Respekt zollen, weniger wegen seiner Aktivitäten für chefduzen.de, sondern weil es ihm eine Selbstverständlichkeit war, sich für die Schwachen der Gesellschaft und für diejenigen, die sich gegen ungerechte Verhältnisse auflehnen, einzusetzen.

Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, wir seien enge Freunde gewesen und ich würde ihn gut kennen. Wir haben uns über das Forum kennnengelernt, uns aber nur einige Male getroffen, doch hatten wir oft Kontakt per pn oder E-Mail.

Ich habe noch nie einen Nachruf geschrieben. Ich schreibe also über mich und wie sich mein Weg mit dem von Kater kreuzte.

Politisiert wurde ich in den 70er Jahren, in den Zeiten der Alternativkultur und der RAF, sowie der aufkommenden Frauen- und Umweltschutzbewegung. Die Toten von Stammheim, die Demos in Brokdorf blieben mir in Erinnerung. Doch politisch richtig aktiv wurde ich erst in den frühen 80ern. Da ging es los mit der militanten Hausbesetzerbewegung, mit dem Kampf gegen  den US Imperialismus und Atomraketen, gegen die Starbahn West und die Berlinbesuche von Ronald Reagan. Noch bevor diese Bewegungen begannen sich aufzulösen, begann ich daran zu zweifeln, dass es Sinn macht, nur gegen einzelne Probleme in dieser Gesellschaft anzukämpfen.

Ich sehe das Grundübel dieser Gesellschaft im Kapitalismus. Dieser lebt davon Mensch und Natur auszubeuten und zu seiner Selbsterhaltung alle Spaltungen nach Geschlecht, Hautfarbe, Nationalität (etc.) weiter zu vertiefen. Gemeinsam mit einigen Freunden wandte ich mich der Frage der Ausbeutung der Arbeitskraft zu, dem kapitalistischen Grundprinzip. Wir fanden den sozialdemokratisch-gewerkschaftlichen „Kampf“ der Arbeiterbewegung jedoch wenig attraktiv. Auch mochten uns die Aktivitäten der seinerzeit noch weit verbreiteten K-Gruppen nicht recht überzeugen, denn diese versuchten ein halbes oder gar volles Jahrhundert alte Konzepte auf einen sich stets modernisierenden Kapitalismus anzuwenden. Wir wollten die Erfahrungen, die Kampf- und Organisationsformen, die sich in den sozialen Bewegungen entwickelt haben, für den Kampf für ein besseres Leben anwenden. Letztendlich wurde aus diesem Gedanken auch das Forum chefduzen.de geboren.

Vorher gab es noch relativ erfolgreiche Einmischung in das Gesundheitswesen, bzw. die Arbeitsbedingen dort. Es folgten längere Auslandsaufenthalte, Arbeit dort und Diskussionen und Einmischung in die sozialen und politischen Konflikte vor Ort. Als in den USA die New Economy Blase platzte, organisierten sich die IT-Fachleute, die zu zehntausenden ihre Kündigungsbriefe erhalten hatten, im Internet in dem Forum Netslaves. Die Idee war mir Inspiration, dass es über ein informelles Treffen als „Stammtisch“ hinaus, auch noch andere Möglichkeiten gibt, sich an der „sozialen Frage“ zu organisieren. Ich hatte nur keine Ahnung von Computern und dem Internet und suchte Hilfe ein solches Projekt aus der Taufe zu heben. Ich hatte wenig Glück mit dem IT-Spezialisten, der mir zu Beginn weiterhalf. Nach kurzer Zeit begannen wir gegeneinander zu arbeiten, und als chefduzen anfing erfolgreich zu werden, versuchte er mich herauszumobben. Ein paar Leute aus dem Bekanntenkreis ließen sich mit wenig Begeisterung einspannen, das Forum erstmal weiter am Laufen zu halten.

Ich suchte dann in der Community nach Mitstreitern. Kater war mir mit seinem freundlichen und kompetenten Rat für Hilfesuchende aufgefallen, aber auch durch seine Ahnung von politischen Zusammenhängen. Ich mußte ihn schon ein wenig überreden, er wollte eigentlich keine Sonderrechte im Forum. Ich verpaßte ihm einen zusätzlichen Nick mit Administratorrechten, die er nur spärlich einsetzte. Er selbst war zum Forum gestoßen, als er bei einem Problem mit Ämtern Rat suchte und dann fand er nicht nur die gesuchte Antwort, sondern das Geschehen so  ansprechend, daß er nichtmehr von chefduzen lassen konnte. Ich erfuhr erst später, daß er Historiker war. Er wußte, daß die herrschende Geschichte die Geschichte der Herrschenden ist. Geschichtsschreibung als Herrschaftsmittel. Deshalb schrieb er die Geschichte der einfachen Leute und die ihrer Kämpfe gegen Unterdrückung. Er trug Informationen über den Aufstand im Warschauer Ghetto zusammen und arbeitete über die Märzgefallenen, die Opfer der Revolution 1848 in Berlin. Doch sein Hauptinteresse lag beim antimilitaristischen Widerstand. Dazu erzählte er mir folgende Geschichte: In Berlin gab es damals ein recht martialisches Auftreten der Allierten. Es war wohl im Jahr 1969, als ein amerikanischer Jeep mit aufgepflanztem Maschinenegewehr an der Berliner Mauer Patrouille fuhr. Kater spreizte seine Finger zu einem Peace-Zeichen und der schwarze GI grinste zurück und grüßte mit der geballten Faust der Black Panthers. Das war das Ereignis, das sein weiteres Leben bestimmen sollte. Kater wußte von dem Widerstand innerhalb der amerikanischen Army gegen den Vietnamkrieg. Er wußte, daß unter extremen Bedingungen sich auch radikale Kampfformen entwickeln. In Vietman erschossen viele Soldaten ihre Vorgesetzten um die Befehlsketten und die Logik des Krieges zu durchbrechen. Kater lernte viele Aktivisten des innermilitärischen Widerstands kennen, das nicht nur während des Vietnamkriegs, sondern auch heute beim Irakkrieg. Er interessierte sich für den Zusammenschluß kritischer Bundeswehrsoldaten und besuchte das Komitee der Soldatenmütter in Kiew.

In seiner Wohnung wuchs ein gewaltiges Archiv heran. Das war keine reine Sammelwut, denn Kater wollte den Menschen das Wissen über Widerstand und dessen Erfolge  vermitteln. Deshalb gründete er den Harald Kater Verlag (sein Nick ist ein Verweis darauf) um sein Material und Wissen zu teilen.

In der bunt zusammengewürfelten chefduzen-Redaktion war Kater mir oft politisch am nächsten. Er hielt den Widerstand aus dem Inneren der Bestie für den Erfolgsversprechendsten. Er hat den Klassenstandpunkt am Konsequentesten weitergedacht. Er sah in vielen Handlangern der Mächtigen nur hirngewaschene, verwirrte Ausgebeutete, die man nur bearbeiten muß, um sie zu bewegen in diesem üblen Spiel nicht länger mitzuspielen. Er interessierte sich nicht nur für den Widerstand innerhalb der Armee, sondern auch für Proteste von Bullen für bessere Arbeitsbedingungen und postete zum Thema. Er erkannte darin eine Bruchstelle, in der Marionetten sich in eigenständig denkende Menschen verwandeln. So versuchte er auch stets für die „Kampagne für eine deutsche Fabienne“ zu werben. Hier geht es darum auch Arbeitsamtsmitarbeiter als fehlgeleitete Ausgebeutete zu betrachten und dafür zu werben, sich zu weigern Erwerbslose zu drangsalieren, wie es französische Kollegen bereits getan haben. Diese haben ihre Arbeit niedergelegt mit der Begründung, Ihr Job sei die Hilfe für Erwerbslose und die Repression gegen ihre Kunden gehöre nicht dazu.

Dieser Gedanke und Ansatz wurde von der chefduzen Community ignoriert oder nicht verstanden. Für Kater war dieser Gedanke keinswegs theoretisch, er war selbst „Kunde“ bei der ARGE. Wenn man ihm einen Ein-Euro-Job aufs Auge drückte, gelang es ihm zumindest dort unterzukommen, wo er sich wohl fühlte: als Historiker oder in einer ärztlichen Praxis für Obdachlose. Kater hoffte auf ein soldiarisches Verhalten von Menschen und war selbst stets hilfsbereit. Er war für andere da, egal ob bei Problemen oder schweren Krankheiten.

Für den täglichen Betrieb von cheduzen hatten wir unterschiedliche Auffassungen. Ich versuche das Forum, als Werkzeug zur sozialen Selbstverteidigung und als Diskussionsraum für die Suche nach gesellschaftlichen Alternativen, zu verteidigen und schmeiße Leute, die an sozialen und politischen Verbesserungen offensichtlich kein Interesse zeigen und die Diskussion sabottieren, einfach raus. Kater wollte schon in den Auseinandersetzungen, die wir führen, ein Stück der angestrebten Gesellschaft vorwegnehmen. Er wollte möglichst niemanden ausschließen. Mit seiner Toleranz ging mir Kater gelegentlich auf den Sack. Wenn er mich für einen Rauswurf angriff, war ich nicht nur genervt, fühlte mich auch manchmal verletzt. Als Admin wird man mit viel Kritik und auch mit Beleidigungen bedacht. Das geht mir oft am Arsch vorbei. Doch die Meinung von Kater war mir immer wichtig.

Ich hätte ihm gern meinen Standpunkt erläutert, daß jemand mit einer akuten Psychose durch die Teilnahme an einer Onlinediskussion nicht spürbar geholfen werden kann, derjenige den Normalbetrieb eines Forums aber dabei restlos durcheinanderbringen kann. Ich halte auch Antideutsche nicht nur für verirrt und verwirrt, sondern für politisch gefährlich und werde ihnen auch in Zukunft kein Forum bieten, reagiere da stets sofort und ohne Diskussion oder weitere Begründung. Daß ich all das mit ihm nicht mehr diskutieren kann, wurmt mich ungemein.

Aber selbst Kater platze manchmal der Kragen, insbesonders dann, wenn Leute im Forum herumpolterten und sich für linksradikale Kämpfer hielten, er in ihnen aber nur menschenverachtende Maulhelden sah. Gelgentlich schrieb er mir auch, daß er es gut und richtig fand, wenn ich jemanden rausgeschmissen hatte.

Kater unterschied sich gründlich von anderen Altlinken, die ich kenne. Üblicherweise dauern politische Aktivtäten nur eine politische Bewegung oder Hochphase (späte 60er, frühe 80er) lang und hinterlassen ihre Teilnehmer als verbitterte und oft auch gebrochene Menschen. Dann war früher alles besser, die nachfolgenden Generationen sind natürlich dumm und unpolitisch. Kater nahm aus jeder Bewegung seine Lehren und Erfahrungen mit ohne dabei seinen Humor zu verlieren. Er war sowieso nicht der verkrampfte Politnik, mit ihm konnte man die Nacht durch bei Rotwein über Gott und die Welt reden und zu allem hatte er irgendwelche Anekdoten parat. Er liebte Bücher, hatte einen erlesenen Musikgeschmack und er war auch ein Kenner guter Filme und teilte mit mir ein Faible für Werke von Luis Buñuel, Eisenstein und Costa Gavras.

Kater hinterläßt seine Spuren bei chefduzen, das Forum wurde lebensnäher (das Leben besteht schließlich nicht nur aus Problemen und Problembewältigung) und unterhaltsamer. Sein Thread „Elektronik Supersonik - Zlad“ mit Skurilitäten aus dem Bereich der Musikclips gehört mit 36.204 Klicks zu den beliebtesten Threads des Forums.

Und damit jetzt die Traurigkeit nicht Oberhand gewinnt, lassen wir nochmal Elektronik Supersonik – Zlad für ihn aufspielen.

Elektronik Supersonik - Zlad -







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bodenlos


Beiträge: 1372


« Antworten #29 am: 21. Mai 2010, 19:41:35 »

Der Nachruf hat mir Kater als Mensch näher gebracht, es war interessant und aufschlussreich
ihn zu lesen.

Danke.
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Tante Maria


Beiträge: 618



« Antworten #30 am: 21. Mai 2010, 20:38:07 »

Leider habe ich Kater nicht gekannt.Ich kann mich lieder nicht mehr an seine Post erinnern.
Wir haben ihn Chefduzen.de mit zu verdanken.Danke . Ruhe in Frieden.
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ethos07


Beiträge: 29


« Antworten #31 am: 26. Mai 2010, 15:39:39 »

Ich habe Kater nur einmal getroffen - und zwar als wir  im letzten Jahr
( ihr von Chefduzen und wir vom ELo)  gemeinsam  zur Demo "Wir zahlen nicht für Eure Krise" aufgerufen  und dann mit unseren beiden stolzen  Transpis gemeinsam am 28. März 09 demonstriert haben - da war Kater auch dabei Smiley.

Später hatte ich diesen liebenswürdigen und hochinteressanten Menschen dann noch mal über die PN-Funktion hier von chefduzen  zu einer kleinen Abendveranstaltung eingeladen. Oder besser: einladen wollen. Seine so nette Absage  wirft  vermutlich ein  zutreffendes Licht auf  ihn. Deshalb  stelle ich diese Mail nun einfach mal hier ein und verlinke dort, ich denke, zu  einem seiner Lieblingsprojekte als politisch denkender Historiker. Beachtet auch seinen bürgerlichen Namen, ganz in  klein, unter dem Pan dort :-). Hoffentlich hatte Kater/Dieter Brünn   vor seinem offenbar doch überraschend zügig ankommenden Sterben noch die Zeit und Kraft sein gewiss einmalig aufgebautes Privatarchiv in gute Hände weiterzugeben....

Blöderweise hatte ich mir nach seiner Absagemail  nie mehr die Zeit genommen, wie vorgehabt, den Kontakt zu diesem Menschen fortzusetzen. Und nun ist's und bleibt's auf ewig zu spät... [ nach halt  meinem materialistischen Weltbild zumindest] Sad

Möge  Kater  aber  ein Stückchen in unserem Widerstand gegen die widrigen Hartz IV-Zeiten weiterleben!

Zitat
@ethos07

danke für die Einladung. Ich erinnere mich auch an dich, hatte leider nach der Demo damals keine Zeit, weil ich noch was für den nächsten Tag vorbereiten mußte (Führung auf dem"Friedhof der Märzgefallenen" in Friedrichshain http://www.friedhof-der-maerzgefallenen.de/geschichtedesortes, habe ich als EEJ gemacht). Am Freitagabend habe ich auch schon was vor, weiß nicht, ob ich es verschieben kann, bzw. es noch mal wiederholt wird. Mal sehen. Grüße bitte Mxxx von mir, aber als "Kopf" der Berliner chefduzler sehe ich mich nicht, bin höchstens der älteste und habe am meisten von ihnen (aber meist news) gepostet...

liebe Grüße

Dieter Brünn


http://www.friedhof-der-maerzgefallenen.de/dateien/0018_Fuehrung.png
« Letzte Änderung: 26. Mai 2010, 17:36:53 von ethos07 » Gespeichert
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Urlaubsjunkie-Auf Entzug
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Beiträge: 739



« Antworten #32 am: 10. Juni 2010, 14:57:59 »

Kater, wir denken an Dich!
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Nur Exhibitionisten haben nichts zu verbergen.
Mario Nette


Beiträge: 160


« Antworten #33 am: 18. Juni 2010, 09:56:57 »

In mir schreit's "Das kann nicht sein!", vermutlich aber wegen "Es soll nicht sein." Er war doch noch gar nicht fertig mit dieser Welt. Und ich wollte ihn auch noch so viel fragen.

"Er war sowieso nicht der verkrampfte Politnik, mit ihm konnte man die Nacht durch bei Rotwein über Gott und die Welt reden und zu allem hatte er irgendwelche Anekdoten parat."

Kater, ich vermisse dich. Jetzt umso mehr. Du bist ein toller Mensch.

Für mehr Kater auf dieser Welt.

*heul*

Scheiße ...
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Hartzhetzer


Beiträge: 634


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« Antworten #34 am: 23. Juni 2010, 08:43:34 »

Wo ich neu im Forum war (schon ein paar Jahre her) hatte ich einige Konflikte mit Kater, damals hatte ich mich ihn gegenüber aus dem Konflikt heraus ziemlich daneben benommen. Zum Glück konnte der Streit später beigelegt werden. Ich hatte mich dann auch per PN bei ihn für mein Verhalten entschuldigt, er nahem die Entschuldigung an. Seitdem sind wir miteinander klargekommen .

Als jemand der nicht oft im Forum ON ist war diese Nachricht hier im Thread für mich eine negative Überraschung, umso mehr bin ich froh das ich mit ihm nicht im Streit auseinander bin. Mit Kater hat das Forum einen wertvollen User verloren der das Forum sehr oft mit interessanten neuen Threads bereichert hat.

Mein herzliches Beileid und Ruhe in Frieden Kater
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Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.
- Albert Einstein -

Jedoch ist das genau das, was in einer Marktwirtschaft Alternativlos ist.
admin
Administrator

Beiträge: 2333


« Antworten #35 am: 12. Dezember 2010, 12:31:44 »

Zitat
Wolf-Dieter Brünn (Geb. 1951)

Sein Vermächtnis? Konkret, immer konkret bleiben!


Herbst 1960, UN-Vollversammlung, der erboste Nikita Chruschtschow hämmert mit seinem Schuh auf den Tisch – eine legendäre Szene, aber hat sie so je statt gefunden? Die einen sagen, er hatte den Schuh nur auf den Tisch gelegt, andere Augenzeugen behaupten, er habe seinen eigenen nie ausgezogen, sondern einen dritten mitgebracht.

„Chruschtschows dritter Schuh“ – Dieter liebte diese Anekdote, denn sie bebilderte sein eigenes politisches Wollen: Sich empören, aber nicht blind agieren.

1981 besetzte er mit Freunden ein Haus in der Görlitzer Straße. Die „Stiftung Umverteilen“ gewährte Kredit, es gab „Staatsknete“, und es gab einen, der glaubte, das rechtfertige einen tiefen Griff in die Kasse. 66 000 DM wurden aus der Baukasse entwendet, der Täter war bekannt, einige wollten das vertuschen, nicht so Dieter. Ihm war klar, „dass ein Verschweigen und Hinnehmen mieser Entwicklungen uns selbst viel mehr schadet als der Verzicht auf Staatsknete“.

Dieter hatte Politologie studiert, aber sein eigentlicher politischer Ziehvater war Erich Mühsam, pragmatischer Anarchismus ohne Humorverzicht – ganz anders als bei ideologischen Leibeigenen und Parteisklaven üblich: „Oh, wär’ ich doch ein reicher Mann, der ohne Mühe stehlen kann, gepriesen und geehrt.“ Das war gar nicht sein Ding. Karriere, Luxus, „Schöner Wohnen“, Kreuzberger Flair, aber bitte mit Charlottenburger Grandezza. Dafür hatte er seinerzeit das Haus nicht besetzt.

In seiner Wohnung reihten sich mehr als 200 Regalmeter an Büchern, Zeitschriften, Flugblättern und Postern über „Widerstand in der US-Armee“, „Soldiers in Revolt“, Deserteure in aller Welt.

Dave Harris, ein ehemaliger GI, und der Journalist Max Watts hatten den Grundstock zu dem Archiv gelegt. Während des Vietnamkrieges gaben sie mehrere Soldatenzeitschriften heraus, informierten die GIs über Fluchtmöglichkeiten, organisierten eine europaweit funktionierende „Untergrundbahn“ für Deserteure. Dave Harris gründete 1974 das „GI-Counselling-Center“ nach dem Vorbild der GI-Cafés in den USA. Als sie entdeckten, dass sie mitten in Berlin vom amerikanischen Militärgeheimdienst überwacht wurden, klagten sie dagegen vor einem zivilen Gericht in den USA und bekamen recht.

Wo immer Kriege geführt werden, gibt es Deserteure. „Absent without leave“, abwesend ohne Genehmigung, lautet der offizielle Begriff. Annähernd 100 000 US-Soldaten desertierten im Vietnamkrieg, entsprechend panisch reagierte die Regierung: „Es war fürs Überleben wichtiger, Deserteure zu töten als Russen oder Vietnamesen.“

Über 8000 Army-Deserteure gab es bereits im Irakkrieg. Kriegsverweigerer sind ein Problem für das israelische Militär, Desertion auf dem Wege des Suizids lähmt die Moral der russischen Armee – eines der letzten Projekte von Dieter befasste sich mit den Misshandlungen junger Rekruten in den Armeen der ehemaligen Ostblockstaaten.

Wenn sich Dieter eines Themas annahm, dann voll und ganz. In seinem kleinen Verlag „Harald Kater“, benannt nach der Hauskatze, veröffentlichte er die Biografie von Malcolm X ebenso wie die Erlebnisse Marek Edelmans, der einer der Kommandeure des Aufstands im Warschauer Ghetto war.

Der Toten zu gedenken, das hieß für Dieter, daran zu erinnern, wofür sie ihr Leben aufs Spiel gesetzt hatten. Der Friedhof der Märzgefallenen, der vergessenen Revolutionäre von 1848, versteckt im Volkspark Friedrichshain gelegen und nunmehr dank der Paul-Singer- Stiftung wieder ins Gedächtnis der Öffentlichkeit gebracht, war sein letztes großes Projekt.

Fürs Privatleben blieb da nicht allzu viel Zeit. Seine Freundin war vor vier Jahren an Lungenkrebs gestorben. Er hatte sie lange gepflegt, aber selbst sein Geheimmittel versagte irgendwann, und sie gewann ihr Lachen auch beim Ansehen von Bollywood-Filmen nicht wieder.

Nach ihrem Tod hörte er mit dem Rauchen auf, aber da war es wohl schon zu spät. Seine Leidenszeit war kurz, drei Wochen von der Diagnose bis zum Tod. Er hatte eben nie die Geduld zur Faulenzerei.

Sein Vermächtnis? Konkret, immer konkret bleiben. Den Chef duzen, das vermindert den Klassenunterschied mal ganz auf die Schnelle. „Wir müssen herausfinden, wie wir zu den Leuten werden, auf die wir gewartet haben …“ Und mit denen wollen wir frei leben und Spaß haben. Dieters Beiträge „Elektronik Supersonik – Zlad“, eine Sammlung skurriler Musikclips, gehören zu den beliebtesten des Internetforums „www.chefduzen.de“.
Gregor Eisenhauer
http://www.tagesspiegel.de/berlin/nachrufe/wolf-dieter-bruenn-geb-1951/3324436.html
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