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Autor Thema: Tod eines Hafenarbeiters in Hamburg  (Gelesen 4280 mal)
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Kuddel


Beiträge: 11475


« am: 13. Oktober 2011, 14:22:50 »

Zitat
»Ver.di hat sich nicht gerührt«
Tod eines Hafenarbeiters in Hamburg wirft Fragen nach der Verquickung von Gewerkschaft und Unternehmen auf.

Ein Gespräch mit Rolf Geffken
Interview: Gitta Düperthal


Rolf Geffken ist Rechtsanwalt in Hamburg

Der 45jährige Hafenarbeiter Uwe Kröger ist während der Arbeit als Containerbrückenfahrer bei der Firma Eurokai in Hamburg an einer Herzattacke gestorben. Eineinhalb Stunden dauerte es, bis ärztliche Hilfe eintraf, unter anderem weil kein firmeneigenes Rettungssystem existiert. Jetzt weigert sich die Firma, Schadenersatzforderungen der Witwe nachzukommen. Wie bewerten Sie dieses Verhalten?

Nachdem der Hafenarbeiter Uwe Kröger am 31. Dezember 2009 den tödlichen Herzanfall erlitten hatte, erklärte sich die Firma einzig bereit, freiwillige Leistungen aus einer sogenannten Unterstützungskasse zu zahlen -- eine einmalige Zahlung von etwa 15000 Euro. Das ist jedoch keine Entschädigung. Auf die darüber hinausgehenden Forderungen seiner Witwe, die durch den Tod ihres Ehepartners auch den Ernährer ihrer Familie verloren hat, will das Unternehmen nicht eingehen. Die Witwe selber war nicht berufstätig und hat drei Kinder, zwei davon noch minderjährig. Der Mann war Schichtarbeiter -- insofern hat die Familie einen schlimmen sozialen Absturz erlitten. Verantwortungsvolle Brückenfahrer bewegen täglich Lasten im Wert von Millionen Euro im Hamburger Hafen – aber wenn ihnen etwas zustößt, reagiert der Arbeitgeber in dieser beschämenden Weise.

Die Berufsgenossenschaft will auch nicht zahlen?


Die beruft sich darauf, daß Uwe Kröger schon vor dem Unfall schwer herzkrank war. Der Unfall sei insofern nicht durch die Ausübung des Berufs passiert, weshalb es aus deren Sicht auch kein Berufsunfall war. Allerdings muß dazu gesagt werden: Der Betriebsarzt hatte ihn regelmäßig untersucht und für diensttauglich erklärt. Im nachhinein wundert man sich nun: »Ihr Mann war so herzkrank, daß er nie diesen Job hätte machen dürfen«, erklärte der Sektionsgutachter am Universitätsklinikum Eppendorf der Ehefrau. Wir klagen auch gegen die Berufsgenossenschaft vor dem Sozialgericht. Denn die Herzattacke endete meiner Auffassung nach nur deshalb tödlich, weil Uwe Kröger an seinem Arbeitsplatz erst viel zu spät geholfen wurde -- insofern hat es sehr wohl mit seinem Beruf zu tun. Die Berufsgenossenschaft könnte allenfalls einwenden, daß es sich hier um Fehler des Arbeitgebers handelt.

Was konkret hat die Firma vernachlässigt?

An Uwe Krögers Arbeitsplatz hat man damals erst viel zu spät gemerkt, daß überhaupt etwas passiert war. Es gibt dort kein Meldesystem, so wie etwa bei Lokführern, die immer mal wieder auf einen Knopf drücken müssen, um zu signalisieren, daß alles in Ordnung ist. Hafenarbeiter arbeiten in einsamer Höhe von 40 bis 50 Metern über dem Erdboden, in einer Kanzel, in der sich nur ein einziger Mensch aufhalten kann. Erst nachdem aufgefallen war, daß sich die Kanzel am Kran unkontrolliert hin und her bewegte, hat man überhaupt registriert, daß etwas nicht in Ordnung war. Danach erst konnte die Rettungsaktion eingeleitet werden – die Feuerwehr mußte gerufen werden, weil es kein eigenes Rettungssystem für die Hafen­arbeiter gibt. Nach anderthalb Stunden konnte der Arzt nur noch den Tod Uwe Krögers feststellen.

Wie hat das Unternehmen reagiert?

Seit ich für meine Mandantin Ansprüche geltend gemacht habe, wird vom Unternehmen nur gemauert. Man hat sogar einen Brief verschickt, in dem Arbeitgeber und Betriebsrat unisono die Witwe Uwe Krögers beleidigen. Statt aufzuzeigen, wie man zur Aufklärung beitragen will und warum es überhaupt zu diesem Unfall kommen konnte, empört sich die Firma, daß die Frau überhaupt Ansprüche stellt. Wir haben deshalb auch Strafanzeige gegen den Betriebsrat gestellt, weil er den Fall unzureichend untersucht hat. Hauptverantwortlicher ist aber der Arbeitgeber. Er hat das Arbeitstempo ständig gesteigert. Im Hamburger Hafen müssen immer weniger Hafenarbeiter zunehmend mehr Lasten bewegen -- gleichzeitig wird ihre Sicherheit ganz klein geschrieben.

Sie ärgern sich über das Hamburger Abendblatt, das statt eines kritischen Berichtes über die Arbeitsbedingungen der Hafenarbeiter kürzlich eine romantische Serie über den ach so wunderschönen Hamburger Hafen abdruckt hat?

Ja, einen ganzseitigen Bericht hat das Blatt veröffentlicht: Über den Logenplatz, den Containerbrückenfahrer in der Höhe von 54 Metern über dem Erdboden hätten! So nach dem Motto: Wie herrlich doch der Sonnenauf- oder -untergang von dort aus zu sehen ist. Diese Schilderung des ehemaligen Arbeitsplatzes ihres Mannes, der dort seinen tödlichen Unfall erlitten hat, hat die Witwe besonders aufgebracht. Mit keinem Wort geht der Report auf die Gefahren ein, die mit dieser Arbeit einhergehen. In den Hamburger Medien gibt es quasi ein Schweigekartell, wenn so ein Unfall passiert.

Hat das Ihrer Erfahrung nach System, wie mit Hafenarbeitern umgesprungen wird?

Durch eine Vielzahl von Öffnungsklauseln in den Tarifverträgen im Hamburger Hafen kann den Hafenarbeitern vieles zugemutet werden. Das Arbeitsvolumen nimmt permanent zu. Containerbrückenfahrer stehen unter ungeheurem Streß, der auf lange Sicht gesundheitliche Schäden bewirken kann -- was vermutlich auch im Fall Uwe Krögers zutrifft. Sie müssen im Schichtsystem rund um die Uhr arbeiten, mit ständigen Überstunden. Aber die Gewerkschaft ver.di und die Berufsgenossenschaft haben offenbar kaum Interesse, sich mit den miserablen Arbeitsbedingungen der Hafenarbeiter zu beschäftigen. Ver.di hat sich nicht gerührt und ist in keiner Weise aktiv geworden -- weder im konkreten Fall Uwe Krögers noch grundsätzlich im Interesse der Containerbrückenfahrer. Der ver.di-dominierte Betriebsrat hat obendrein den unverschämten Brief der Geschäftsleitung an die Witwe unterzeichnet, womit diese deren berechtigte Ansprüche abschmettern will. Einzig die neue Hafenarbeiter-Gewerkschaft Contterm unterstützt unsere Forderungen.
http://www.jungewelt.de/2011/10-11/007.php
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