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Autor Thema: Die Treuhand  (Gelesen 2351 mal)
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ManOfConstantSorrow


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« am: 15. Januar 2013, 11:56:41 »

Die Treuhandanstalt (THA, auch kurz „Treuhand“) war eine Anstalt des öffentlichen Rechts in Deutschland, deren Aufgabe es war, die Volkseigenen Betriebe der DDR nach den Grundsätzen der Marktwirtschaft zu privatisieren oder, wenn das nicht möglich war, stillzulegen und die „Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen zu sichern“ (§ 8 Treuhandgesetz).
[Wikipedia]

http://de.wikipedia.org/wiki/Treuhandanstalt

Die politische Praxis der Treuhand war das größte Wirtschaftverbrechen in der Geschichte der BRD. Das nicht nur nach moralischen Maßstäben, sondern es gab den massivsten kollektiven und organisierten Bruch der herrschenden Gesetze.

All dies ist nie recht ins öffentliche Bewußtsein gerückt, wurde nicht aufgearbeitet und abgesehen von einigen Ausnahmen nicht jursitisch geahndet.

Die Versuche einiger Journalisten ein Stück dieser Umtriebe an die Öffentlichkeit zu bringen, sind zwar löblich, doch bisher kratzten sie eher an der Oberfläche. Es wäre an der Zeit, daß Journalisten und Wirtschaftswissenschaftler sich zusammenschließen um weiter in die Materie vorzudringen. Ich nehme mal an, es wird niemand solche Recherchen finanzieren wollen.
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« Antworten #1 am: 15. Januar 2013, 12:22:31 »

Abgewickelt, genau das hat die Treuhand gemacht, da wurden viele gute Betriebe an den Westen verscherbelt bzw. verschenkt, die Treuhand hat die Geschenkpäckchen verpackt, politisch gewollt durfte von der DDR nichts brauchbares übrigbleiben.

Einige Artikel und Doku's gab es dazu, es Bestand und besteht jedoch kein ernsthaftes Interesse die Vorkommnisse aufzuarbeiten.
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« Antworten #2 am: 15. Januar 2013, 17:45:18 »



Am 1. April 1991 wurde der Treuhandchef Detlev Karsten Rohwedder erschossen. Als er gegen 23.30 Uhr mit dem Rücken zum Fenster im ersten Stock seines Düsseldorfer Hauses stand, traf ihn ein tödlicher Schuss aus ca. 63m Entfernung. Der Attentäter feuerte noch zwei weitere Schüsse ab, von dem einer seine ins Zimmer gestürzte Frau traf und der dritte Schuss in ein Bücherregal einschlug. Am Tatort fand man ein Bekennerschreiben unterzeichnet mit "Kommando Ulrich Wessel" sowie drei Patronenhülsen vom Typ Kaliber 7,62x51mm - NATO-Standard.
http://www.rafinfo.de/hist/kap14.php

Ausschnitt aus der Erklärung der RAF vom 4. April 1991:
Zitat
Rohwedder saß seit 20 Jahren in Schlüsselpositionen in Politik und Wirtschaft.

Als Bonner Wirtschaftsstaatssekretär organisierte er in den 70er Jahren die Rahmenbedingungen, die das BRD-Kapital für seine Profite in aller Welt braucht. Er war damals z. B. maßgeblich beteiligt am Deal mit dem faschistischen südafrikanischen Regime: Know-how für den Bau von Atombomben für Südafrika gegen Uran für die BRD-Atom-Industrie. In der Phase der Durchsetzung des Atomprogramms war er im Aufsichtsrat staatlicher Energiekonzerne und in internationalen Gremien.

Aber auch für die glatte Abwicklung unzähliger, oft verdeckten Waffenexporte an faschistische Regime im Trikont suchte und fand er immer Wege.

Rohwedder war schon damals einer dieser Schreibtischtäter, die tagtäglich über Leichen gehen und die im Interesse von Macht und Profit Elend und Not von Millionen Menschen planen.

In den 80er Jahren machte sich Rohwedder als Chef des Hoesch-Konzerns einen Namen als brutaler Sanierer. Er hat bei Hoesch in wenigen Jahren mehr als 2/3 aller ArbeiterInnen rausgeschmissen und den bankrotten Konzern zu neuen Profitraten geführt. Dafür wurde er 1983 zum Manager des Jahres gekürt.

Die Krönung von Rohwedders Karriere sollte seine Funktion als Bonner Statthalter in Ostberlin sein. Seit ihrer Annexion ist die Ex-DDR faktisch Kolonie der Bundesrepublik: Die politischen, wirtschaftlichen und militärischen Entscheidungszentren liegen in Bonn bzw. bei bundesdeutschen Konzernen.

Dieser Kolonialstatus ist als vorübergehend geplant, denn die Bundesrepublik braucht für ihre Großmachtspläne die Ex-DDR als funktionierenden kapitalistischen Teil - schließlich ist das Hauptstandbein, auf dem die politische Macht hier basiert, die wirtschaftliche Potenz. Vorher soll die Wirtschaft der Ex-DDR genauso wie die sozialen Strukturen dort (vom Gesundheitssektor bis zu den Kinderkrippen) systematisch kaputtgemacht werden, damit danach das Kapital auf freiem Feld und mit entwurzelten Mensehen den Neuaufbau nach seinen Maßstäben organisieren kann.

Das ist der Plan, und die Treuhandanstalt soll diesen Zusammenbruch organisieren.

Es geht den multinationalen Konzernen im Moment aber nicht um den großen wirtschaftlichen Aufbau der Ex-DDR. Die wenigen ausgesuchten Teilbetriebe, die sie bisher übernommen haben, sollen vor allem Monopolstellungen für bestimmte Branchen sichern. Ansonsten wird die Infrastruktur ausgebaut. Die Multis haben sich vom Telefonnetz bis zur Energieversorgung längst alles aufgeteilt und gewartet, bis die Treuhand alles niedergemacht hat, um dann aufzubauen, was am Weltmarkt Profit abwirft.

Für die Durchsetzung dieses Planes hat die Bundesregierung Rohwedder ausgesucht, und er war dafür mit seiner Brutalität und Arroganz auch der Richtige. Für ihn gab es von Anfang nichts in der Ex-DDR, was nach seinem auf Profit ausgerichteten Blick irgendwelche Werte hatte. Alles dort war für ihn immer nur Konkursmasse.

"40 Jahre Sozialismus auf dem Gebiet der Ex-DDR haben mehr Schaden angerichtet als der Zweite Weltkrieg", sagte er vor Unternehmern in Wien. So redet einer, der die Welt in Produktivitätssteigerung und Profitraten sieht und für den Menschenleben nichts zählen.

Die Arbeit der Treuhand bedeutet für die Menschen mehr als den Verlust des Arbeitsplatzes, die Schließung der Betriebe und die Ausrichtung auf Profit von allem, was an Neuem hochgezogen werden soll. In diesem Prozeß soll Land und Leuten die Struktur aufgezwungen werden, die das internationale Kapital für seine Herrschaft braucht. Es geht um die Ausrichtung aller Werte auf seine Prinzipien, die neben dem materiellen Elend von Millionen Arbeitslosen auch die Armut in den Köpfen und Herzen der Menschen bedeutet.

Kapitalstrategen, wie Rohwedder einer war, geht es darum, auch die Bedingungen für den Angriff auf die Seele des Menschen und ihre tiefe Deformierung, die sie voneinander isoliert und scheinbar unüberwindliche Mauern zwischen ihnen aufbaut, zu schaffen. Denn für ihn waren die Menschen in der Ex-DDR welche, denen die normalen Dimensionen des Denkens verlorengegangen sind, und deshalb geht es für Kopper, Herrhausens Nachfolger bei der Deutschen Bank, jetzt darum, bei diesen Menschen den Anpassungsprozeß im Kopf durchzusetzen.

Das System der "freien Marktwirtschaft" gaukelt allen eine vermeintliche Chance vor, sich im Wohlstandsland Großdeutschland einen sicheren Platz ergattern zu können und im Kaufrausch glücklich zu werden - in Wirklichkeit sollen die Menschen im Geiern nach Konsum dumm und stumpf gemacht werden. Wenn überhaupt, gibt es diesen sicheren Platz nur für diejenigen, die bedingungslos bereit sind, im harten Konkurrenzkampf sich besser zu verkaufen als andere und die diesen Wohlstand hier auch wollen, obwohl jede/r weiß oder wissen kann, daß er nur möglich ist, weil Millionen Menschen im Trikont dafür ihren Schweiß und ihr Blut lassen. Was zählen soll, sind Ellbogen, Egoismus, Leistung und Konsum usw. - nicht aber der Mensch, das Leben, die Natur.
http://www.rafinfo.de/archiv/raf/raf-4-4-91.php

Rohwedder war Träger des Bundesverdienstkreuzes und gehörte seit 1971 der SPD an.


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dagobert


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« Antworten #3 am: 15. Januar 2013, 18:02:39 »

Einige Artikel und Doku's gab es dazu, es Bestand und besteht jedoch bei den Medien und politisch Verantwortlichen kein ernsthaftes Interesse die Vorkommnisse aufzuarbeiten.
So muß das richtig heißen.
Woanders besteht dieses Interesse durchaus.

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« Antworten #4 am: 15. Januar 2013, 18:48:55 »

Doku: Beutezug Ost - Die Treuhand

Teil 1/5 https://www.youtube.com/watch?v=3IePhxwvew0
Teil 2/5 https://www.youtube.com/watch?v=Jjwzl98gD-k
Teil 3/5 https://www.youtube.com/watch?v=XIawG7ciEcA
Teil 4/5 https://www.youtube.com/watch?v=qmtWBd5ilx0
Teil 5/5 https://www.youtube.com/watch?v=0mc1xMG-ZYg



So muß das richtig heißen.
Woanders besteht dieses Interesse durchaus.

Na dann!  Cheesy
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« Antworten #5 am: 15. Januar 2013, 18:58:58 »

Zitat
Die große Enteignung
Reinhard Jellen 04.12.2012
Otto Köhler über die Wiedervereinigung und die Arbeit der Treuhand

Helmut Kohl rechtfertigt das unter Regie der Treuhand zustande gekommene desaströse Ergebnis bei der Abwicklung der DDR-Betriebe mit der Motivation der ostdeutschen Bevölkerung, ansonsten in die alten Bundesländer auszuwandern. Dabei wird nicht selten verschwiegen, dass dies weniger der Realität als der damaligen CDU-Propaganda entspricht - und dass der damalige Bundeskanzler womöglich eher sein eigenes Glück bei der nächsten Bundestagswahl als das bleibende Wohlergehen seiner neuen Volksgenossen im Sinne hatte.
 
Zentrale politische Losungen der Wiedervereinigung sprachen gar nicht dem ostdeutschen Volk aus der Seele, sondern wurden von der CDU ausersonnen und inszeniert. Das schildert der Journalist Otto Köhler unter anderem in seinem Buch Die grosse Enteignung - Wie die Treuhand eine Volkswirtschaft liquidierte.

Interview (heise)
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« Antworten #6 am: 01. März 2015, 12:04:28 »

Zitat
Die kriminelle Energie der Treuhand
Von Arno Widmann


Protest vor SKET-Schwermaschinenbau in Magdeburg 1992 gegen die Abwicklung durch die Treuhand.

Man kann die kriminelle Energie, die die Treuhand an sich zog, kaum überschätzen. Mit dem Ende der DDR wurde ihr gesamtes Volksvermögen verramscht – die Treuhand half mit, wo sie konnte.

Am 1. März 1990 beschloss der Ministerrat der DDR die Gründung der „Anstalt zur treuhänderischen Verwaltung des Volkseigentums“. Die Modrow-Regierung war am 13. November 1989 gebildet worden und noch bis zum 12. April im Amt. Aufgabe des neu gegründeten Unternehmens sollte die Entflechtung der Kombinate sein, die Bildung von Kapitalgesellschaften, die Verhinderung der Verschleuderung der Vermögen und die Erhaltung möglichst vieler Arbeitsplätze. Am 1. Juli 1990 waren der Treuhand etwa 8500 Betriebe unterstellt mit mehr als vier Millionen Arbeitern und Angestellten. Dazu kamen 2,4 Millionen Hektar Land, das Vermögen des ehemaligen Ministeriums für Staatssicherheit, Liegenschaften der Nationalen Volksarmee und andere Immobilien.

Mit der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 kamen auch die Vermögen der Parteien und Massenorganisationen der Ex-DDR unter Treuhand-Aufsicht. Die Treuhand war für kurze Zeit das größte Kombinat, das die DDR je hatte. Das Wirtschaftssystem, das sie auflösen sollte, lebte in der zentralistischen Lenkungsstruktur der Treuhand fort.

Nach der Wiedervereinigung wurde an den offiziellen Zielen der Treuhand nichts geändert. Es ging weiter darum, die Betriebe möglichst teuer zu verkaufen und Arbeitsplätze zu erhalten. In der Praxis aber kam es dank der Maxime „schnell privatisieren“ zu einer Schnäppchenjagd, bei der eine ganze Generation von Raubrittern, flankiert von Anwälten und „Beratern“, sich bereicherte.

Dass die Treuhand in zahllosen Fällen weder die Bonität der Käufer noch die Einhaltung der Verträge überwachte, ist aktenkundig. Es gibt allerdings – soweit ich sehe – bis heute keine Studie, die sich den aus der Vereinigungskriminalität von Tausenden oder Zehntausenden und den persönlichen Anstrengungen von Millionen entstandenen neuen Mittelstand der ehemaligen DDR angesehen hat. Wir waren dabei, wie eine neue Gesellschaft entstand. Wir wissen aber viel zu wenig darüber, wie das geschah.

Das von der Treuhand verwaltete Volksvermögen bezifferte der damalige Treuhandchef Detlev Karsten Rohwedder auf etwa 600 Milliarden DM. Die Einnahmen der Treuhand beliefen sich bis Ende 1994 auf 60 Milliarden DM. Die Ausgaben dieses Kombinats zur Abschaffung der Kombinate lagen bei 300 Milliarden DM. Die Treuhand war so gerechnet eine gewaltige Fehlinvestition.

Verfehlte Ziele


Das andere Unternehmensziel – die Verhinderung oder doch wenigstens Minimierung der Arbeitslosigkeit – wurde ebenso verfehlt. Es gibt zwar keine überprüfbaren Zahlen. Das liegt aber nicht zuletzt daran, dass weder die Treuhand noch sonst jemand systematisch überprüfte, was von den Beschäftigungsversprechen der Käufer nach einem Monat, nach zwei Monaten oder gar Jahren übrig blieb. 1992 jedenfalls gab es auf dem Gebiet der ehemaligen DDR eine Arbeitslosigkeit von 14,2 Prozent. Die Proteste blieben nicht aus – waren aber meist wirkungslos. So auch die spektakuläre Betriebsbesetzung der Kali-Arbeiter im thüringischen Bischofferode im Sommer 1993.

Am Ende ihrer Arbeit am 31. Dezember 1994 hatte die Treuhand das von ihr verwaltete Vermögen zu etwa fünf Prozent über Management Buy Out oder Genossenschaften an ehemalige Bürger der DDR verkauft, zu zehn Prozent an internationale Investoren und zu 85 Prozent an Westdeutsche. Eine Eigentumsübertragung wie man sie selten in der Weltgeschichte findet. Man kann sich nur wundern darüber, dass das Gefühl, von einer Besatzungsmacht ausgenommen worden zu sein, nicht weiter verbreitet war. Auch das ist Verdienst der Treuhand. In der öffentlichen Debatte verkörperte sie den Ausverkauf der DDR. Alle Augen starrten auf sie. Über sie wurden dutzendweise Bücher geschrieben sowie wütende Dokumentarfilme, hinreißende Satiren gedreht. Die Treuhand war der Beelzebub, auf den eingedroschen wurde. Sie war das Hassobjekt, die Zielscheibe. Am 1. April 1991 wurde Detlev Karsten Rohwedder, der dritte Chef der Treuhand, ermordet.

Kurz zuvor hatte Rohwedder erklärt, die Anstalt müsse einen Kurswechsel vornehmen. Man dürfe nicht alles privatisieren, sondern mehr in Formen des Gemeineigentums überführen. Rohwedder hatte auch im März 1991 vor Betriebsräten erklärt: „Die Treuhand-Anstalt ist hilflos gegenüber diesem Tornado an Kritik und der Vielzahl von Vorwürfen, die überwiegend berechtigt waren.“ Berechtigt!

Heerschar von Glücksrittern

Man kann die kriminelle Energie, die die Treuhand an sich zog, kaum überschätzen. Innerhalb von vier Jahren wurde ein ganzer, freilich weitgehend marode gewordener Industriestaat abgewickelt. Das musste eine Heerschar von Glücksrittern anlocken.

Das führte bei den Mitarbeitern der Behörde selbst aber auch zu einem rapiden Abbau des kaufmännischen Verstandes. Der erste westdeutsche Chef der Treuhand, Reiner Maria Gohlke, erkannte das sofort. Er hatte seinen Dienst am 16. Juli 1990 angetreten. Am 20. August trat er zurück. Seine später vorgetragene Begründung sagt alles über die Arbeitsweise – sagen wir ruhig: die Arbeitsmoral – der Treuhand: „Ich wollte nicht jede halbe Stunde irgendeine Milliarde unterschreiben und dann zum nächsten Tagesordnungspunkt übergehen.“

Man kann sich nicht ernsthaft hinstellen und die Treuhand preisen. Man kann sie aber auch nicht einfach schmähen. Was wäre die Alternative gewesen? Sich Zeit nehmen? Das entscheidende Wort dazu sprach Helmut Kohl. Es lautete 1 Mark der DDR ist 1 DM. Von da an war klar: Die Vereinigung wird teuer. Hätte man die Ex-DDR in eine Wirtschaftszone verwandelt zum Beispiel mit DDR-Löhnen – vielleicht hätte es beim Übergang weniger Arbeitslose gegeben. Aber Deutschland wäre ganz sicher kein einig Vaterland geworden. Das Gefühl der Erniedrigung wäre noch stärker gewesen, die Abwanderung größer.

Viele Verbrechen der Treuhand waren eine Konsequenz ihrer Konstruktion, ihrer Aufgabenstellung – und Teil ihres Auftrages. Es wäre gut, einmal einen Blick auf die anderen Volksrepubliken zu werfen und auf die Verfahren, mittels derer sie herausfanden aus der Kommandowirtschaft. Oder auch nicht herausfanden. So gesehen haben wir wieder mal Glück gehabt.

Die Wiedervereinigung bescherte der bundesrepublikanischen Wirtschaft einen Boom, der sie hinwegtäuschte über die Herausforderungen der Globalisierung. Das war ein Nachteil, aber zumindest die Geschäftsbücher wurden noch einmal gefüllt. Diese Polster halfen über die ersten Schwierigkeiten hinweg. Das gilt nicht nur für „die Wirtschaft“. Die Prosperität – während die Welt ringsum sich von Problemen bedroht sah – gab den Bundesbürgern ein Selbstvertrauen, das ihnen half, die sozialen Einschnitte der Agenda 2010 zu verdauen.
http://www.fr-online.de/politik/ddr-die-kriminelle-energie-der-treuhand,1472596,30000250.html
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ManOfConstantSorrow


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« Antworten #7 am: 21. Juli 2015, 20:55:44 »

Vor ein paar Tagen hörte ich den Deutschlandfunk und ich traute meinen Ohren nicht:

Man hält das Verbrechersyndikat "Treuhand" für ein Vorbild für eine Organisation zur Ausschlachtung Griechenlands.
Ich ließ mir das Sendungsmanuskript kommen und möchte daraus zitieren:

Zitat
Donnerstag, 16. Juli 2015
Autor:   Bastian Brandau

Thema:  Unheimlich - Wiederauflage der Treuhand für Griechenland?

Helmut Kohl:
Und dann werden Thüringen und Brandenburg, und Sachsen und Sachsen-Anhalt in wenigen Jahren blühende Landschaften, warum auch nicht? Das ist die Frage, die ich stelle.

Und viele Ostdeutsche würden antworten: Weil die Treuhand es verbockt hat. Sie sollte auf dem Weg zu den blühenden Landschaften ein Vehikel sein. Ihre Aufgabe: Die Umwandlung einer Plan- in eine Marktwirtschaft und die Privatisierung der volkseigenen DDR-Betriebe. Im Juli 1990 umfasste die Treuhand rund 8500 Betriebe mit über vier Millionen Mitarbeitern. Die Leitung übernahm Detlev Karsten Rohwedder, er sagte damals:

Ich verstehe meine Rolle als die eines Kapitäns, der oben auf der Brücke steht und unter Deck, da sitzen ganz starke, kräftige Männer und die halten alle ein Ruder in der Hand und bringen diese ganze Arche in schnittige und schnelle Fahrt.

Mal davon abgesehen, dass auch Frauen beteiligt waren, gelang dies nicht wie erhofft. Im Gegenteil: Die Arche der Treuhand, nie nahm sie Fahrt auf. Weil die DDR-Industrie am Boden lag. Der Verkauf mit Gewinn war nur in den seltensten Fällen möglich. Den KO verpasste der DDR-Wirtschaft der festgelegte Wechselkurs: Ihre Produkte wurden viel zu teuer für den Markt.

Hinzu kam: Bei der Treuhand durften sich viele versuchen, Wirtschaftskompetenz war kein Einstellungskriterium. In der Anfangszeit war die Führungsebene sogar von der Haftung bei grober Fahrlässigkeit befreit. Der Ausverkauf des ostdeutschen Volksvermögens wurde ein El Dorado für Glücksritter vor allem aus dem Westen. Dokumentiert sind zahlreiche Fälle von Betrug, Bestechung und Bilanzfälschung. Die Filetstücke der DDR-Wirtschaft wurden von westdeutschen Unternehmern gekauft. Oft lediglich, um einen Konkurrenten kaltzustellen. Die westdeutsche Kali und Salz beispielsweise fusionierte mit der ostdeutschen Kali AG und schloss mehrere Gruben in Thüringen. Darunter die in Bischofferode, wo die Kumpels damals mit Besetzung und Hungerstreik reagierten.

O-Ton
Und so wie wir heute hier angetreten sind, müssen wir vielleicht auch die Treuhand besetzen und diese Bagage wegschleudern! (Beifall) In meiner persönlichen Intention betrachte ich eigentlich diese Treuhandanstalt als größte legale Hehlerorganisation, die es je gegeben hat.Es wird Eigentum verkauft, das sie gar nicht besitzen.

Am Ende waren bei der Treuhand nur noch 1,2 Millionen Menschen beschäftigt und sie übertrug der Staatskasse anstatt der erhofften Gewinne  einen gigantischen Schuldenberg: über 200 Milliarden Mark. Millionen Menschen hatten ihren Arbeitsplatz verloren.

Umso größer war das Erstaunen, als  am Montag in Brüssel im Zusammenhang mit einem weiteren Rettungspaket für Griechenland das Wort Treuhand-Fonds fiel. Kommissionspräsident Jean Claude Juncker hatte eine Privatisierung des griechischen Staatsbesitzes nach dem deutschen Modell gefordert. Und Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte:

O-Ton Merkel
Die Aufkommen dieses Fonds werden dann genutzt, um die Schulden des ESM auch zum Teil zurückzuzahlen.

Denn privatisiert werden sollte in Griechenland schon mit nach ersten beiden Rettungspaketen: Die Häfen von Piräus und Thessaloniki, 14 Flughäfen, verschiedene Energieversorger sowie weitere Unternehmen. 50 Milliarden soll das in die Staatskasse spülen. Eine viel zu hohe Summe sagen viele, auch wenn die griechischen Staatsunternehmen im Gegensatz zu denen der DDR damals tatsächlich einen Wert haben.

Es gehört nicht viel Fantasie dazu, sich auszumalen: Bei der griechischen Bevölkerung wird die neue Treuhand genauso unbeliebt sein, wie die alte bei den Ostdeutschen.
(gekürzt)

Es ist einfach zu offensichtlich, was da durchgezogen wird.
Ich kann es nicht glauben, daß sie erneut damit durchkommen.
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« Antworten #8 am: 21. Juli 2015, 21:46:34 »

Da hab ich mal eine Doku zu gesehen:
Zitat
Goldrausch - Die Geschichte der Treuhand Doku

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Jetzt können wir endlich rausfinden, was wir anstelle unserer Großeltern getan hätten!
ManOfConstantSorrow


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« Antworten #9 am: 28. November 2017, 09:11:01 »

Bisher ist es gelungen, die Machenschaften der Treuhand unter den Teppich zu kehren.
Nun soll eine Studie veröffentlicht werden.


Zitat
Wie die Treuhand bis heute viele Ostdeutsche traumatisiert

Nach der Einheit gingen Millionen Jobs durch die Privatisierung der DDR-Wirtschaft verloren. Die Narben sind noch immer nicht verheilt, wie eine neue Studie der Bundesregierung zeigt.




Iris Gleicke versah ihr Amt meist in aller Stille. Jeweils im Herbst stellte die Ostbeauftragte der Bundesregierung ihren Bericht zum Stand der Deutschen Einheit vor. Dann war wieder Ruhe.

Bis Gleicke (SPD) ein Thema ansprach, das längst vergessen schien: die Privatisierung der DDR-Staatswirtschaft, angeführt von den Chefs der Treuhandanstalt nach der Wende. Die Treuhand sei "das Symbol eines brutalen, ungezügelten Kapitalismus", sagte Gleicke 2015, die "vielen, wenn nicht den meisten Ostdeutschen traumatische Erlebnisse beschert" habe.

Brutaler Kapitalismus? Minister der Union zweifelten am Verstand der Ostbeauftragten, SPD-Parteifreunde aus dem Westen rieten ihr zur Mäßigung. Gleicke wollte aber nicht klein beigeben: Wissenschaftler der Ruhr-Universität Bochum sollten in ihrem Auftrag klären, ob die Treuhandanstalt Segen oder Fluch für die Ostdeutschen war.

Inzwischen liegt die Studie vor, in den nächsten Tagen soll sie veröffentlicht werden. Nach der Wende sei es versäumt worden, "mit der Treuhand für eine gerechte Aufteilung des Volksvermögens zu sorgen", kritisiert Gleicke, die aus Thüringen stammt und einst beim VEB Stadtbau Suhl gearbeitet hat.
http://www.spiegel.de/spiegel/privatisierung-der-ddr-wirtschaft-fuehrte-zu-traumata-a-1180354.html

Nach ein paar Meldungen wird man das Thema schnell wieder begraben wollen. Mal sehen, ob die Leute sich das gefallen lassen.
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« Antworten #10 am: 03. Dezember 2017, 19:46:43 »

Ich wünsche mir, daß eine ernste Diskussion zum Thema beginnt.

Zitat
Neue Studie zur Treuhandanstalt
Traumatisierungsanstalt Treuhand

Der radikale Privatisierungskurs kurz nach der Wende hat ein Trauma im Osten hinterlassen. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie.
Viele Arbeiter vor einem großen Transparent


BERLIN taz | Dezidiert linke Kritik wie diese hört man aus den Reihen der SPD nur noch selten: Als „Symbol eines brutalen, ungezügelten Kapitalismus“ hatte Iris Gleicke, die sozialdemokratische Ostbeauftragte der Bundesregierung, die Treuhandanstalt bezeichnet – und Wissenschaftler der Ruhr-Universität Bochum mit einer Studie (PDF) beauftragt: Sie sollten das Wirken und vor allem die Wirkung der Treuhand untersuchen, die noch in den letzten Tagen der DDR 1990 gegründet worden war. Ihr Zweck: volkseigene Betriebe und Kombinate „marktfähig“ machen – durch Sanierung, Privatisierung oder Schließung.

Jetzt wurde der mehr als 130 Seiten starke Abschlussbericht veröffentlicht, und er hilft dabei, die politischen Strukturen zu verstehen, die sich im Osten zusehends stabilisieren. Man muss sich das einmal vorstellen: Ausschließlich westdeutsche Industriemanager, Unternehmer und Beamte bekommen über Nacht die Verfügungsgewalt über 8.000 ostdeutsche Betriebe mit mehr als vier Millionen Beschäftigten.

Sie dürfen entscheiden, welche Firmen geschlossen oder ob Mitarbeitende zu Hunderttausenden entlassen werden. Und die BRD-Regierung unter Kanzler Helmut Kohl nennt das Ganze einen „alternativlosen Einsatz“.

Dabei gab es sehr wohl Überlegungen aus dem linken politischen Lager, die Treuhand nicht als eine rein betriebswirtschaftliche Agentur, sondern vielmehr als eine sozial und volkswirtschaftlich eingebundene Institution zu installieren. Doch der marktradikale Privatisierungskurs setzte sich durch.

Eine ostdeutsche „Bad Bank“

Die Treuhand wurde in der Erinnerung so zu einer „ostdeutschen Bad Bank“, schreiben die Autoren der Studie, die Bochumer Zeithistoriker Constantin Goschler und Marcus Böick. Weitgehend unbeachtet von öffentlichen, politischen oder wissenschaftlichen Wahrnehmungen habe sich so langfristig ein „ausgesprochen negativ konnotierter Erinnerungsort in der ostdeutschen (Teil-)Gesellschaft etabliert“.

Auf diese Weise habe sich ein „negativer Gründungsmythos“ verfestigt, der in der artikulierten Wahrnehmung symbolhaft für eine „rigorose Unterwerfung der Ostdeutschen“ stehe. „Das war die Initialerfahrung von Fremdbestimmung, Kolonialisierung und Unterwerfung“, sagt Wissenschaftler Böick. „Die allerersten Erlebnisse mit der sozialen Marktwirtschaft haben Deklassierungsgefühle hervorgerufen.“

Ursprünglich sollten die beiden Historiker nur die Akteure von damals interviewen, ehemalige Treuhandmanager, Politiker, Berater, Gewerkschafter und Betriebsräte. Doch dann führten sie zusätzliche Gespräche mit mehr als 500 Personen im thüringischen Eisenach und im sächsischen Leipzig.

Bei einer Schlagworterhebung wurde die Treuhandanstalt bevorzugt mit Begriffen wie „Abwicklung“ oder „Ausverkauf“ verknüpft, insgesamt lediglich mit einer Note von 4,1 bewertet (Schulnoten von 1 bis 6). „Vor allem unter den älteren Ostdeutschen gärt etwas“, sagt Böick.

„Wir kannten Arbeitsämter nicht“


All das deckt sich mit den Erfahrungen von Sachsens Integrationsministerin Petra Köpping (SPD). „Diejenigen, die bei der Wende um die 40 waren, bekommen jetzt ihre Rentenbescheide und sehen, wie wenig für sie übrig bleibt, obwohl sie sich angestrengt haben“, sagte sie der taz. Für viele von ihnen wurden Pegida und die AfD zum Sprachrohr.

Schon lange plädiert Köpping dafür, die Zeit nach der Wende politisch und wissenschaftlich zu begleiten. „Der Umbruch damals war gigantisch, alle hatten unheimlich zu kämpfen.“ Dann wechselt sie das Personalpronomen: „Wir kannten die Erfahrung nicht, als Bittsteller zum Arbeitsamt zu gehen.“ Sie zögert kurz. „Wir kannten Arbeitsämter nicht.“

Wie auch die Autoren der Studie fordert sie, ausnahmslos alle Treuhandakten zu öffnen, die derzeit noch in einem privaten Logistikdepot in Großbeeren südlich von Berlin lagern. Die meisten sollen noch bis 2020 unter Verschluss bleiben – das Bundesfinanzministerium ist an einer früheren Öffnung nicht interessiert. „Dabei brauchen wir endlich die Grundlage für eine Debatte, in der die Ostdeutschen nicht immer nur die Bösen sind“, so Historiker Böick.
http://www.taz.de/Neue-Studie-zur-Treuhandanstalt/!5463728/

Zitat
Petra Köpping meldet sich zur Treuhand-Studie zu Wort
Eigentlich geht es nicht nur um die Treuhand, sondern um die ganze nicht aufgearbeitete Nachwendezeit

Am Montag, 27. November, meldete sich auch Petra Köpping, sächsische Staatsministerin für Gleichstellung und Integration, zu den Ergebnissen der Treuhandstudie der Bundesregierung zu Wort. Sie sieht sich in ihrer Arbeit bestätigt: „Es braucht eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Geschichte und eine neue Erinnerungskultur über die Nachwendezeit.“


Seit über einem Jahr beschäftigt sie sich intensiv mit der Frage, warum so viele Sachsen das Gefühl haben, benachteiligt und nicht integriert zu sein. „Die Studie bestätigt meine Wahrnehmungen sehr deutlich, die ich in vielen Gesprächen erfahren habe. Und die auch ich persönlich oft genug wahrgenommen habe“, kommentiert Petra Köpping die vorgelegte Studie zur Wahrnehmung und Bewertung der Arbeit der Treuhandanstalt im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie.

So stellt die Studie fest, dass sich weitgehend unbeachtet von öffentlichen, politischen oder wissenschaftlichen Wahrnehmungen ein negativer „Gründungsmythos“ bei vielen Ostdeutschen verfestigt habe, „der von einer ‚Unterwerfung‘ der Ostdeutschen durch eine fremde, anonyme und jedweder Kontrolle enthobene Macht aus dem ‚Westen‘ stehe – mit allen negativen Folgen für die politische Kultur beziehungsweise die generelle Identifikation zahlreicher Ostdeutscher mit der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ordnung der heutigen Bundesrepublik“.

Die Studie führt weiter aus, dass „wir die Nachwendezeit und gerade die Treuhand in den Blick nehmen müssen“ und zwar an „Schulen und Universitäten in Ost und West“, wie die Studie richtigerweise formuliert, um offen über „die verschiedenen Perspektiven auf diese umstrittene und krisenreiche Gründungsphase der ‚Berliner Republik‘ und deren langfristigen Folgen vor allem für das Verhältnis von Ost- und Westdeutschen“ zu diskutieren.

Für Petra Köpping heißt das: „Es braucht eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Geschichte und eine neue Erinnerungskultur über die Nachwendezeit.“

Womit sie deutlich über die Erwartungen der Ostbeauftragten Iris Gleicke hinausgeht. Denn zur Arbeit der Treuhand, ihren Skandalen und Fehlern gibt es sogar schon eine Menge Forschungsmaterial und etliche Buchveröffentlichungen. Doch nachdem die Treuhandanstalt noch unter der letzten DDR-Regierung unter Lothar de Maizière ihre Arbeit aufgenommen hatte, um den absehbaren wirtschaftlichen Anpassungsprozess der Ostwirtschaft an die westliche Marktwirtschaft zu gestalten, wurde sie nach der am 3. Oktober 1990 vollzogenen deutschen Einheit und erst recht nach dem Attentat auf den Treuhand-Chef Detlev Rohwedder im April 1991 immer stärker komprimiert zu einer Verwertungsgesellschaft, deren Zeitfenster zur Privatisierung der ostdeutschen Wirtschaft immer weiter verkürzt wurde.

Es ist eher die Rolle der Politik in diesem Prozess, die unterbelichtet ist – auch die der damaligen Bundesregierung, die die politischen und zeitlichen Vorgaben machte. Man hatte den wichtigsten Teil der deutschen Wiedervereinigung (die in der Treuhand-Studie ebenfalls ein kritisches Schlaglicht bekommt) einfach ausgelagert, ohne dass es eine unabhängige Instanz gab, die den wirtschaftlichen Transformationsprozess begleitete. Das wurde auch nie nachgeholt. Was schon Mitte der 1990er Jahre deutlich wurde, als sich herausstellte, dass es nach diesem rasanten Anpassungsprozess im Osten keineswegs die erhoffte wirtschaftliche Tragfähigkeit gab, um die östlichen Bundesländer eigenständig zu machen.

Doch statt den Umstand als Anlass zu nehmen, wirklich eine ehrliche Bestandsaufnahme zu machen, warum der Osten aus der Abhängigkeit nicht herauskam, wurden immer neue Vorwürfe formuliert, die den Osten geradezu zum Dauerbettler stempelten. Übrigens ein Thema, das in der Studie nicht vorkommt, weil es mit der Treuhandarbeit selbst nichts zu tun hat. Aber es hat mit den politischen Selbsttäuschungen der „Nachwendezeit“ zu tun, die einerseits die deutsch-deutschen Beziehungen zu dauerhaften Bettel-Beziehungen machten und die vor allem eines zur Folge hatte: Mit der wirtschaftlichen Schwäche des Ostens ging auch seine politische Schwäche einher.

Die gewählten Ministerpräsidenten waren schwach, kein einziger zeigte sich in der Lage, ostdeutsche Interessen auf Bundesebene auf Augenhöhe zu vertreten – auch nicht die beiden CDU-Ministerpräsidenten Bernhard Vogel (Thüringen) und Kurt Biedenkopf (Sachsen), die immerhin in den westdeutschen Politiknetzwerken gut verankert waren. Etwas, was ihren ostdeutschen Kollegen ohne West-Provinienz völlig fehlte.

Ein Ergebnis ist eben auch die eher marginale Rolle der jeweiligen Ostbeauftragten in der Bundesregierung. Schon die Bezeichnung klang nach der Feigenblattvertretung für eine Minderheit, die gehegt wurde als exotisches Kulturgut.

Petra Köpping fordert nun eine besonders sensible und möglichst vollständige Sicherung der Treuhand-Akten. Es dürfe hier keineswegs nur um die berechtigten Schutzinteressen der damals beteiligten, meist westdeutschen Unternehmen und Personen gehen, betont die Ministerin. Es gehr hier maßgeblich um die Interessen der ostdeutschen Bevölkerung an einer Aufarbeitung der Nachwendezeit. Dazu sollten ab 2020 ausreichende finanzielle Mittel für Forschungsprojekte zur Verfügung gestellt werden, um die Aufarbeitung der Treuhand-Akten 2020 zu beginnen.

Aber mit den Treuhand-Akten würden sich sowieso nur Forscher und Journalisten beschäftigen.

Das eigentliche psychologische Drama fand anderswo statt und mündete genau in die unvereinbare Treuhand-Erinnerung, die die Treuhand-Studie jetzt nachzeichnet: auf politischem Parkett. Die Wiedervereinigung wird von vielen Ostdeutschen bis heute als ein Akt der Ungleichwertigkeit erinnert. Und das hat auch mit der Wahrnehmung von Politik zu tun.

Weshalb Petra Köpping auch die Einrichtung einer unabhängigen Kommission „Aufarbeitung der Nachwendezeit“ vorschlägt. Das könnte ein Lernprozess werden, der sogar mehr erbringt als eine Aufarbeitung der Fehler, die im Vereinigungsprozess passiert sind. Denn dass viele Ostdeutsche das Gefühl haben, dass in ihrem Leben und in ihrer Region nichts mehr vorangeht, hat auch mit unreflektierten wirtschaftlichen Entwicklungen der jüngeren Zeit zu tun und mit einer zunehmenden Kluft zwischen reichen (und zunehmend egoistisch agierenden) Bundesländern und all jenen Bundesländern, die mitten in wirtschaftlichen Umbrüchen stecken.
https://www.l-iz.de/politik/sachsen/2017/11/Eigentlich-geht-es-nicht-nur-um-die-Treuhand-sondern-um-die-ganze-nicht-aufgearbeitete-Nachwendezeit-198762

Zitat
»Bad Bank der Wiedervereinigung«
Studie zeigt, dass Ostdeutsche überwiegend negative Erinnerungen an die Treuhandanstalt haben

Bochum. Viele Ostdeutsche verbinden negative Umbruchserfahrungen in der Wendezeit mit der Treuhandanstalt. Die Treuhand ist vor allem für ältere Ostdeutsche eine Art »Bad Bank der Wiedervereinigung«, wie aus einer am Montag veröffentlichten Studie der Ruhr-Universität Bochum hervorgeht. Die Menschen in den neuen Ländern verbinden die Arbeit der umstrittenen Organisation bei der Privatisierung der volkseigenen Betriebe der DDR überwiegend mit Begriffen wie »Ausverkauf« und »Abwicklung«.


Die Treuhandanstalt war zwischen 1990 und 1994 dafür zuständig, die Planwirtschaft der DDR in eine Marktwirtschaft zu überführen. Im Auftrag des Bundeswirtschaftsministerium untersuchten Marcus Böick und Constantin Goschler von der Uni Bochum erstmals, wie sich dieser Prozess in der Erinnerungskultur niederschlägt. Die Forscher analysierten medienöffentliche Auseinandersetzungen der vergangenen 25 Jahre, befragten frühere Treuhand-Mitarbeiter und im Frühjahr 2017 auch 500 Ostdeutsche.

Insbesondere unter Ostdeutschen über 40 erweist sich die Treuhand als zentraler erinnerungskultureller Bezugspunkt, während sie für jüngere Ostdeutsche kaum noch ein Begriff ist. »Man könnte von einer erinnerungskulturellen Bad Bank sprechen, mit der vor allem die ostdeutschen Generationen, die die Arbeit der Organisation bewusst erlebt haben, ihre negativ besetzten Umbruchserfahrungen symbolisch in Verbindung setzten«, so Böick. Dies deute auf »ein tiefsitzendes kulturelles Misstrauen« gegenüber bundesdeutschen Institutionen hin. Die Erinnerung an die Treuhand erweise sich als prägender Faktor der politischen Kultur.

Ehemalige Treuhand-Mitarbeiter sehen sich der Studie zufolge dagegen als »verkannte Helden«. Sie deuteten ihr Engagement als außergewöhnlichen Höhepunkt ihrer Berufslaufbahn, hadern jedoch mit ihrer negativen Bewertung.

Die öffentlichen Debatten sowie die wirtschaftspolitischen Diskussionen zur Treuhand erscheinen laut den Forschern »seit den frühen 90er-Jahren zwischen Verteidigung, Kritik und Skandal erstarrt«. Sie fordern einen größeren Stellenwert des Themas in Schule und Universitäten: »Künftig sollte die Auseinandersetzung um die Treuhandanstalt sowie die Zeit nach der Wiedervereinigung über die bloße Fortschreibung der mythisierten Frontstellungen und polarisierten Deutungen hinaus gehen.«. Sie fordern auch, dass das Bundesarchiv die Akten der Treuhandanstalt erschließt und Forschern zugänglich macht.

Die Treuhandanstalt erhielt im Sommer 1990 die Verfügungsgewalt über rund 8000 Betriebe der DDR mit rund vier Millionen Beschäftigten. Die vormals volkseigenen Betriebe sollte sie schnell in markt- und wettbewerbsfähige Firmen in Privatbesitz verwandeln. Ende 1992 hatte die Organisation unter Führung westdeutscher Industriemanager, Unternehmer und Beamter diese Aufgabe durch Privatisierungen und Stilllegungen umgesetzt und dabei ein dreistelliges Milliardendefizit eingefahren.

Die Ostbeauftragte der Bundesregierung, Iris Gleicke (SPD), erklärte bereits am Freitag, für viele Ostdeutsche sei die Treuhand »mit einschneidenden und prägenden biografischen Verlusterfahrungen und erlittenen Enttäuschungen mit Blick auf die freiheitliche Demokratie und die soziale Marktwirtschaft verbunden«.
https://www.neues-deutschland.de/artikel/1071506.bad-bank-der-wiedervereinigung.html

Es ist viel die Rede von unaufgearbeiteten "Kränkungen". Das ist auch bedeutend, doch es ist gleichzeitig noch viel mehr:
Es war die größte mafiöse Umverteilung weltweit, ein Raubzug gigantischen Ausmaßes.
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Arbeitsscheu und chronisch schlecht gelaunt!
Fritz Linow


Beiträge: 824


« Antworten #11 am: 03. Dezember 2017, 20:32:44 »

Zitat
Es war die größte mafiöse Umverteilung weltweit, ein Raubzug gigantischen Ausmaßes.

Die sehr gute Serie "Schwarz Rot Gold" mit Zalukowski hate das 1993 mal zum Thema: "Der Rubel rollt" (Folge 13)
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dagobert


Beiträge: 4277


« Antworten #12 am: 03. Dezember 2017, 23:02:47 »

Wer die Studie selbst nachlesen möchte:
http://www.bmwi.de/Redaktion/DE/Publikationen/Studien/wahrnehmung-bewertung-der-arbeit-der-treuhandanstalt-lang.html
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