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Autor Thema: Pflegenotstand in Deutschland  (Gelesen 8658 mal)
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Kuddel


Beiträge: 9755


« am: 25. März 2013, 20:06:53 »

Zitat
Pflegenotstand in Deutschland
Pflegepersonal aus der Schwestern-Fabrik

Von Stefan Sauer


Weltweit gefragt: das gut ausgebildete Pflegepersonal von den Philippinen. Das Land gilt als Schwestern-Fabrik, die Fachkräfte werden dort an rund 400 Einrichtungen ausgebildet.

Die Bundesregierung will Fachpersonal von den Philippinen für die hiesigen Altenheime anwerben. Doch mit der Suche im Ausland allein lässt sich die Nachfrage nach Arbeitskräften nicht befriedigen. In der Heimat der Arbeitsmigranten wiederum leiden die Familien.

Die Zahlen umschreiben eine dramatische Situation. 10.000 offenen Stellen stehen 3600 Arbeitssuchende mit geeigneter Qualifikation gegenüber. Ein freiwerdender Arbeitsplatz bleibt im Schnitt mehr als vier Monate unbesetzt. In keinem anderen Berufsfeld herrscht ein so akuter Fachkräftemangel wie in der Altenpflege. Dabei spiegeln die Statistiken der Bundesagentur für Arbeit (BA) nur einen Teil des Problems. Nach Angaben des Bundesverbands privater Anbieter sozialer Dienste fehlen aktuell tatsächlich rund 30.000 qualifizierte Beschäftigte im Pflegebereich.

Maßnahmenbündel für gezielte Anwerbung

Dieses Defizit, da sind sich alle Fachleute einig, kann absehbar nicht allein durch inländische Pflegerinnen und Pfleger abgedeckt werden. Vor diesem Hintergrund haben sich Bund, Länder und Pflegeverbände im Dezember 2012 auf ein Maßnahmenbündel geeinigt, das die gezielte Anwerbung qualifizierten Personals in Ländern außerhalb der EU vorsieht. In der vergangenen Woche unterzeichnete die Bundesagentur eine Vereinbarung mit der philippinischen Arbeitsverwaltung: Im fernöstlichen Inselstaat reichlich vorhandene Pflegefachkräfte sollen in Deutschland den eklatanten Mangel lindern. Der Bedarf sei „auch mit Blick auf die Zukunft so groß, dass wir nicht nur alle inländischen und europäischen Potenziale ausschöpfen dürfen, sondern auch auf dem internationalen Arbeitsmarkt aktiv für Karrieren in Deutschland werben müssen“, befand Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU).

In der Tat ist es vor allem die Entwicklung in den kommenden Jahrzehnten, die Zuwanderung von Pflegepersonal in nennenswerter Größenordnung unausweichlich erscheinen lässt. Die Zahl der Pflegebedürftigen von derzeit rund 2,5 Millionen wird bis zum Jahr 2020 voraussichtlich auf 2,9 und bis 2040 auf 4,2 Millionen ansteigen. Damit wächst auch der Personalbedarf. Schätzungen gehen für 2020 von bis zu 220.000 fehlenden Pflegekräften aus. Ein Jahrzehnt darauf, so prognostiziert es die Bertelsmann Stiftung, werden bis zu 500 000 Stellen im Pflegebereich nicht besetzt werden können. Nur um die Dimensionen zu verdeutlichen: Derzeit sind laut Bundesagentur 573.000 examinierte Pflegerinnen und Pfleger sowie Altenpflegehelfer in Deutschland beschäftigt.

Fatale Konsequenzen

Dass bei solchen Prognosen der inländische Nachwuchs nicht ausreicht, ist klar: 2011 befanden sich im privaten Sektor bundesweit 21.400 junge Leute im ersten Ausbildungsjahr zur Altenpflegefachkraft. Hinzu kamen 5100 Altenpflege-Schüler, die mit Unterstützung der Bundesagentur eine Ausbildung begannen. Im vergangenen Jahr stieg die Zahl der Anfänger nach vorläufigen Angaben leicht auf 5600.

Hieraus einen Trend abzuleiten, wäre indessen verfehlt. 2009 hatten noch 7000 junge Menschen gefördert von der Bundesagentur eine Pflegeausbildung begonnen, 2010 waren es sogar 9200. Der starke Rückgang seither ist Folge der insgesamt deutlichen Reduzierung aktiver Arbeitsmarktpolitik durch die Bundesregierung. Politik aus einem Guss sieht anders aus. Für den Pflegebereich hat das fatale Konsequenzen. Denn auch die Zuwanderung wird, trotz der schönen Worte von ministerieller Seite, den Mangel nicht beheben. Auch wenn die Zahl jener, die aus Fernost zu uns kommen, noch unklar ist, weil viele Details jenseits der Grundsatzvereinbarung noch offen sind, ist eines jetzt schon deutlich: Die philippinischen Pflegekräfte werden nur einen kleinen Bruchteil des Bedarfs abdecken können. Ein ähnliches Zuwanderungsabkommen mit Kroatien führte in den vergangenen Jahren zu einem Zuzug von nur wenigen hundert Pflegekräften. Der Effekt einer Anfang des Jahres mit Serbien getroffenen Vereinbarung bleibt abzuwarten.

Beträchtliche Unterschiede in der Ausbildung

Hinzu kommen Sprachbarrieren, kulturelle Unterschiede und eine anders gelagerte Ausbildung, was die Beschäftigung philippinischer Pflegerinnen nicht eben erleichtert: In Fernost handelt es sich um eine vierjährige, überwiegend akademische und daher auch theorielastige Ausbildung, die gegenüber die hiesigen sowohl Vor- als auch Nachteile und jedenfalls beträchtliche Unterschiede aufweist. Dabei dürfte nicht die Anerkennung der philippinischen Berufsabschlüsse, die den Bundesländern obliegt, das Problem sein, sondern die ganz praktische Einarbeitung in den deutschen Pflegealltag.

So wäre es wohl schon ein großer Erfolg, wenn sich eine 40 Jahre alte Zuwanderungsgeschichte wiederholen ließe. Zwischen 1969 und 1973 hatte die sozialliberale Bundesregierung unter Willy Brandt 3000 philippinische Krankenschwestern ins Land geholt.
http://www.fr-online.de/politik/pflegenotstand-in-deutschland-pflegepersonal-aus-der-schwestern-fabrik,1472596,22200850.html
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dagobert


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« Antworten #1 am: 05. April 2013, 18:58:59 »

Zitat
Chinesische Pflegekräfte – das böse Spiel mit dem „Fachkräftemangel“
[...]
Da hierzulande rund 30.000 Fachkräfte im Pflegebereich fehlen und potentielle Bewerber aus der EU einen weiten Bogen um das Niedriglohnparadies Deutschland machen, will die Bundesagentur für Arbeit nun im großen Stil Pflegekräfte aus China und den Philippinen anwerben. Doch was sich hinter dem vermeintlichen „Fachkräftemangel“ versteckt, ist eigentlich vielmehr die logische Folge der Privatisierung des Gesundheitssystems. Der drohende Pflegenotstand wurde mutwillig herbeigeführt und ist politisch durchaus gewollt. Von Jens Berger.

Nach den Zahlen der Bundesagentur für Arbeit sind aktuell 18.000 offene Stellen in der Kranken- und Altenpflege nicht besetzt. Der Arbeitgeberverband Pflege geht sogar von aktuell 30.000 fehlenden Fachkräften aus. Wenn man bedenkt, dass seit dem Beginn der großen Privatisierungswelle im Jahre 1995 alleine in der Krankenpflege rund 50.000 Vollzeitstellen abgebaut wurden und die anfallende Arbeit nicht weniger, sondern mehr wurde, kann der jetzige „Fachkräftemangel“ kaum verwundern.

http://www.nachdenkseiten.de/?p=16751#more-16751
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Troll
Abused Frog


Beiträge: 6532



« Antworten #2 am: 03. September 2014, 11:30:25 »

Ausbeutung im Fachkräftemangelparadies
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Politik ist der Spielraum, den die Wirtschaft ihr lässt.
Dieter Hildebrandt
Es ist kein Zeichen geistiger Gesundheit, gut angepasst an eine kranke Gesellschaft zu sein.
Jiddu Krishnamurti
Auferstanden
Gast
« Antworten #3 am: 01. Oktober 2014, 20:51:41 »

-die konträren Aussagen der beiden Arbeitsrechtler zur den vertraglichen Klauseln bezeugen doch nur einmal
mehr wie degeneriert und lächerlich das deutsche Arbeitsrecht insgesamt ist.
In keinem Land gibt es so viele Wischi-Waschi (kann-optionale) Formulierungen im Gesetzestext wie im hiesigen Teutonenstaat.
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dagobert


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« Antworten #4 am: 29. Oktober 2014, 01:47:08 »

Zitat
Zu Gast bei Ausbeutern

Junge Spanier werden zu Hunderten in die deutsche Pflegebranche gelockt. Dort finden sie miese Arbeitsbedingungen und Knebelverträge. In Berlin formieren sie sich nun zum Widerstand.
[...]
Miguel und die elf Menschen, die heute Abend im Halbkreis vor ihm sitzen, sind Spanier. Geologen, Krankenpfleger, Chemiker, Sozialarbeiter. Sie sind Auswanderer. Wobei Miguel das Wort „Exilanten“ lieber mag. In „Exil“ schwingt mit: Verbannung, Vertreibung, Zwangsumsiedlung. Das klingt mehr nach dem, was sie aus Spanien hierher in den deutschen Herbst getrieben hat, in dieses kalte Hinterzimmer: die Krise in der Heimat.
[...]
Die Krise hat in Südeuropa Millionen junger, gut ausgebildeter Menschen einer Perspektive beraubt. In Spanien sind derzeit 55 Prozent der jungen Leute arbeitslos – eine gute Nachricht für den deutschen Pflegemarkt. Eine Generation fertig ausgebildeter junger Menschen, die daheim keine Zukunft hat, bedeutet in der Logik des Kapitalismus in Zeiten der offenen Grenzen: Viel gute Arbeit für sehr wenig Geld.

http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/589582/1/Zu-Gast-bei-Ausbeutern
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BGS
Polarlicht


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« Antworten #5 am: 29. Oktober 2014, 13:10:20 »

Auf der anderen Seite tauchen in Skandinavien langsam, aber sicher mehr und mehr "deutsche" Exilianten auf. Auch hier versucht man diese zum Teil in "Sozial-" und "Pflegeberufe" quasi zu nötigen, doch fast ohne jeden Erfolg. Und das ist kein Wunder.

Die Lösung des von den "Neoliberalen" selbst geschaffenen "Notstands" ist ganz einfach:

VERSCHAFFT DEN IN "SOZIAL- UND PFLEGEBERUFEN" TÄTIGEN ENDLICH DIE ANERKENNUNG, AUCH GESELLSCHAFTLICH, die Ihnen gebührt und verdreifacht die lächerlichen dortigen Löhne. Schon könnte das ewige Gefasel von "Notstand" ein Ende finden und es ginge sehr vielen Menschen grundlegend besser, in jeder Hinsicht.

Solange noch Geld für die Banken da ist, sollte für diese Bereiche erst recht welches vorhanden sein!

MfG

BGS
« Letzte Änderung: 29. Oktober 2014, 13:13:40 von BGS » Gespeichert

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« Antworten #6 am: 29. Oktober 2014, 13:59:00 »

VERSCHAFFT DEN IN "SOZIAL- UND PFLEGEBERUFEN" TÄTIGEN ENDLICH DIE ANERKENNUNG, AUCH GESELLSCHAFTLICH, die Ihnen gebührt und verdreifacht die lächerlichen dortigen Löhne. Schon könnte das ewige Gefasel von "Notstand" ein Ende finden und es ginge sehr vielen Menschen grundlegend besser, in jeder Hinsicht.

Sehr geehrte/r/s Herr/Frau/Fräulein BGS,

Leider haben Sie nur teilweise recht. Gerne können die Sozial- und Pflegeberufe mehr Anerkennung erhalten, allerdings nur, wenn sie sich um schwer kranke oder alte Menschen kümmern. Leider sind in diesen Berufen auch viele Kinder- und Jugendverderber tätig, die in unverantwortlicher Weise die Erziehung selbst redlicher Eltern mit verweichlichtem oder verdummendem Montessori-Unsinn boykottieren oder den Kindern sogar unredliche Geschichten wie z.B. die diabolische "Sesamstraße" vorsetzen:
* Der Lausebengel "Ernst" gewinnt hier immer gegen den relativ redlichen Bertram - vermutlich wurde Ernst ebenfalls mit irgendwelcher Wald-Dorf-Pädagogik erzogen! Der Rohrstock hätte ihm mal gut getan!
* Wenn Ernst doch mal verliert, dann gegen das anarchistische "Krümelmonster", das sich frecherweise einfach des Eigentums fremder Menschen (z.B. Ernsts Kekse) bemächtigt - genau so, wie es die diabolischen Sozen und Kommunisten für richtig halten. Die Kinder werden dabei völlig in die falsche Richtung erzogen und zu Kommunisten gemacht! Abgesehen davon sind Kekse für Kinder sowieso Teufelszeug, weil sie den diabolischen Zucker enthalten und daher sowieso nicht für Kinder geeignet, solange sie nicht aus Salzteig hergestellt wurden.
* Der noch viel anarchistischere Oskar ist ein derart fauler Sack, dass er sich noch nicht mal eine Wohnung leisten kann und in einer Mülltonne lebt! Soll das ein Vorbild für unsere Kinder sein?
* Ähnlich wie Ernst ist auch "Grobi" ist ein für Kinder völlig ungeeigneter Charakter - er macht ständig Unsinn und kommt damit durch, verleitet die Kinder also ebenfalls dazu Unsinn zu machen!
Wie Sie sehen, sind derartige Geschichten völlig ungeeignet für unsere Kindererziehung - leider werden diese oder ähnliche, vielleicht sogar noch schlimmere Geschichten (z.B. die diabolische Pippi Langstrumpf, welche mit ihren frechen, unverschämten und anarchistischen Aktionen und ihrem hässlichen Kleidungsstil ebenfalls ein völlig falsches Vorbild für unsere Kinder ist!) den Kindern von unseren heutigen, wald-dorf-verdorbenen Erziehern vorgesetzt. Da diese - wie nachgewiesen - sogar SCHLECHT für unsere Kinder sind, sollten diese einfach abgeschafft werden. Die Erziehung sollten wir brav den Eltern überlassen, die oft glücklicherweise noch redliche und bewährte Erziehungsmethoden (Rohrstock, Stubenarrest, Auf-einem-Bein-in-die-Ecke-stellen) anwenden, welche unsere Kinder zu braven, schlauen, fleißigen, keuschen und redlichen Menschen machen.

Stattdessen schlage ich vor, alle mit Kindern oder leicht Kranken (unredlich für: arbeitsfaule Simulanten) beschäftigten Sozial- und Pflegekräfte in die Altenpflege zu stecken! Diese unredlichen Kinderhorte und -gärten, die sowieso redliche Hausbesitzer und Spaziergänger mit ihrem Lärm um ihren Verstand bringen, würden damit sofort geschlossen, und für größtenteils redliche Rentner sind genügend Pflegekräfte frei, so dass diese redliche Halma-Turniere, schöne Volksmusik-Abende oder vielleicht sogar mal einen Ausflug in ein redliches Militär-Museum organisieren können.

Selbstverständlich dürfen die Gehälter dabei nicht verdreifacht werden, was nach meinen Maßnahmen auch nicht mehr erforderlich ist, da wir dann genug Pflegekräfte haben - wie immer ist der Gedanke mal wieder viel zu kurz gedacht! Verdreifachte Gehälter führen selbstverständlich auch zu verdreifachten Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträgen, so dass Arbeitnehmer und redliche Arbeitgeber belastet werden - von irgendwelchen frechen Lohnerhöhungen zum Ausgleich oder Geheule wegen Entlassungen möchte ich dann aber nichts hören!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Diethelm Gscheidle
(Verkehrswissenschaftler & Dipl.-Musikexperte)
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Ich bin ein löblicher Mensch - daher sind meine Beiträge redlich und anglizismenfrei.
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« Antworten #7 am: 29. Oktober 2014, 16:25:24 »

Sehr geehrter Herr Doc. Gscheidle,

besten Dank fuer Ihren erhellenden Beitrag.

Falls Sie Ihre Aussagen wider Erwarten ernst meinen, dann wuensche ich Ihnen, dass Sie selbst, wenn einmal siech und alt, von derartigen Pflegekräften "gepflegt" werden. Da wird keine "Pflegeversicherung" der Welt mehr helfen, sei sie noch so "privat".

Durch das heutige, traditionelle und fortgesetzte Auspressen eigentlich redlicher Arbeitnehmer wird es dazu kommen, dass bald nicht einmal mehr fuer das fuenffache Gehalt jemand den Alten und ähnlichen bedauernswerten Menschen den Hintern abwischen wollen wird.

Warten wir es ab.

MfG aus sicherer Entfernung

BGS
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« Antworten #8 am: 29. Oktober 2014, 17:50:09 »

Sehr geehrte/r/s Herr/Frau/Fräulein BGS,

wieso? Nach meinen o.g. redlichen Planungen, alle mit Kindern, Jugendlichen und Simulanten befassten Betreuungs- und Pflegekräfte zu Seniorenpflegern umzuschulen, gibt es keinerlei Pflegenotstand mehr. Ich werde also bestens betreut werden, wenn ich mich in meinen selbstverständlich wohlverdienten Ruhestand zurückziehe!

Auspressen der Arbeitnehmer? So ein Unsinn! Vielmehr findet eine Erpressung DURCH die Arbeitnehmer bzw. die Arbeitermonopole "Gewerkschaften" statt, so dass wir arme und fleißige Unternehmer, welche jeden Zent zweimal umdrehen müssen, ungerechtfertigte Gehaltserhöhungen bezahlen müssen!

Glücklicherweise gibt es in meinem verkehrswissenschaftlichen Forschungsinstitut keinen diabolischen Betriebsrat, und durch einen Keuschheits- und Redlichkeitstest bei der Einstellung stelle ich auch fest, ob meine zukünftigen Arbeitnehmer eine redliche Gesinnung haben, so dass sie niemals auf einen solchen Unsinn kämen, einen Betriebsrat zu gründen oder das von MIR(!) erhaltene Gehalt für Beiträge an eine garstige Gewerkschaft zu verpulvern (ich kontrolliere vielmehr gelegentlich, ob meine Angestellten auch einen angemessenen Teil des Gehaltes bei der sonntäglichen Kollekte für redliche, christliche Kirchenzwecke spenden)! Dabei können sich meine Angestellten nicht beschweren - selbstverständlich bezahle ich meinen allesamt faulen Arbeitnehmern für ihren Schlendrian fürstliche Gehälter, und das bei hervorragenden Arbeitsbedingungen - schließlich bin ich ein absolut freundlicher, redlicher, netter, liberaler und toleranter Scheff, wie Sie sicherlich auch meinen hiesigen Beiträgen entnehmen können!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Diethelm Gscheidle
(Verkehrswissenschaftler & Dipl.-Musikexperte)
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schwarzrot


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« Antworten #9 am: 29. Oktober 2014, 19:25:13 »

Nach meinen o.g. redlichen Planungen, alle mit Kindern, Jugendlichen und Simulanten befassten Betreuungs- und Pflegekräfte zu Seniorenpflegern umzuschulen, gibt es keinerlei Pflegenotstand mehr. Ich werde also bestens betreut werden, wenn ich mich in meinen selbstverständlich wohlverdienten Ruhestand zurückziehe!


Herr/Frau Dr.scheidle,

Ich glaube das haben sie falsch verstanden, user-BGS meinte vermutlich nicht, dass die knappheit von pflegepersonal, in der von ihnen vorgeschlagenen zukunft ein problem darstellen würde. Unter den von ihnen vorgeschlagenen (zwangs-)arbeitsvoraussetzungen, werden sicher genug pflegekräfte, reichlich zeit für sie haben.

Sie werden sich dann aber sicher wünschen, diese hätten lieber nicht so viel zeit für sie.  Grin


Auch glaube ich, sie verstehen die präventionsfigur des (anarchistischen?) krümelmonsters nicht richtig. Wahr ist hingegen, dass diese stofffigur 'Ernie' (und 'Bert'?) nur vor schädlichem zuckerkonsum bewahren möchte!
Ebenfalls deuten sie die rolle des 'Oskar' falsch, handelt es sich doch hier nur um eine vollendete recycling-figur, eines lebends in den endergebnissen dieser kapitalistischen wegwerfkultur, dass am ende wir alle im müll leben müssen und werden.

Zum abschluss und zur entspannung dieses video und guten abend:
« Letzte Änderung: 29. Oktober 2014, 19:27:09 von schwarzrot » Gespeichert

"In der bürgerlichen Gesellschaft kriegen manche Gruppen dick in die Fresse. Damit aber nicht genug, man wirft ihnen auch noch vor, dass ihr Gesicht hässlich sei." aus: Mizu no Oto

Wieder aktuell: Bertolt Brecht
dagobert


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« Antworten #10 am: 29. Oktober 2014, 20:19:09 »

Falls Sie Ihre Aussagen wider Erwarten ernst meinen, dann wuensche ich Ihnen, dass Sie selbst, wenn einmal siech und alt, von derartigen Pflegekräften "gepflegt" werden.
Und er sollte dann auch stets einen Ausdruck seines obigen Beitrags dabeihaben, damit die Pfleger/innen wissen mit wem sie es zu tun haben.  Evil
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BGS
Polarlicht


Beiträge: 2603



« Antworten #11 am: 29. Oktober 2014, 23:26:30 »

Sehr geehrter Herr Doc. Gscheidle,

ich möchte Ihnen dieses literarische Sachwerk aus nicht allzu ferner Vegangenheit wärmstens ans Herz legen:

"Solche Pflege ist Folter"

Wer im Alter gut gepflegt sein will, muss jetzt für andere Zustände eintreten:

Claus Fussek, Gottlob Schober: Es ist genug! Auch alte Menschen haben Rechte. Knaur Taschenbuch Verlag 2013. 207 Seiten, 7 Euro.

http://www.droemer-knaur.de/buch/Es+ist+genug!.7893756.html



Im Buch ist übrigens keinerlei Rede davon, dass etwa auch alte Arbeitgeber Rechte hätten. Wer irgendwann Mal keine Arbeit mehr geben kann, ist raus. Aus die Maus.

MfG

BGS
« Letzte Änderung: 29. Oktober 2014, 23:34:01 von BGS » Gespeichert

"Ceterum censeo, Berolinensis esse delendam"

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Fritz Linow


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« Antworten #12 am: 03. November 2015, 14:36:12 »

Das sollte viel öfter gemacht werden anstatt auf irgendwelche Heimaufsichten oder MDKs zu setzen:
Zitat
Rudow: Überlastete Pflegehelferin ruft Feuerwehr

Eine Pflegehelferin in einem Rudower Seniorenheim musste die Feuerwehr rufen. Sie war mit den alten Menschen überfordert. Kein Kollege wollte helfen.

Sie sah keinen anderen Ausweg mehr. Eine Pflegehilfskraft in einem Rudower Seniorenheim alarmierte am Sonntagvormittag die Feuerwehr, weil sie nicht in der Lage war, die Bewohner zu versorgen. 21 Menschen mussten von den Rettern medizinisch betreut werden. Das LKA ermittelt wegen des Verdachts der Vernachlässigung von Schutzbefohlenen.

Nach Angaben der Feuerwehr ging der Anruf um 10.56 Uhr bei der Leitstelle ein. Die Mitarbeiterin des Pflegeheimes Casa Reha in der Waltersdorfer Chaussee bat dringend um Hilfe: Ihre Senioren seien seit vier Stunden zum Teil ohne Betreuung. Darunter auch Rentner, denen Insulin gespritzt und die ständig überwacht werden müssen.

Die Frau gab außerdem an, dass drei Pflegefachkräfte ihre Stationen nicht verlassen wollen, um sie zu unterstützen. Und die Heimleitung sei nicht erreichbar.

Notärzte und Sanitäter der Feuerwehr erreichten das Pflegeheim wenige Minuten später. „Wir haben vier Patienten akut medikamentös behandeln müssen“, sagt ein Sprecher. Den übrigen 17 Rentnern seien vom Notarzt die morgendlichen Medikamente verabreicht worden. Die Feuerwehr alarmierte danach die Polizei.

Heimleiter Dieter Banken bestätigt der B.Z. den Vorfall und sagt: „Zu keinem Zeitpunkt gab es eine Gefahr für unsere Bewohner.“ Kurzfristig seien zwei Pfleger erkrankt. Deshalb sei die Hilfspflegerin in einem Wohnbereich allein gewesen.

Zum Messen des Blutzuckers und zum Verabreichen des Insulins habe sie einen Kollegen um Hilfe gebeten. „Dieser wollte aber nicht“, so Banken. Die Kollegin habe es daraufhin versäumt, weitere Kollegen um Hilfe zu bitten. In diesem Fall habe es ein Kommunikations- und Einstellungsproblem gegeben.

Banken: „Ich werde die betroffenen Kollegen jetzt zur Rede stellen. Die Geschäftsführung wird dann entscheiden, wem der Einsatz in Rechnung gestellt werden muss.“

http://www.bz-berlin.de/berlin/neukoelln/rudow-ueberlastete-pflegehelferin-ruft-feuerwehr
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schwarzrot


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« Antworten #13 am: 03. November 2015, 15:05:40 »

Das sollte viel öfter gemacht werden anstatt auf irgendwelche Heimaufsichten oder MDKs zu setzen:
Zitat
Die Kollegin habe es daraufhin versäumt, weitere Kollegen um Hilfe zu bitten. In diesem Fall habe es ein Kommunikations- und Einstellungsproblem gegeben.

Banken: „Ich werde die betroffenen Kollegen jetzt zur Rede stellen. Die Geschäftsführung wird dann entscheiden, wem der Einsatz in Rechnung gestellt werden muss.“

http://www.bz-berlin.de/berlin/neukoelln/rudow-ueberlastete-pflegehelferin-ruft-feuerwehr


Was für ein schwein!

Ist übrigens kein einzelfall (freundin arbeitet in dem bereich), die hilfspflegerinnen werden oft für ganze stationen abgestellt und fühlen sich oft überfordert.
Hoffentlich bekommt der tolle 'heimleiter' wegen seiner personalplanung noch ne anzeige und verurteilung!
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« Antworten #14 am: 03. November 2015, 15:29:49 »

Hätten die anderen geholfen, wäre alles so wie immer geblieben. Totale Überlastung und der Ärger wird runtergeschluckt. Insofern waren die anderen auch schön konsequent.
„Gefährliche Pflege“ ist ein Straftatbestand. Als Pflegekraft kann man dafür belangt werden, wenn etwas passiert. Wenn der Personalschlüssel jemanden zur gefährlichen Pflege nötigt, sollte man viel öfter gleich die Polizei rufen, die den Sachverhalt aufnimmt.
Das ist glaube ich bisher nur einmal geschehen und die Pflegekraft wurde entlassen.

Im Pausenraum sitzen dann alle beisammen und meckern, wie scheiße die Arbeit doch geworden ist. Selbst Überlastungsanzeigen, die meistens eh nichts bringen, werden nur sehr selten geschrieben. Die Einstellung vom eigenen Berufsbild und der damit verbundene Arbeitsethos verhindern, dass viel zu wenig in dieser Richtung geschieht.
Dazu kommen dann Arschlochheimleiter, die die Beschäftigten einschüchtern.Eigentlich ist das total unverständlich, denn es herrscht wirklich Pflegekraftmangel und die Macht der Pflegenden wäre ziemlich groß.
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« Antworten #15 am: 03. November 2015, 19:10:17 »

Genau desshalb bin ich auch von ver.di so maßlos enttäuscht. Genau diese Arbeitsüberlastung sollte ja auch im Streik angesprochen werden und soweit ich mich erinnere war es ja auch eine Forderung der Beschäftigten das sich hier endlich etwas ändert.
Nichts ist passiert und die Mitarbeiterzahlen werden immer mehr auf Kante genäht. Immer mehr PflegerInnen werden Krank durch Überlastung. Im Krankenhaus sieht es genau so schlimm aus, grade im Nachtdienst.
Hat die Pflegehelferin richtig gemacht. Warum: Sie darf keine Medikamente verabreichen. Maximal auf Delegation:

Zitat
Delegation auf Pflegehilfskräfte
Eine uneingeschränkte Delegation auf Pflegehilfskräfte ist nicht möglich. Pflegehilfskräfte können über eine formale Qualifikation verfügen, die aber von der umfänglichen formalen Qualifikation der Pflegefachkräfte unterschieden werden muss. Zu unterscheiden ist zudem zwischen Krankenpflegehelfern und Altenpflegehelfern.
Krankenpflegehelferinnen und -helfer haben in ihrer Ausbildung therapeutische und diagnostische Maßnahmen erlernt und verfügen damit über eine formale Qualifikation, nach der sie zur selbständigen Durchführung der erlernten Maßnahmen befugt sind (z.B. Mithilfe bei Injektionen, Sondierungen und Spülungen). Dennoch ist bei Krankenpflegehelfern neben dem formalen Aspekt der Ausbildung von der zuständigen Pflegefachkraft die materielle Qualifikation überprüft werden. Dies geschieht über eine Anleitung und eine Kontrolle der fachgerechten Erbringung der Maßnahmen.
Bei der Ausbildung zum/zur Altenpflegehelfer/in ist das Ausbildungsprofil in den einzelnen Bundesländern sehr unterschiedlich. Daher kann nicht davon ausgegangen werden, dass Altenpflegehelfer/innen über eine formale Qualifikation verfügen. Die Delegation an Altenpflegehelferinnen ist nach dem Urteil des Sozialgerichtes Speyer vom 27.07.2005 (Az.: S 3 P 122/03) demnach gleichzusetzen mit der Delegation auf angelernte Kräfte.
https://www.kritische-ereignisse.de/berichte/ereigniss/1487.html
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Jetzt können wir endlich rausfinden, was wir anstelle unserer Großeltern getan hätten!
Fritz Linow


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« Antworten #16 am: 14. Juli 2017, 21:57:08 »

Die ersten Pflegeroboter werden nun am UKSH getestet, was natürlich keinesfalls mit dem Pflegenotstand zu tun hat, wie eindringlich betont wird:

Zitat
UKSH-Kinderklinik II setzt Roboter ein

Als erstes Kinderkrankenhaus in Deutschland setzt die Kieler UKSH-Klinik für Kinder- und Jugendmedizin II einen humanoiden Roboter ein. Dieser solle kein Personal ersetzen, sondern eine zusätzliche Hilfe bieten, betonten zwei UKSH-Vorstände bei der Vorstellung am Freitag.
(...)
Zora soll bei Fitnessübungen motivieren, an die Einnahme von Medikamenten oder die Flüssigkeitsaufnahme erinnern, singen, tanzen und Geschichten erzählen.
(...)
Auch Prof. Ulrich Stephani, UKSH-Vorstandsmitglied für Forschung und Lehre, betonte: "Wir haben einen Pflegenotstand, aber der Gedanke, mit Robotern menschliches Personal zu ersetzen, ist absurd. Ein Roboter kann programmiert werden, aber keine menschliche Zuwendung ersetzen."

http://www.kn-online.de/News/Nachrichten-aus-Kiel/Deutschlandpremiere-UKSH-Kinderklinik-II-setzt-Roboter-ein

Verlogen ist die Welt. Natürlich wünscht man sich Pflegeroboter und scheißt auf Zuwendung. Das hat in den letzten Jahrzehnten ja auch hervorragend geklappt. Noch billiger geht es halt mit Robotern, die sind pflegeleichter.
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Fritz Linow


Beiträge: 727


« Antworten #17 am: 18. Juli 2017, 22:58:03 »

Zitat
18.7.17
Operationen abgesagt - kein Personal!

Operationen abgesagt, ganze Stationen geschlossen. Grund: Personalmangel. „Es tut uns sehr leid, dass Eingriffe abgesagt werden müssen. Wir sind aber nicht allein mit dem Problem: Es gibt in Deutschland keinen Personalmarkt für Pflegekräfte mehr.“ sagt Oliver Grieve, Sprecher des UKSH.
http://www.kn-online.de/News/Aktuelle-Nachrichten-Schleswig-Holstein/Nachrichten-Schleswig-Holstein/Schleswig-Holstein-Operationen-werden-abgesagt-kein-Personal!
Zitat
17.7.17
Notaufnahme muss wegen Personalmangels schließen

Erneut ist es am hannoverschen Nordstadtkrankenhaus zu einem erheblichen Engpass bei der Versorgung von Notfallpatienten gekommen. Das gesamte Wochenende über war die Notaufnahme der Unfallchirurgie bei der Regions-Leitstelle offiziell abgemeldet. Das bestätigte die Feuerwehr auf Anfrage.
http://www.haz.de/Hannover/Aus-der-Stadt/Uebersicht/Notaufnahme-vom-Nordstadtkrankenhaus-in-Hannover-muss-wegen-Personalmangels-schliessen

Bei diesem ganzen Gejammer über den Personalmangel kommt irgendwie ein Punkt zu kurz: die katastrophale Ausbildungssituation. Es gibt an diesen Schulen zwar einige, die sich den Arsch aufreißen, um für eine einigermaßen gute Ausbildung zu sorgen, insgesamt scheitert das aber oft an unreifen Konzepten, an abgehobenem und weltfremdem Lehrpersonal, an abbruchreifen Schulräumen, an geringer Vergütung, teilweise am Einfluss durch die Oberen der Schwesternschaften und generell an einem Obrigkeitsverständnis, das die Azubis heutzutage weniger anspricht. Idealerweise werden halt Pflegeroboter herangezüchtet. Die meisten machen die Ausbildung als Überbrückungsphase, brechen vorzeitig ab oder fügen sich, um dann irgendwann in die Tonne zu treten.

Der Widerspruch zwischen dem, was in der Ausbildung beigebracht wird und wie es dann tatsächlich in der Wirklichkeit auf der Station aussieht, scheint unüberbrückbar, weil sich die Lehrer auf der einen Seite und die Pflegenden auf der anderen auch nicht so richtig grün sind. Der Lehrapparat kann sich allerdings im Zweifel angenehm zurückziehen, während die Pflegenden die konkreten Probleme an der Backe haben. Wenn schon vom Pflegepersonal kaum eine Antwort auf die Misere kommt, obwohl eigentlich alle Bedingungen für sie sprechen, dann sollte wenigstens in den Pflegeschulen mal ordentlich Alarm gemacht werden. Da sind die Lehrer und Lehrerinnen gefragt, wenn ihnen wirklich die Pflege am Herzen liegt, wie sie immer betonen.

« Letzte Änderung: 18. Juli 2017, 23:02:24 von Fritz Linow » Gespeichert
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Beiträge: 12283



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« Antworten #18 am: 19. Juli 2017, 09:14:39 »

Wer will denn diesen Job noch machen, bei einer derartig beschissenen Bezahlung und einer derartigen Belastung?
 Seid Jahren wird in Deutschland das Pflegepersonal in den KKHs runtergefahren, weil ein verschissenes, neoliberales Dreckssystem Krankenhäuser nur noch als "gewinnoptimierbare Einnahmequelle" sieht und nicht als das was sie sind: Ein Ort an dem kranke Menschen behandelt werden!
Da kann die Ausbildungssituation noch so toll sein, aber wenn die Arbeitsbedingungen derart katastrophal sind, wird das keiner mehr machen wollen!
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Jetzt können wir endlich rausfinden, was wir anstelle unserer Großeltern getan hätten!
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« Antworten #19 am: 19. Juli 2017, 10:47:39 »

Tja, da lässt man dann doch lieber nicht die selbstheilungskräfte des freien Marktes zu, der würde versuchen durch bessere Arbeitsbedingungen und bessere Bezahlung einen Anreiz zu schaffen. Dann doch lieber Knut und Peitsche durch eigentlich ungeliebte staatliche Eingriffe Zwang zur Arbeitsaufnahme aufbauen.
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Politik ist der Spielraum, den die Wirtschaft ihr lässt.
Dieter Hildebrandt
Es ist kein Zeichen geistiger Gesundheit, gut angepasst an eine kranke Gesellschaft zu sein.
Jiddu Krishnamurti
Fritz Linow


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« Antworten #20 am: 23. August 2017, 19:30:54 »

Wenn der Betriebsrat es will, kann er nach diesem Urteil wohl für eine Mindestbesetzung sorgen:

Zitat
ArbG Kiel zu Pflege: Einigungsstelle darf Mindestbesetzung für Schicht festlegen

Eine Einigungsstelle darf per Spruch festlegen, dass eine Schicht im Gesundheitswesen mindestens "mit einer bestimmten Zahl von Pflegekräften" besetzt wird. Das hat das Arbeitsgericht Kiel kürzlich entschieden und zugleich festgelegt, derlei sei "nicht per se rechtswidrig". Zur Begründung hieß es, das sei eine "Maßnahme, mit der einer Gesundheitsgefährdung der eigenen Beschäftigten durch Überlastung begegnet werden kann" (7 BV 67c/16).

Hintergrund ist der Streit zwischen einem Klinikbertreiber und dem Betriebsrat über eine Mindestbesetzung für den Pflegedienst auf bestimmten Stationen. Laut Arbeitsgericht war dazu von den Parteien "im Frühjahr 2013 eine Einigungsstelle zur Beilegung ihrer Meinungsverschiedenheiten gebildet" worden. Diese hatte anschließend drei Gutachten "zur konkreten Belastungs- und Gefährdungssituation des auf diesen Stationen tätigen Pflegepersonals" eingeholt und "festgestellt, dass die physische und psychische Belastung eine kritische Grenze erreiche".

Da sich die Parteien im Nachgang nicht darüber einigen konnten, wie die Arbeitsbedingungen verbessert werden könnten, entschied die Einigungsstelle Anfang Dezember 2016 laut Gericht per Spruch: "Dieser sieht eine Schichtbesetzung mit einer bestimmten Zahl von Pflegekräften für bestimmte Belegungssituationen vor."

Dagegen wandte sich der Arbeitgeber gerichtlich und machte u.a. geltend, durch das Votum werde seine unternehmerische Freiheit unzulässig eingeschränkt. Das Arbeitsgericht folgte dem allerdings nicht. Wie es in der Begründung heißt, sei der eine Mindestbesetzung fordernde Spruch zwar in der Tat ein Eingriff in die unternehmerische Entscheidungsfreiheit gemäß Art. 12 GG. Diese Freiheit kollidiere "aber mit den Grundrechten der Arbeitnehmer auf körperliche Unversehrtheit aus Art. 2 Abs. 2 GG und aus Art. 31. der EU-Grundrechte-Charta". Die Interessen der Klinik müssten in diesem Fall dahinter zurücktreten. Dies, zumal "keine starre Mindestbesetzung vorgeschrieben wird, sondern eine Mindestbesetzung im Verhältnis zu den belegten Betten".

Im Übrigen, so die Begründung des Gerichts, habe der Betriebsrat laut § 87 Abs. 1 Nr. 7 BetrVG "ein erzwingbares Mitbestimmungsrecht bei betrieblichen Regelungen über den Gesundheitsschutz". Das beziehe "sich auch auf Schutzmaßnahmen des Arbeitgebers zur Verhütung von Gesundheitsschäden bei konkreten Gefährdungen, die im Rahmen einer Gefährdungsbeurteilung festgestellt worden sind". Insofern sei die Vorgabe einer Mindestbesetzung "durchaus eine Maßnah-me, mit der der Gefährdung der Mitarbeiter begegnet werden kann".

Der Beschluss ist noch nicht rechtskräftig. Beschwerde wurde zugelassen.

Beschluss des Arbeitsgerichts Kiel vom 26.07.2017 (Az.:7 BV 67c/16).

Hinweis der Redaktion:

Die Einigungsstelle ist ein besonderes Organ des Betriebsverfassungsrechts, dem Befugnisse zur Beilegung von Streitigkeiten zwischen Arbeitgeber und Betriebsrat eingeräumt sind. Die Einigungsstelle entscheidet keine Rechtsfragen, sondern Regelungsstreitigkeiten. Sie ist dabei an zwingendes vorrangiges Recht gebunden. So gilt insbesondere der Tarifvorbehalt des § 77 Abs. 3 BetrVG. Alles, was die Betriebspartner - also Arbeitgeber und Betriebsrat - nicht regeln dürfen, kann auch nicht Inhalt eines Beschlusses der Einigungsstelle sein. Die Einigungsstelle besteht aus einer gleichen Anzahl von Beisitzern, die vom Arbeitgeber und Betriebsrat gestellt werden, und einem unparteiischen Vorsitzenden, auf dessen Person sich beide Seiten einigen müssen.
https://www.betriebsratspraxis24.de/news/?user_aktuelles_pi1%5Baid%5D=364999&cHash=33848291e0d0d3ccf067611be66b7d7f
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Fritz Linow


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« Antworten #21 am: 24. August 2017, 22:54:04 »

Bei diesem Urteil ist nicht nur erwähnenswert, dass hier mal Arbeitsschutz vor unternehmerische Freiheit gestellt wurde, sondern dass es sich auch um den „Arbeitgeber“ Damp/Helios handelt, der übrigens Widerspruch einlegen will.

Damp/Helios ist ein wenig Vorreiter in Sachen Ausgliederung, Ausbeutung und unternehmerischer Freiheit. Diese Schiene wird seit knapp 20 Jahren gefahren, hauptsächlich unter der Schirmherrschaft der beiden Kieler Kaufmänner Carl Hermann Schleiffer (Verdienstorden) und Niels Bunzen (Sohn eines Landesbankbankiers, der ausgerechnet für Schiffskredite zuständig war, hihi). Während Schleiffer irgendwann weiterzog, um am UKSH zusammen mit dem französischen Mischkonzern Sodexho zu wüten, regelte Bunzen die Geschäfte in Damp, wo es vor einigen Jahren zu den bisher größten Protestaktionen im Gesundheitswesen in S-H kam. Anscheinend liegt nachwievor eine Sammelklage wegen unlauterer Bilanzen beim Verkauf an Helios vor, die wohl einige Aktionäre angestrengt haben.

Mittlerweile bilden Schleiffer und Bunzen wieder ein Gespann und sind beide Gesellschafter von Immobiliengeschäften nach Bauherrenmodellart, unter anderem dem sogenannten Schlossquartier in Kiel, dass sie sich unter den Nagel gerissen hatten und das nun von der lokalen Hackfressenpresse als Meilenstein der Stadtentwicklung abgefeiert wird. Man könnte also sagen, dass der Gewinn, der sich seit Jahren schleichend durch die unternehmerische Freiheit in Damp angehäuft hatte, nun endlich in Steine investiert wird. Dahinter stecken natürlich nicht nur diese beiden angesehenen Bürger, sondern auch jede Menge andere Provinzfürsten und Luden.
Wie Helios tickt, ist sowieso klar. Bei denen gibt es dann wieder andere Schmierlappen, die ihren Einfluss geltend machen werden.

Wird die nächste Gerichtsinstanz dem verfilzten politischen Druck standhalten?

Werden die Kieler Nachrichten darüber berichten oder weiterhin nur den Hut von Frau Bunzen abbilden?

Werden sich andere Betriebsräte zusammen mit verdi vielleicht dieser Möglichkeit bedienen, um zumindest eine Art „Tarif Entlastung“ durchzusetzen?
« Letzte Änderung: 24. August 2017, 23:25:29 von Fritz Linow » Gespeichert
Fritz Linow


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« Antworten #22 am: 31. August 2017, 14:24:34 »

Steile These der Leiterin der UKSH-Akademie:

Zitat
4.8.17 (…) Auch das UKSH sucht gezielt im Ausland nach ausgebildeten Krankenpflegekräften. "Wir arbeiten in Albanien mit einer Consultingfirma zusammen, die eine Vorauswahl trifft. Und wir fliegen dann selbst dorthin und suchen die endgültigen Teilnehmer aus", sagt Gabriele Becker-Jensen, Leiterin der UKSH-Akademie. Sie erzählt, dass die Teilnehmer vor Ort erst einmal Deutschunterricht bekämen, den das Klinikum finanziert. Dann beginnen sie in Kiel mit dem Vorbereitungskurs für die Kenntnisprüfung. Die Schulleiterin betont aber, dass das UKSH den Herkunftsländern keine Fachkräfte wegnimmt: "Am Beispiel von Albanien kann ich deutlich sagen, dass dort weit über Bedarf ausgebildet wird. Nur zehn Prozent der Pflegekräfte werden wirklich im Land gebraucht.“ (…)

http://www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/pflegekraefte126_page-2.html
« Letzte Änderung: 31. August 2017, 14:26:24 von Fritz Linow » Gespeichert
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« Antworten #23 am: 11. September 2017, 23:06:29 »

Zitat
11.9.17
Techniker für Pflege-Roboter

Berlin (MOZ) Um den demografischen Wandel zu bewältigen, fordert die größte gesetzliche Krankenversicherung Deutschlands, die Altenpflege und Medizin stärker zu digitalisieren.

Die Techniker Krankenkasse (TK) spricht sich dafür aus, im Kampf gegen den Pflegenotstand auf die Digitalisierung zu setzen. "Vernetzte Betreuungssysteme und Roboter können dazu beitragen, die Folgen der ansteigenden Pflegefälle zu bewältigen", sagte der Chef des wissenschaftlichen Instituts der TK "Wineg", Andreas Meusch, dieser Zeitung.(...)
Um trotz einer immer älter werdenden Bevölkerung die Versorgung gewährleisten zu können, müsse man alle Rationalisierungsreserven ausschöpfen, um die dadurch freiwerdenden Mittel effektiver einsetzen zu können. "Je weniger Digitalisierung, desto höher das Risiko für eine Zwei-Klassen-Pflege", so Meusch.(...)

http://www.moz.de/artikel-ansicht/dg/0/1/1603440

Es bleibt nichts unversucht, die Gewinne nicht zu schmälern. Pflegeroboter werden kommen und jetzt allmählich als Alternative medial hochgefahren. Da wird eine Drohkulisse aufgebaut, mit der man gegenüber Pflegenden, die einfach nur bessere Arbeitsbedingungen fordern, argumentieren kann:"Dann geh doch, setzen wir halt Roboter ein." Auf der anderen Seite stehen Milliardengewinne der Krankenhauskonzerne, Pharma und Versicherungen, hinter denen wiederum Typen stecken, mit den man nichts zu tun haben will, wie zum Beispiel Guttenberg.
Diese ganzen Aktionstage an den Krankenhäusern von Verdi demnächst sind ja ganz nett, aber viel zu harmlos. Eigentlich müssten die Beschäftigten im Gesundheitswesen mal lernen, die Patienten einfach verrecken zu lassen (aus Selbstschutz). Und dann zusammen mit  den Angehörigen auf die Barrikaden gehen. Vielleicht schon, bevor es zu spät ist. Die Zwei-Klassen-Pflege gibt es eh schon. Da hat der Fuzzi Andreas Meusch von der Techniker Krankenkasse etwas verpasst...
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ManOfConstantSorrow


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« Antworten #24 am: 19. September 2017, 17:00:52 »

Zitat
Pflegenotstand
"Zehntausende haben den Beruf verlassen"

Der Präsident des Deutschen Pflegerates, Franz Wagner, verweist angesichts der Debatte um einen Pflegenotstand auf kurzfristig mögliche Lösungen. Es gebe zehntausende ausgebildete Pflegekräfte, die den Beruf aufgrund der hohen Belastung nicht mehr ausübten, sagte Wagner im Dlf. Die Arbeitsbedingungen müssten verbessert werden.


Franz Wagner im Gespräch mit Silvia Engels

Silvia Engels: Die Pflege als einer der späten Wahlkampfschlager, das prägt neben anderem die letzten Tage dieses Wahlkampfs. Am Telefon ist Franz Wagner, er ist seit vergangenem Freitag Präsident des Deutschen Pflegerats. Das ist eine Einrichtung, die aus Einzelverbänden von Pflegeberufsverbänden und Trägern der Pflege besteht. Auch das Hebammenwesen gehört dazu. Mit der Aufgabe ist dieser Verband unterwegs, die Position der Pflegeorganisation einheitlich darzustellen. Guten Morgen, Herr Wagner.

Franz Wagner: Guten Morgen, Frau Engels.

Engels: Ich habe es angesprochen. Das Thema Pflege bekam im Wahlkampf zuletzt etwas mehr Aufmerksamkeit. Auch die Auftritte von Angela Merkel und Martin Schulz in Publikumsbefragungsrunden im Fernsehen in den letzten Tagen dürften da eine Rolle gespielt haben. Jeweils drei dieser Formate absolvierten sie in drei verschiedenen Sendern und fast bei allen nahm die Pflege als Thema Raum ein, nicht zuletzt aufgrund vieler Fragen aus dem Publikum. Leiten Sie daraus ab, dass sich nach der Wahl auf jeden Fall etwas in diesem Bereich tun wird?

Wagner: Im Moment kann man das natürlich nur hoffen, denn es ist wie so häufig: Im Wahlkampf wird viel versprochen. Was dann davon gehalten wird oder je nach Koalition umgesetzt werden kann, ist dann immer die andere Frage.

Mich stellt ja schon mal sehr zufrieden, dass es gelungen ist, das Thema Arbeitssituation der Pflegenden in den Vordergrund zu drängen und zu stellen, und ich denke, es ist ja sehr eindringlich, wie die Betroffenen geschildert haben, wie ihre Alltagssituation ist im Arbeitsleben, unter welchen Bedingungen sie arbeiten. Das sind Sachen, die wir schon lange formulieren, die aber jetzt anscheinend doch Eindruck gemacht haben.

Engels: SPD-Kanzlerkandidat Schulz – wir haben es gestern gehört – kündigte gestern zum Beispiel einen Neustart in der Pflege an, sollte er zum Kanzler gewählt werden: Mit den drei Ankündigungen, mehr Pflegekräfte einstellen, Personalschlüssel in den Heimen und die Plätze erhöhen und die Pflegekräfte besser zu bezahlen. Da bleiben für Sie doch eigentlich keine Wünsche offen, oder?

Wagner: Eigentlich nicht. Aber es kommt natürlich darauf an, wie man das Ganze auch gestaltet. Auch das sind Themen, die ja seit Langem bekannt sind, die auch etwas sehr pauschal formuliert durchaus in den Wahlprogrammen zu finden sind. Die Schwierigkeit ist dann immer die konkrete Umsetzung und dann auch hochgerechnet auf die Zahl von Köpfen, die zum Beispiel zusätzlich beschäftigt werden müssten, sind das natürlich auch erhebliche Summen, um die es geht.
"Wir reden hier sicher von Milliarden, die das mehr kosten würde"

Engels: Haben Sie eine Schätzung?

Wagner: Nein, nicht wirklich. Das kommt ja auf die unterschiedlichen Szenarien an. Aber wir reden hier sicher von Milliarden, die das mehr kosten würde, wenn ich tatsächlich eine bessere Personaldarstellung haben möchte. Und wir reden ja nicht nur von der pflegerischen Versorgung in Pflegeheimen und in der ambulanten Pflege, also bei Pflegebedürftigkeit. Wir müssen ja auch reden über die Pflege im Krankenhaus, denn auch dort gibt es ein Problem.

Engels: Finanzieren – da bleiben wir gerade noch mal bei Herrn Schulz -, hat er gesagt, will er das über eine Umverteilung des Haushalts. Ist so etwas für Sie realistisch, oder sind Sie da von früheren Ankündigungen anderer Parteien auch schon enttäuscht?

Wagner: In der Vergangenheit hat das eher nicht funktioniert. Ich bin der Auffassung, es gibt durchaus Möglichkeiten, im Haushalt Positionen umzuverlagern. Es ist ja immer auch Verteilung der Mittel im Haushalt des Bundes und auch der Länder eine Prioritätensetzung. Und wenn ich dann die Priorität bei einer besseren pflegerischen Versorgung der Bevölkerung setzen möchte, dann sind garantiert auch die Mittel, die dafür erforderlich sind, zu finden. Zum Beispiel die Krankenkassen haben in der letzten Zeit doch erhebliche Einnahmeüberschüsse auch erzielt. Da wäre ja auch noch eine Ressource.
Neuer Pflegebedürftigkeitsbegriff "ein sehr großer Fortschritt"

Engels: Auf der anderen Seite – und damit schauen wir auf die CDU – schreiben sich ja die Regierungsparteien auf die Fahnen, gerade die CDU, in Sachen Pflegeausbildung und Reform der Pflegeversicherung in dieser Legislaturperiode viel erreicht zu haben, gerade mit Blick auf einer besseren Versorgung von Demenzkranken. Zitat aus dem CDU-Wahlprogramm: "Die vergangenen Regierungsjahre waren gute Jahre für Gesundheit und Pflege." – Müssen Sie nicht auch konzedieren, dass man nur kleine Fortschritte machen kann, und sind die erfolgt?

Wagner: Ich glaube, mit dem neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff ist schon ein sehr großer Fortschritt erzielt worden. Wir haben da mehr Gerechtigkeit insbesondere für Menschen, die an einer Demenz leiden. Allerdings was noch aussteht ist diese Umsetzung des neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffes auch in die pflegerische Versorgung. Bisher haben wir ja nur bei der Begutachtung das neue System. Das heißt, wir brauchen andere Versorgung, wir brauchen auch mehr Versorgung. Die Menschen wollen möglichst lange zuhause leben. Auch da brauchen wir mehr und ausdifferenziertere Versorgungskonzepte, die zum Teil erst noch entwickelt werden müssen.

Engels: Da sind wir bei einem sozusagen Wahlkampfschlager, denn fast alle Parteien wollen die ambulante oder häusliche Pflege ausbauen. Von FDP bis zu den Grünen, auch zur AfD ist da in den Wahlprogrammen etwas zu finden. Wie viel Kosten erwarten Sie denn, wenn die häusliche, die ambulante Pflege so ausgebaut wird, dass tatsächlich viel mehr Menschen länger zuhause bleiben können?

Wagner: Zum einen würde ich davon ausgehen, dass die Kosten auf jeden Fall sinken. Wenn häusliche Versorgung klappt statt einer stationären Versorgung, ist das immer erst mal günstiger. Die große Schwachstelle hier ist, dass natürlich eine große Abhängigkeit besteht von familiärer Unterstützung oder in der Zukunft vermutlich stärker auch durch Nachbarschaftshilfe oder durch das soziale Netzwerk, in dem Menschen leben. Denn durch die biografischen Entwicklungen wohnen zum Beispiel die Kinder nicht mehr am selben Ort wie die pflegebedürftigen Menschen. Ich kann nicht mehr so sehr wie heute auf familiäre Unterstützung setzen. In der Summe aber gehe ich davon aus, dass es gar nicht mehr kosten muss.

Engels: Haben denn die Parteien Ihrer Meinung nach Antworten auf diese sehr komplexe Fragestellung, die Sie da ansprechen?

Wagner: Im Konkreten nicht. Dazu habe ich nirgends in den Parteiprogrammen etwas gefunden, wo ich sage, hier kann man ganz genau erkennen, da geht es hin. Das sind eher auf einer sehr abstrakten Ebene formulierte Forderungen wie mehr Personal, bessere Versorgung, gute Versorgung. Das ist aber auch zugegebenermaßen natürlich ein sehr, sehr komplexes Thema.

Und auch die Frage, mehr Personal zu schaffen, hat ja schon die Fragestellung in sich, wie berechne ich dann auch mehr Personal. Wir wissen, wir haben viel zu wenig im Moment, aber wie stelle ich das an, um dann auf eine gute Art und Weise und zielsicher, da wo am meisten Unterstützung gebraucht wird, auch am meisten Personal zu haben, ein Instrument zur Verfügung zu haben. Da gibt es ja – das hat die jetzige Regierung noch in Auftrag gegeben, ins Gesetz geschrieben – ein Projekt, in dem ein Personalbemessungsverfahren entwickelt werden soll. Das soll Ergebnisse bis 2020 liefern. Das ist natürlich noch lange. Wir würden uns wünschen, das kommt viel schneller. Im Moment haben wir eine Situation, dass es zwischen den Bundesländern erhebliche Unterschiede bei der Personalausstattung gibt in den stationären Pflegeeinrichtungen, und es ist eigentlich nicht einzusehen, warum Menschen in Bayern oder Baden-Württemberg mehr Pflege brauchen als Menschen in Niedersachsen oder Brandenburg.

Engels: Ist beim Thema Pflege auch in der Tat der Föderalismus ein wichtiges Thema, also ein Thema, was jetzt bei einer Bundestagswahl gar nicht entschieden werden kann?

Wagner: Der große Rahmen wird schon auf Bundesebene gesteckt. Aber viele der Details wie zum Beispiel in der stationären Versorgung, wie eben erwähnt, die Personalschlüssel werden landesbezogen festgelegt. Oder im Krankenhausbereich die Investitionskosten werden auf Landesebene festgelegt. Und nachdem Letzteres in den letzten Jahren nicht ausreichend geschehen ist, haben die Krankenhäuser sehr am Personal gespart und da vor allem am Pflegepersonal. Insofern haben die Länder eine wichtige Rolle, aber der große Rahmen wie zum Beispiel auch ein Personalbemessungsverfahren, oder auch Mittel über die Pflegeversicherung entscheidet natürlich der Bund.
"Wir müssen langfristig investieren"

Engels: Sie haben es schon mehrfach angedeutet: Ein zentrales Problem, auch vielfach angesprochen, besteht darin, dass es einfach zu wenig Pflegekräfte im Moment gibt und das eine Lücke ist, die möglicherweise noch wächst. Viele Spitzenpolitiker haben darauf unter anderem auch die Antwort, ausländische Pflegekräfte weiter zu qualifizieren und einzustellen. Hierzulande wird das von der AfD strikt abgelehnt; die anderen Parteien setzen darauf, wenn auch eher stillschweigend. Ist das in der Tat die einzige Chance, die wir in der Pflege haben?

Wagner: Nein, das ist nicht die einzige Chance. Das wird sicherlich etwas Erleichterung bringen können, aber das, glaube ich, ist der kleinere Teil. Denn wir müssen insgesamt erreichen, dass die Arbeitsbedingungen besser werden. Dann bleiben die Pflegefachpersonen länger im Beruf.

Wir haben eine wahnsinnig hohe Teilzeitquote in der Pflege. Wir haben 60 bis 70 Prozent Teilzeitarbeit in den Pflegeberufen. Wenn wir es schaffen würden, dass die einzelne Pflegende mehr Stunden pro Woche arbeitet – ich will gar nicht von Vollzeit reden -, dann hätten wir ein riesiges Potenzial, wo wir kurzfristig etwas verändern können. Oder wenn ich Menschen nehme, die den Beruf verlassen haben. Wir haben Zehntausende von Menschen, die haben eine Pflegeausbildung, die arbeiten nicht mehr in dem Beruf, weil sie sagen, nicht unter diesen Bedingungen.

Wenn ich angesichts des Mangels Personalausstattung verbessern würde, mehr Stellen schaffen, was erst mal paradox klingt, wenn ich schon die vorhandenen nicht besetzen kann, hätte ich aber eine Chance, dass die Menschen, die dort arbeiten oder nicht mehr arbeiten, sagen, jetzt hat sich tatsächlich etwas verändert, es ist leichter, ich kann es besser aushalten, die Arbeitsbelastung, und ich habe auch wieder mehr Zeit, das zu tun, was ich eigentlich gelernt habe, das zu tun, was die Menschen auch brauchen, als nur zu hetzen von Bett zu Bett, von Bewohner zu Bewohner, von Wohnung zu Wohnung, dann, glaube ich, hätten wir kurz- und mittelfristig ein hohes Potenzial.

Wir müssen langfristig investieren in Ausbildung, in die Attraktivität des Berufes. Das hat ganz, ganz viele Fassetten auch bei den Arbeitsbedingungen. Dann haben wir auch eine Chance, diese Herausforderung zu bewältigen.
"Ich glaube nicht, dass es solche radikalen Schritte braucht"

Engels: Und die bessere Bezahlung ist auch noch ein Thema. SPD, Grüne bis hin zur Linken wollen das in ihren Wahlprogrammen berücksichtigt sehen, besser bezahlen. Bekommen Sie denn genügend Antworten, ob das wirklich realistisch finanzierbar ist? Die Linken kommen auf die Idee, auch Selbstständige und Beamte ins System einzahlen zu lassen, dazu Abschaffung der privaten Krankenversicherung. Muss man so radikal denken, um besser Geld auch für Pflege ins System zu bekommen?

Wagner: Ich glaube nicht, dass es solche radikalen Schritte braucht. Wir brauchen sicherlich eine Anpassung. Wir haben auch heute schon einen sehr, sehr großen Unterschied, eine riesige Spreizung bei den Gehältern innerhalb der Pflege. Wenn man in der Pflege im Krankenhaus im Süden von Deutschland arbeitet, verdient man erheblich mehr, als wenn man in der Altenpflege im Norden oder Nordosten von Deutschland arbeitet. Auch das sind riesige Unterschiede, die sich quer durch die Branche ziehen. Auch hier könnte man schnell etwas ändern. Es würde aber natürlich wie alles mehr Geld kosten. Aber die Frage ist erneut, welche Priorität setzt die Gesellschaft, setzt die Regierung auch in eine gute Versorgung in der Pflege.

Engels: Franz Wagner war das. Er ist Präsident des Deutschen Pflegerats, eine Einrichtung, die aus den Trägern und auch den Berufsverbänden im Pflegewesen sich zusammensetzt. Wir brachten mit ihm mal die Wahlprogramme mit dem Punkt Pflege auf den Punkt. Vielen Dank für Ihre Zeit heute früh, Herr Wagner.

Wagner: Gerne! – Auf Wiederhören, Frau Engels.
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Arbeitsscheu und chronisch schlecht gelaunt!
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