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Autor Thema: Freiberufler sind für Firmen billiger  (Gelesen 3854 mal)
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Bowie


Beiträge: 130


« am: 19. Mai 2013, 18:47:01 »

Zitat
Freiberufler sind für Firmen billiger

Obwohl die IT-Branche unter Fachkräftemangel leidet, bauen Konzerne feste Stellen ab. Sie setzen lieber auf Selbstständige, denn die sind billiger.


Der Technologiekonzern Hewlett Packard will in Europa bis Ende kommenden Jahres 8000 Stellen streichen: Rund zehn Prozent der Beschäftigten in Deutschland werden offenbar ihren Job verlieren. Der Mobilfunkhersteller Nokia will mehr als tausend Stellen wegrationalisieren. Auch IBM plant, mittelfristig 8000 Arbeitsplätze zu streichen. Der Konzern habe vor, Projekte stärker als bisher extern auszuschreiben, berichtet das Handelsblatt.

Diese Entlassungen stehen beispielhaft für eine größere Entwicklung: Unternehmen aus der IT-Branche ersetzen immer öfter Festangestellte durch Freischaffende, weil sie billiger sind.

Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Personaldienstleisters Etengo und der Fachhochschule Ludwigshafen.

Weniger festangestellte IT-Kräfte als gedacht


Auch langfristig rechnen sich demnach Freiberufler mehr als fest angestellte IT-Kräfte. Die Studie enthält zudem neue Schätzungen, wie verbreitet freie Mitarbeiter in Technologieunternehmen sind.

Bislang gingen Arbeitsmarktforscher von einem Anteil von zehn Prozent aus, die Autoren der Studie kommen nun auf rund 20 Prozent.

Für die Untersuchung haben die Wissenschaftler Führungskräfte aus Großkonzernen, mittelständischen Unternehmen und Kleinunternehmen befragt. Die Bedingung: Die Manager mussten in den vergangenen zwei Jahren mit selbstständigen Fachkräften und fest angestellten Mitarbeitern zusammengearbeitet haben.

Hohe Kosten für die Rekrutierung

Die Autoren der Studie nutzten die Antworten für einen Kosten-Nutzen-Vergleich. Ihr Ergebnis: Wenn die Unternehmen Fachkräfte kürzer als 26 Monate beschäftigen, ist es für sie billiger, Freiberufler zu engagieren. Erst wenn Menschen länger als zweieinhalb Jahre für ein Unternehmen arbeiten, lohnt es sich für die Unternehmen, diese Mitarbeiter fest anzustellen.

Das liegt auch daran, dass den Unternehmen bei der Suche nach festen Mitarbeitern hohe Kosten entstehen. Anders als Freischaffende müssen sie aufwändig geworben und ausgesucht werden – auch deshalb sind sie teuer.

Nur wenn man diese Rekrutierungskosten ignoriert, lohnt es sich schon ab einer Beschäftigungsdauer von acht Monaten, feste Mitarbeiter zu beschäftigen. Das ist eine Kostenrechnung, die jedes Unternehmen anstellt, bevor es freie Projektarbeiter einstellt.

Natürlich kann auch das Anwerben von Freiberuflern teuer werden, denn der Markt ist begrenzt. Einer Erhebung des Branchenverbandes Bitkom zufolge waren Ende 2011 rund 38.000 IT-Stellen unbesetzt.

Das durchschnittliche Bruttojahreseinkommen eines IT Experten liegt bei rund 50.000 Euro. Das sind etwa 4200 Euro im Monat, wobei das Gehalt je nach Unternehmensgröße schwankt.

Berufsanfänger in kleinen Unternehmen fangen mit 42.000 Euro an, Dax-Konzerne zahlen durchschnittlich 65.000 Euro, wie eine Umfrage im Auftrag der Computerwoche aus dem Jahr 2008 ergab.

Kurze Innovationszyklen, viel Weiterbildung

Eine aktuelle Studie stellt fest, dass das Gehalt eines IT-Managers von 106.380 Euro auf 114.450 Euro pro Jahr gestiegen ist. Das Einkommen von Freiberuflern beziffert der Vorstandsvorsitzende von Etengo, Nikolaus Reuter, mit rund 10.000 Euro im Monat. Brutto verdienen die frei Beschäftigten also mehr. Allerdings müssen sie sich selbst versichern und privat fürs Alter vorsorgen. Sie tragen auch das volle unternehmerische Risiko.

Werden sie im Anschluss an ein Projekt nicht weiter beschäftigt, müssen sie von ihrem Verdienst auch eine Zeit der Beschäftigungslosigkeit überbrücken. Außerdem zahlen sie in der Regel ihre Fortbildungen selbst. Das ist kein unerheblicher Posten, denn die Innovationszyklen sind sehr kurz.

Weiterbildungskosten machen in der Branche einen großen Teil der Personalkosten für Arbeitgeber aus.

Burn-out nimmt in der Branche zu


Einen Vorteil haben die Freiberufler allerdings, wenn man der Studie Glauben schenkt: Sie sind produktiver. Als produktiv gilt in der Untersuchung ein Mitarbeiter, wenn er eigenständig und ohne wesentliche Rückfragen seine Aufgaben erledigt – und zwar in der vorgesehenen Qualität und der dafür vorgesehenen Zeit.

Rund zwei Drittel der Befragten gaben an, die freien IT-Experten brauchten im Durchschnitt einen Monat, bis sie produktiv arbeiteten. Die fest angestellten Mitarbeiter benötigen hierfür im Schnitt drei Monate.

Eine Erklärung hierfür: Die unsichere Beschäftigungssituation treibt die Projektmitarbeiter zu mehr Leistung. Nicht wenige Freiberufler hoffen, über die Projektarbeit in eine Festanstellung zu kommen. Das Institut für Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen stellte unlängst fest, dass die Belastung in der IT-Branche stark zunimmt. Mehr als die Hälfte der IT-Freiberufler sind einer Studie aus dem Jahr 2010 zufolge burn-out-gefährdet.
http://www.karriere.de/karriere/freiberufler-sind-fuer-firmen-billiger-165603/
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Kuddel


Beiträge: 9885


« Antworten #1 am: 16. Februar 2017, 19:27:59 »

Zitat
Freiberufler:
Von wegen Freizeit

Der Chef bin ich. Und das ist das Problem.


Das Jüngste Gericht ist immer der Geldautomat. Es hilft kein Betteln, kein Bitten, auch die eingeübten Unterwürfigkeitsgesten: sinnlos. Das Jüngste Gericht rechnet auf. In den bangen Sekunden zwischen der Eingabe der gewünschten Summe und dem erlösenden Rattern rattert auch der Kopf: War ich ein guter Mensch? Habe ich genug gelitten, genug geliebt? Was bereue ich, worauf darf ich hoffen? Heute offenbar: auf noch einmal 50 Euro.

Nervös rufe ich die Bank-App auf dem Telefon auf. Tatsächlich: Endlich ist die seit Tagen erhoffte Überweisung da, endlich können sämtliche Rechnungen beglichen werden, kann gelebt werden. Ich stelle mir vor, an jedem zwanzigsten Tag des Monats eine verlässliche Summe überwiesen zu bekommen, und bin verwirrt.

Als Freiberufler ist die Finanzlage oft wie das Wetter in Zeiten des Klimawandels: launisch, unberechenbar, entweder Sonne oder Hagel.

Werde Freiberufler!, hatte mir der Zeitgeist zugerufen. Sei dein eigener Chef! Such dir aus, für wen du arbeitest, wann du arbeitest! Ich stellte mir Sommertage vor, an denen ich im leeren See schwimme, während die anderen am Schreibtisch Zeit totschlagen. Kurze Lunchtreffen statt stundenlanger Meetings, in denen schon alles, aber noch nicht von allen gesagt worden ist.

Und saß dann da. Nachts, kurz nach halb zwei, Deadline am frühen Morgen, beim vierten Espresso, der dritten Flasche Mineralwasser, und beobachtete mich, wie ich meinen Kopf anschrie, er möge doch bitte noch einen guten Satz, noch eine halbwegs brauchbare Idee rausrücken. Las tags drauf E-Mails, die mir vorschlugen, ich könnte doch für den Preis einer studentischen Hilfskraft arbeiten. Sagte zu oft Ja, sagte zu oft Nein, bereute beides. Stand am Ende wieder zitternd vor dem Geldautomaten.

Später warte ich im Supermarkt, die 50 Euro fest in meiner Hand. Die Schlange wird immer länger, Gemurre unter den Anzügen und toupierten Haaren. Ich habe keine Eile, keine Termine, werde bald wieder am Computer sitzen, das hier ist meine Freizeit. Da kommt, schimpfend wie ein betrunkener Seemann, ein Mitarbeiter aus der Pause, die Kasse unter der Hand, und setzt sich mürrisch ans Warenband. Welch Gnade, denke ich.

Als Freiberufler ist man Teil eines eigenartigen Kults: Einerseits immer in den Händen einer höheren Macht. Andererseits an allem selbst schuld. Ich wollte es so.
http://www.zeit.de/2017/06/freiberufler-eigener-chef-scheinselbststaendig
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ManOfConstantSorrow


Beiträge: 6207


« Antworten #2 am: 24. August 2017, 16:18:40 »

Zitat
Flucht in die Freiheit?
Immer mehr Menschen arbeiten als Freelancer anstatt in einer Festanstellung. Sieht so die Arbeit der Zukunft aus?

Anthony Hussenot

Heutzutage repräsentieren Freelancer 35 Prozent aller Arbeitskräfte Das ist wichtig, denn die „Gig Economy“, wie sie manchmal genannt wird, ist ein janusköpfiges Phänomen, das sich unaufhörlich weiterentwickelt. Freelancing wird oft als befreiend, ermächtigend und manchmal sogar glamourös dargestellt. Aber die Realität ist viel komplexer. In OECD-Ländern zeigen Studien, dass Freelancer hauptsächlich im Dienstleistungssektor arbeiten (hier etwa 50 Prozent der Männer und 70 Prozent der Frauen). Der Rest ist alles andere, vom Online-Assistent bis hin zu Architekten, Designer und Fotografen.

Von der kreativen Klasse bis hin zum Prekariat

Eine neue Studie zeigt, dass die Mehrheit der Freelancer sogenannte „Slasher“ (engl. Slash = Schrägstrich) sind. Das heißt, dass ihre Auftragsarbeit durch eine andere Teilzeit- oder Vollzeitanstellung ergänzen. Diese Nebenverdienste können deutlich variieren. Diejenigen, die ein paar Stunden im Monat damit verbringen, Anleitungen von zu Hause aus zu erstellen, können vielleicht ein paar hundert Euro im Monat verdienen. Freelance-Therapeuten können dagegen bis zu 10mal so viel verdienen als ihnen ein Vollzeitjob in diesem Sektor einbringen würde.

Der vielleicht glamouröseste Teil der Freelancer sind die Kreativen: sie sind beweglich, immer im Netz unterwegs, hoch gebildet und haben Kontakte auf der ganzen Welt. Sie haben sich unter anderem auf Kommunikation, Medien, Design, Kunst und Technik spezialisiert, sind Architekten, Webdesigner, Blogger und Berater. Ihr Job ist es, bei allen Trends den Überblick zu behalten. Die Besten der Besten von ihnen kennen wir heute als Influencer.

In London ist diese Gruppe teilweise dafür verantwortlich, was der Ökonom Douglas Mcwilliams als „Flat-white Economy“ bezeichnet hat. Es handelt sich hierbei um einen florierenden Markt voller Kreativer, der mit Kaffee als natürlichen Treibstoff funktioniert. Dieser Markt kombiniert innovative Herangehensweisen mit Geschäftlichem und einem modernen Lifestyle. Diese Hipster, die teilweise auch als “Proficians” bezeichnet werden, sind relativ erfolgreich mit ihrer Selbstbeschäftigung mit zahlreichen „Gigs“ und einem großen Portfolio. Für McWilliams stellen sie aber auch die Zukunft des Wohlstands in Großbritannien dar.

Wer ebenfalls ähnlich hart arbeitet, dabei aber längst nicht so erfolgreich ist, ist die untere Arbeiterschicht. Das Präkariat arbeitet stundenlang monotone Aufgaben ab – und das oft für eine einzelne Plattform, wie beispielsweise die „Mechanical Turk“ von Amazon. Für die meisten ihrer Aufgaben benötigt man kein hohes Level an Expertise und Kreativität – die Arbeiter sind also problemlos austauschbar. Eine Jobsicherheit ist für diese Online-Helfer nicht garantiert. Und obwohl sie für das gleiche Unternehmen arbeiten wie andere Angestellte, haben sie fast keine Vorteile.

Zwischen der kreativen Klasse und diejenigen, die um jede Aufgabe kämpfen müssen, um sich über Wasser zu halten, gibt es zahlreiche Leute dazwischen: Blogger, die von ihrer Leidenschaft zum Schreiben angetrieben werden und trotzdem ums Überleben kämpfen. Online-Assistenten, die früher arbeitslos waren und jetzt zufrieden mit ihrem Job sind. Studenten, die ein paar Stunden pro Woche als Grafikdesigner arbeiten, um sich ein Paar Euro dazuzuverdienen.

Freelancer gibt es in allen Farben und Formen. Ihr Bildungshintergrund, ihr Antrieb und ihre Ambitionen, Bedürfnisse und ihr Arbeitswille unterscheidet sich von Mensch zu Mensch. Und daraus resultiert auch die Schwierigkeit, diese Gruppe realistisch abzubilden, ohne dass sie überspitzt dargestellt werden.

Freelancing ist eine Entscheidung, die oftmals getroffen wird, um dem Nine-to-five-Arbeitstag zu entfliehen. Viele Freelancer – egal mit welcher Expertise – haben sich ursprünglich für dieses Arbeitsmodell entschieden, weil es augenscheinlich Freiheit anbieten soll: Die Freiheit, arbeiten zu können, wann und wo sie wollen. Nur 37 Prozent der Freelancer in den USA geben derzeit an, dass sie auf dieses Arbeitsmodell aus Notwendigkeit zurückgreifen. Noch 2014 war diese Zahl mit 47 Prozent deutlich höher.

Natürlich ist das nicht das Ende des “Saläriats”. Vollzeit und eine unternehmensbasierte Arbeit ist immer noch Standard in den westlichen Ländern. Trotzdem wird es mit dem Aufkommen der Telearbeit und der Automatisierung sowie dem uneingeschränkten Potential des Crowdsourcing immer wahrscheinlicher, dass immer mehr Firmen ihre Geschäfte mit deutlich weniger Angestellten durchführen – und dabei sogar wachsen können.

Das heißt allerdings nicht, dass es unbedingt eine höhere Arbeitslosigkeit geben wird. Stattdessen bedeutet es eher, dass es mehr Freelancer geben wird, die sich um solche Projekte und konstant entwickelnde Netzwerke herum formen. Der Aufstieg des Freelancings ist vielleicht der Schlüsselindikator für die Zukunft der Arbeit, vor allem, wenn es um die Zusammenarbeit geht. Freelancer machen bereits das Co-Management von Projekten aus. Bald werden diese auch im großen Stil mit Firmen, Kunden und der Gesellschaft produzieren, kommunizieren und kollaborieren.

Da sie aber keine homogene Klasse sind, wird die Verwaltung dieser neuen Selbstverwalter nicht einfach. Zurzeit gibt es noch kein Sozialsystem, das alle Freelancer – vom Raumpfleger über den Taxifahrer bis hin zum Architekten und den Nachrichtenredakteur – anspricht. Wie können diese individuellen Gruppen zusammen arbeiten und ihre unterschiedlichen Interessen bewahren? Sicherlich arbeitet irgendein ambitionierter Freelancer bereits an einer Lösung für dieses Problem.in den USA. In der EU liegt die Rate bei 16,1 Prozent.Beide Zahlen zeigen denselben globalen Trend: Vom kreativen Unternehmer bis hin zu den Leuten, die pro Aufgabe bezahlt werden. Freelancing ist weltweit auf dem Vormarsch.

So auch die Analysen über dieses Phänomen, während Journalisten, Soziologen, Human Ressource-Spezialisten, Lifecoaches und auch Freelancer selbst versuchen, „die Wahrheit“ über Freelancing herauszufinden.


Anthony Hussenot ist Hochschullehrer an der Dauphine Universität in Paris (PSL) wo er sich auf die Theorien der Organisation und des Managements konzentriert. Zusätzlich erforscht er die neuen Praktiken von Arbeit und Kollaboration
https://www.freitag.de/autoren/netzpiloten/flucht-in-die-freiheit
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Arbeitsscheu und chronisch schlecht gelaunt!
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