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Autor Thema: "Asoziale" in deutschen Konzentrationslagern  (Gelesen 1868 mal)
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Kuddel


Beiträge: 11217


« am: 29. April 2015, 09:23:56 »

Zitat
"Asoziale" in deutschen Konzentrationslagern
Stigma der Ausgestoßenen



Der Berliner Perfomer und Autor Tucké Royale, Sprecher des "Zentralrats der Asozialen in Deutschland (ZAiD)"

Die Nazis inhaftierten sogenannte "Asoziale" in Konzentrationslagern - eine Entschädigung haben sie nie erhalten. Auf ihr Schicksal macht nun der Künstler Tucké Royale aufmerksam, mit dem "Zentralrat der Asozialen in Deutschland".

Von Hannah Beitzer, Berlin

Prostituierte, Obdachlose, Wanderarbeiter und Alkoholiker: Sie alle wurden im Dritten Reich als "Asoziale" verfolgt. In den Konzentrationslagern mussten sie schwarze Dreiecke tragen. Nach 1945 geriet ihr Schicksal in Vergessenheit, eine Entschädigung haben sie nie bekommen. Auf diese Ungerechtigkeit will nun, 70 Jahre nach dem Ende des Holocaust, ein Kunstprojekt aufmerksam machen. Tucké Royale, Berliner Performer und Autor, hat gemeinsam mit anderen den "Zentralrat der Asozialen in Deutschland" (ZAiD) gegründet. Die selbsternannten Asozialen kleben schwarze Aufkleber an Orte, an denen Betteln verboten ist, pflanzen schwarzen Klee winkelförmig vor ehemalige Arbeitshäuser, und sind von 30. April bis 2. Mai im Berliner Maxim Gorki Theater zu Gast.

SZ: Tucké Royale, "asozial" ist heute noch ein Schimpfwort. Warum übernehmen Sie es freiwillig für Ihr Projekt?


Tucké Royale: In der Tat fragen mich viele: Warum nicht "sogenannte Asoziale"? Warum nicht wenigstens "Asoziale" in Anführungsstrichen? Da diese Opfergruppe allerdings 70 Jahre in einem breiten gesellschaftlichen Spektrum überhaupt nicht sichtbar war, schien es mir wichtig, sie erst einmal so zu benennen, wie sie auch verfolgt wurde. Es ist auch ein wenig Methode, erst einmal nachfragen zu lassen: Wer ist das überhaupt, was heißt "asozial"? Um das Gespräch zu eröffnen. Dann weise ich natürlich darauf hin, dass "asozial" die Täterperspektive ist, also eine Fremdzuschreibung.

Wie kamen Sie auf die Idee?

Ich bin zuerst in Gedenkstätten auf diese Opfergruppe gestoßen, weil ich auf den Tafeln dort die schwarzen Dreiecke gesehen habe, die die Betroffenen tragen mussten. Die Bezeichnung "Asoziale" fand ich sehr reißerisch, sehr auffällig und sehr verdächtig. Dann habe ich erfahren, dass das eine sehr heterogene Gruppe war - Prostituierte, Obdachlose, Alkoholiker. Es gab auch Überschneidungen zu anderen Opfergruppen, zu Sinti und Roma oder homosexuellen Männern. Überwiegend kamen die Menschen aus einer subproletarischen Schicht, wenn auch nicht ausschließlich. Nach 1945 wurde ihnen der Status als politisch Verfolgte nicht zuerkannt, sie wurden ein weiteres Mal entmündigt. Das finde ich skandalös.

Warum haben die als asozial Verfolgten keine Entschädigung erhalten, warum wird ihrer so wenig gedacht?


Sie gehörten weder richtig zur Gruppe der politisch, noch der ethnisch, noch der religiös Verfolgten. Asozial ist eine Fremdzuschreibung, mit der sich keiner gern identifiziert - anders zum Beispiel als "jüdisch" oder "politisch". Den als "asozial" Verfolgten fällt es schwer, sich zu organisieren, sich auch zu emanzipieren. Die Menschen haben keine Lobby. Das hat viel mit Scham zu tun. Zudem konnten sich viele aufgrund ihrer prekären Lebensverhältnisse schwer in den Diskurs einbringen, die Geschichtsschreibung beeinflussen. Viele sogenannte Asoziale wurden im Dritten Reich zwangssterilisiert, sodass sie keine Kinder haben, die heute die Familiengeschichte aufarbeiten könnten.

Obdachlose, Alkoholiker, Arbeitslose und Prostituierte sind auch heute nicht gerade angesehen. Wirkt die Stigmatisierung fort?


Der Zivilisationsbruch, den die Nazis begingen, ist mit Sicherheit einmalig. Daran ist nicht zu rütteln. Trotzdem gibt es natürlich Kontinuitäten, die schon vor dem Dritten Reich begannen und sich bis heute fortsetzen. Wir wissen von Bettlerrazzien in den 30er Jahren. Und wir sehen, welcher Aufwand betrieben wird, um vor Großevents Bettler aus den Städten zu kriegen. Städte werden umgebaut, privatisiert, die untere Schicht soll unsichtbar gemacht werden. Das finde ich sehr problematisch. Auch, dass Hartz-IV-Empfängerinnen im Jobcenter schon Sanktionen angedroht bekommen, bevor überhaupt etwas passiert ist, passt nicht zu meiner Vorstellung eines Rechtsstaates. Da wird pauschal eine Straftat unterstellt und vorsorglich eine Strafe bestimmt. Die Vorstellung, Menschen durch Strafen und Drohen zu "bessern" hat schon eine lange Geschichte - und ist von den Nazis pervertiert worden.

Warum ist ein Kunstprojekt für Sie die richtige Form, um darauf aufmerksam zu machen?

Ich verstehe mich als Gastgeber. Ich will Orte schaffen, an denen ich Versammlungen und Teilhabe garantieren kann. Bisher finden Diskussionen über die Opfergruppe der Asozialen nur im Expertenkreis statt - was nicht an den Experten liegt, die Initiativen und Wissenschaftler leisten großartige Arbeit. Kunst aber kann Prozesse beschleunigen, öffentlich machen. Es ist da extrem viel nachzuholen. Der Zentralrat soll dabei eine Art Mutterschiff sein, sodass sich bundesweit Seilschaften gründen können. In Hamburg ist das schon passiert, als Nächstes ist nun Berlin an der Reihe. Ich arbeite dafür nicht nur mit Wissenschaftlern zusammen, sondern auch mit Obdachlosenmagazinen oder dem Bundeskongress der Straßenkinder.

Wie kann die Kunst den Prozess beschleunigen?

Jeder von uns hat schon einmal gesagt: "Der ist ja asozial." Es bringt nichts, sich dafür ewig zu schämen. Aber es wird klar, dass uns offensichtlich nicht erzählt wurde, dass es im Dritten Reich als asozial Verfolgte gab. Damit können wir uns auseinandersetzen und uns fragen, welche Formen von Gesellschaftsausschluss wir heute noch kennen. In unserem Projekt erzählen sehr viele unterschiedliche Menschen von ihren Erfahrungen mit prekären Verhältnissen, vom 70-jährigen Obdachlosen bis hin zur jungen selbständigen Regisseurin. Es hilft sehr, Transparenz herzustellen. Ich kenne das zum Beispiel selbst aus der Kunst- und Theaterszene. Wir sagen oft zueinander: "Na, du kannst dir das und das ja leisten!" Und in Wahrheit wissen wir gar nicht, wer gerade finanziell knappsen muss und wer sich tatsächlich etwas leisten kann. Wir alle kennen Nöte, wenngleich nur die wenigsten Menschen Erfahrung mit Obdachlosigkeit haben. Über diese Nöte zu sprechen, kann die Kluft verringern.

Wie sehr gelingt es, durch solchen Austausch Verständnis für Ausgegrenzte zu wecken?

Es gelingt meistens nur für Leute, die trotz ihrer ausgeschlossenen Situation in anderer Hinsicht privilegiert sind, etwa weil sie weiß sind. Gegenüber Roma-Familien zum Beispiel, die bis mindestens 1938 auch als Asoziale verfolgt wurden, fehlt die Empathie. Auch das Themenfeld Arbeit ist schwierig, es gibt immer noch viele Menschen, die Hartz-IV-Empfänger als Schmarotzer sehen. Das finde ich wahnwitzig - mit diesen Sanktionen, den heftigen Auflagen, dem wenigen Geld.

Was sind Ihre politischen Ziele als Zentralrat?

Zunächst einmal wollen wir eine langfristige Organisationsstruktur schaffen. Dann geht es uns natürlich um materielle Entschädigung, aber auch um moralische Wiedergutmachung. Das betrifft heute ja vor allem die Angehörigen der Verfolgten, die noch am Leben sind. Bei uns haben sich schon einige Verwandte gemeldet, die uns ihre Geschichte erzählt haben.

Was sind das für Geschichten?


Die meisten haben mit Verschweigen zu tun. Viele der Leute, die sich bei uns gemeldet haben, haben bereits jahrelang recherchiert und versucht, mehr über ihre Vorfahren herauszufinden. Eine Frau hat sogar einen Film gedreht, wie sie durch die Dörfer fährt und versucht, von den Verwandten etwas über ihren Vater zu erfahren. Der ist im Heim aufgewachsen, hat aber nie genau erzählt, was passiert ist. Seine Eltern waren als Asoziale verfolgt worden. Dann melden sich Leute, die lange nur wussten, dass sie adoptiert sind, aber nicht warum. Sie machten sich auf die Suche, lernten ihre Eltern dann aber nur aus den Akten kennen, also aus der Täterperspektive. Sie haben nicht einmal ein Foto von ihnen.

Tucké Royale, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
http://www.sueddeutsche.de/kultur/asoziale-in-deutschen-konzentrationslagern-stigma-der-ausgestossenen-1.2456333
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