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Autor Thema: Widerstand rechtloser Webarbeiter  (Gelesen 1711 mal)
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Kuddel


Beiträge: 9623


« am: 17. Mai 2015, 12:39:29 »

Zitat
Amazon
Der digitale Klassenkampf der Unsichtbaren

Amazon vermarktet weitestgehend rechtlose Web-Arbeiter als Computerprogramm. Doch die Unsichtbaren beginnen, sich zu wehren: „Wir sind Menschen, keine Algorithmen“


Milland, 36 Jahre alt, wird von Amazon nämlich als Computerprogramm vermarktet. Als „künstliche künstliche Intelligenz“. So nennt Amazon die Dienstleistung, die mehr als 500 000 Arbeiter wie Milland auf der Plattform Amazon Mechanical Turk erbringen. Turker nennen sie sich selbst. Sie erledigen dort Mikro-Aufträge, für die es zu aufwendig wäre, ein Programm zu programmieren.


Die Kanadierin war eine der ersten, die auf Amazons Plattform arbeitete. Sie begann im November 2005, zunächst in Teilzeit. Als ihr Mann 2010 seinen Job verlor, begann sie Vollzeit zu arbeiten, bis zu 17 Stunden am Tag. Inzwischen hat Milland 834 186 Aufträge auf der Plattform erledigt. Für einen hat sie im Durchschnitt 19 Cent bekommen.

Milland hat viel darüber nachgedacht, wieso Amazon es vorzieht, sie als Programm anzubieten. „Es hat mit Psychologie zu tun,“ sagt sie. „Wenn die Auftraggeber das Gefühl haben, es mit einem Computerprogramm zu tun zu haben, müssen sie sich keine Gedanken darüber machen, ob ein Mensch davon leben kann, wenn er für zwei Cent eine Aufgabe erfüllt. Es macht die Ausbeutung leichter.“

Milland hat beschlossen, darum zu kämpfen, dass sich das ändert. Irgendwann im letzten Jahr habe sie ihre Angst verloren, sagt sie. Die Angst, das Amazon die ganze Plattform dicht machen könnte, wenn sich die Turker für bessere Bedingungen einsetzen. Sie hat begonnen, die Turker zu organisieren.

Die digitale Arbeiterbewegung, nennt es Milland. Es ist eine, sagt sie, die neue Mittel finden muss, um ihre Forderungen durchzusetzen. „Ein Streik ist schwierig, wenn man niemals sehen kann, ob die anderen Turker auch streiken – und die Personen aus über hundert verschiedenen Ländern kommen“, sagt Milland. Arbeitsverträge bestehen auf der Plattform nur für Minuten, solange es dauert, die Aufträge zu bearbeiten. Und Amazon behält sich in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen vor, das Konto eines Turkers jederzeit ohne Begründung zu kündigen. Kurzum: Amazons Mechanical Turk ist so gestaltet, als hätte der Konzern eine Blaupause zur Verhinderung der Durchsetzung von Arbeitsrechten umgesetzt.

Die Turker haben dennoch Wege gefunden, sich abzusprechen. Sie treffen sich in Online-Foren. Das wichtigste führt Milland: Turker Nation nennt es sich. Turker, die nicht auf Turker Nation stoßen, bleiben meist nicht lange dabei. Sie erfahren nichts von Turkopticon, einem digitalen Werkzeug, mit dem sich die Webarbeiter etwas Macht erkämpft haben...


hier geht es weiter: http://www.fr-online.de/wirtschaft/amazon-der-digitale-klassenkampf-der-unsichtbaren,1472780,30704860.html
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Kuddel


Beiträge: 9623


« Antworten #1 am: 21. Juni 2015, 10:55:43 »




Widerstand gegen den digitalen Zugriff


Unsere Verweigerung, am digitalen Dauersenden teilzunehmen und unsere Bemühungen um Selbstverteidigung gegen den digitalen Zugriff sind unzureichend bei dem Versuch, uns langfristig der vollständigen Überwachung und Fremdbestimmung zu entziehen.

Ein Gegenangriff auf die Praxis und die Ideologie der totalen Erfassung ist dringend notwendig.


https://capulcu.blackblogs.org/


„Der technologische Wandel wird so schnell sein, dass das menschliche Leben unwiderrufbar verwandelt wird.“ (Ray Kurzweil, Chefingenieur von Google)

Wir müssen jetzt ihre Lenkungs-Logik einer BigData-animierten Selbstoptimierung durchkreuzen. Wir müssen jetzt aus ihrer Form von funktionalisierender „Vernetztheit“ ausbrechen und jetzt ihr smartes Instrumentarium unserer Erfassung und unserer zukünftigen Steuerung entlarven und angreifen.



https://capulcu.blackblogs.org/bandii/



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Kuddel


Beiträge: 9623


« Antworten #2 am: 16. Februar 2017, 18:58:04 »

Zitat
Das neue Pixelproletariat
Aus der einstmals vielgepriesenen digitalen Boheme sind längst panische Freelancer geworden – immer auf dem Sprung, ohne Rast und Ruh


Von Timo Daum
Zitat
Timo Daum ist Dozent für digitale Ökonomie und Onlinetechnologien. Im Herbst erscheint in der Edition Nautilus sein Buch »Digitaler Kapitalismus«

Burnout ist die Zivilisationskrankheit der Stunde. Waren in den 1970er Jahren nur zwei Prozent aller krankheitsbedingten Fehltage auf eine psychische Erkrankung zurückzuführen, sind es heute rund 15 Prozent. Das ergibt die Auswertung der Daten von 4,8 Millionen Versicherten der Betriebskrankenkassen im aktuellen Gesundheitsatlas des BKK-Bundesverbands. Selbst gegenüber 2003 haben sich die Krankentage mehr als verdoppelt.

Dabei steckt hinter der Diagnose Burnout oft eine schlichte Depression: »Aber in unserer Leistungsgesellschaft klingt die Diagnose Burnout besser, denn wer ausgebrannt ist, kann sich darauf berufen, vorher bis zum Umfallen gearbeitet zu haben«, kritisiert der Freiburger Psychiater Mathias Berger. In den Medien werde gerne der Eindruck vermittelt, Burnout sei eigentlich eine Krankheit der »High Performer« (meistens Männer), während die Depression als vermeintlich weiblich konnotierte Krankheit der Schwachen gelte.

Der Siegeszug des Burnouts liegt an der Veränderung der Arbeitswelt selbst. Das Syndrom des »Ausgebranntseins« ist zum Sinnbild einer neuen Arbeitskultur geworden, bei der die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwinden und die durch höhere Verantwortung, Flexibilität, Erreichbarkeit und Engagement der Einzelnen gekennzeichnet ist. Im Zuge der Digitalisierung ist ein neues Arbeiterheer entstanden, das sich vom alten Proletariat denkbar weit entfernt wähnt.

2006, vor etwas mehr als zehn Jahren, erschien Holm Friebes und Sascha Lobos Manifest der digitalen Arbeitsnomaden: In »Wir nennen es Arbeit. Die digitale Boheme oder: Intelligentes Leben jenseits der Festanstellung« schrieben sie über eine moderne urbane Klasse, die sich anschicke, neue Technologien selbstbestimmt zu nutzen und Arbeit für sich neu zu definieren: Mit einem Laptop bewaffnet, mache sie sich auf ins Café, um leichtes Geld in der Onlineökonomie zu verdienen, so die Vorstellung der Autoren. »Die digitale Boheme, das sind Menschen, die sich dazu entschlossen haben, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, dabei die Segnungen der Technologie herzlich umarmen und die neusten Kommunikationstechnologien dazu nutzen, ihre Handlungsspielräume zu erweitern.«

Die Autoren verstanden die digitale Boheme als Weiterentwicklung der bisher bekannten. Lebte diese allerdings noch eher nachts als tags und für die Kunst – und deshalb in Armut –, scheint der digitalen Boheme die Quadratur des Kreises zu gelingen: das coole, selbstbestimmte Künstlerleben der historischen Boheme verbunden mit der ökonomischen Absicherung und finanziellen Spielräumen gut bezahlter Angestellter.

»Sie verdienen Geld mit Werbebannern auf ihren Websites, handeln mit virtuellen Immobilien, lassen sich Projekte sponsern oder verkaufen eine Idee an einen Konzern«, versprach damals der Klappentext des Buches.

Die neue kreative Klasse habe aber noch viel mehr gewollt: Mit den technischen Möglichkeiten, die das World Wide Web jedem Einzelnen an die Hand gab, sollte gleich die ganze Gesellschaft zum Positiven verändert werden.

Der Titel des Buchs von Lobo und Friebe machte klar: Gefaulenzt wird nicht! Im kecken Slogan »Wir nennen es Arbeit« ist sowohl der Affront gegen die Wirtschaftswundergeneration spürbar, für die Arbeit vorrangiger Lebensinhalt gewesen war, als auch gleichzeitig eine Anbiederung; »Was wir machen, ist auch Arbeit«, sprich: Auch wir verdienen Anerkennung, in der protestantischen Tradition eben durch Arbeit.

Die Autoren beschrieben die Herausbildung neuer Arbeitsverhältnisse: Die digitale Boheme wollte Arbeit neu definieren. Die Selbständigkeit, die freie Zeiteinteilung, das Ineinandergreifen von Freizeit und Arbeit, der Wechsel zwischen eigenen »Projekten« und bezahlten Aufträgen, Sachen, die Spaß machen, und lukrativen Jobs – das sollte das Gegenmodell zur grauen Angestelltenkultur zwischen Festanstellung, Kantine und Herzinfarkt sein.

»Die Individualisierung, die der wichtigste gesellschaftliche Trend des 20. Jahrhunderts war, könnte damit im 21. Jahrhundert erst ihre eigentliche Qualität offenbaren: indem Individuen ihre Individualität nicht mehr nur über den Konsum, sondern auch darüber entfalten, was, wann und wie sie arbeiten«, konstatierten Friebe und Lobo.

Liest man heute das Buch noch einmal aufmerksam durch, fällt auch ein anderer Tonfall auf: Der neue Lifestyle wird als erfolgreiche Flucht vor einem drohenden Prekariat beschrieben. Auch die digitale Boheme spürt den Verfassern zufolge den Atem der Verarmung im Nacken.

Die Klasse der Kreativen

2011 verkündete die Social-Media-Plattform Linkedin, die meistverwendete Vokabel ihrer User, um sich selbst zu beschreiben, sei »kreativ«. Richard Florida hatte in seinem Buch »The Rise of the Creative Class: And How It’s Transforming Work, Leisure, Community, and Everyday Life« bereits einige Jahre zuvor das Entstehen einer neuen Kreativklasse ausgemacht und die neue Lebens- und Vorstellungswelt, die damit einhergeht, beschrieben. Auch bei ihm sollte der Aufstieg der Kreativen die Gesellschaft fundamental umwälzen und in eine postkapitalistische »Kreativgesellschaft« münden. Friebe und Lobo berufen sich auch auf Florida, wenn sie propagieren, dass Soft Skills wie Kreativität über die »Währung Respekt« zu Geld gemacht werden könnten.

Ist das nicht der alte Traum von der Umwandlung von kulturellem Kapital in klingende Münze? Pierre Bourdieu hatte in seiner soziologischen Theorie eben dieses Konzept des kulturellen Kapitals eingeführt, um neben monetärem Reichtum über einen weiteren Gradmesser für die Stellung in der Gesellschaft zu verfügen. Kulturelle Kapitalisten also? Tatsächlich sind ja die Freelancer und Soloselbständigen der digitalen Ökonomie Mikrounternehmer, rastlos bemüht, ihr kulturelles Kapital zu vermehren. Eine neue Klasse von Unternehmern ohne »richtiges Kapital« ist da entstanden.

Theoretiker des Postkapitalismus hatten schon lange einen cooleren, ökologischeren Kapitalismus propagiert, der nicht mehr so hässlich sei wie der einst industriebasierte der »Giganten aus Stahl und Beton« (John Perry Barlow). Von ihm sollte im Cyberspace Abschied genommen werden.

Daniel Bell hatte in den 1970er Jahren den Abschied vom Fordismus gepredigt und in der neuen Informationsgesellschaft intellektuelle Wissensarbeiter am Werk gesehen. Das jüngste Werk aus dieser langen Reihe ist Paul Masons Buch »Postkapitalismus. Grundrisse einer kommenden Ökonomie«, das zum wiederholten Mal konstatiert, dass neue Arbeitsverhältnisse, neue Eigentumsformen und Geschäftsmethoden dabei seien, den Kapitalismus friedlich in eine vernünftige digitale Zukunft zu transformieren .

Auch wenn Lobos und Friebes Buch weniger affirmativ und vielschichtiger ist, als der Klappentext suggeriert, sieht man doch heute die Plattformen der Onlineökonomie wesentlich kritischer. Zentralisierte Strukturen, monopolistische Privatunternehmen aus dem Silicon Valley, die geheimniskrämerisch sind, die Regeln bestimmen, Zensur ausüben und nur ihren Aktionären verpflichtet sind – das ist die heutige Sicht auf diese Onlineunternehmen. Das sehen auch die Autoren so. Sascha Lobo z. B. hat den Begriff »Plattformkapitalismus« in Deutschland publik gemacht und ist mit seiner Kolumne auf Spiegel online ein prominenter Vertreter von kritischen Positionen zur Netzpolitik.

Mikrounternehmer


In einer Studie des Bundeswirtschaftsministeriums kann man nachlesen, dass sich das Phänomen »Jenseits der Festanstellung« durchsetzt. Im Jahr 2000 wurden lediglich 132.000 selbstständige Freiberufler im Kulturbetrieb gezählt, zwölf Jahre später hatte sich diese Zahl mit 291.000 Personen mehr als verdoppelt.

Auch zehn Jahre nach Erscheinen von »Wir nennen es Arbeit« sind kreative Mikrounternehmer in aller Munde: »Wir können eigenverantwortlich handeln, uns nach Belieben in diese neue, flexible Form des Arbeitens ein- und wieder ausklinken und auf den Websites der Sharing-Ökonomie unsere eigenen Unternehmen gründen.« So fasst Tom Slee in seinem Anfang 2016 erschienenen Buch »What’s Yours Is Mine: Against the Sharing Economy« die falschen Verheißungen ebendieser zusammen: neue Möglichkeiten der ökonomischen und persönlichen Selbstverwirklichung dank neuer Technologien. Im Unterschied von vor zehn Jahren geht es nun nicht mehr um Ebay und Myspace, sondern um die Plattformen der Sharing Economy.

Der Trend ist auch in den Chefetagen der Großkonzerne angekommen. Im Februar 2012 kündigte IBM Deutschland massive Stellenstreichungen an. Gleichzeitig war von einem neuen Organisationsmodell (»liquid«) die Rede, das globalen Zugang zu hochqualifiziertem Personal gewährleisten sollte, das online verfügbar, kreativ und flexibel ist und kosten- und zeitsparend Ideen und Produkte entwickelt. Zeitzonenbeschränkungen und nationale Arbeitsgesetzgebungen werden dabei umgangen.

»Durch digitale Plattformen und globale Vernetzung wird es für Unternehmen leichter, Aufträge für Aufgaben, die vormals im Unternehmen erledigt wurden, auszulagern. Aufgaben können in viele Unteraufgaben zerlegt, atomisiert und digital als Kleinstaufträge etwa über Internetplattformen vergeben werden«, schreibt die Siemens-Personalchefin Tanja Carstensen. Ihr Credo bringt sie folgendermaßen auf den Punkt: »Ich bin auch gegen eine diktatorisch von oben herab geregelte Abgrenzung von Privat- und Berufsleben. Das soll und darf jeder selbst bestimmen.« Und weiter: »Selbstbestimmung macht viele eher glücklicher und zufriedener und damit auch produktiver, was dann wieder gut für alle, das Individuum und das Unternehmen, ist.« (Süddeutsche Zeitung, 8.8.2016)

Das macht natürlich skeptisch. Ist letztlich nicht doch das Kapital am smartesten? Fast niemand bekommt heute noch einen unbefristeten Arbeitsvertrag. Insofern haben Friebe und Lobo Recht behalten. Aber hat das zu mehr Selbstbestimmung, mehr Freiheit und weniger Leistungsdruck geführt?

Digitale Technologien halfen dabei, eine neue, weltweit einsetzbare kreative Reservearmee zu schaffen, die atomisiert ist und ihren Auftraggebern machtlos gegenübersteht. Großen Firmen steht heute eine riesige Zahl gut ausgebildeter, flexibler Freelancer nicht etwa gegenüber, sondern zur Verfügung: Die Clickworker arbeiten in Heimarbeit im digitalen Akkord und ähneln den Proletariern aus der Vorzeit des Kapitalismus darin deutlich mehr als der historischen Boheme.

Ein Onlinejournalist im Jahre 2015 über seine Arbeit: »Die Bedingungen des Journalismus ändern sich ständig: Artikel zu schreiben genügt nicht mehr, eine Menge Dinge drum herum muss ständig erledigt werden – im wesentlichen rund um die Uhr auf sozialen Medien aktiv sein. Mein Arbeitstag beginnt um 6 Uhr, wenn ich zum ersten Mal meine E-Mails und Nachrichten checke, und endet ca. um 11 Uhr nachts oder sogar noch später, wenn ich nachts auch noch mal reinschaue. Noch vor einem Jahrzehnt hätte ich mich gefragt: Wieviel Geld bekomme ich für diesen bestimmten Job? Heute ist das unmöglich. Es ist das Gesamtbild, ich muss vorausschauender, geduldiger sein. Networken allein ist nicht genug, du musst ein Produkt kreieren als Vehikel für Marketing und Selbstinszenierung, an Events teilnehmen etc.« (Auszug aus einem 2015 geführten Interview)

Hier kommen die wesentlichen Aspekte der digitalen Subjektivität zum Vorschein. Was früher die abgetrennte Sphäre der Arbeit war, greift auf die gesamte restliche Lebenszeit über. Der einzelne wird zum Unternehmer seiner eigenen Arbeitskraft und findet sich in Selbstverantwortung für das strategische Management des Selbst wieder.

Vom Standpunkt bzw. vor dem Erfahrungshorizont von Festanstellung, Sozialleistungen, linearen Arbeitsbiographien und kleinfamiliären Lebensmodellen her betrachtet, ist es schwer zu verstehen, was die neuen Soloselbständigen an dieser Flexi-Misere finden. Auch die Gewerkschaften stehen einem Heer an Selbständigen hilflos gegenüber, die den festen »Nine-to-Five-Job« fürchten wie der Teufel das Weihwasser.

Einzelfranchising

Oft liegt das einfach an schlechten Erfahrungen mit Festanstellungen in der eigenen Biographie oder schlicht in der Lebenssituation der Betroffenen begründet: Wer keine Sprachkenntnisse hat, keinen Bildungsabschluss vorweisen kann, wer ohnehin mehrere Jobs machen muss, um über die Runden zu kommen – ein Phänomen, das insbesondere in den USA gang und gäbe ist –, dem oder der bleibt oft nichts anderes übrig, als sich stundenweise in die Freelanceökonomie einzuklinken. Vielleicht muss auch temporär etwas Geld verdient werden, während der eigentliche Schwerpunkt aber auf der Ausbildung oder einer gänzlich anderen Karriereoption liegt.

Tim O’Reilly, auf den die Bezeichnung Web 2.0 als Oberbegriff für das interaktive Web der Plattformen zurückgeht, spricht in diesem Zusammenhang von »Einzelfranchising«. Beim Franchising verleiht ein bereits bestehendes Unternehmen ein Geschäftskonzept gegen Entgelt an einen Franchisenehmer – McDonald’s oder Subway sind bekannte Beispiele dafür. In der Vergangenheit war die kleinstmögliche Entität, die als Franchisenehmer fungieren konnte, ein kleines Einzelunternehmen, mit allerlei Overhead wie Immobilien, Anlagen, Geräte, Uniformen, Angestellten, Führungspersonal etc. Auf den digitalen Plattformen fallen nun Investitionen für ein Franchise vollständig weg. »Heute kann der Franchiser ein einzelnes Individuum sein, das halbtags arbeitet, es ist also wirklich ein Einzelfranchiser oder eben noch weniger!« An der digitalen Ökonomie kann man sich eben z. B. als Privattaxifahrer bei »Uber«, als Gelegenheitsvermieter bei »Airbnb« oder als Klickarbeiter bei »Amazon Mechanical Turk«, jederzeit auch nur stundenweise beteiligen, was viel besser mit Kindererziehung und ähnlichem zu vereinbaren ist.

Und die Mehrzahl der prekär Selbständigen scheint doch ganz zufrieden zu sein, wie Studien belegen. In eine Untersuchung aus dem Jahre 2005, die vom unabhängigen Government Accountability Office (GAO), das für den US-Kongress arbeitet, erstellt wurde, sprachen sich 85 Prozent der Selbständigen für einen Erhalt ihres Status aus. Und 60 Prozent der für »Uber« tätigen Fahrerinnen und Fahrer sehen sich eher als Subunternehmer denn als Angestellte, obwohl es dort auch Arbeitskämpfe gibt und den Versuch, einen Angestelltenstatus zu erkämpfen.

Wie konnte die digitale Boheme, dieses widerständige subkulturelle Modell, in zehn Jahren zum Mainstream der digitalen Ökonomie werden? Der neue Typus des Selfie-Unternehmers scheint wunderbar zum Kapitalismus der digitalen Plattformen zu passen. Ist das nur Zufall? Warum klappt das relativ reibungslos, wie schafft es der Kapitalismus, sich selbst und uns gleich mit immer wieder neu zu erfinden?

Neue Subjektivitätsmodelle

Die Antwort findet sich auf dem Gebiet der Subjektivität. Der Kapitalismus formt und entwickelt auch die Individuen nach seinen Bedürfnissen. Er ist ein Meister darin, technologische Erfindungen voranzutreiben und seine eigene ökonomische Grundlage ständig zu transformieren. Darüber hinaus ist er auch in der Lage, das Denken und Fühlen der Subjekte mit den ökonomischen und sozialen Realitäten in Übereinstimmung zu bringen, diese zu transformieren und anzupassen. Die Schaffung immer neuer Subjektivitätsmodelle, die mit den ökonomischen im Einklang stehen, ist ein wesentliche Eigenschaft und Fähigkeit des Kapitalismus und einer der wesentlichen Mechanismen, um sich gegen Krisen abzusichern: »Das zentrale Projekt kapitalistischer Politik liegt in der Synchronisierung ökonomischer, technischer und sozialer Bewegungen mit der Produktion von Subjektivität, dergestalt, dass politische Ökonomie und Subjektivitätsökonomie zusammenfallen«, so bringt es der Postoperaist Maurizio Lazzarato auf den Punkt. Der Neoliberalismus hat alte Sozialbeziehungen und dazugehörende Subjektivitätsmodelle zerstört. Die Selbstverwirklichung als Konsument löste das kollektive Klassenbewusstsein ab, die Arbeit an der eigenen Persönlichkeit die soziale Revolution: willkommen in der Ära des Selbst, in dem individuelle Befriedigung zur höchsten Priorität wird und diese durch Unternehmen mit immer neuen Produkten geleistet wird!

Es mag bizarr anmuten, wie viele freiwillig auf soziale Sicherung verzichten. Die doppelte Freiheit, die Marx einst als Kennzeichen der Proletarier benannt hatte – frei, ihrer Wege zu gehen, aber auch frei von jeglichem Besitz –, diese doppelte Freiheit findet sich heute in den Unternehmern des Selbst wieder, die kein Kapital haben außer sich selbst. Und dieses Selbst steht mit Haut und Haaren zur Verfügung – nicht nur die Arbeitskraft, die, solange ein Normalarbeitstag dauert, verkauft wird, sondern die ganze Person, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche.

Die Kohlekumpel kämpften einst für ihre Arbeitsplätze und gegen Zechenschließungen, obwohl die Arbeit sie kaputt machte. Heute sind es die Freelancer, denen ihre vermeintlich selbstgewählte Freiheit gefällt, auch wenn Burnout, Depression, Tinnitus und Altersarmut programmiert sind.

Aber selbst jene, die derzeit erfolgreich sind, ahnen, dass der Erfolg in der digitalen Ökonomie extrem kurzlebig sein kann. Immer häufiger wird daher auf das bedingungslose Grundeinkommen Bezug genommen, als Rettungsanker in ferner Zukunft, wenn die digitale Altersarmut droht.

Ein Jammer, dass aus der digitalen Boheme eher ein Pixelproletariat geworden und das schlechteste beider Welten für die meisten Realität ist: Armut und soziale Unsicherheit wie bei der klassischen Boheme – und trotzdem ist man dem Projektstress in einer neuen »flüssigen« Arbeitswelt ausgeliefert.

Niemand will heute mehr zum Proletariat dazugehören, aus der Klassenzugehörigkeit ist die Zugehörigkeit zu einer »Fokusgruppe« geworden. Eine Armee aus hochqualifizierten, flexiblen, mehrere Sprachen sprechenden, an viele Kulturkreise anpassungsfähigen, sich selbst optimal ausbeutenden, ruhelosen Individuen ist entstanden.
https://www.jungewelt.de/2017/02-17/057.php
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Timo Traumschiff


Beiträge: 22



« Antworten #3 am: 26. Februar 2017, 21:58:05 »

...
« Letzte Änderung: 26. Februar 2017, 22:13:57 von Timo Traumschiff » Gespeichert
Kuddel


Beiträge: 9623


« Antworten #4 am: 11. April 2017, 12:47:24 »

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Studie:
Ausbeutung auf dem globalen Clickwork-Markt

Clickworker bieten auf Plattformen ihre Arbeitsleistung an, meist zu geringem Lohn und schlechten Arbeitsbedingungen. Forscher untersuchten diesen neuen Markt und fordern ein Zertifizierung für faire Arbeit.


Laut dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen werden in den kommenden drei Jahren weltweit mehr als eine Milliarde Menschen in den Arbeitsmarkt eintreten. Für Arbeitssuchende, primär aus Asien und Subsahara-Afrika, bedeutet dies insbesondere, Aufträge aus dem digitalen Niedriglohnsektor anzunehmen: So genanntes Clickworking besteht aus gering entlohnten Aufgaben, beispielsweise aus den Bereichen Grafik-Design, Übersetzung und Suchmaschinenoptimierung, vermittelt durch eine Online-Plattform.

Forscher der Universitäten von Oxford, Großbritannien, und Pretoria, Südafrika, befragten für ihre Studie (pdf) 456 solcher Clickworker per Fragebogen und weitere 125 im direkten Gespräch. Dabei stellen sie verschiedene Beweggründe, Erfolge, aber auch Schicksale dar, welche mit Clickwork verbunden sind. Letztendlich rufen die Wissenschaftler auf, eine Art Fairtrade-Modell für diesen neuen Markt zu schaffen.

Clickwork-Plattformen unterscheiden sich in ihren Geschäftsmodellen. Die prominenteste Plattform-Art bietet dem Kunden sowie dem Arbeiter an, ihre Aufgabe oder Dienstleistung auf dem Markt anzubieten. Andere geben nur einer Partei die Möglichkeit oder geben verfügbare Aufgaben vor. Grundsätzlich ermöglichen die meisten Plattformen, dass die Arbeitsleistung im Nachhinein bewertet und diese Bewertung vom Kunden im Vorhinein eingesehen werden kann.

Insbesondere auf den Philippinen, in Indien und den USA verdienen Clickworker derzeit Geld durch so angebotene Aufträge. Von allen Befragten geben 68 Prozent an, dass das daraus erwirtschaftete Geld ihre Haupteinnahmequelle sei oder zumindest maßgeblich zu einer Verbesserung ihrer Lebensqualität beiträgt. Oft arbeiten sie dafür in der Nacht und am Wochenende, kommen zusammengerechnet mit anderen Jobs auf bis zu 80 Arbeitsstunden in der Woche.

Keine gewerkschaftliche Organisation

Mit dieser Arbeit gehen der Studie zufolge verschiedene Formen von Unsicherheiten und Diskriminierung einher. Durch ein Überangebot an Arbeitskraft konkurrieren Clickworker um verhältnismäßig wenig Aufträge. Sie sind dementsprechend hohem Leistungsdruck ausgesetzt. Ein Arbeitsvertrag mit Festanstellung wird von den Plattformen in der Regel nicht vergeben.

Soziale Isolation, kurze Abgabefristen sowie mangelhafte oder gar nicht erbrachte Steuer- und Versicherungsabgaben tragen zur Ausbeutung bei. Manche Arbeiter berichten von Rassismus und fühlen sich gezwungen, ihre Nationalitätsangabe im Profil je nach potentiellem Kunden ändern zu müssen.

Durch Vereinzelung und mangelnden Austausch mit anderen Clickworkern fehlt den Arbeitern nicht nur der soziale Aspekt ihrer Arbeit. 94 Prozent der Befragten gaben an, dass sie nicht gewerkschaftlich organisiert sind. So fehlt ihnen eine Möglichkeit zur Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen. Mehr als die Hälfte, 55 Prozent, der Clickworker gaben an, unter hoher Geschwindigkeit arbeiten zu müssen, um erfolgreich zu bleiben oder zu werden.

Zitat

Clickworkerin Maya aus Malaysia Oxford Internet Institute (Screenshot aus Studie [pdf] https://www.oii.ox.ac.uk/wp-content/uploads/2017/03/gigwork.pdf )
Erfolgreiche Clickworker mit guten Bewertungen geben ihre Aufträge auch gerne an andere Clickworker ab, nachdem ein Großteil des Profits eingestrichen wurde. Die Forscher beschreiben den Fall von Maya aus Malaysia: Ein anderer Clickworker verlangte für seine Arbeit 75 Dollar pro Stunde, gab den Auftrag dann aber an Maya ab – für 7,50 Dollar die Stunde. Maya fühlte sich wegen ihrer prekären Lage gezwungen, den Auftrag anzunehmen.

Die Wissenschaftler schlagen Arbeitervertretern deshalb vor, sich für eine Zertifizierung fairer Plattformen einzusetzen:

    Im Augenblick haben Kunden und Plattformen, die lokale Arbeitsgesetze ignorieren und schlimmste Löhne und Arbeitsbedingungen anbieten, einen Vorteil auf dem Markt. […] Eine Zertifizierung könnte […] Menschen helfen, Plattformen, Apps oder Webseiten auszuwählen, die ernst gemeint faire Arbeitsbedingungen anbieten. [Eigene Übersetzung]

Moderne Ausbeutung


Nicht nur Kleidung wird in asiatischen Sweatshops hergestellt. Westliche Internet-Firmen outsourcen ihre Moderationssysteme zunehmend nach Asien, zu Fabriken gefüllt mit Clickworken. Die Angestellten erleiden der Studie zufolge häufig psychische Krankheiten, nachdem sie täglich Gewaltdarstellungen anschauen, bewerten und aussortieren mussten. Sarah Roberts berichtet für The Atlantic ausführliche über diese moderne Form der Ausbeutung.

So seien im Diskurs vielfach erwähnte Algorithmen beim Entfernen solcher Inhalte noch nicht erfahren genug, sodass Menschen die Aufgabe übernehmen müssen. „Kommerzielle Content-Moderations“-Dienste bedienen sich eben solcher Clickworker. Laut Roberts sind sich Soziale Netzwerke wie Youtube oder Facebook ihrer Verantwortung gegenüber ihren indirekt Angestellten nicht bewusst genug. Sie ruft zu mehr Transparenz im Umgang mit Content-Moderation und einem klareren, gesellschaftlichen Standpunkt der Netzwerkbetreiber auf.

Im westlichen Raum versuchen bereits verschiedene Gruppen, die Problematik hinter diesem Markt zu beleuchten. In einer „Frankfurter Erklärung zu plattformbasierter Arbeit“ benennen Gewerkschaften, wie wichtig die Möglichkeit der solidarischen Organisation und ein fairer Lohn für Clickworker ist. Moritz Riesewieck reiste auf die Philippinen und besuchte Clickwork-Sweatshops. Mit der Forschungsarbeit von Sarah Roberts als wissenschaftliche Grundlage erarbeitete er das Theaterstück „Die Müllabfuhr im Internet„.
https://netzpolitik.org/2017/studie-ausbeutung-auf-dem-globalen-clickwork-markt/
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