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Autor Thema: Start-ups  (Gelesen 13397 mal)
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Kuddel


Beiträge: 9755


« am: 12. Juli 2016, 19:22:59 »

Mit dem hippen Brechmittelamerikanismus "Start-up" kriegt man mich auf die Palme.

Das Sich-Selbstständig-Machen erscheint vielen Verzweifelten als Ausweg. Oftmals reiten sie sich damit richtig in die Scheiße und Überschuldung.
Und man hat niemals Feierabend. Der Druck verfogt einen Tag und Nacht.

Und dieser Dreck wird jetzt propagiert mit dem Hip-Ausdruck Start-up und dem Traum "vom Tellerwäscher zum Millionär". Die Medien verbinden es gern mit Berichten über knallhippe Bartträger, tätowiert, Brauer eines Craft Biers, gepiercte lesbische Mädels, die eine Coffee Bar betreiben.

Zitat
„Hast du gehört, dass mein Kumpel Dave sein Start-up an Salesforce verkauft hat, für 30 Millionen Dollar?“ – „Nee, was macht er denn jetzt?“ – „Na, ein neues Start-up. Was mit Sharing Economy.“
https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/techies-fuer-das-grundeinkommen

Zitat
Schließlich kann hier jeder Depp durch pures Glück reich werden. Das erklärte mir zumindest eine Bekannte, die Geschäftsführerin eines sehr beliebten, aber unprofitablen Start-ups ist.
(...)
Das Tolle am amerikanischen Traum ist, dass er sich so gut verkaufen lässt. Investoren verkaufen ihn an Unternehmensgründer. Gründer verkaufen ihn an ihre Angestellten. Politiker verkaufen ihn an Wähler, die dann gegen ihre eigenen Interessen wählen – es könnte sich irgendwann ja noch lohnen.
https://www.freitag.de/autoren/maebert/ein-start-up-gruenden-und-dom-perignon-trinken
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counselor


Beiträge: 2430



« Antworten #1 am: 12. Juli 2016, 19:40:12 »

Ja, furchtbar das Getue um "Start-Ups".
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Alles ist in Bewegung. Nichts war schon immer da und nichts wird immer so bleiben!
BGS
Polarlicht


Beiträge: 2603



« Antworten #2 am: 12. Juli 2016, 20:27:22 »

Naja, das Wort nervt. Doch nicht alle Selbstst'ndigkeit muss scheitern. Klar, Einsatz und Risiko sind hoch.

MfG

BGS
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"Ceterum censeo, Berolinensis esse delendam"

http://www.chefduzen.de/index.php?topic=21713.msg298043#new
(:DAS SINKENDE SCHIFF DEUTSCHLAND ENDGÜLTIG VERLASSEN!)
Troll
Abused Frog


Beiträge: 6532



« Antworten #3 am: 13. Juli 2016, 09:32:02 »

Es passt zum Zeitgeist, die einen versuchen den Repressalien zu entkommen und die anderen "Macher" zeigen was sie können, egal welche, Aktivität ist immer besser als Passivität. Wirklich über längere Zeit erfolgreiche "Start-ups" gibt es im Vergleich zu den Start-up-Verlierern sehr wenige, aber die wenigen erfolgreichen machen die Schlagzeilen und Jubelberichte.
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Politik ist der Spielraum, den die Wirtschaft ihr lässt.
Dieter Hildebrandt
Es ist kein Zeichen geistiger Gesundheit, gut angepasst an eine kranke Gesellschaft zu sein.
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« Antworten #4 am: 13. Juli 2016, 09:48:42 »

Genau so ist es!
Ich hab keine Ahnung wie es genau aussieht und ob es darüber irgendeine Statistik gibt, aber wenn von 1000 Start-Ups eines Erfolgreich wird und 999 den Bach runtergehen erfährt man in den Medien etwas über dieses eine erfolgreiche Unternehmen, aber nichts über die anderen 999!
Und das scheint mir durchaus so gewollt: Passt doch dieses "jeder ist sein eigener Chef" wunderbar in die neoliberale Doktrin.
Dann kann jeder selber zusehen, wie er seine Krankenversicherung bezahlt, wie er seine Rente zusammenspart oder sonstwie über die Runden kommt. Die Konzerne vergeben nur noch Aufträge an die Selbstständigen und wenn der Auftrag erledigt ist wird er wieder entlassen.
Auf dem Bau läuft das ja schon lange so mit Subsubsubsubsub- Unternehmern. Da bekommt Bodo den Auftrag mit seinem Bagger ein Loch zu buddeln. Hat er das erledigt, kann er wieder abhauen.
Das unternehmerische Risko (Bodo wird krank, der Bagger geht kaputt) trägt er ganz alleine.

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Jetzt können wir endlich rausfinden, was wir anstelle unserer Großeltern getan hätten!
Kuddel


Beiträge: 9755


« Antworten #5 am: 15. Juli 2016, 12:44:38 »

Wenn Migranten wohlmöglich ein Handy klauen, dann macht man Schauprozesse, spricht von "Verbrechen", gibt sie dem rechten Mob zum Abschuß frei oder schiebt sie ab in ein Folterregime.

Wenn weiße US-Amerikaner oder Deutsche mit krimineller Energie systematische Abzocke betreiben und sich eine golden Nase dabei verdienen, so werden sie als Start-Up Stars gefeiert. Sie werden zu gesellschaftlichen Vorbildern.

Zum Beispiel die da:

Zitat
Sie galt als Wunderkind der Medizin. Als Postergirl der Tech-Szene. Mit ihrem Startup Theranos nahm Elizabeth Holmes Millionen Patienten die Angst vor schmerzhaften Bluttests.




    Herbst 2003: Elizabeth Holmes bricht ihr Chemie-Studium an der renommierten Stanford-Universität ab und gründet das Startup Theranos. Sie ist zu diesem Zeitpunkt gerade einmal 19 Jahre alt.
    Juni 2004: Zur Finanzierung ihrer Idee erhält Holmes 500.000 US-Dollar über eine Seedrunde.
    Februar 2005: Über eine Anschlussfinanzierung sammelt Theranos 5,8 Millionen US-Dollar ein. Der Wert des Startups wird bereits auf über 30 Millionen US-Dollar taxiert.
    April 2005: In einem Interview mit dem Wall Street Journal erklärt Holmes erstmals, ihre Firma habe erfolgreich einen Blutabnahmestift entwickelt.

Aufstieg in den Club der Einhörner

    Februar 2006: Holmes sichert sich weitere 9,9 Millionen US-Dollar für ihr Startup.
    Juni 2006: Das US-Wirtschaftsmagazin Inc. kürt Holmes zu den 30 vielversprechendsten Unternehmern unter 30 Jahren. Auch der Facebook-Gründer Mark Zuckerberg taucht damals in der Liste auf.
    November 2006: Es gibt noch einmal 28,5 Millionen US-Dollar Kapital oben drauf.
    Juli 2010: Mit der inzwischen vierten Anschlussfinanzierung soll endlich der medizinische Durchbruch gelingen. 45 Millionen US-Dollar gibt ein unbekannter Investor. Theranos steigt damit endgültig in den Club der Einhörner auf.

Theranos kooperiert mit US-Drogeriekette Walgreens

    April 2011: Theranos eröffnet ein Labor im kalifornischen Newark. Das wird später noch wichtig werden. Bis hierhin ist Holmes’ Unternehmen der Öffentlichkeit jedenfalls noch immer weitgehend unbekannt.
    November 2012: Das Unternehmen von Holmes verklagt einen Pharmakonzern wegen Patentdiebstahls.
    September 2013: Das Wall Street Journal veröffentlicht erstmals einen ausführlichen Artikel über Holmes und ihre Mission mit Theranos. Gleichzeitig tauchen erste Gerüchte auf über eine womöglich wegweisende Kooperation von Theranos mit der US-Drogeriekette Walgreens, das den Bluttest in zahlreichen Ladengeschäften zum Verkauf anbieten könnte.
    November 2013: Theranos und Walgreens geben die schon vermutete Partnerschaft bekannt. Die Bluttests werden in über 40 ausgewählten Filialen zum Verkauf angeboten.

Elizabeth Holmes wird jüngste Selfmade-Milliardärin der Welt

    Juni 2014: Erneut stellt Theranos eine Finanzierungsrunde auf. Zwar kann die Summe mit mutmaßlich 200 Millionen US-Dollar nur geschätzt werden. Bekannt ist aber, dass beispielsweise der Oracle-Gründer Larry Ellison mitinvestiert hat. Experten taxieren den Wert von Theranos auf neun Milliarden US-Dollar.
    März 2015: Laut der Investment-Datenbank Crunchbase sammelt Holmes weitere 348,5 Millionen US-Dollar ein. Damit beläuft sich das gesamte bisher angehäufte Kapitalvolumen auf schätzungsweise 686 Millionen US-Dollar.
    März 2015: Holmes wird vom Time-Magazine zu den 100 einflussreichsten Personen gekürt. Der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger, der auch im Aufsichtsrat von Theranos sitzt, attestiert ihr einen „eisernen Willen“.
    Juni 2015: Das Wirtschaftsmagazin Forbes, bekannt für seine Hitliste der Reichen, schätzt das Vermögen von Holmes auf besagte 4,5 Milliarden US-Dollar. Damit ist sie die jüngste Selfmade-Milliardärin der Welt.

Theranos erhält wegweisende Zulassung für den Bluttest

    Juli 2015: Theranos erhält von der US-Gesundheitsaufsicht die erste offizielle Zulassung für den Bluttest.
    Juli 2015: Um die Marke hinter dem Bluttest besser ins öffentliche Bewusstsein zu tragen, schließt Theranos eine Partnerschaft mit einem US-Versicherungskonzern ab. Daraufhin soll ein Theranos-Wellnesscenter in Pennsylvania entstehen.

http://t3n.de/news/elizabeth-holmes-theranos-723959/

Dann kommen Zweifel an der Seriösität der genialen Erfindung auf und es deutet alles auf massiven Betrug hin.



Oder der da:

Zitat
Mit Unister-Chef Thomas Wagner ist einer der schillerndsten deutschen Internetunternehmer tödlich verunglückt.



Wagner hatte Unister 2002 in Leipzig gegründet, als er noch Student war. Kirchhof wurde Miteigentümer. Zwölf Jahre lang teilten sich die Zwei das Chefbüro in der Leipziger Zentrale. Doch zuletzt hatten sie sich heftig zerstritten und sich gegenseitig Vorwürfe gemacht.

Zu Unister gehören auch die Online-Börse Auto.de, das Nachrichtenportal News.de sowie Shopping.de oder Partnersuche.de. Nach Unternehmensangaben besuchen monatlich mehr als zehn Millionen Internetnutzer die Webseiten. Unister hat nach eigenen Angaben rund 1200 Mitarbeiter.

Unister stand in der Vergangenheit häufig in der Kritik und sah sich auch rechtlichen Vorwürfen ausgesetzt. 2012 kam es zu einer Razzia. Wagner kam kurzzeitig in Untersuchungshaft, wurde aber gegen Kaution wieder entlassen.

Zuletzt wurde Anklage gegen Wagner wegen des unerlaubten Vertriebs von Versicherungen erhoben. Zum Prozess kam es bislang nicht. Das Landgericht Leipzig prüft die Anklage.

Zudem wird in einer weiteren Sache gegen Unister ermittelt. Dabei geht es um das sogenannte "Runterbuchen". Bei dieser Praxis soll Kunden ein höherer Preis in Rechnung gestellt werden, als das Onlineportal an den Veranstalter zahlt.

In einem Schreiben von Wagners Anwalt wird die Justiz für den schlechten Zustand des Konzerns verantwortlich gemacht.

Wie die "Bild"-Zeitung berichtet, wurde an der Absturzstelle eine überraschende Menge Bargeld gefunden, angeblich zwischen einer und vier Millionen Euro. Dem Bericht zufolge sollen sie aus einem Geldkoffer stammen, den Wagner mit sich führte.
http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/thomas-wagner-unister-mitgruender-trauert-um-abgestuerzten-chef-a-1103142.html

Das ist der mediale und wohl auch der gesellschaftliche Zeigeist. Auf "Loser" hinabblicken und wirklich asoziale Großkriminelle anhimmeln.




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Kuddel


Beiträge: 9755


« Antworten #6 am: 18. August 2016, 09:18:07 »

Jaja, die Hipness des modernen Kapitalismus.
Der heutige Ausbeuter trägt nicht mehr Zylinder, Monokel und Zigarre.

Jung, unkonventionell und Dreitagebart.

So sah der Medienliebling und Unister-Chef Thomas Wagner aus.

Und interessant ist, was über diese menschenverachtende Drecksau, dieses Idol der Neoliberalen, nun an die Öffentlichkeit kommt:
Zitat
Der mysteriöse Tod des Unister-Chefs gleicht einem Hollywood-Krimi. Erst jetzt wird das ganze Ausmaß bekannt: Hinter den Kulissen tobte ein heftiger Machtkampf

Mitte Juli flog Wagner im Privatjet mit 1,5 Millionen Euro in bar nach Venedig, um frisches Geld für seine pleitebedrohte Internetfirma zu besorgen, die Reiseportale wie Fluege.de und Ab-in-den-Urlaub.de betreibt.

Bei Banken bekam Unister zu dem Zeitpunkt längst keinen Kredit mehr. Also ließ sich Wagner auf das zwielichtige Angebot eines Mannes namens Levi Vass ein, der sich als israelischer Diamantenhändler ausgegeben hatte. Laut "Focus" wurde Wagner dabei Opfer eines sogenannten Rip Deals: Um einen zweistelligen Millionenkredit zu erhalten, zahlte Wagner in einem Luxushotel am Flughafen Venedig 1,5 Millionen Euro an, quasi als Sicherheit. Dafür sollte er im Gegenzug 25 Prozent des Kredits bar in Schweizer Franken ausgezahlt bekommen.

Das Geld erhielt Wagner auch. Noch in Venedig stellte er aber fest, dass ihm bis auf 10.000 Franken Falschgeld untergejubelt worden war. Wagner erstattete Anzeige bei der italienischen Polizei. Auf dem Rückflug nach Deutschland stürzte seine Maschine dann in Slowenien ab. Der Pilot, Wagner, Unister-Mitgesellschafter Oliver Schilling und Heinz B., der den dubiosen Deal vermittelt hatte, starben.
"Im Internet ist er nicht zu finden"

Stück für Stück entpuppt sich seit dem Absturz der Hintergrund eines unglaublichen Wirtschaftskrimis, der sich wie ein Hollywood-Thriller liest. Inzwischen untersuchen die Staatsanwaltschaften in Leipzig und Dresden den Fall. Die Ermittler haben Wagners Lebensgefährtin vernommen. Mit ihr soll der Unister-Chef während der Transaktion telefonisch und per SMS in Kontakt gestanden haben. Was bisher über den mysteriösen Todesfall an die Öffentlichkeit gedrungen ist, vermittelt von Wagner das Bild eines Getriebenen. Eines Mannes, der offenbar bereit war, für die Rettung seines Lebenswerks womöglich auch die Grenzen der Legalität zu überschreiten.

Nicht nur reiste Wagner wohl im Privatjet nach Italien, um zu vermeiden, die Millionensumme im Gepäck auf Befragen wie vorgeschrieben beim Zoll anzeigen zu müssen. Lange vor seiner verhängnisvollen Reise soll er gewusst haben, worauf er sich einließ. Eine Unister-Delegation soll sich laut "Handelsblatt" schon Ende Juni im Auftrag von Wagner im Hotel Luisenhof in Hannover mit dem Finanzvermittler Heinz B. und anderen Beratern getroffen haben, um das Geschäft mit dem israelischen Diamantenhändler zu sondieren. Die Männer hätten sich aber so merkwürdig verhalten, dass die Unister-Leute das Treffen schon nach 25 Minuten abbrachen, schreibt das "Handelsblatt". Sie sollen die Vermittler für unseriös gehalten und Wagner von dem Deal abgeraten haben.

Doch der Unister-Gründer schien offenbar verzweifelt. Sein Lebenswerk war vom Untergang bedroht. Seine Firma brauchte dringend Geld. Google und das Finanzamt saßen Unister wegen offener Rechnungen im Nacken. Krankenkassen pfändeten bereits Konten. Und ein Millionenkredit der Versicherung Hanse-Merkur lief aus.
http://www.n-tv.de/wirtschaft/Unister-Chef-Wagner-ging-volles-Risiko-article18424011.html

Nun gibt es ein weiteres Kapitel in diesem Krimi:
Zitat
Frühere Rechtsradikale sollen Unister beeinflusst haben

Die Geschichte um die Insolvenz des Online-Reisevermittlers und den Tod des Gründers wird immer verworrener.


Zwei ehemals führende Rechtsextremisten aus Österreich haben von 2013 an wesentlichen Einfluss auf das Management des Leipziger Reisekonzern Unister ausgeübt. Das ergaben gemeinsame Recherchen der in Dresden erscheinenden „Sächsischen Zeitung“ und der Hamburger Wochenzeitung „Zeit“. Einer von ihnen sei der gebürtige Innsbrucker und frühere Republikaner-Funktionär Reinhard Rade, berichten die Zeitungen übereinstimmend.

Er habe sich das Vertrauen von Unister-Chef Thomas Wagner sowie von der langjährigen Nummer zwei des Unternehmens, Daniel Kirchhof, erworben. Rade sei als „Berater der Gesellschafter und Sonderbeauftragter der Geschäftsführung“ tätig gewesen, hieß es. Der in Bayern aufgewachsene Ex-Republikaner sei zudem zeitweise Gesellschafter einer Firma gewesen, die heute zweitgrößte Aktionärin der Unister-Tochter Travel24 ist.

Rade habe 2015 das Unternehmen mit Sitz in der Schweiz an seinen Freund und Geschäftspartner Hans Jörg Schimanek weitergegeben. Schimanek war den Berichten zufolge in den 1990er Jahren wegen „nationalsozialistischer Wiederbetätigung“ in Österreich zu acht Jahren Haft verurteilt worden.

Über die Firma Loet Holding AG in Baar im Kanton Zug wurde der heute 52-Jährige den Recherchen der beiden Zeitungen zufolge zweitgrößter Teilhaber an der Travel24.com AG. Über diese Beteiligung habe Unister unter anderem den Einstieg in den deutschen Hotelmarkt geplant, hieß es.

Rade, der in Leipzig auf dem Immobilienmarkt tätig sei, habe bei diesem Plan eine Schlüsselrolle innegehabt. Sein Einstieg in den Unister-Konzern sei möglich geworden, weil er dem Manager Kirchhof im Jahr 2012 beim Aufbringen einer Kaution in Höhe von 200.000 Euro half, als der nach einer Razzia der Staatsanwaltschaft Leipzig in Untersuchungshaft saß.

Unister-Chef Wagner war im Juli unter bisher noch nicht geklärten Umständen bei einem Flugzeugabsturz in Slowenien ums Leben gekommen. Wenige Tage nach dem Unfall des Alleingeschäftsführers meldete das Unternehmen Insolvenz an.

Rade hatte zuletzt die radikalen Leipziger „Legida“-Kundgebungen unterstützt. Unmittelbar nach der Wende sei Rade unter anderem als „DDR-Koordinator“ der Republikaner tätig gewesen. Am Sitz einer seiner Firmen in Leipzig residierte zeitweise zudem ein antisemitischer Verlag. Ein Unister-Sprecher sagte, von Akteuren mit rechtsextremer Vergangenheit im Konzern habe man bisher nichts gewusst. Das Unternehmen distanziere sich ausdrücklich von solchem Gedankengut.
http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/netzwirtschaft/fruehere-rechtsradikale-von-der-npd-sollen-unister-beeinflusst-haben-14392852.html

Die ausführliche Version dieses Krimis gibt es hier: http://www.zeit.de/2016/35/unister-fuehrung-absturz-neonazis-rechtsextremismus/komplettansicht
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Kuddel


Beiträge: 9755


« Antworten #7 am: 24. August 2016, 10:27:21 »

Zitat
"Die Höhle der Löwen":
Maschmeyers neues Revier

In der Start-up-Show "Die Höhle der Löwen" sitzt ein neues Raubtier: Carsten Maschmeyer darf jetzt über die Zukunft von Firmengründern entscheiden.




Da sitzt es also, das maskenhafte Gesicht einer entfesselten Marktwirtschaft: Carsten Maschmeyer, ehemaliger Chef des Finanzdienstleisters AWD. Sein Name allein reicht dicke, um Sozialromantikern den Tag zu versauen. Und was tut dieser Gottseibeiuns unserer Solidargemeinschaft, der Petitionen pro Atomkraft lancierte, während er den roten Teppich seiner künftigen Frau Veronica Ferres abschritt? Er sieht ganz normal aus, beinahe: nett.

Fernsehen macht’s möglich.

Hier hat Maschmeyer nach dem mutmaßlich milliardenschweren Erlös aller AWD-Anteile nämlich fortan sein Revier. Genauer: In der Höhle der Löwen, wo fünf mehr oder minder namhafte Investoren vor laufender Kamera um Anteile neuer Start-ups kämpfen.

Das Erfolgsprinzip des deutschen Abklatsches der britischen Dragon’s Den erinnert in seiner dritten Staffel ganz besonders an Germany’s Next Topmodel: mediale Laien stellen sich mit Businessideen vor ein Tribunal ausgebuffter Rampensäue und verlassen die Bühne entweder als Depp der Sendung oder Millionär in spe. Welch ein Spielfeld, könnte man meinen, für einen Manchesterkapitalisten wie Carsten M., der den insolventen Reiseveranstalter Vural Öger ersetzt. Ein Piranha ersetzt einen Pleitier.

Fragt sich nur, welche Rolle Maschmeyer gegenüber seiner exaltierten Löwen-Konkurrenz, bestehend aus Jochen Schweizer (Eventsportexperte), Frank Thelen (Risikokapitalgeber), Judith Williams (Homeshoppingunternehmerin) und Ralf Dümmel (Verkaufsgenie) einnehmen wird.

Der Donald Trump des Hire-and-Fire?

Wer glaubt, Vox habe seinen Neuzugang als eine Art hiesigen Donald Trump des Hire-and-Fire-Fachs gebucht, wird eines Besseren belehrt. Zielstrebig, aber kaufmännisch korrekt setzt sich Maschmeyer etwa im Kampf um den Erfinder eines Klebestifts mit LED-Härtung gegen seine Mitbieter durch. Im Umfeld vier maskuliner Alphatiere und einer dauerlächelnden Dame wirkt der versierte Strippenzieher fast distinguiert.

Dennoch ist Maschmeyers Berufung ein Signal ans Publikum: Wer seinen Reichtum auf Dividendenversprechen in Betrugsnähe und dubiose Seilschaften mit dem niedersächsischen Kartellwesen gründet, taugt allemal zur ökonomischen Respektsperson. Firmengründern suggeriert es: Ist nicht so wichtig, welchen Müll ihr verkauft, Hauptsache ihr verkauft ihn teuer und oft. In der neuen Löwen-Staffel zum Beispiel Trinkglasranddesinfektionsstifte, auf die die Welt ähnlich innig gewartet hat wie einst auf verbleites Benzin.

So gesehen bietet diese Art Factual Entertainment Beschäftigungstherapien für ganz andere Wirtschaftskrieger: Uli Hoeneß könnte ja den RTL-Schuldenberater Peter Zwegat beerben. Und für Maschmeyers Hannover-Connection-Spezi Gerhard Schröder fände sich doch sicher ein Job als Russlandkorrespondent. Fachgebiet Energie.
http://www.zeit.de/kultur/film/2016-08/die-hoehle-der-loewen-carsten-maschmeyer-start-up-show
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Kuddel


Beiträge: 9755


« Antworten #8 am: 25. August 2016, 13:05:22 »

Zitat
Betreiber eines „Escort“-und-Drogen-Start-Ups


Geld stinkt nicht!

Weiter im Text:
Zitat
Andre O. ist so etwas wie ein Wunderkind des Kapitalismus. Der Sohn eines Maurers und einer Marktkassiererin besucht nach der Haupt- die Berufsschule und macht dort seinen Realschulabschluss. Er schließt eine Lehre zum Einzelhandelskaufmann ab. Er arbeitet sich in der lokalen Supermarkt-Filiale in Karben rasch in die Position des Filialleiters hoch. Eine Bäckereikette wirbt ihn ab und macht ihn zum Gebiets-Manager. Aber Andre O. hungert nach größeren Brötchen.

Spätestens 2013 wechselt er die Branche und macht sich selbständig in der „Hostessen-Vermittlung“. Damit nicht genug: er gründet eine Werbe-GmbH, ein „Erotik-Online-Werbeportal“, das die Dienste der Damen bewirbt. Er erwirbt eine Taxi- und Mietwagenkonzession und gründet einen Shuttle-Service, der die Freier zu den Dirnen bringt.

Kokain frisch aus dem Puff

Bei diesem Rundum-Sorglos-Paket liegt es beinahe nahe, dass O. seine Kunden bald auch mit Koks versorgt – mit kleinen Mengen im Gramm-Bereich. Das Kokain bezieht er von dem mitangeklagten Ehepaar M., das ein Bordell in Sachsenhausen betreibt und ordentlich Pulver im Keller hat. O. hat dort so etwas wie Koks-Prokura, er darf sich bedienen, zahlt 70 Euro pro Gramm und vertickt es für 110 bis 150 Euro weiter – immerhin alles im Rahmen der Gesetze des Marktes.
http://www.fr-online.de/gericht/landgericht-frankfurt-kokain-frisch-aus-dem-puff,1472814,34670174.html
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tleary


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« Antworten #9 am: 01. Februar 2017, 02:09:26 »

Jetzt gibt's sogar ein Start-up um Flüchtlinge beim Studium finanziell zu unterstützten. Nichts gegen dieses Vorhaben an sich. Aber ein Start-up ist doch eigentlich dafür da, mit einem Produkt oder einer Dienstleistung irgendwann Gewinn zu machen. Täte es hier nicht einfach ein gemeinnütziger Verein? - Aber ich weiß, "Start-up" klingt viel hipper, und mit der Unternehmensform ist es scheinbar auch leichter, Geld einzusammeln. Außerdem fallen Geschäftsführergehälter wohl dicker aus, als simple Aufwandsentschädigungen für ehrenamtliche Vereinsvorstände. Die Spendierfreudigkeit für Vereine scheint bei der Unternehmerschaft auch nicht mehr so hoch zu sein, wohl aber für Start-ups.
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Fritz Linow


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« Antworten #10 am: 11. Mai 2017, 23:24:30 »

Zitat
11.05.17
Drohnen, Steuern, Ausbeutung

Die Schattenseiten der Startup-Industrie

Buchauszug. Nicht alles, was die Startup-Welt hervorbringt, ist automatisch gut, sagt der Journalist Steven Hill. In seinem neuen Buch knöpft er sich die Szene vor.

(...)
Viele der Digitalunternehmen zahlen geringe Löhne, bieten keinerlei soziale Absicherung oder Krankenversicherung und fühlen sich zu keiner partnerschaftlichen Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Beziehung verpflichtet. Sie können Arbeitskräfte einfach abstoßen, indem sie sie ohne Vorwarnung oder Kündigungsfrist von der digitalen Plattform ausschließen: fired by algorithm.
(...)
Wie wir noch sehen werden, gestalten die Unternehmen des Plattformkapitalismus – und das beschränkt sich beileibe nicht auf Web- oder App-gestützte Technologiefirmen – ihre Geschäftspraktiken und ihre Strukturen in einer Weise aus, die letztendlich genau die Gesellschaft aushöhlt, die sie angeblich ins 21. Jahrhundert führen wollen.
https://www.gruenderszene.de/allgemein/startup-illusion-stephen-hill-buchauszug

Aus der Diskussion dazu:
Zitat
(...) Hill warnt vor einer weiteren Entwicklung: Dass nämlich eine Volkswirtschaft, in der die Digitalwirtschaft das Sagen hat, sich zu einer „Kampf um die Krümel“-Economy entwickelt. Es geht um massenhafte Auslagerung von Tätigkeiten an Freelancer, die sogenannte Gig Economy. Weil sich auf Crowdworking-Plattformen Selbstständige aus der ganzen Welt um die Aufträge balgen, treibe das die Preise nach unten, am Ende könne keiner mehr in die Sozialversicherung einzahlen, die Leute verarmt, der Sozialstaat ruiniert.

Hill ist der Ansicht, dass die Gig Economy in Deutschland längst angekommen ist, wir das nur nicht wahrhaben wollen. Zwischen einer und zwei Millionen Menschen arbeiteten bereits so, ist sich Hill sicher. Politik und Wissenschaftler verschlössen davor die Augen, hätten keine Antworten parat.(...)
https://www.gruenderszene.de/allgemein/republica-steven-hill-startup-illusion
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Kuddel


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« Antworten #11 am: 05. September 2017, 12:40:30 »

Zitat
Die CSU-Politikerin Dagmar Wöhrl wechselt vom Bundestag ins Fernsehen. Und ersetzt als Jurorin in der Start-up-Show "Die Höhle der Löwen" ihren Vorgänger Jochen Schweizer.
http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/nahaufnahme-neu-im-rudel-1.3652529

Hä?
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Kuddel


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« Antworten #12 am: 19. September 2017, 11:17:42 »

Ein recht guter Erfahrungsbericht aus dieser Scheißdreckszene:

Zitat
"Die Bedingungen bei Start-ups sind sehr ernüchternd"
Mathilde Ramadier hat in vielen Berliner Start-Ups gearbeitet. Nun kritisiert sie sie in ihrem Buch.


Die junge, französische Schriftstellerin Mathilde Ramadier arbeitete mehrere Jahre in verschiedenen Berliner Start-ups. Auf ihre anfängliche Begeisterung folgte schnell die Desillusion über die prekäre und anspruchslose Arbeit in den Unternehmen. Ihre Erlebnisse verarbeitete sie später in ihrem Buch „Bienvenue dans le nouveau monde“, in dem sie junge Berufseinsteiger warnt, sich nicht von den Versprechen der Gründerszene blenden zu lassen.

jetzt: London, Paris, Berlin. Die großen Metropolen Europas konkurrieren darum, dass sich junge Unternehmer niederlassen und gründen. Die Städte erhoffen sich dadurch einen kräftigen Innovationsschub und hochqualifizierte Arbeitsplätze. Können Start-ups das wirklich bieten?


Mathilde Ramadier: Nein! Ich habe in meinen vier Jahren, in denen ich für Start-ups gearbeitet habe, wenig gesehen was wirklich innovativ oder gar wirtschaftlich revolutionär wäre. Ein Großteil der Start-ups sind im Dienstleistungssektor angesiedelt und schaffen Angebote für Dinge, die eigentlich keiner wirklich braucht. Neuartige, noch nie dagewesene Produkte, bringen sie nicht auf den Markt. Ich weiß nicht, was daran innovativ sein soll, wenn das zigste Start-up damit wirbt, dass es Essen direkt nach Hause liefert. Auch das Versprechen von hochqualifizierten Arbeitsplätzen ist eine Mär. Viele der Jobs sind intellektuell nicht sonderlich herausfordernd und die Arbeit meist monoton.

Was hattest du damals für Aufgaben in den Start-ups?

Ich habe als „Content Manager“ oder „Country Manager“ gearbeitet und auch eine Zeit lang als „People Manager“ ausgeholfen. Ganz egal, wie die Jobbezeichnung auch lauten mag, es soll vermittelt werden, dass man Verantwortung übernimmt und persönlich für den Erfolg des Unternehmens wichtig ist. In Wahrheit ist die inhaltliche Gestaltungsfreiheit der Arbeitsaufgaben jedoch sehr begrenzt, die Aufstiegsmöglichkeiten gering und jeder ist austauschbar. Alle Arbeitsergebnisse werden überwacht und mit den individuell festgelegten Leistungskennzahlen abgeglichen, um den Erfüllungsgrad der Arbeitsziele zu ermitteln. In meiner Tätigkeit als „Content Manager“ musste ich beispielsweise die immer gleichen Werbeformulierungen in verschiedene Newsletter-Formate einfügen, um möglichst hohe Klickzahlen zu erzielen. Nach einigen Monaten fühlte ich mich davon unterfordert und erschöpft. Ich hatte den Eindruck, an „Bore-out“ zu leiden. Die von dem Start-up beschworene Selbständigkeit und Weiterentwicklung entpuppte sich als Illusion.

Trotz dieser Erfahrungen warst du insgesamt bei zwölf verschiedenen Start-ups beschäftigt. Warum bist du nicht einfach aus der Branche ausgestiegen?

Um ehrlich zu sein, hat es mich eher zufällig in die Start-up-Szene verschlagen. In Berlin ist ein Großteil aller Jobangebote im Dienstleistungssektor den Start-ups zuzuordnen. Da ich mich schon immer für digitale Technologien interessiert habe und sich die Stellenanzeigen klar an junge, internationale Menschen richten, war ich neugierig und bewarb mich. Außerdem ließen sich meine Jobs, die nie Vollzeit waren, am besten mit meinem Leben als Schriftstellerin verbinden. Obwohl ich oft unzufrieden war, konnte ich mir nicht vorstellen, dass es auch woanders genauso ist und glaubte, dass ich schon den passenden Job im Start-up-Bereich finden würde.

In deinem Buch bezeichnest du die Arbeit in einem Start-up schlicht als einen „bullshit job“. Dennoch sind Start-ups bei jungen Menschen als Arbeitgeber äußerst attraktiv. Wie erklärst du dir das?

Für viele junge Menschen stellt die Arbeit in Start-ups ein Stück Selbstverwirklichung dar. Genau wie im privaten Leben wollen viele auch in der Arbeit ungebunden sein und sich nicht in eine starre Hierarchie zwängen lassen. Für Start-ups zu arbeiten, bedeutet mehr als am Ende des Monats sein Gehalt überwiesen zu bekommen: es ist eine Lebenseinstellung. Man ist Teil eines Abenteuers und eine einzige, erfolgreiche Idee kann über Nacht zu Ruhm und Reichtum führen. Start-ups spielen mit diesem Image. In gewisser Weise, sind sie somit Ausdruck des liberalen, individualistischen Zeitgeistes, mit dem viele von uns groß geworden sind.

Inwiefern unterscheiden sich Start-ups von anderen, herkömmlichen Arbeitgebern?

Start-ups tun viel dafür, um eine jugendliche Arbeitskultur im Unternehmen zu etablieren. Die Arbeit soll immer Spaß machen und fast spielerisch erledigt werden. Bereits die Stellenausschreibungen enthalten mysteriöse Jobbezeichnungen, wie „Chief Happiness Officer“, „Online-Marketing Ninja“, „Treasure Hunter“ oder „Reporting Wizard“. Damit wird einer stinknormalen Büroarbeit einem aufregenderen Anstrich verpasst. Am Arbeitsplatz werden extra Tischtennisplatten, Kickertische oder Mate-Getränke frei zur Verfügung gestellt. Die Kommunikation im Team läuft meist über soziale Netzwerke ab und Arbeitsanweisungen werden mit Smileys, GIFs oder süßen Katzenbildern verziert. Dieser Jugendwahn verdeckt jedoch nur oberflächlich Probleme wie Sexismus oder schlechte Arbeitsbedingungen. Start-ups stellen mitnichten eine „neue Arbeitswelt“ dar, wie sie es gerne von sich selbst behaupten.

Wie sehen die Bedingungen hinter den Kulissen denn wirklich aus?

Die Bedingungen bei Start-ups sind sehr ernüchternd und hart. Es ist erschreckend zu sehen, wie viele gut ausgebildete, junge Leute bereit sind, zu sehr schlechten Bedingungen zu arbeiten. Viele Jobs sind nicht gut bezahlt und zudem auch noch unsicher: Knapp 90 Prozent aller Start-ups gehen pleite und die Vertragslaufzeiten sind sehr kurz. Mir wurde selber einmal ein sechsmonatiger Arbeitsvertrag mit einer ebenso langen Probezeit angeboten. Als ich mich beschwerte, wurde ich mit der Erklärung beschwichtigt, dass selbst die Firmengründer zu ähnlichen Vertragsbedingungen arbeiten. Aber natürlich macht es einen großen Unterschied, ob man Firmeneigentümer ist oder als Angestellter nur seine Arbeitskraft zur Verfügung stellt, wenn das Unternehmen am Ende aufgelöst oder verkauft wird.

Du malst die Arbeit in Start-ups ziemlich schwarz. Welche persönlichen Erlebnisse formten deine Ansichten?

Ich erinnere mich beispielsweise an eine Weihnachtsfeier, wo uns der CEO erzählte, dass wir Mitarbeiter alle Mitglieder einer ganz besonderen Familie seien und er unglaublich stolz auf die gemeinsam geleistete Arbeit ist, die den Erfolg des Unternehmens ausmache. Ein paar Monate später stellte sich heraus, dass er die Unternehmenszahlen gefälscht hatte. In der Folge mussten Büros geschlossen und zwei Drittel aller Angestellten gefeuert werden. Sehr frustrierend war für mich auch die Erfahrung, dass ich trotz gegenteiliger Vereinbarung keine befristete Anstellung erhielt, sondern man mich als Freelancer für einen Hungerlohn dauerhaft beschäftigen wollte. Als ich dies ablehnte, sagte der CEO zu mir, dass man in dieser Branche bereit sein muss alles zu geben und sich aufzuopfern. „Wenn du nicht belastbar bist, solltest du lieber irgendwo als Empfangsdame arbeiten“, bemerkte er. Hätte er sowas auch zu einem männlichen Mitarbeiter gesagt? Ich finde, dass dieses arrogante Machogehabe typisch für Start-ups ist.

Was rätst du jungen Leuten die sich so wie du, in Berlin niederlassen und überlegen in einem Start-up zu arbeiten?

In Berlin ist die Gefahr groß, sich treiben zu lassen und ein bisschen von seinem Weg abzukommen. Deshalb ist es wichtig sich vorher über die Lebensumstände in Berlin genau zu informieren und für sich klare rote Linien ziehen, zu welchen Bedingungen man arbeiten möchte. Für unter 1300 Euro netto im Monat sollten gut ausgebildete, junge Menschen in Berlin nicht arbeiten müssen. Wir jungen Leute müssen endlich anfangen, für unsere Arbeitskraft einen ordentlichen Preis einzufordern. Wir sollten nicht davor zurückschrecken schlechte Angebote abzulehnen.
http://www.jetzt.de/politik/mathilde-ramadier-ueber-start-ups-und-was-daran-nicht-gut-ist
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