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Autor Thema: Streikgeschichte  (Gelesen 3130 mal)
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ManOfConstantSorrow


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« am: 05. November 2016, 18:30:40 »

Heute: Hamburg 1896

Am Morgen des 21. November 1896 sind die Schauerleute sind nicht erschienen. Fast 5.000 Arbeiter streiken für bessere Arbeitsbedingungen, vor allem feste und kürzere Arbeitszeiten, und mehr Geld.


Wenig Geld für schwere Arbeit: Manche Schicht dauert 72 Stunden.

Schöner Bericht beim NDR:
http://www.ndr.de/kultur/geschichte/chronologie/1896-streiken-die-Hamburger-Hafenarbeiter,hafenarbeiterstreik100.html
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« Antworten #1 am: 18. Mai 2017, 20:58:02 »

Futter fürs Auge und für's Hirn:

Wilde Streiks – Der heiße Herbst 1969 Doku

Im September 1969 streikten plötzlich massenhaft deutsche Arbeiter, ohne Unterstützung der Gewerkschaft und zur Überraschung der Arbeitgeber. Die Angst ging um: Schließen sich jetzt die Stahlarbeiter und Kohlekumpel den revoltierenden Studenten an? Haben Kommunisten die Finger im Spiel? Die spontane Arbeitsniederlegung verbreitete sich die wie ein Buschbrand, und dahinter steckte keine Organisation, sondern weit verbreitete Unzufriedenheit. Die Gewerkschaften hatten in den vergangenen Jahren Lohnpolitische Zurückhaltung geübt und gleichzeitig boomte die Konjunktur. Die Streikenden Arbeiter wollten ihren Anteil an den Gewinnen der blühenden Wirtschaft. Die erschrockenen Arbeitgeber vereinbarten 1969 und in den folgenden Jahren ungewohnt hohe Lohnerhöhungen, um wieder Ruhe zu schaffen. Die APO wurde in ihrem Ziel bestärkt, die Arbeiter zum Aufstand zu bewegen. Doch die Welle der Streiks blieb ein einmaliges Ereignis.









Der Link zur Doku:
http://dokumonster.de/sehen/wilde-streiks-der-heisse-herbst-1969-doku-2015/

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« Antworten #2 am: 28. Mai 2017, 12:02:10 »

Zitat
8. Mai 1947:
Streik der Hungernden in Hamburg Streik gegen "Hungerrationen" in der Nachkriegszeit


von Thomas Hartmann


Adolph Kummernuss spricht im Mai 1947 bei der Kundgebung gegen den Hunger zu den Demonstranten vor dem Gewerkschaftshaus in Hamburg.


Hamburg, im Mai 1947. Die Menschen gehen auf die Straße. Aus Protest gegen die mageren Lebensmittelrationen in der britischen Besatzungszone, die, so nennt es ein Reporter, "Hungerrationen".

Zitat
    Weit über 120.000 Menschen haben sich jetzt vor dem Gewerkschaftshaus auf dem Platz vor dem Beesenbinderhof versammelt und die Menge steht Kopf an Kopf und hier kann wahrlich kein Apfel zur Erde fallen. Auch wir hungern, lesen wir dort gerade, die Belegschaft der Deutschen Shell-Aktiengesellschaft. Wer könnte das nicht von sich behaupten?

    Reporter in Hamburg, 1947

Adolph Kummernuss tritt vor die Menge. Der Vorsitzende des Ortsausschusses des Deutschen Gewerkschaftsbundes Hamburg. Er spricht über die leidvolle Situation der Menschen, insbesondere über die im letzten Winter:

Zitat
    Eine ungeheure Not, durch Fehlen jeglichen Heizmaterials. Dazu kam der Mangel an Nahrungsmitteln, dazu kam der Mangel an Bekleidung. Für Hamburg die Folge: 74 Tote, die erfroren sind.

    Adolph Kummernuss

In ganz Deutschland, schreibt der Historiker Thomas Vogel in einem Aufsatz, fallen dem Hunger und der Kälte im Winter 1946/47 mehrere Hunderttausend Menschen zum Opfer.

Das Elend der Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg

Nazideutschland trägt mit dem Zweiten Weltkrieg Grauen und Vernichtung in die Welt. Letztendlich richtet sich dies gegen Nazideutschland selbst. Doch mit der Befreiung vom Faschismus endet nicht das Elend der deutschen Bevölkerung. Sie hungert, darbt. Aus verschiedenen Gründen: wegen der Zerstörungen durch den Krieg, wegen der Demontagepolitik der Besatzungsmächte, wegen des Flüchtlingsstroms aus dem Osten. Die Suche nach Essen wird zum Lebensinhalt, der Schwarzhandel blüht. Politische Kommentare ändern daran wenig: "Man könnte glauben, es gäbe nirgendwo einen landwirtschaftlichen Erzeuger, der nicht alles daran setzt, auch das letzte Getreidekorn dorthin zu schaffen, wo Menschen bitteren Hunger leiden. Und doch ist es so.", schreibt ein deutscher Reporter und die Zeitschrift "The Times" teilt den US-Lesern mit:
Zitat
    Das Ausmaß, in dem Hunde amerikanischer Besatzungsangehöriger getötet und verspeist werden, kommt einer Herausforderung gleich, ...

    The Times Magazine

Zitat
Der kalte Winter 1946/47
Menschen demonstrieren im März 1947 in Düsseldorf gegen den Ernährungsnotstand der Nachkriegszeit

Auch in anderen Städten demonstrieren Menschen gegen den Ernährungsnotstand der Nachkriegszeit: hier in Düsseldorf im März 1947.


Dann kommt der lange, kalte Winter 1946/47: "In Nordwestdeutschland sanken in der vergangenen Nacht die Temperaturen wieder auf 14 bis 17, im weiteren Binnenland zum Teil auf 18 bis 20 Grad unter dem Gefrierpunkt.", zitieren Alexander Häusser und Gordian Maugg eine Wettermeldung vom 8. Januar 1947 in ihrem Buch "Hungerwinter". Die Menschen hungern nicht mehr nur. In miserablen Wohnungen frieren sie, erfrieren.

Während und nach diesem Winter kommt es zu Protesten. In Essen, in Wuppertal und eben in Hamburg. Wegen der schlechten Versorgungslage werden die Leute zu Kommunisten, berichtet der US-Geheimdienst. Das aber darf nicht sein. Der Kalte Krieg: Er ist letztlich mit ein entscheidender Grund für Marshallplan und Währungsreform - und damit für die Verbesserung der Lage der deutschen Bevölkerung im Einflussbereich der Westmächte.
http://www.mdr.de/kultur/themen/kalenderblatt-streik-der-hungernden-in-hamburg100.html
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« Antworten #3 am: 28. Mai 2017, 12:29:29 »





Zitat
Heraus zum Massenstreik
Gegen die Machtübertragung an Hitler vor 80 Jahren: Einwohner im schwäbischen Mössingen protestieren am 31. Januar 1933 mit einem Generalstreik


Von Esther Broß *

Unter der Losung »Heraus zum Massenstreik« legen Männer und Frauen aus dem kleinen schwäbischen Dorf Mössingen am 31. Januar 1933 die Arbeit nieder und demonstrieren gegen die Machtübertragung an die Regierung Adolf Hitlers. Während die Arbeiterbewegung mit den Parteien SPD und KPD und die starken Gewerkschaften in der Weimarer Republik nicht gemeinsam zu handeln vermochten und damit fast kampflos die Machtübertragung hingenommen haben, folgt man einzig in Mössingen dem Streikaufruf der KPD, zunächst nicht ahnend, daß es eine isolierte Aktion bleiben wird. Den Ausspruch einer Mössingerin »Do isch neana nonz gwäa als wie do« übernimmt die bis heute als Standardwerk über den Generalstreik geltende Publikation Tübinger Kulturwissenschaftler im Titel: »Da ist nirgends nichts gewesen außer hier.«

Vorgeschichte

Den bäuerlich, handwerklich und gegen Ende des 19. Jahrhunderts durch die lokalen Textilbetriebe zunehmend auch industriell geprägten Ort erreichen um 1900 sozialdemokratische und genossenschaftliche Ansätze der traditionellen Arbeiterbewegung. In dem rund 4000 Einwohner zählenden Dorf werden Vereine und Genossenschaften gegründet: Arbeiterturnverein, Arbeiterradfahrverein, Arbeitergesangsverein und der örtliche Konsum mit Filialen in den umliegenden Ortschaften. Zuvor in der SPD organisiert, radikalisieren sich die Mössinger vor dem Hintergrund der Erfahrungen des Weltkrieges und der Novemberrevolution. Sie treten mehrheitlich zur USPD und später zur KPD über. Von da an spielt die SPD vor Ort nur noch eine untergeordnete Rolle. Bis 1933 erringt die KPD im »roten Mössingen« bei Reichstagswahlen stets rund 30 Prozent der Stimmen. Im Gemeinderat ist ihre Arbeit mehr von örtlichen Bedürfnissen und Gegebenheiten als von der Parteilinie geprägt. Mit etwa 20 Mitgliedern bleibt sie als Kaderpartei organisiert, sie übt aber genau die »Hegemonie« aus, von der Antonio Gramsci spricht. Die Genossen wirken als Generalinstanz in allen politischen und kulturellen Fragen – für Mitglieder wie für Nichtmitglieder.

Weltwirtschaftskrise, Inflation und die einhergehenden Veränderungen der politischen Landschaft im Deutschen Reich wirken sich ab 1929 auch auf die Arbeit der Mössinger Kommunisten aus: Sie geben die ortszentrierte, »eigenständige« Politik auf. Die Übernahme der Sozialfaschismusthese, in der die SPD als Wegbereiter des Faschismus galt, sei hierfür exemplarisch genannt. Dennoch schließen sich, angesichts der drohenden faschistischen Gefahr, 1932 in der lokalen »Antifaschistischen Aktion« KPD, SPD und die Gewerkschaftsorganisationen zusammen. Die Zahl der politischen Veranstaltungen und der Widerstand gegen die aufkommende NSDAP nehmen zu.

Wie bei einem Festzug

Als am 30. Januar 1933 gegen 12 Uhr im Radio gemeldet wird, daß Hitler zum Reichskanzler ernannt worden ist, beruft der Mössinger KPD-Vorsitzende für den Abend eine Versammlung in der Turnhalle der Arbeitervereine ein, an der rund 200 Menschen aus dem Ort und der näheren Umgebung teilnehmen. Der Streikaufruf der KPD Württemberg erreicht Mössingen noch vor dem nächsten Morgen und wird sogleich vor den Betrieben verteilt. Am Mittag trifft man sich wieder in der Turnhalle und beschließt, zur Textilfabrik Pausa zu ziehen, in welcher gerade über die Streikbeteiligung beraten wird: Die Mehrheit stimmt für den Streik. Politisch vorausschauend gibt die jüdische Inhaberfamilie der Belegschaft für den Nachmittag frei. So verstärkt ziehen die Streikenden singend, trommelnd und mit Fahnen wie bei einem Festzug zur Trikotfabrik Merz, in der der Aufruf kaum Resonanz findet. Die Angst um die Existenz ihrer Familien hält vor allem die Frauen von einer Beteiligung ab. Einzelne Demonstranten dringen in die Fabrikräume ein, stellen Motoren ab und helfen nicht nur mit lautem Rufen nach. Anschließend geht es zur Buntweberei Burkhardt, man findet die Eingänge gründlich verschlossen vor und entschließt sich letztlich, weiterzumarschieren. Rund 800 Menschen zählt der Streikzug. Auch wenn es vorher schon Informationen und Anzeichen gibt, daß der Aufruf zum Ausstand andernorts nicht befolgt wird, wird die den Streikenden erst richtig bewußt, als die herbeigerufene Einheit der Schutzpolizei aus Reutlingen eintrifft. Bei einem landesweit befolgten Streikaufruf hätte diese nämlich bei sich zu Hause genug zu tun gehabt. Der Streikzug löst sich innerhalb kürzester Zeit auf, die Verhaftungswelle beginnt noch am selben Abend.

Verhaftungen und Folgen

Der Denunziation war nun Tür und Tor geöffnet, schließlich kannte jeder jeden, und sicher wurden dabei auch alte Rechnungen beglichen. In den folgenden Tagen kommt es zu zahlreichen Festnahmen, den tatsächlich oder auch nur mutmaßlich Streikenden wird von den »Fabrikherren« gekündigt. Insgesamt werden 58 Menschen verhaftet. Angeklagt werden 98 Personen, darunter vier Frauen. Dabei wird gegen die sechs mutmaßlichen »Rädelsführer« ein separater Prozeß wegen der »Vorbereitung zum Hochverrat« eröffnet. Den anderen Angeklagten wird leichter und schwerer Landfriedensbruch angelastet. Verurteilt werden 81 Menschen, 74 davon erhalten Gefängnisstrafen von drei Monaten bis zu drei Jahren.

Trotz dieser Vergeltungsaktionen, zu denen alsbald auch die Schließung der Turnhalle und das Verbot der Arbeitervereine gehört, ist der Widerstand der Mössinger Antifaschisten weiterhin ungebrochen. So erreicht die KPD bei der Reichstagswahl im März 1933 in Mössingen – unter Berücksichtigung der fehlenden Stimmen der Inhaftierten – ein noch annähernd gleiches Ergebnis wie in den Vorjahren und kommt auf 21,1 Prozent.

Die Aburteilungen der Antifaschisten hatten allerdings über die Freiheitsentziehung hinaus für sie und ihre Familien noch weitere, schwerwiegende Folgen. So haben viele ihren Arbeitsplatz verloren, Handwerksbetriebe kommen zum Erliegen, Zwangsvollstreckungen finden statt, weil die Betroffen nicht mehr in der Lage sind, ihren Verpflichtungen nachzukommen. Hausdurchsuchungen, weitere Denunziationen, Verhaftungen und Gefängnisaufenthalte wegen sogenannter staatsfeindlicher Äußerungen folgen in den nächsten Jahren. Viele versuchen, sich dem faschistischen Regime gegenüber weitgehend passiv zu verhalten. Die Nazigegner helfen sich untereinander. Um weiteren Repressionen und Schikanen zu entgehen, werden die Kinder bewußt unpolitisch erzogen. Es wird von einem Fall im März 1933 berichtet, der gerade noch glimpflich ausging. Die Kinder von Else K. seien veranlaßt gewesen, bei geöffnetem Fenster »kommunistische Kampflieder« zu singen, wann immer die Nachbarn zu sehen waren. Wiederholt hätten ihre Kinder im Gäßle gesungen: »Der Hitler goat [geht] a Gäßle na – Der Thälmann hinten-drei – Der Thälmann druckt em de Gurgel zu – Heil-heil-heil.« Vereinzelt werden antifaschistische Flugblätter verteilt, die den Ort von der Schweiz aus erreichen. Paul Ayen wird dabei 1936 erwischt, kann sich seiner Verhaftung durch die Flucht in die Schweiz entziehen und schließt sich wie der Mössinger Wilhelm Steinhilber den Internationalen Brigaden in Spanien an.

Späte Rehabilitierung

1945 ist der Ort nach wie vor gespalten. Von den 800 zur Wehrmacht eingezogenen jungen Menschen sind 380 auf den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkrieges gefallen, darunter 14 Teilnehmer des Generalstreiks. Zwar konnte die KPD nach ihrer Wiederzulassung noch einmal an ihre Wahlerfolge vor 1933 und zunächst scheinbar an ihre alte Stärke anknüpfen. Das sozio-kulturelle Dorfgefüge, wie es vor 1933 bestanden hatte, war aber gründlich zerstört. Die Partei erreicht nur noch eine kleine Gruppe ideologisch gefestigter Menschen ihres alten Umfeldes.

Nach ersten erfolgreichen Haftentschädigungsklagen gegen das Land Baden-Württemberg stellte das Oberlandesgericht Stuttgart in einem mit starker Unterstützung der VVN geführten Prozeß mit dem Urteil vom 25. November 1955 letztinstanzlich fest: » (…) ein Generalstreik, zu dessen Durchführung ein Kläger straffällig wurde, wäre ein geeignetes und dem Ernst der politischen Lage am 31.01.1933 angepaßtes Mittel gewesen, um die eben erst an die Macht gelangte Hitler-Regierung zum Rücktritt zu zwingen«.

In Mössingen selbst wird diese späte, von der Justiz anerkannte Legitimation des Generalstreiks leider bis heute nicht von allen geteilt.

Da ist nirgends nichts gewesen außer hier. Das »rote Mössingen« im Generalstreik gegen Hitler. Geschichte eines schwäbischen Arbeiterdorfes. Neu herausgegeben von Bernd Jürgen Warneken und Hermann Berner. Talheimer Verlag 2012, 360 Seiten, 32 Euro
http://www.ag-friedensforschung.de/themen/Rassismus/moessingen.html

Außerdem:
http://moessinger-generalstreik.de/
https://publikative.org/2013/02/04/mossinger-generalstreik-vorbildlich-aber-einzigartig/
https://de.wikipedia.org/wiki/M%C3%B6ssinger_Generalstreik


Gedenkkundgebung

An der Kundgebung und dem Demonstrationszug im Januar 1983 in Mössingen nahmen 10 000 Personen teil.


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« Antworten #4 am: 25. Juli 2017, 18:47:09 »

Zitat
Jena 1917 – der erste Streik der Zeiss-Arbeiter

Aus Jenaer Geschichte: Hunger beherrscht die Lage im Jahre 1917 – In Jena will man mehr: Mehr Brot, mehr Lohn und weniger Arbeitsstunden



Die protestierenden Zeiss Arbeiter vor dem Volkshaus am 25. Juli 1917.

Sommer 1917: Das Deutsche Reich befindet sich im dritten Jahr des Ersten Weltkrieges. Die Lebensmittelversorgung der Bevölkerung sinkt auf einen Tiefpunkt, die Menschen gehen auf die Straße, so auch in Jena.

Was in der heutigen Wohlstandsgesellschaft kaum vorstellbar ist, war vor 100 Jahren Realität: Die Menschen im Deutschen Reich hungerten. Mancherorts protestierten sie sogar auf der Straße. Eine der Hauptursachen war die seit Kriegsbeginn im August 1914 von England verhängte Seeblockade. Mit seiner mächtigen Flotte verhinderte das Empire sämtliche Handelsimporte, die aus anderen Ländern per Schiff nach Deutschland gelangen sollten. Ein Warenaustausch mit Russland war durch den Krieg gleichfalls nicht mehr möglich. Daher sanken die Lebensmittelstandards schon ab 1915 für einen Großteil der deutschen Bevölkerung.

Lebensmittel auf Bezugsschein

Die Folgen dieser Entwicklung waren, dass es viele Lebensmittel offiziell nur noch rationiert per Bezugsschein gab. Hinzu kam die Zwangsbewirtschaftung und staatliche Kontrolle der Erzeuger, um unerlaubte Vorräte zu verhindern und ein möglichst gerechtes Verteilsystem zu erreichen. Bald schon kamen etliche Ersatzstoffe auf den Markt, die die Knappheit lindern sollten, in der Praxis aber meist nicht schmackhaft waren und auf Ablehnung stießen. Brot wurde mit minderwertigem Mehl gestreckt, Milch mit Wasser verdünnt und Kaffee aus Eicheln erzeugt. Bis 1918 waren etwa 11 000 dieser Lebensmittelsurogate im Umlauf.

Bataillonskommando war informiert

1917 hatte sich die Situation nochmals verschärft. Im Herbst des Vorjahres vernichtete die Kartoffelfäule etwa 50 Prozent der Ernte eines der damaligen Hauptnahrungsmittel, sodass Kohlrüben für Ersatz sorgen mussten. Der berüchtigte „Steckrübenwinter“ 1916/17 ging in die Geschichte ein.

Das Frühjahr 1917 offenbarte dann die Unfähigkeit des Staates, seine Bürger angemessen mit Lebensmitteln zu versorgen. Viele Kommunen gingen daher dazu über, die Lebensmittelversorgung selbst in die Hand zu nehmen. Vielerorts gab es hierbei Reibereien zwischen den Bürgern und dem „Lebensmittelamt“.

In Jena entlud sich der Protest erstmals im Juli 1917, als die hungernden Menschen vor das Rathaus zogen, um eine Verbesserung ihrer Lage zu erreichen. Am 16. Juli 1917 kam es beispielsweise zu einer „Kartoffelrevolte“ auf dem Marktplatz, als einige Jenenser die schlechte Versorgung mit der Knollenfrucht monierten. Die Stadt versprach Abhilfe in Form von Brot, allerdings half dieses Zugeständnis nur wenig, denn schon am 23. Juli standen die Menschen wieder vor dem Rathaus.

Vor 100 Jahren stimmten am 25. Juli 1917 auch die Zeiss Arbeiter in den Protest ein. Zwar hatte die Firma Carl Zeiss die Versorgung der eigenen Belegschaft mit Lebensmitteln selber übernommen – so gab es in der Stadt Verkaufsstellen, im Gasthaus „Zum Löwen“ wurde eine Kantine eingerichtet – allerdings reichte dies in der damaligen Situation nicht mehr aus.

Am Abend vor dem Streik traf sich eine große Menge von Arbeitern im Volkshaus und besprach dort die Ziele, die man erreichen wollte: Es sollte 20 Prozent mehr Lohn geben, überhaupt bessere Mindestlöhne, eine Herabsetzung der Arbeitszeit von zehn auf acht Stunden täglich und schließlich höhere Brotrationen. Am Tag darauf versammelte sich dann eine große Menge an Arbeitern zunächst vor dem Zeiss Werk. Anschließend zog der Protestzug weiter vor das Volkshaus und zuletzt zum Marktplatz. Die große Ansammlung von Protestlern war den Stadtoberen offenbar nicht geheuer. Für den Fall der Eskalation hatte man das hiesige Bataillonskommando informiert, um gegebenenfalls militärische Hilfe anzufordern.

Am Rathaus angekommen traten die Streikenden in Verhandlung mit den Stadtoberen, unter anderem war auch der Kartoffelmangel ein Thema. Mit einer Reihe von Zugeständnissen konnten die Arbeiter schließlich besänftigt werden und zogen von dannen.

Der Krieg ging weiter. Die Lage der Menschen verbesserte sich keineswegs und auch der Protest der Zeiss Arbeiter blieb kein einmaliges Ereignis in Jena.

Im Januar 1918 gingen sie erneut auf die Straße.
http://jena.otz.de/web/jena/startseite/detail/-/specific/Jena-1917-der-erste-Streik-der-Zeiss-Arbeiter-1426207214
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« Antworten #5 am: 29. Januar 2018, 19:00:03 »

Zitat
Erster Weltkrieg
Streiks legten die deutsche Rüstungsindustrie lahm



Der Sozialist und USPD-Politiker Adolph Hoffmann während des Januarstreiks 1918 in Berlin

Ende Januar 1918 traten mehr als 150.000 Berliner in den Ausstand. Sie forderten das Ende des Krieges. Doch noch waren die Kräfte der Monarchie zu stark: Die demokratische Revolution blieb aus.

Die Stimmung stand auf Streik. Ende Januar 1918 rechneten gut informierte Beobachter mit unmittelbar bevorstehenden Arbeitsniederlegungen. „Alle Welt spricht, schon seit mehreren Tagen, von dem Streik, der am 28. in Deutschland ausbrechen soll“, notierte Theodor Wolff, der Chefredakteur des liberalen „Berliner Tageblatts“, am 26. Januar 1918.

Losgegangen war es knapp zwei Wochen zuvor in Österreich-Ungarn. Eine Senkung der Lebensmittelrationen führte unmittelbar zu wilden Streiks rasch in den meisten Industriegebieten des letzten relevanten Verbündeten der Deutschen Reiches. In Berlin erkannten die Behörden die potenziellen Gefahren sofort: „Ausbruch des Streiks in Österreich. Völlige Nachrichtensperre. Die Zensur verhindert jede Veröffentlichung“, hielt Wolff genervt fest.

Doch der selbstbewusste Journalist, seit 1906 verantwortlich für eine der drei weltweit am stärksten beachteten deutschen Zeitungen, wollte sich daran nicht halten. Also publizierte er einen telegrafierten Kommentar seines Wiener Korrespondenten über die Bedeutung der Streiks in der Donaumonarchie. Die Zensurbehörde schäumte. Wolffs spitzfindige Verteidigung, verboten worden sei doch nur der Druck von Nachrichten aus Wien, nicht aber die Veröffentlichung von Meinungsartikeln, nützte nichts: Das „Berliner Tageblatt“ wurde verboten.

Doch mit Zensur und Zeitungsverboten konnte die Verbreitung der Neuigkeiten aus Österreich natürlich nicht unterbunden werden. Briefe mit Informationen über die Vorgänge in Wien vermochten die Behörden nicht zu kontrollieren. Die USPD, die linke Abspaltung der SPD, erkannte ihre Chance: In allen Betrieben, in denen ihre Anhänger vertreten waren, begann die Agitation für einen sofortigen politischen Ausstand.

Am Montagmorgen, dem 28. Januar 1918, begann der Streik dann tatsächlich – zuerst aber nur schleichend. Es war ein diesiger, unfreundlicher Tag: „Dicker Nebel in den Straßen Berlins, aus dem alle Dinge verändert und unförmig auf den Wandernden zutreten“, berichtete ein Reporter des SPD-Blattes „Vorwärts“ und fuhr fort: „Aus den Fabriken im Nordwesten, wo ich vorbeikomme, klirrt die Arbeit; nichts ist von der Möglichkeit zu spüren, die seit den letzten Tagen in der Luft liegt. Kurz vor neun Uhr habe ich mein Ziel, eine der größten Fabriken, erreicht. Zu sehen ist ja nichts, aber unermüdliche Tätigkeit lärmt durch den Nebel. Dann wird es stiller. Frühstückspause? Streik?“

Der Journalist durfte die Fabrik natürlich nicht betreten und wartete vor dem Eingang: „Da wird das Tor geöffnet. Drei Arbeiter treten heraus, gleichmütig, den Kaffeekrug unterm Arm. Einer gibt dem anderen Feuer für die Zigarette. Das Tor hat sich unwillig hinter ihnen wieder geschlossen, nicht lange, und es biegt sich wieder zurück. Jetzt kommt schon ein ganzer Trupp.“ Jetzt war klar, dass der Streik begonnen hatte: „Immer dichter wachsen die Scharen aus dem Nebel, gleichmütige, ernste Männer, Frauen, die zuweilen ein wenig lächeln. Ein Haufen bildet sich, lässt aber eine Gasse. Einer sagt: ,Es kommen alle.’“

Der Reporter schloss sich dem Zug der Streikenden an. Ihr erstes Ziel, der Festsaal einer Brauerei, war geschlossen. Da stieg einer der Streikenden auf eine Bank und verkündete: „Kollegen, ich spreche im Namen des Arbeiterausschusses. Ich brauche keinem zu sagen, warum wir die Arbeit niedergelegt haben, das weiß ein jeder selbst. Der Ausschuss wird mit den Vertretern aller ausständigen Betriebe Fühlung nehmen, um dann der Regierung unsere Forderungen mitzuteilen. Wir erwarten von Ihnen, dass Sie sich nicht provozieren lassen, sondern ruhig nach Hause gehen und den Gang der Dinge abwarten werden.“

Darauf löste sich die Versammlung am ersten Streiktag auf. Am folgenden Morgen sammelten sich mehrere Zehntausend Arbeiter zu spontanen Kundgebungen in der Berliner Innenstadt, die aber überall rasch von Polizisten zerstreut wurden. Insgesamt hatten 150.000 bis 200.000 Männer und Frauen die Arbeit niedergelegt, vornehmlich aus den Munitionsfabriken.


Berliner Arbeiterinnen demonstrieren während des Streiks

Laut den wesentlich von der USPD formulierten Streikforderungen war das Ziel des Ausstandes die „schleunige Herbeiführung des Friedens ohne Annexion, ohne Kriegsentschädigung, aufgrund des Selbstbestimmungsrechts der Völker“. Man verlangte ferner die „Zuziehung von Arbeitervertretern aller Länder zu den Friedensverhandlungen“ und die „ausgiebigere Nahrungsversorgung durch Erfassung der Lebensmittelbestände“.

Zudem müsse der seit 1. August 1914 geltende Belagerungszustand aufgehoben werden: „Das Vereinsrecht tritt vollständig wieder in Kraft, ebenso das Recht der freien Meinungsäußerung in der Presse und in Versammlungen.“ Die Ende 1916 durch das Hilfsdienstgesetz eingeführte „Militarisierung der Betriebe ist gleichfalls aufzuheben“. Selbstverständlich forderten die Streikenden die Freilassung aller politischen Gefangenen.

Am weitesten ging die letzte Forderung: „Durchgreifende Demokratisierung der gesamten Staatseinrichtungen in Deutschland, und zwar zunächst die Einführung des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts für alle Männer und Frauen im Alter von mehr als 20 Jahren für den Preußischen Landtag.“ Solche Maximalforderungen waren eine direkte Provokation der Staatsmacht.

In der Streikleitung, der neben den Köpfen der USPD wie Hugo Haase auch führende Sozialdemokraten wie Friedrich Ebert, Philipp Scheidemann und Otto Braun angehörten, gab es darüber Auseinandersetzungen. Die SPD wollte möglichst keinen potenziell gewaltsamen Umsturz, der unweigerlich zum Bürgerkrieg führen würde, sondern eine tiefgreifende politische Reform. Die Radikalen dagegen setzten auf eine notfalls gewaltsame Machtübernahme nach dem Beispiel der russischen Bolschewiki.

„Seit drei Tagen Streik der Munitionsarbeiter. ,Frieden – Freiheit – Brot’. Heute ging ein großer Zug vom Bülowplatz aus, wo Schutzleute räumten, durch die Prenzlauer Allee“, schrieb die Künstlerin Käthe Kollwitz in ihr Tagebuch. Sie erfuhr von einer Freundin, dass es „bei Zusammenstößen mehrere Tote, zwei Schutzleute und einige Streikende“ gegeben habe.

Insgesamt aber blieb es in Berlin erstaunlich ruhig. Da alle größeren Versammlungslokale polizeilich geschlossen waren, trafen sich die Streikenden in verkehrsgünstig gelegenen Parks am Rande der Innenstadt. Die Polizei löste die Ansammlungen mit sanftem Druck auf: „Von vereinzelten Ausschreitungen abgesehen, haben Ruhestörungen nicht stattgefunden“, meldete Polizeipräsident Heinrich von Oppen.

Die Oberste Heeresleitung forderte telegrafisch die „Verhaftung der Berliner Streikrädelsführer und der hetzenden Abgeordneten“. Falls die Regierung jetzt nicht durchgreife, fürchtete Generalquartiermeister Erich Ludendorff, faktisch so etwas wie der Militärdiktator Deutschlands, „Schlimmstes“.

Umgehend ließ der Reichskanzler, der bayerische Konservative Georg von Hertling, antworten: „Regierung ist sich ihrer Pflicht und des Ernstes der Situation voll bewusst und handelt dementsprechend, wünscht andererseits aber dringend Vermeidung jeder entbehrlichen Schroffheit.“

Während sich Ludendorff bei der zivilen Verwaltung nicht durchsetzen konnte, hatte der militärische Oberbefehlshaber der Region um die Reichshauptstadt direkte Befehle auszuführen. Also verhängte Generaloberst Gustav von Kessel den „verschärften Belagerungszustand“, womit künftig alle Arten von Versammlungen untersagt waren. Außerdem wurden die wichtigsten Rüstungsfabriken militärischer Leitung unterstellt.

Wer nicht spätestens am Morgen des 4. Februar 1918 wieder arbeitete, sollte nach Maßgabe des Belagerungszustands bestraft werden. Kessel begründete diese Drohung mit den Auswirkungen des Streiks: „Die Ausstandsbewegung, in der ein Teil der Arbeiterschaft von Groß-Berlin noch verharrt, beeinträchtigt die Versorgung des Heeres und der Marine mit Waffen und Munition.“

Angesichts dieses Vorwurfes erklärten die Vertreter der SPD und der Gewerkschaften den Streik, den sie ohnehin eher unwillig unterstützt hatten, für beendet. Der Massenprotest gegen den Krieg und für Demokratie hatte noch nicht genügend Durchschlagskraft.
https://www.welt.de/geschichte/article172860354/Erster-Weltkrieg-Streiks-legten-die-deutsche-Ruestungsindustrie-lahm.html
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« Antworten #6 am: 03. Februar 2018, 19:34:20 »

Diesmal was von der Gegenseite.
Ein Statement vom Arbeitgeberverband:
Zitat

Frankfurter Zeitung 03.02.1918 :
„In dieser Situation ist ein Streik Verrat am Vaterlande“



In deutschen Großstädten streiken die Arbeiter. Ein Aufruf des christlichen Metallarbeiterverbandes appelliert an das Gewissen der Aufständischen.

Duisburg, 2. Febr. (W.B.) Der Vorstand des christlichen Metallarbeiterverbandes Deutschlands erließ folgenden Aufruf an seine Mitglieder:

Revolutionäre Elemente versuchen durch Flugblätter und Agitation von Mund zu Mund die Arbeiter zu verhetzen und für politische Bestrebungen durch Arbeitsniederlegung zu veranlassen.

Leider sind in Berlin und in anderen Großstädten die Arbeiter gefolgt und in den Streik eingetreten. Mit Befriedigung kann jedoch festgestellt werden, daß im Verhältnis zu der Gesamtzahl der Arbeiter im Reiche nur ein kleiner Bruchteil pflichtvergessen die Arbeit niederlegte. Durch frivole Streiks wird der Krieg nicht abgekürzt, wie dies die Hetzer angeben, sondern verlängert und dem Feinde in die Hände gearbeitet. Unsere Gegner werden durch Streiks zum Weiterkampfe angespornt. Unsere Feinde lauern schon lange darauf, daß Deutschland durch innere Unruhen und Streiks in seiner Kampfbereitschaft geschwächt wird und ihre Beute werde.

Mögen sich die deutschen Arbeiter keiner Täuschung hingeben: In solcher Lage würden sie die schlimmsten Folgen zu tragen haben. Auch die Interessen der Arbeiter werden durch die Streiks nicht gefördert, sondern auf das schlimmste geschädigt. Aufhebung der Versammlungsfreiheit, Militarisierung der Betriebe usw werden die Folge sein. Auch die Versorgung mit Lebensmitteln wird durch die Streiks nicht gebessert, sondern verschlechtert. Unser Vaterland ist von allen Seiten bedroht. In dieser Situation ist ein Streik Verrat am Vaterlande, an uns und unseren Söhnen und Brüdern an der Front. Wir sind es ihnen schuldig, daß wir sie nicht im Stiche lassen und alle unsere Kräfte in den Dienst der Produktion stellen, damit sie nicht wehrlos dem Feinde gegenüberstehen. Mitarbeiter! Kollegen und Kolleginnen! Wir fordern Euch hiermit auf, nicht bloß jetzt, sondern auch später, wenn von genannter Seite Putschs und Streiks versucht werden sollten, diesen mit aller Energie mannhaft entgegenzutreten. Tut wie seither so auch in Zukunft Eure Pflicht. Dann werdet Ihr am besten Euren Interessen dienen. Der Vorstand.

I.A.: Wiebert, Verbandsvorsitzender.
http://www.faz.net/aktuell/politik/der-erste-weltkrieg/historisches-e-paper/februar-1918-verrat-am-vaterland-durch-arbeiter-streik-15222201.html
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Fritz Linow


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« Antworten #7 am: 16. März 2018, 12:01:48 »

Zitat
2007
Tausende Krankenschwestern drohen mit Massenkündigung

Streik war gestern: Finnlands Pflegekräfte setzen auf eine radikale Methode im Tarifstreit um mehr Gehalt. 13.000 drohen damit, alle am selben Tag zu kündigen. (...)

http://www.spiegel.de/wirtschaft/arbeitskampf-extrem-tausende-krankenschwestern-drohen-mit-massenkuendigung-a-513592.html
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