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Autor Thema: Streikgeschichte  (Gelesen 5133 mal)
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ManOfConstantSorrow


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« am: 05. November 2016, 17:30:40 »

Heute: Hamburg 1896

Am Morgen des 21. November 1896 sind die Schauerleute sind nicht erschienen. Fast 5.000 Arbeiter streiken für bessere Arbeitsbedingungen, vor allem feste und kürzere Arbeitszeiten, und mehr Geld.


Wenig Geld für schwere Arbeit: Manche Schicht dauert 72 Stunden.

Schöner Bericht beim NDR:
http://www.ndr.de/kultur/geschichte/chronologie/1896-streiken-die-Hamburger-Hafenarbeiter,hafenarbeiterstreik100.html
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« Antworten #1 am: 18. Mai 2017, 19:58:02 »

Futter fürs Auge und für's Hirn:

Wilde Streiks – Der heiße Herbst 1969 Doku

Im September 1969 streikten plötzlich massenhaft deutsche Arbeiter, ohne Unterstützung der Gewerkschaft und zur Überraschung der Arbeitgeber. Die Angst ging um: Schließen sich jetzt die Stahlarbeiter und Kohlekumpel den revoltierenden Studenten an? Haben Kommunisten die Finger im Spiel? Die spontane Arbeitsniederlegung verbreitete sich die wie ein Buschbrand, und dahinter steckte keine Organisation, sondern weit verbreitete Unzufriedenheit. Die Gewerkschaften hatten in den vergangenen Jahren Lohnpolitische Zurückhaltung geübt und gleichzeitig boomte die Konjunktur. Die Streikenden Arbeiter wollten ihren Anteil an den Gewinnen der blühenden Wirtschaft. Die erschrockenen Arbeitgeber vereinbarten 1969 und in den folgenden Jahren ungewohnt hohe Lohnerhöhungen, um wieder Ruhe zu schaffen. Die APO wurde in ihrem Ziel bestärkt, die Arbeiter zum Aufstand zu bewegen. Doch die Welle der Streiks blieb ein einmaliges Ereignis.









Der Link zur Doku:
http://dokumonster.de/sehen/wilde-streiks-der-heisse-herbst-1969-doku-2015/

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« Antworten #2 am: 28. Mai 2017, 11:02:10 »

Zitat
8. Mai 1947:
Streik der Hungernden in Hamburg Streik gegen "Hungerrationen" in der Nachkriegszeit


von Thomas Hartmann


Adolph Kummernuss spricht im Mai 1947 bei der Kundgebung gegen den Hunger zu den Demonstranten vor dem Gewerkschaftshaus in Hamburg.


Hamburg, im Mai 1947. Die Menschen gehen auf die Straße. Aus Protest gegen die mageren Lebensmittelrationen in der britischen Besatzungszone, die, so nennt es ein Reporter, "Hungerrationen".

Zitat
    Weit über 120.000 Menschen haben sich jetzt vor dem Gewerkschaftshaus auf dem Platz vor dem Beesenbinderhof versammelt und die Menge steht Kopf an Kopf und hier kann wahrlich kein Apfel zur Erde fallen. Auch wir hungern, lesen wir dort gerade, die Belegschaft der Deutschen Shell-Aktiengesellschaft. Wer könnte das nicht von sich behaupten?

    Reporter in Hamburg, 1947

Adolph Kummernuss tritt vor die Menge. Der Vorsitzende des Ortsausschusses des Deutschen Gewerkschaftsbundes Hamburg. Er spricht über die leidvolle Situation der Menschen, insbesondere über die im letzten Winter:

Zitat
    Eine ungeheure Not, durch Fehlen jeglichen Heizmaterials. Dazu kam der Mangel an Nahrungsmitteln, dazu kam der Mangel an Bekleidung. Für Hamburg die Folge: 74 Tote, die erfroren sind.

    Adolph Kummernuss

In ganz Deutschland, schreibt der Historiker Thomas Vogel in einem Aufsatz, fallen dem Hunger und der Kälte im Winter 1946/47 mehrere Hunderttausend Menschen zum Opfer.

Das Elend der Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg

Nazideutschland trägt mit dem Zweiten Weltkrieg Grauen und Vernichtung in die Welt. Letztendlich richtet sich dies gegen Nazideutschland selbst. Doch mit der Befreiung vom Faschismus endet nicht das Elend der deutschen Bevölkerung. Sie hungert, darbt. Aus verschiedenen Gründen: wegen der Zerstörungen durch den Krieg, wegen der Demontagepolitik der Besatzungsmächte, wegen des Flüchtlingsstroms aus dem Osten. Die Suche nach Essen wird zum Lebensinhalt, der Schwarzhandel blüht. Politische Kommentare ändern daran wenig: "Man könnte glauben, es gäbe nirgendwo einen landwirtschaftlichen Erzeuger, der nicht alles daran setzt, auch das letzte Getreidekorn dorthin zu schaffen, wo Menschen bitteren Hunger leiden. Und doch ist es so.", schreibt ein deutscher Reporter und die Zeitschrift "The Times" teilt den US-Lesern mit:
Zitat
    Das Ausmaß, in dem Hunde amerikanischer Besatzungsangehöriger getötet und verspeist werden, kommt einer Herausforderung gleich, ...

    The Times Magazine

Zitat
Der kalte Winter 1946/47
Menschen demonstrieren im März 1947 in Düsseldorf gegen den Ernährungsnotstand der Nachkriegszeit

Auch in anderen Städten demonstrieren Menschen gegen den Ernährungsnotstand der Nachkriegszeit: hier in Düsseldorf im März 1947.


Dann kommt der lange, kalte Winter 1946/47: "In Nordwestdeutschland sanken in der vergangenen Nacht die Temperaturen wieder auf 14 bis 17, im weiteren Binnenland zum Teil auf 18 bis 20 Grad unter dem Gefrierpunkt.", zitieren Alexander Häusser und Gordian Maugg eine Wettermeldung vom 8. Januar 1947 in ihrem Buch "Hungerwinter". Die Menschen hungern nicht mehr nur. In miserablen Wohnungen frieren sie, erfrieren.

Während und nach diesem Winter kommt es zu Protesten. In Essen, in Wuppertal und eben in Hamburg. Wegen der schlechten Versorgungslage werden die Leute zu Kommunisten, berichtet der US-Geheimdienst. Das aber darf nicht sein. Der Kalte Krieg: Er ist letztlich mit ein entscheidender Grund für Marshallplan und Währungsreform - und damit für die Verbesserung der Lage der deutschen Bevölkerung im Einflussbereich der Westmächte.
http://www.mdr.de/kultur/themen/kalenderblatt-streik-der-hungernden-in-hamburg100.html
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« Antworten #3 am: 28. Mai 2017, 11:29:29 »





Zitat
Heraus zum Massenstreik
Gegen die Machtübertragung an Hitler vor 80 Jahren: Einwohner im schwäbischen Mössingen protestieren am 31. Januar 1933 mit einem Generalstreik


Von Esther Broß *

Unter der Losung »Heraus zum Massenstreik« legen Männer und Frauen aus dem kleinen schwäbischen Dorf Mössingen am 31. Januar 1933 die Arbeit nieder und demonstrieren gegen die Machtübertragung an die Regierung Adolf Hitlers. Während die Arbeiterbewegung mit den Parteien SPD und KPD und die starken Gewerkschaften in der Weimarer Republik nicht gemeinsam zu handeln vermochten und damit fast kampflos die Machtübertragung hingenommen haben, folgt man einzig in Mössingen dem Streikaufruf der KPD, zunächst nicht ahnend, daß es eine isolierte Aktion bleiben wird. Den Ausspruch einer Mössingerin »Do isch neana nonz gwäa als wie do« übernimmt die bis heute als Standardwerk über den Generalstreik geltende Publikation Tübinger Kulturwissenschaftler im Titel: »Da ist nirgends nichts gewesen außer hier.«

Vorgeschichte

Den bäuerlich, handwerklich und gegen Ende des 19. Jahrhunderts durch die lokalen Textilbetriebe zunehmend auch industriell geprägten Ort erreichen um 1900 sozialdemokratische und genossenschaftliche Ansätze der traditionellen Arbeiterbewegung. In dem rund 4000 Einwohner zählenden Dorf werden Vereine und Genossenschaften gegründet: Arbeiterturnverein, Arbeiterradfahrverein, Arbeitergesangsverein und der örtliche Konsum mit Filialen in den umliegenden Ortschaften. Zuvor in der SPD organisiert, radikalisieren sich die Mössinger vor dem Hintergrund der Erfahrungen des Weltkrieges und der Novemberrevolution. Sie treten mehrheitlich zur USPD und später zur KPD über. Von da an spielt die SPD vor Ort nur noch eine untergeordnete Rolle. Bis 1933 erringt die KPD im »roten Mössingen« bei Reichstagswahlen stets rund 30 Prozent der Stimmen. Im Gemeinderat ist ihre Arbeit mehr von örtlichen Bedürfnissen und Gegebenheiten als von der Parteilinie geprägt. Mit etwa 20 Mitgliedern bleibt sie als Kaderpartei organisiert, sie übt aber genau die »Hegemonie« aus, von der Antonio Gramsci spricht. Die Genossen wirken als Generalinstanz in allen politischen und kulturellen Fragen – für Mitglieder wie für Nichtmitglieder.

Weltwirtschaftskrise, Inflation und die einhergehenden Veränderungen der politischen Landschaft im Deutschen Reich wirken sich ab 1929 auch auf die Arbeit der Mössinger Kommunisten aus: Sie geben die ortszentrierte, »eigenständige« Politik auf. Die Übernahme der Sozialfaschismusthese, in der die SPD als Wegbereiter des Faschismus galt, sei hierfür exemplarisch genannt. Dennoch schließen sich, angesichts der drohenden faschistischen Gefahr, 1932 in der lokalen »Antifaschistischen Aktion« KPD, SPD und die Gewerkschaftsorganisationen zusammen. Die Zahl der politischen Veranstaltungen und der Widerstand gegen die aufkommende NSDAP nehmen zu.

Wie bei einem Festzug

Als am 30. Januar 1933 gegen 12 Uhr im Radio gemeldet wird, daß Hitler zum Reichskanzler ernannt worden ist, beruft der Mössinger KPD-Vorsitzende für den Abend eine Versammlung in der Turnhalle der Arbeitervereine ein, an der rund 200 Menschen aus dem Ort und der näheren Umgebung teilnehmen. Der Streikaufruf der KPD Württemberg erreicht Mössingen noch vor dem nächsten Morgen und wird sogleich vor den Betrieben verteilt. Am Mittag trifft man sich wieder in der Turnhalle und beschließt, zur Textilfabrik Pausa zu ziehen, in welcher gerade über die Streikbeteiligung beraten wird: Die Mehrheit stimmt für den Streik. Politisch vorausschauend gibt die jüdische Inhaberfamilie der Belegschaft für den Nachmittag frei. So verstärkt ziehen die Streikenden singend, trommelnd und mit Fahnen wie bei einem Festzug zur Trikotfabrik Merz, in der der Aufruf kaum Resonanz findet. Die Angst um die Existenz ihrer Familien hält vor allem die Frauen von einer Beteiligung ab. Einzelne Demonstranten dringen in die Fabrikräume ein, stellen Motoren ab und helfen nicht nur mit lautem Rufen nach. Anschließend geht es zur Buntweberei Burkhardt, man findet die Eingänge gründlich verschlossen vor und entschließt sich letztlich, weiterzumarschieren. Rund 800 Menschen zählt der Streikzug. Auch wenn es vorher schon Informationen und Anzeichen gibt, daß der Aufruf zum Ausstand andernorts nicht befolgt wird, wird die den Streikenden erst richtig bewußt, als die herbeigerufene Einheit der Schutzpolizei aus Reutlingen eintrifft. Bei einem landesweit befolgten Streikaufruf hätte diese nämlich bei sich zu Hause genug zu tun gehabt. Der Streikzug löst sich innerhalb kürzester Zeit auf, die Verhaftungswelle beginnt noch am selben Abend.

Verhaftungen und Folgen

Der Denunziation war nun Tür und Tor geöffnet, schließlich kannte jeder jeden, und sicher wurden dabei auch alte Rechnungen beglichen. In den folgenden Tagen kommt es zu zahlreichen Festnahmen, den tatsächlich oder auch nur mutmaßlich Streikenden wird von den »Fabrikherren« gekündigt. Insgesamt werden 58 Menschen verhaftet. Angeklagt werden 98 Personen, darunter vier Frauen. Dabei wird gegen die sechs mutmaßlichen »Rädelsführer« ein separater Prozeß wegen der »Vorbereitung zum Hochverrat« eröffnet. Den anderen Angeklagten wird leichter und schwerer Landfriedensbruch angelastet. Verurteilt werden 81 Menschen, 74 davon erhalten Gefängnisstrafen von drei Monaten bis zu drei Jahren.

Trotz dieser Vergeltungsaktionen, zu denen alsbald auch die Schließung der Turnhalle und das Verbot der Arbeitervereine gehört, ist der Widerstand der Mössinger Antifaschisten weiterhin ungebrochen. So erreicht die KPD bei der Reichstagswahl im März 1933 in Mössingen – unter Berücksichtigung der fehlenden Stimmen der Inhaftierten – ein noch annähernd gleiches Ergebnis wie in den Vorjahren und kommt auf 21,1 Prozent.

Die Aburteilungen der Antifaschisten hatten allerdings über die Freiheitsentziehung hinaus für sie und ihre Familien noch weitere, schwerwiegende Folgen. So haben viele ihren Arbeitsplatz verloren, Handwerksbetriebe kommen zum Erliegen, Zwangsvollstreckungen finden statt, weil die Betroffen nicht mehr in der Lage sind, ihren Verpflichtungen nachzukommen. Hausdurchsuchungen, weitere Denunziationen, Verhaftungen und Gefängnisaufenthalte wegen sogenannter staatsfeindlicher Äußerungen folgen in den nächsten Jahren. Viele versuchen, sich dem faschistischen Regime gegenüber weitgehend passiv zu verhalten. Die Nazigegner helfen sich untereinander. Um weiteren Repressionen und Schikanen zu entgehen, werden die Kinder bewußt unpolitisch erzogen. Es wird von einem Fall im März 1933 berichtet, der gerade noch glimpflich ausging. Die Kinder von Else K. seien veranlaßt gewesen, bei geöffnetem Fenster »kommunistische Kampflieder« zu singen, wann immer die Nachbarn zu sehen waren. Wiederholt hätten ihre Kinder im Gäßle gesungen: »Der Hitler goat [geht] a Gäßle na – Der Thälmann hinten-drei – Der Thälmann druckt em de Gurgel zu – Heil-heil-heil.« Vereinzelt werden antifaschistische Flugblätter verteilt, die den Ort von der Schweiz aus erreichen. Paul Ayen wird dabei 1936 erwischt, kann sich seiner Verhaftung durch die Flucht in die Schweiz entziehen und schließt sich wie der Mössinger Wilhelm Steinhilber den Internationalen Brigaden in Spanien an.

Späte Rehabilitierung

1945 ist der Ort nach wie vor gespalten. Von den 800 zur Wehrmacht eingezogenen jungen Menschen sind 380 auf den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkrieges gefallen, darunter 14 Teilnehmer des Generalstreiks. Zwar konnte die KPD nach ihrer Wiederzulassung noch einmal an ihre Wahlerfolge vor 1933 und zunächst scheinbar an ihre alte Stärke anknüpfen. Das sozio-kulturelle Dorfgefüge, wie es vor 1933 bestanden hatte, war aber gründlich zerstört. Die Partei erreicht nur noch eine kleine Gruppe ideologisch gefestigter Menschen ihres alten Umfeldes.

Nach ersten erfolgreichen Haftentschädigungsklagen gegen das Land Baden-Württemberg stellte das Oberlandesgericht Stuttgart in einem mit starker Unterstützung der VVN geführten Prozeß mit dem Urteil vom 25. November 1955 letztinstanzlich fest: » (…) ein Generalstreik, zu dessen Durchführung ein Kläger straffällig wurde, wäre ein geeignetes und dem Ernst der politischen Lage am 31.01.1933 angepaßtes Mittel gewesen, um die eben erst an die Macht gelangte Hitler-Regierung zum Rücktritt zu zwingen«.

In Mössingen selbst wird diese späte, von der Justiz anerkannte Legitimation des Generalstreiks leider bis heute nicht von allen geteilt.

Da ist nirgends nichts gewesen außer hier. Das »rote Mössingen« im Generalstreik gegen Hitler. Geschichte eines schwäbischen Arbeiterdorfes. Neu herausgegeben von Bernd Jürgen Warneken und Hermann Berner. Talheimer Verlag 2012, 360 Seiten, 32 Euro
http://www.ag-friedensforschung.de/themen/Rassismus/moessingen.html

Außerdem:
http://moessinger-generalstreik.de/
https://publikative.org/2013/02/04/mossinger-generalstreik-vorbildlich-aber-einzigartig/
https://de.wikipedia.org/wiki/M%C3%B6ssinger_Generalstreik


Gedenkkundgebung

An der Kundgebung und dem Demonstrationszug im Januar 1983 in Mössingen nahmen 10 000 Personen teil.


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ManOfConstantSorrow


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« Antworten #4 am: 25. Juli 2017, 17:47:09 »

Zitat
Jena 1917 – der erste Streik der Zeiss-Arbeiter

Aus Jenaer Geschichte: Hunger beherrscht die Lage im Jahre 1917 – In Jena will man mehr: Mehr Brot, mehr Lohn und weniger Arbeitsstunden



Die protestierenden Zeiss Arbeiter vor dem Volkshaus am 25. Juli 1917.

Sommer 1917: Das Deutsche Reich befindet sich im dritten Jahr des Ersten Weltkrieges. Die Lebensmittelversorgung der Bevölkerung sinkt auf einen Tiefpunkt, die Menschen gehen auf die Straße, so auch in Jena.

Was in der heutigen Wohlstandsgesellschaft kaum vorstellbar ist, war vor 100 Jahren Realität: Die Menschen im Deutschen Reich hungerten. Mancherorts protestierten sie sogar auf der Straße. Eine der Hauptursachen war die seit Kriegsbeginn im August 1914 von England verhängte Seeblockade. Mit seiner mächtigen Flotte verhinderte das Empire sämtliche Handelsimporte, die aus anderen Ländern per Schiff nach Deutschland gelangen sollten. Ein Warenaustausch mit Russland war durch den Krieg gleichfalls nicht mehr möglich. Daher sanken die Lebensmittelstandards schon ab 1915 für einen Großteil der deutschen Bevölkerung.

Lebensmittel auf Bezugsschein

Die Folgen dieser Entwicklung waren, dass es viele Lebensmittel offiziell nur noch rationiert per Bezugsschein gab. Hinzu kam die Zwangsbewirtschaftung und staatliche Kontrolle der Erzeuger, um unerlaubte Vorräte zu verhindern und ein möglichst gerechtes Verteilsystem zu erreichen. Bald schon kamen etliche Ersatzstoffe auf den Markt, die die Knappheit lindern sollten, in der Praxis aber meist nicht schmackhaft waren und auf Ablehnung stießen. Brot wurde mit minderwertigem Mehl gestreckt, Milch mit Wasser verdünnt und Kaffee aus Eicheln erzeugt. Bis 1918 waren etwa 11 000 dieser Lebensmittelsurogate im Umlauf.

Bataillonskommando war informiert

1917 hatte sich die Situation nochmals verschärft. Im Herbst des Vorjahres vernichtete die Kartoffelfäule etwa 50 Prozent der Ernte eines der damaligen Hauptnahrungsmittel, sodass Kohlrüben für Ersatz sorgen mussten. Der berüchtigte „Steckrübenwinter“ 1916/17 ging in die Geschichte ein.

Das Frühjahr 1917 offenbarte dann die Unfähigkeit des Staates, seine Bürger angemessen mit Lebensmitteln zu versorgen. Viele Kommunen gingen daher dazu über, die Lebensmittelversorgung selbst in die Hand zu nehmen. Vielerorts gab es hierbei Reibereien zwischen den Bürgern und dem „Lebensmittelamt“.

In Jena entlud sich der Protest erstmals im Juli 1917, als die hungernden Menschen vor das Rathaus zogen, um eine Verbesserung ihrer Lage zu erreichen. Am 16. Juli 1917 kam es beispielsweise zu einer „Kartoffelrevolte“ auf dem Marktplatz, als einige Jenenser die schlechte Versorgung mit der Knollenfrucht monierten. Die Stadt versprach Abhilfe in Form von Brot, allerdings half dieses Zugeständnis nur wenig, denn schon am 23. Juli standen die Menschen wieder vor dem Rathaus.

Vor 100 Jahren stimmten am 25. Juli 1917 auch die Zeiss Arbeiter in den Protest ein. Zwar hatte die Firma Carl Zeiss die Versorgung der eigenen Belegschaft mit Lebensmitteln selber übernommen – so gab es in der Stadt Verkaufsstellen, im Gasthaus „Zum Löwen“ wurde eine Kantine eingerichtet – allerdings reichte dies in der damaligen Situation nicht mehr aus.

Am Abend vor dem Streik traf sich eine große Menge von Arbeitern im Volkshaus und besprach dort die Ziele, die man erreichen wollte: Es sollte 20 Prozent mehr Lohn geben, überhaupt bessere Mindestlöhne, eine Herabsetzung der Arbeitszeit von zehn auf acht Stunden täglich und schließlich höhere Brotrationen. Am Tag darauf versammelte sich dann eine große Menge an Arbeitern zunächst vor dem Zeiss Werk. Anschließend zog der Protestzug weiter vor das Volkshaus und zuletzt zum Marktplatz. Die große Ansammlung von Protestlern war den Stadtoberen offenbar nicht geheuer. Für den Fall der Eskalation hatte man das hiesige Bataillonskommando informiert, um gegebenenfalls militärische Hilfe anzufordern.

Am Rathaus angekommen traten die Streikenden in Verhandlung mit den Stadtoberen, unter anderem war auch der Kartoffelmangel ein Thema. Mit einer Reihe von Zugeständnissen konnten die Arbeiter schließlich besänftigt werden und zogen von dannen.

Der Krieg ging weiter. Die Lage der Menschen verbesserte sich keineswegs und auch der Protest der Zeiss Arbeiter blieb kein einmaliges Ereignis in Jena.

Im Januar 1918 gingen sie erneut auf die Straße.
http://jena.otz.de/web/jena/startseite/detail/-/specific/Jena-1917-der-erste-Streik-der-Zeiss-Arbeiter-1426207214
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« Antworten #5 am: 29. Januar 2018, 18:00:03 »

Zitat
Erster Weltkrieg
Streiks legten die deutsche Rüstungsindustrie lahm



Der Sozialist und USPD-Politiker Adolph Hoffmann während des Januarstreiks 1918 in Berlin

Ende Januar 1918 traten mehr als 150.000 Berliner in den Ausstand. Sie forderten das Ende des Krieges. Doch noch waren die Kräfte der Monarchie zu stark: Die demokratische Revolution blieb aus.

Die Stimmung stand auf Streik. Ende Januar 1918 rechneten gut informierte Beobachter mit unmittelbar bevorstehenden Arbeitsniederlegungen. „Alle Welt spricht, schon seit mehreren Tagen, von dem Streik, der am 28. in Deutschland ausbrechen soll“, notierte Theodor Wolff, der Chefredakteur des liberalen „Berliner Tageblatts“, am 26. Januar 1918.

Losgegangen war es knapp zwei Wochen zuvor in Österreich-Ungarn. Eine Senkung der Lebensmittelrationen führte unmittelbar zu wilden Streiks rasch in den meisten Industriegebieten des letzten relevanten Verbündeten der Deutschen Reiches. In Berlin erkannten die Behörden die potenziellen Gefahren sofort: „Ausbruch des Streiks in Österreich. Völlige Nachrichtensperre. Die Zensur verhindert jede Veröffentlichung“, hielt Wolff genervt fest.

Doch der selbstbewusste Journalist, seit 1906 verantwortlich für eine der drei weltweit am stärksten beachteten deutschen Zeitungen, wollte sich daran nicht halten. Also publizierte er einen telegrafierten Kommentar seines Wiener Korrespondenten über die Bedeutung der Streiks in der Donaumonarchie. Die Zensurbehörde schäumte. Wolffs spitzfindige Verteidigung, verboten worden sei doch nur der Druck von Nachrichten aus Wien, nicht aber die Veröffentlichung von Meinungsartikeln, nützte nichts: Das „Berliner Tageblatt“ wurde verboten.

Doch mit Zensur und Zeitungsverboten konnte die Verbreitung der Neuigkeiten aus Österreich natürlich nicht unterbunden werden. Briefe mit Informationen über die Vorgänge in Wien vermochten die Behörden nicht zu kontrollieren. Die USPD, die linke Abspaltung der SPD, erkannte ihre Chance: In allen Betrieben, in denen ihre Anhänger vertreten waren, begann die Agitation für einen sofortigen politischen Ausstand.

Am Montagmorgen, dem 28. Januar 1918, begann der Streik dann tatsächlich – zuerst aber nur schleichend. Es war ein diesiger, unfreundlicher Tag: „Dicker Nebel in den Straßen Berlins, aus dem alle Dinge verändert und unförmig auf den Wandernden zutreten“, berichtete ein Reporter des SPD-Blattes „Vorwärts“ und fuhr fort: „Aus den Fabriken im Nordwesten, wo ich vorbeikomme, klirrt die Arbeit; nichts ist von der Möglichkeit zu spüren, die seit den letzten Tagen in der Luft liegt. Kurz vor neun Uhr habe ich mein Ziel, eine der größten Fabriken, erreicht. Zu sehen ist ja nichts, aber unermüdliche Tätigkeit lärmt durch den Nebel. Dann wird es stiller. Frühstückspause? Streik?“

Der Journalist durfte die Fabrik natürlich nicht betreten und wartete vor dem Eingang: „Da wird das Tor geöffnet. Drei Arbeiter treten heraus, gleichmütig, den Kaffeekrug unterm Arm. Einer gibt dem anderen Feuer für die Zigarette. Das Tor hat sich unwillig hinter ihnen wieder geschlossen, nicht lange, und es biegt sich wieder zurück. Jetzt kommt schon ein ganzer Trupp.“ Jetzt war klar, dass der Streik begonnen hatte: „Immer dichter wachsen die Scharen aus dem Nebel, gleichmütige, ernste Männer, Frauen, die zuweilen ein wenig lächeln. Ein Haufen bildet sich, lässt aber eine Gasse. Einer sagt: ,Es kommen alle.’“

Der Reporter schloss sich dem Zug der Streikenden an. Ihr erstes Ziel, der Festsaal einer Brauerei, war geschlossen. Da stieg einer der Streikenden auf eine Bank und verkündete: „Kollegen, ich spreche im Namen des Arbeiterausschusses. Ich brauche keinem zu sagen, warum wir die Arbeit niedergelegt haben, das weiß ein jeder selbst. Der Ausschuss wird mit den Vertretern aller ausständigen Betriebe Fühlung nehmen, um dann der Regierung unsere Forderungen mitzuteilen. Wir erwarten von Ihnen, dass Sie sich nicht provozieren lassen, sondern ruhig nach Hause gehen und den Gang der Dinge abwarten werden.“

Darauf löste sich die Versammlung am ersten Streiktag auf. Am folgenden Morgen sammelten sich mehrere Zehntausend Arbeiter zu spontanen Kundgebungen in der Berliner Innenstadt, die aber überall rasch von Polizisten zerstreut wurden. Insgesamt hatten 150.000 bis 200.000 Männer und Frauen die Arbeit niedergelegt, vornehmlich aus den Munitionsfabriken.


Berliner Arbeiterinnen demonstrieren während des Streiks

Laut den wesentlich von der USPD formulierten Streikforderungen war das Ziel des Ausstandes die „schleunige Herbeiführung des Friedens ohne Annexion, ohne Kriegsentschädigung, aufgrund des Selbstbestimmungsrechts der Völker“. Man verlangte ferner die „Zuziehung von Arbeitervertretern aller Länder zu den Friedensverhandlungen“ und die „ausgiebigere Nahrungsversorgung durch Erfassung der Lebensmittelbestände“.

Zudem müsse der seit 1. August 1914 geltende Belagerungszustand aufgehoben werden: „Das Vereinsrecht tritt vollständig wieder in Kraft, ebenso das Recht der freien Meinungsäußerung in der Presse und in Versammlungen.“ Die Ende 1916 durch das Hilfsdienstgesetz eingeführte „Militarisierung der Betriebe ist gleichfalls aufzuheben“. Selbstverständlich forderten die Streikenden die Freilassung aller politischen Gefangenen.

Am weitesten ging die letzte Forderung: „Durchgreifende Demokratisierung der gesamten Staatseinrichtungen in Deutschland, und zwar zunächst die Einführung des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts für alle Männer und Frauen im Alter von mehr als 20 Jahren für den Preußischen Landtag.“ Solche Maximalforderungen waren eine direkte Provokation der Staatsmacht.

In der Streikleitung, der neben den Köpfen der USPD wie Hugo Haase auch führende Sozialdemokraten wie Friedrich Ebert, Philipp Scheidemann und Otto Braun angehörten, gab es darüber Auseinandersetzungen. Die SPD wollte möglichst keinen potenziell gewaltsamen Umsturz, der unweigerlich zum Bürgerkrieg führen würde, sondern eine tiefgreifende politische Reform. Die Radikalen dagegen setzten auf eine notfalls gewaltsame Machtübernahme nach dem Beispiel der russischen Bolschewiki.

„Seit drei Tagen Streik der Munitionsarbeiter. ,Frieden – Freiheit – Brot’. Heute ging ein großer Zug vom Bülowplatz aus, wo Schutzleute räumten, durch die Prenzlauer Allee“, schrieb die Künstlerin Käthe Kollwitz in ihr Tagebuch. Sie erfuhr von einer Freundin, dass es „bei Zusammenstößen mehrere Tote, zwei Schutzleute und einige Streikende“ gegeben habe.

Insgesamt aber blieb es in Berlin erstaunlich ruhig. Da alle größeren Versammlungslokale polizeilich geschlossen waren, trafen sich die Streikenden in verkehrsgünstig gelegenen Parks am Rande der Innenstadt. Die Polizei löste die Ansammlungen mit sanftem Druck auf: „Von vereinzelten Ausschreitungen abgesehen, haben Ruhestörungen nicht stattgefunden“, meldete Polizeipräsident Heinrich von Oppen.

Die Oberste Heeresleitung forderte telegrafisch die „Verhaftung der Berliner Streikrädelsführer und der hetzenden Abgeordneten“. Falls die Regierung jetzt nicht durchgreife, fürchtete Generalquartiermeister Erich Ludendorff, faktisch so etwas wie der Militärdiktator Deutschlands, „Schlimmstes“.

Umgehend ließ der Reichskanzler, der bayerische Konservative Georg von Hertling, antworten: „Regierung ist sich ihrer Pflicht und des Ernstes der Situation voll bewusst und handelt dementsprechend, wünscht andererseits aber dringend Vermeidung jeder entbehrlichen Schroffheit.“

Während sich Ludendorff bei der zivilen Verwaltung nicht durchsetzen konnte, hatte der militärische Oberbefehlshaber der Region um die Reichshauptstadt direkte Befehle auszuführen. Also verhängte Generaloberst Gustav von Kessel den „verschärften Belagerungszustand“, womit künftig alle Arten von Versammlungen untersagt waren. Außerdem wurden die wichtigsten Rüstungsfabriken militärischer Leitung unterstellt.

Wer nicht spätestens am Morgen des 4. Februar 1918 wieder arbeitete, sollte nach Maßgabe des Belagerungszustands bestraft werden. Kessel begründete diese Drohung mit den Auswirkungen des Streiks: „Die Ausstandsbewegung, in der ein Teil der Arbeiterschaft von Groß-Berlin noch verharrt, beeinträchtigt die Versorgung des Heeres und der Marine mit Waffen und Munition.“

Angesichts dieses Vorwurfes erklärten die Vertreter der SPD und der Gewerkschaften den Streik, den sie ohnehin eher unwillig unterstützt hatten, für beendet. Der Massenprotest gegen den Krieg und für Demokratie hatte noch nicht genügend Durchschlagskraft.
https://www.welt.de/geschichte/article172860354/Erster-Weltkrieg-Streiks-legten-die-deutsche-Ruestungsindustrie-lahm.html
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« Antworten #6 am: 03. Februar 2018, 18:34:20 »

Diesmal was von der Gegenseite.
Ein Statement vom Arbeitgeberverband:
Zitat

Frankfurter Zeitung 03.02.1918 :
„In dieser Situation ist ein Streik Verrat am Vaterlande“



In deutschen Großstädten streiken die Arbeiter. Ein Aufruf des christlichen Metallarbeiterverbandes appelliert an das Gewissen der Aufständischen.

Duisburg, 2. Febr. (W.B.) Der Vorstand des christlichen Metallarbeiterverbandes Deutschlands erließ folgenden Aufruf an seine Mitglieder:

Revolutionäre Elemente versuchen durch Flugblätter und Agitation von Mund zu Mund die Arbeiter zu verhetzen und für politische Bestrebungen durch Arbeitsniederlegung zu veranlassen.

Leider sind in Berlin und in anderen Großstädten die Arbeiter gefolgt und in den Streik eingetreten. Mit Befriedigung kann jedoch festgestellt werden, daß im Verhältnis zu der Gesamtzahl der Arbeiter im Reiche nur ein kleiner Bruchteil pflichtvergessen die Arbeit niederlegte. Durch frivole Streiks wird der Krieg nicht abgekürzt, wie dies die Hetzer angeben, sondern verlängert und dem Feinde in die Hände gearbeitet. Unsere Gegner werden durch Streiks zum Weiterkampfe angespornt. Unsere Feinde lauern schon lange darauf, daß Deutschland durch innere Unruhen und Streiks in seiner Kampfbereitschaft geschwächt wird und ihre Beute werde.

Mögen sich die deutschen Arbeiter keiner Täuschung hingeben: In solcher Lage würden sie die schlimmsten Folgen zu tragen haben. Auch die Interessen der Arbeiter werden durch die Streiks nicht gefördert, sondern auf das schlimmste geschädigt. Aufhebung der Versammlungsfreiheit, Militarisierung der Betriebe usw werden die Folge sein. Auch die Versorgung mit Lebensmitteln wird durch die Streiks nicht gebessert, sondern verschlechtert. Unser Vaterland ist von allen Seiten bedroht. In dieser Situation ist ein Streik Verrat am Vaterlande, an uns und unseren Söhnen und Brüdern an der Front. Wir sind es ihnen schuldig, daß wir sie nicht im Stiche lassen und alle unsere Kräfte in den Dienst der Produktion stellen, damit sie nicht wehrlos dem Feinde gegenüberstehen. Mitarbeiter! Kollegen und Kolleginnen! Wir fordern Euch hiermit auf, nicht bloß jetzt, sondern auch später, wenn von genannter Seite Putschs und Streiks versucht werden sollten, diesen mit aller Energie mannhaft entgegenzutreten. Tut wie seither so auch in Zukunft Eure Pflicht. Dann werdet Ihr am besten Euren Interessen dienen. Der Vorstand.

I.A.: Wiebert, Verbandsvorsitzender.
http://www.faz.net/aktuell/politik/der-erste-weltkrieg/historisches-e-paper/februar-1918-verrat-am-vaterland-durch-arbeiter-streik-15222201.html
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Fritz Linow


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« Antworten #7 am: 16. März 2018, 11:01:48 »

Zitat
2007
Tausende Krankenschwestern drohen mit Massenkündigung

Streik war gestern: Finnlands Pflegekräfte setzen auf eine radikale Methode im Tarifstreit um mehr Gehalt. 13.000 drohen damit, alle am selben Tag zu kündigen. (...)

http://www.spiegel.de/wirtschaft/arbeitskampf-extrem-tausende-krankenschwestern-drohen-mit-massenkuendigung-a-513592.html
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Kuddel


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« Antworten #8 am: 19. Juli 2018, 09:08:08 »

Zitat
1968 und die Arbeiter_innenbewegung in der BRD



Der Historiker und Aktivist Peter Birke beschreibt die Vorgeschichte der Streiks von 1969 in der BRD, an denen sich 150.000 -200.000 Industriearbeiter_innen beteiligt haben und den Kampfzyklus 1969 bis 1973.

"Es gab eine Arbeiter_innenbewegung vor '68, d.h. dass es traditionelle Strukturen der kommunistischen Bewegung in den Betrieben gab, trotz des Verbotes der KPD 1956. Das Spezifische an der Bewegung in den Betrieben vor '68 war: es gab tausende von wilden Kurzstreiks von Mitte der 50er Jahre bis Mitte der 60er Jahre. (...) Das wurde dann 1969 aktualisiert."

Peter Birke hat das Buch "Wilde Streiks im Wirtschaftswunder" geschrieben, und ein Gespräch mit dem Aktivisten Wolfgang Hien über die Lehrlingsbewegung und politische Betriebsarbeit seit Mitte der 1960er Jahre herausgegeben: "Gegen die Zerstörung von Herz und Hirn".

Zum Video: https://labournet.us13.list-manage.com/track/click?u=aad840f755c59eb83507caa26&id=7743f8c91a&e=e025a64fe1
(37 min)
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Fritz Linow


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« Antworten #9 am: 18. Oktober 2018, 16:20:18 »

Zitat
MAN: Streikbrecher unter Polizeischutz

Nach gescheiterten Tarifverhandlungen riefen die Metallarbeiter Bayerns im August 1954 zum Streik auf, fast die Hälfte der 220.000 Angestellten aus 600 Betrieben gingen auf die Straße. In Augsburg rückte gar die Polizei aus, um den streikbrechenden Angestellten des Fahrzeugherstellers M.A.N. den Zutritt in die blockierten Werkhallen zu ermöglichen. (Original-Ton Reportage der Wochenchronik vom 14.08.1954)

https://www.br.de/mediathek/video/wir-sind-bayern-man-streikbrecher-unter-polizeischutz-av:5b966df19c0449001804dd78


Die Unternehmer sprachen von gewerkschaftlichem Terror, Streikenden wurde gekündigt, die DAG verhandelte alleine für die Angestellten. Zum Schluss gab es eine Schlichtung. 120 000 beteiligten sich an diesem "Bayernstreik".

Dazu auch: http://protest-muenchen.sub-bavaria.de/artikel/3750
Zitat
Seit 41 Jahren stand die IG Metall Bayerns erstmals wieder im Streik. Die Erinnerung an die Ereignisse vor 41 Jahren steckt noch heute den Metallern und den Unternehmern Bayerns in den Knochen, obwohl nur wenige der heute Beteiligten diesen Streik selbst noch erlebt haben. Die IGM-Führung Bayerns traf diesmal alle mögliche Vorsorge, um nicht wie 1954 in den Streik hineinzustolpern und anschließend den Arbeitskampf aus dem Ruder laufen zu sehen. Ältere Arbeiter erinnern sich noch heute der Härte der Auseinandersetzungen, die in der Geschichte der Bundesrepublik beispiellos war. Und die bayerischen Metallindustriellen denken noch heute mit Schrecken an die Auswirkungen dieses Streiks, der für Jahrzehnte das Klima in den Betrieben vergiftete.


ZEIT 1954:
Zitat
Vor den Siemens-Werken in München wurden Arbeitswillige umringt; unter dem Vorwand, ein Gespräch zu führen, drängten die Streikenden sich an sie heran; plötzlich zogen sie ruckartig die Knie hoch, oft ohne die Hände aus den Taschen zu nehmen. Nach außen sah das harmlos aus. Aber die Angegriffenen erlitten oft schwere Quetschungen und Prellungen am Unterleib. Bei Krauss-Maffei wurde die gleiche Taktik mit der Variante angewandt, daß man die Opfer gegen das Schienbein trat.
https://www.zeit.de/1954/34/streik-und-blut
"Bolschewisten, Arbeitswillige, Opfer" - die ZEIT wie man sie kennt.






Man muss sich nochmal die damalige Regierungskonstellation klarmachen:
Ministerpräsident war Hans Ehard (CSU), bairischer Rassejustiziar in den 30ern und Scheißnazi, ein banaler SPD-Fuzzi als Innenminister und ein putziger Arbeitsminister:

Zitat
Der damalige Arbeitsminister Oechsle (SPD) fühlte sich persönlich tief getroffen, dass es ausgerechnet in Bayern zum Arbeitskampf kam, und bot unablässig seine Vermittlungsdienste an.
(…)
In München setzte die Polizei Gummiknüppel gegen Streikende ein, in Augsburg wurde mit dem Einsatz der Schusswaffe gedroht, ein Gebäude der Firma Siemens in Amberg, das von Streikenden umstellt war, wurde durch Hundertschaften der Bereitschaftspolizei geschützt. Innenminister Hoegner (SPD) verfügte schließlich: »Förmliche Menschenansammlungen vor den Betrieben sind aus sicherheitspolizeilichen und verkehrpolizeilichen Gründen nicht zulässig. Eine zahlenmäßige Begrenzung der Streikposten … wurde erörtert … Die jeweilige Entscheidung muss dem örtlichen Leiter der Polizeieinsatzes vorbehalten bleiben.«

http://protest-muenchen.sub-bavaria.de/artikel/3750

Von wegen Wirtschaftswunder und schöne heile Welt. Von wegen Wunder von Bern einen Monat zuvor. Das interessierte keine Sau. Es gab stramme Kämpfe, bei denen die Querfront aus Nazis und Sozialdemokraten mal wieder den Totengräber gespielt hat.
« Letzte Änderung: 18. Oktober 2018, 22:21:55 von Fritz Linow » Gespeichert
Fritz Linow


Beiträge: 1303


« Antworten #10 am: 12. November 2018, 16:51:54 »

Am 12. November 1948 fand ein Generalstreik für Preisregulierung, Lohnerhöhung und Mitbestimmung mit gut 9 Millionen Beteiligten statt. Eigentlich eine ganz gute Hausnummer:
https://de.wikipedia.org/wiki/Generalstreik#Deutschland_Bizone_%E2%80%93_der_Generalstreik_von_1948

Zitat
"Die einen haben es vergessen, weil es kein strahlender Sieg war. Die anderen mochten es nicht in Erinnerung behalten, weil es jenes Unrecht deutlich macht, das am Beginn des wirtschaftlichen Aufschwungs und der gesellschaftspolitischen Restauration stand."
https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/ein-generalstreik-der-keiner-sein-durfte

In der dicken Schwarte „75 Jahre Industriegewerkschaft“, 1966 herausgegeben von der IG Metall und in der ansonsten jeder Popel erwähnt wird, ist von diesem Streik lustigerweise überhaupt nichts zu lesen. Da ist viel von Protesten und Streiks gegen die Industriedemontage die Rede, die zur selben Zeit stattfanden, aber von diesem eintägigen Generalstreik irgendwie keine Spur. Vielleicht wird es ja in DGB-Schwarten näher beschrieben.

Noch einige Details zur Vorgeschichte, Ablauf und Bewertung des Novemberstreiks 1948:
Zitat
10.11.18
Ludwig Erhard wird zu Unrecht als Vater der Sozialen Marktwirtschaft verehrt, sagt der Historiker Uwe Fuhrmann. Entscheidend für ihre Entstehung war vielmehr der bislang letzte deutsche Generalstreik.
(…)
Es gibt keinen Grund, daraus eine Heldengeschichte zu machen. Aber wenn man ganz genau hinguckt, dann kann man wahnsinnig viel lernen.(…)
https://www.neues-deutschland.de/artikel/1105354.generalstreik-der-mythos-der-bundesrepublik.html

Die Dezemberausgabe der Gruppe Arbeiterpolitik von 1948 hat auch eine klare Meinung dazu, in dem ihr typischen Stil:

Trotz der unabweisbaren Notwendigkeit, der Gewerkschaftspolitik einer erbarmungslosen Kritik zu unterziehen, wäre nichts verkehrter als die Schlußfolgerung, dem Streik hätte keine Folge geleistet werden sollen. Denn was die Bonzen beabsichtigten und was der Generalstreik wirklich bedeutete, sind zwei verschiedene Dinge. Maßgebend war, daß nach 12 Jahren Nazidiktatur, 6 Jahren Krieg und 3 Jahren Hunger dem deutschen Arbeiter praktisch vordemonstriert wurde, welche gigantische Macht er in seinen Händen hielt. Es gilt sich nicht gegen die Entfaltung der proletarischen Kampfkraft zu wenden, weil die Gewerkschaftsbonzen zum Streik aufriefen, sondern im Gegenteil diese Entfaltung in den richtigen Bahnen gegen Gewerkschaftsbonzen, Bourgeoisie und Besatzung voran zu treiben.
http://www.arbeiterpolitik.de/ (Zeitung Nummern 1-14 aus 1950, S. 11ff)

Das damalige Lizenzblatt SPIEGEL am 13.11.1948:

Der Beschluß zum Generalstreik war bereits am 24. Oktober in Münster vom Bundesvorstand gefaßt worden. Am 7. November wurde er vom Gewerkschaftsrat der Trizone in Frankfurt bestätigt, nachdem der Bundesbeirat mit den Vorständen aller Industrie-Gewerkschaften seinen Segen gegeben hatte. Der sogenannte Werktätige, der sonst über Streiks urabstimmt, war nicht gefragt worden.
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-44419869.html
« Letzte Änderung: 12. November 2018, 23:34:41 von Fritz Linow » Gespeichert
Kuddel


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« Antworten #11 am: 12. November 2018, 20:35:40 »

"...indessen belief sich die Teilnehmerzahl nach Gewerkschaftsangaben auf über neun Millionen Arbeitnehmer aus Industrie, Handwerk, Handel und Verkehrswesen - 72 Prozent der 11,7 Millionen Beschäftigten dieses Gebietes...
Dabei war es am 28. Oktober 1948 nach Streiks und Protesten für Preisregulierung, Lohnerhöhung und Mitbestimmung zu schweren Unruhen gekommen, bei denen die US-Militärpolizei Tränengas und Panzer eingesetzt hatte."


Wow! Diese Geschichte war mir neu.
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dagobert


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« Antworten #12 am: 13. November 2018, 21:00:31 »

Mir auch.
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ManOfConstantSorrow


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« Antworten #13 am: 01. Dezember 2018, 19:44:52 »

Zitat
Kieler Erinnerungstag:
24. Oktober 1956

Der längste Streik in der Bundesrepublik begann am 24.Oktober mit dem Streik der Metallarbeiter in Schleswig-Holstein

Am 24. Oktober 1956 traten mit Beginn der Frühschicht um 6 Uhr über 18 000 Metallarbeiter in 15 schleswig-holsteinischen Betrieben in den Ausstand.


In Kiel waren an diesem Mittwochmorgen die normalerweise überfüllten Straßenbahnen und Dampfer fast leer. Die Howaldtswerke und die MaK, ebenso die Firma Bohn & Kähler gehörten zu den bestreikten Betrieben. Vor den Werktoren standen Polizei, Streikposten und diskutierende Gruppen von mehreren hundert Streikenden. Ungehindert konnten Angestellte, Lehrlinge, Schwerbeschädigte und die für dringende Notdienste gebrauchten Belegschaftsmitglieder die Tore passieren.

Wegen der Arbeitsniederlegung der Metallarbeiter musste auf den Howaldtswerken der für den 31. Oktober angesetzte Stapellauf eines deutschen Frachtschiffes abgesagt werden. Auch auf den Werften in Lübeck, Flensburg, Elmshorn, Lauenburg und Rendsburg wurde gestreikt. In Lübeck entfiel der Stapellauf eines Großschraubenbaggers für Indien. In Flensburg kamen die Reparaturarbeiten auf den Werften völlig zum Erliegen. Auf der Kremer-Werft in Elmshorn sprach die Geschäftsleitung von Lieferschwierigkeiten. Und in Lauenburg herrschte auf den drei Werften ebenfalls Arbeitsruhe. Wofür kämpften die Metallarbeiter?

Voller Lohn bei Krankheit auch für die Arbeiter

Die IG Metall forderte Lohnausgleich im Krankheitsfall und damit Gleichstellung mit den Angestellten. Die Gewerkschaft verdeutlichte ihre Forderungen an einem Beispiel: Ein Arbeiter mit Frau und zwei Kindern verdiente für 28 Tage Brutto 406.80 DM. Nach Abzug von Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen verblieben ihm 350.30 DM. Wenn dieser Arbeiter krank wurde, bekam er an den ersten 3 Tagen (Karenzzeit) gar kein Geld, dann für 9 Tage Hausgeld von insgesamt 58.86 DM und 16 Tage Krankengeld in Höhe von 116.32 DM. In den vier Wochen seiner Krankheit erhielt er daher nur 175.18 DM. Seine Einkommensminderung betrug also die Hälfte seines normalen Verdienstes, was für die Familie eine große finanzielle Belastung bedeutete.

Die Gewerkschaften argumentierten, technischer Fortschritt, Produktivitätssteigerung, größere Umsätze der Betriebe, die hervorragende Auftragslage – die Werften waren stark ausgelastet, dass z. T. Lieferfristen bis zum Jahre 1962 bestanden – und hohe Gewinne müssten auch einen sozialen Fortschritt bedeuten.

Daher lauteten die drei wesentlichen Forderungen:

― Lohnfortzahlung im Krankheitsfall für gewerbliche Arbeiter für die Dauer von sechs Wochen, also praktisch die Gleichstellung mit den Angestellten;

― Zahlung eines zusätzlichen Urlaubsgeldes von 7.50 DM täglich und

― Verlängerung des Urlaubs auf 18 Tage, für Jugendliche bis zum 18. Lebensjahr 24 Tage.

Dieses Programm hatte die Gewerkschaft am 21. April 1956 in einem Tarifvertragsentwurf den beteiligten Arbeitgeberverbänden zugesandt, nachdem schon am 31. Dezember 1955 der Rahmentarifvertrag in der schleswig-holsteinischen Metallindustrie auf Beschluss des Vorstandes der IG Metall gekündigt worden war.

Zehn Verhandlungen mit den beiden metallindustriellen Arbeitgeberverbänden Schleswig-Holsteins wurden seit Juli geführt, die jedoch im September scheiterten, weil eine Annäherung der Standpunkte nicht zu erreichen war. Die Arbeitgeber wiesen die Forderungen der Gewerkschaft mit der Begründung zurück, dass diese zu einer starken finanziellen Belastung der Betriebe führten, die Arbeitsplätze gefährden und die gesamte heimische Wirtschaft belasten würden. Z. B. wandte sich der Vorstand der MaK am 9. Oktober an seine Mitarbeiter mit folgender Feststellung: „Alle Forderungen, die von der Gewerkschaftsseite gestellt wurden, machen mehr aus, als das Werk verdient.“ Die IG Metall aber hielt ihre Forderungen für berechtigt. Die Situation spitze sich zu, der Streik war unausweichlich.

In einer Urabstimmung am 11. und 12. Oktober 1956 sprachen sich 77,7 % der Metaller für den Arbeitskampf aus. Am 22. Oktober stimmte der Gesamtverband der IG Metall in Frankfurt dem Streik der Metallarbeiter in Schleswig-Holstein zu.

Der große Streik

Daraufhin traten am 24. Oktober Metallarbeiter zwischen Flensburg und Lauenburg in den Ausstand. Der längste und umfangreichste Streik in der deutschen Gewerkschaftsgeschichte nahm seinen Lauf. Er dauerte 114 Tage, d. h. 16 Wochen. Waren von 1949 bis Herbst 1956 1.110.000 Arbeitstage im Land durch Streiks verloren gegangen, so entfielen allein durch den Metallarbeiterstreik 1956/57 2.230.000 Tage. Er begann als Schwerpunktstreik in den gewerkschaftlich gut organisierten Werftbetrieben und Maschinenfabriken, weil man hier mit wenig Streikbrechern rechnen konnte. Er verursachte auch weniger Kosten und dadurch eine bessere Unterstützung für die Streikenden.

Mitte November ging die zentrale Streikleitung, die ihren Sitz in Kiel im Gewerkschaftshaus hatte, dazu über, kleinere Betriebe in den Streik einzubeziehen. Insgesamt wurde der Arbeitskampf in zehn Schritten bis zum 11. Januar 1957 auf 38 Betriebe mit 34 068 Beschäftigten ausgedehnt. Bei den Howaldtswerken z. B. traten von 11 503 Lohnempfängern 9648 in den Ausstand. Den Umsatzverlust schätzte die Geschäftsleitung auf ca. 100 Millionen DM. Insgesamt streikten Beschäftigte in folgenden Kieler Betrieben: ab 24. Oktober 1956 auf den Howaldtswerken, bei der MaK, in der Firma Bohn & Kähler, ab 5. November die Beschäftigten von Bernhard Kröger, der Elektro-Acustic, von Hagenuk, Vollert & Merkel, ab 14. November in den Firmen Rudolf Prey, Poppe GmbH, Eisen- und Stahlbau, ab 11. Januar 1957 bei Anschütz & Co., Zeiss-Ikon und in dem Betrieb von Fritz Howaldt.

Durch verschiedene Maßnahmen gelang es der Gewerkschaft, die Streikfront aufrechtzuerhalten.

Erstmalig wurden täglich die „Streik Nachrichten“ der IG Metall-Bezirksleitung, die bei der „Schleswig-Holsteinischen Volkszeitung“ gedruckt wurde, an die Arbeiter verteilt, um sie über den Stand der Verhandlungen zu unterrichten. Auf montäglichen Streikversammlungen sollte die Möglichkeit für Aussprachen und Kontakte zu den Mitgliedern bestehen, ebenso auf Großkundgebungen an den großen Streikorten am 6. und 7. Dezember und am 7. Januar. In diesem Zusammenhang kamen in Kiel am 6. Dezember 1956 um 17 Uhr Streikende zu einer Kundgebung auf dem Kieler Rathausplatz zusammen.

Es gab auch eine Vielzahl von Unterhaltungsveranstaltungen, die den Zweck verfolgten „die Streikenden und ihre Familien zusammenzuführen und ihnen dadurch das Bewusstsein zu geben, dass sie in diesem Kampf nicht allein sind.“ Zu diesem Programm gehörten Streikrevuen, z. B. am 31. Oktober 1956 in der Kieler Ostseehalle, Kabarettveranstaltungen, Operettenabende, kostenlose Kinovorführungen, Skat- und Schachtuniere. Insgesamt fanden in den 16 Streikwochen 49 Veranstaltungen mit 39 620 Besuchern und vier Großveranstaltungen in der Kieler Ostseehalle mit jeweils 8500 Besuchern statt. Für die Ehefrauen wurden Hausfrauennachmittage und Modenschauen, drei davon im Oktober in Kiel, organisiert. Auch die Kinder und Jugendlichen wurden unterhalten. Weil man erwartete, dass die Weihnachtszeit die Haltung der Streikenden negativ beeinflussen könnte, veranstaltete die Gewerkschaft Weihnachtsfeiern. Über zehn Streik-Weihnachtsfeiern fanden allein in Kiel in den einzelnen Stadtteilen statt. Besonders eindrucksvoll war eine Feier im Gewerkschaftshaus, auf der neben dem Gewerkschaftssekretär auch Probst Sonntag sprach. Auf diesen Veranstaltungen verteilten Gewerkschaftsmitglieder Lebensmittelgutscheine, Weihnachtsgeld und im gesamten Bundesgebiet gespendete Geschenke an die Kinder.

Wichtig war natürlich die finanzielle Unterstützung der Streikenden durch die Gewerkschaft. Ca. 60% der Mitglieder erhielten wöchentlich 50-60 DM, außerdem eine Zulage von 10 DM, später von 15 DM. Seit Ende November wurde eine Mietbeihilfe von 45 DM für Verheirate und 25 DM für Ledige gewährt. Kinder konnten einige Tage in einem Ferienheim verbringen, Ledige im Kieler Gewerkschaftshaus ein billiges Mittagessen erhalten. Durch alle diese Maßnahmen kamen die Streikenden fast auf ihren Nettolohn.

Für Streikbrecher hatten die Gewerkschaftler kein Verständnis. Die Unternehmer und Arbeitgeberverbände versuchten, die Streikfront aufzubrechen, indem sie betriebliche Sozialleistungen, vor allem die Werkswohnungen, als Druckmittel gegenüber den Streikenden benutzten, aber auch Entlastungen vornahmen und Streikende diffamierten. Während des Arbeitskampfes wurden nicht mehr als 800 „Arbeitswillige“ gezählt, bei Howaldt nur 16 Streikbrecher registriert. Sie wurden von ihren Arbeitskollegen verachtet.

Tarifverhandlungen und Schlichtungsgespräche

Im Dezember unternahm Ministerpräsident von Hassel zwischen den Konfliktparteien einen Vermittlungsversuch, der aber scheiterte. Ebenfalls im Dezember wurden erste Schlichtungsverhandlungen geführt. Der Einigungsvorschlag der Schlichtungsstelle wurde aber von der Großen Tarifkommission der IG Metall abgelehnt. Auch 97% der im Ausstand befindlichen Metallgewerkschaftler sprachen sich am 7. Januar in einer Urabstimmung gegen den Einigungsvorschlag aus. In diesem scheinbar ausweglosen Konflikt wandte sich Ministerpräsident von Hassel an Bundeskanzler Konrad Adenauer, der daraufhin die Tarifparteien am 17. Januar 1957 zu einer Besprechung ins Kanzleramt einlud. Das Ergebnis der Bonner Verhandlungen wurde in einer Urabstimmung am 30. Januar mit 76% verworfen. Die Gewerkschaftsführung beschloss die Weiterführung des Streiks, rief aber gleichzeitig, um den „Risiken eines ausgedehnten Streiks mit politischen Konsequenzen“ auszuweichen, die freiwillige Schlichtungsstelle an, die am 8. Februar in Kiel zusammentrat und schon einen Tag später einen verbesserten Vorschlag vorlegte. Mit nur zwei Gegenstimmen wurde er von der Tarifkommission befürwortet und den Streikenden zur Annahme empfohlen. Zwar sprachen sich in einer weiteren Urabstimmung am 13. Februar 1957 39,66% der Streikenden für und 57,66 % gegen eine Annahme aus. Da aber 75% der Stimmen für die Fortführung des Arbeitskampfes nach der Satzung notwendig gewesen wären, hatte der Streik nun endlich sein Ende gefunden. Am Freitag, dem 15. Februar, meldeten die Kieler Nachrichten. „Seit heute Morgen wird in den bestreikten Betrieben der schleswig-holsteinischen Metallindustrie wieder gearbeitet“.

Das Ergebnis des Arbeitskampfes

Wie die Urabstimmung vom Februar gezeigt hat, war das Ergebnis der Kieler Verhandlungen bei den Metallarbeitern nicht unumstritten. Es war letztlich zwischen den Tarifparteien zu einem Kompromiss gekommen, der folgendermaßen aussah:

- Bei einer Krankheitsdauer von mehr als einer Woche werden eineinhalb Karenztage voll bezahlt. Nach einer Krankheitsdauer von mehr als zwei Wochen werden drei Karenztage mit dem Nettoverdienst bezahlt.

- Die Höhe des Lohnausgleichs im Krankheitsfall beträgt 90% des Nettolohns. Die Wartezeit wird von sieben auf vier Tage verkürzt.

- Lohnfortzahlung wird bei jedem Arbeitsunfall unabhängig von der Dauer der Betriebszugehörigkeit gewährt.

- Urlaubstage werden vermehrt und eine bessere Urlaubsvergütung gewährt.

Mit dieser tariflichen Regelung hatten die Metallarbeiter in Schleswig-Holstein einen bedeutenden Schritt in der Gleichstellung von Arbeitern und Angestellten erreicht. „Im Rückblick der schleswig-holsteinischen Metallgewerkschafter auf ihre Geschichte nimmt der Arbeitskampf von 1956/57 zweifellos den ersten Rang ein. Im Lichte der Ereignisse vor fast vierzig Jahren erscheinen sie, ähnlich ihrer Rolle beim Matrosenaufstand des Jahres 1918, als Vorreiter einer für ganz Deutschland wichtigen sozialpolitischen Entwicklung“ (Stamp).

Nur wenige Monate nach Beendigung des Streikes in Schleswig-Holstein, am 26. Juni 1957, verabschiedete der Bundestag das „Gesetz zur Verbesserung der wirtschaftlichen Sicherung der Arbeiter im Krankheitsfall“, wobei sich der Gesetzgeber an den Ergebnissen in Schleswig-Holstein orientierte. Ohne den Streik in diesem Bundesland wäre das Gesetz möglicherweise nicht entstanden. So profitierten auch Arbeiter in der gesamten Bundesrepublik von dem Erfolg in Schleswig-Holstein. Am 1. Januar 1970 trat das „Gesetz über die Fortzahlung des Arbeitsentgelts im Krankheitsfall“ in Kraft. Seit dieser Zeit entfallen die als ungerecht empfunden Karenztage.


Christa Geckeler
https://www.kiel.de/de/bildung_wissenschaft/stadtarchiv/erinnerungstage.php?id=63
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Arbeitsscheu und chronisch schlecht gelaunt!
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