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Autor Thema: Bei Leiharbeitsfirmen tätig: "Diese Menschen sind faktisch entrechtet"  (Gelesen 822 mal)
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Rappelkistenrebell


Beiträge: 2508



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« am: 16. Februar 2017, 12:53:59 »

Unser Mitstreiter bei aktion ./. arbeitsunrecht Thomas Müssig fordert Festanstellungen statt Leiharbeit.

Bei Leiharbeitsfirmen tätig: "Diese Menschen sind faktisch entrechtet"

 Interview  Im Stimme-Interview spricht Verdi-Gewerkschaftssekretär Thomas Müssig über Leiharbeitsfirmen im Kaufland-Umfeld und über persönliche Erfahrungen in einem Fleischwerk.

Von Christian Gleichauf

Thomas Müssig im Gespräch: Auch wenn Leiharbeitsfirmen formal darauf achteten, alles korrekt auszuformulieren, umgehen sie dem Verdi-Gewerkschaftssekretär zufolge häufig die gesetzlichen Vorschriften. Foto: Dennis Mugler

Unter welchen Bedingungen Menschen bei Leiharbeitsfirmen leben und arbeiten, beschäftigt den Verdi-Gewerkschaftssekretär Thomas Müssig nicht erst, seit er die Recherchen unserer Zeitung rund um das Kaufland-Dienstleistungszentrum in Möckmühl begleitet. Im Interview erläutert er, welche Strukturen hier wirken.

Herr Müssig, große Firmen wie Kaufland eignen sich gut als Feindbild. Muss man aber nicht aufpassen, dass hier nicht ein Zerrbild entsteht?

Thomas Müssig: Was bei Kaufland passiert, ist leider kein Einzelfall. Seit der Deregulierung des Arbeitsmarktes vor 13 Jahren erleben wir nicht nur in der Landwirtschaft oder in der Produktion, sondern auch im Gesundheitswesen, in der Pflege oder anderen Dienstleistungsberufen, dass sich Arbeitsbedingungen deutlich zum Nachteil der Arbeitnehmer verschlechtert haben. Die Beispiele aus der Kaufland-Logistik und dem Fleischwerk stehen eher exemplarisch für die strukturelle Schleifung von Arbeitnehmerrechten im letzten Jahrzehnt.
 

Bei Kaufland in Möckmühl gilt für eigene Mitarbeiter wie auch für Leiharbeiter ein erhöhter Mindestlohn von zehn Euro. Sind die Standards im Vergleich nicht sogar recht gut?

Nun, ein Maschinenführer etwa, der als Leiharbeiter bei Kaufland einen Stundenlohn von 10,33 Euro erhält, würde nach dem von uns ausgehandelten Tarifvertrag 14,10 Euro erhalten. Aber der Lohn ist nur eine Komponente. Arbeitszeitkonten werden beispielsweise einseitig vom Arbeitgeber zur Flexibilisierung genutzt. Das ist ein großes Problem. Ohne zu fragen, wird das Beschäftigungsrisiko, das ausdrücklich beim Arbeitgeber liegt, auf den Arbeitnehmer übertragen. Die Vorgaben des Gesetzgebers und aus der Rechtsprechung sind eindeutig. Aber die Menschen kennen ihre Rechte ja nicht.
 

Die Gewerkschaft könnte helfen...

Ja, aber nur, wenn die Leute zu uns kommen. Sie wissen aber oft nicht einmal, wozu es Gewerkschaften gibt. Bei den Arbeitnehmern aus Osteuropa kommt noch die Sprachbarriere dazu. Und in den Hotels, diesen teils heruntergekommenen Unterkünften, herrscht großer Gruppenzwang. Die Vorarbeiter beobachten genau, was dort passiert. Deswegen sehen es viele Werkvertrags- und Verleihfirmen auch nicht gern, wenn sich die Mitarbeiter selbst eine Wohnung suchen - auch wenn sie das Gegenteil behaupten. In so einem Abhängigkeitsverhältnis sind diese Menschen faktisch entrechtet.


Aber sie kommen hierher und bleiben. Warum gehen sie nicht zurück?

Wo diese Menschen herkommen, haben sie keine Perspektive. Hier leben sie im Glauben, dass die momentane Situation vorübergeht. Sie hoffen, in ein unbefristetes, gut bezahltes Arbeitsverhältnis zu kommen. Diese Perspektive hält sie hier. Wenn sie bleiben, wird das ausgenutzt. Wenn sie sich nicht ausnutzen lassen, müssen sie zurück.


Das gibt es aber nicht nur bei Kaufland, oder?

Natürlich nicht. Ich habe während des Studiums selbst in einer Fleischfabrik gearbeitet, auf 400-Euro-Basis. Da habe ich hautnah miterlebt, als die Versandabteilung über einen Werkvertrag ausgegliedert wurde. Der Ton war vorher schon rau. Danach klappte erst einmal nichts mehr. Unfallverhütung war kein Thema mehr. Der Ton wurde noch rauer. Es gab eine klare Aufteilung: Das Ausbeinen war in ungarischer Hand, Hackfleisch bei den Rumänen, Verpackung bei den Polen. Ich war einer der wenigen, die nicht über eine Werkvertragsfirma angestellt waren. Aber die Mühe, sich meinen Namen zu merken, machte man sich trotzdem nicht. Die Leute wechselten wöchentlich. Irgendwann kamen Zoll und Staatsanwaltschaft und ermittelten. Aber es ging weiter. Ich selbst habe bis zu 14 Stunden am Stück gearbeitet, Pausen abgezogen. Bezahlt wurde nach Stückzahl, im Akkord. Arbeitsende war, wenn der Auftrag erledigt war. Als ich mich an den Betriebsrat wenden wollte, habe ich gemerkt, dass es den nur auf dem Papier gab. Da bekommt man ein Gefühl dafür, was diese Menschen durchmachen.


Wie lassen sich solche Strukturen verändern?

Der wichtigste Schritt wäre, konsequenter als bisher auf eigene Mitarbeiter zu setzen. Kaufland etwa könnte sich selbst nie erlauben, was sich einige der Leiharbeitsfirmen erlaubt haben. Das ist unsere Erfahrung auch anderswo: Wenn der Arbeitgeber selbst die Verantwortung übernimmt, funktioniert es besser. Er kann dann nicht die eigenen Hände in Unschuld waschen. Und wenn das Image leidet, ist das schlecht fürs Geschäft. Kaufland geht jetzt zumindest in die richtige Richtung. Aber noch ist das halbherzig.


Kaufland sagt, sie fänden nicht so viele Mitarbeiter, wie sie brauchen. Haben Zeitarbeitsfirmen also nicht auch ihre Daseinsberechtigung?

Für jeden Arbeitsplatz gibt es Arbeitskräfte, man muss sie nur finden und angemessen bezahlen. Da können Dienstleister helfen. Wenn man weiterhin auf osteuropäische Arbeitskräfte setzt, dann muss man aber die Unterbringung dieser Menschen sauber regeln. Und vielleicht wäre es auch an der Zeit, etwas für die Integration zu tun, wenn man wirklich an motivierten Mitarbeitern interessiert ist, die hier ihre Zukunft sehen. Deutschkurse vielleicht? Die müssen ja nicht voll vom Arbeitgeber bezahlt werden, aber er sollte das organisieren. Leiharbeitsfirmen tun so etwas nicht, warum auch? Sie sind nur für die Flexibilisierung zuständig und für sie zählt nur die Arbeitskraft, und nicht der Mensch dahinter.


Zur Person

Vor 16 Monaten begannen die Recherchen zu den Arbeitsbedinungen bei Leiharbeitsfirmen, die für das Kaufland-Dienstleistungszentrum Möckmühl tätig sind. Seit 15 Monaten ist Verdi-Gewerkschaftssekretär Thomas Müssig ein enger Begleiter. Der 35-Jährige verbrachte seine ersten acht Lebensjahre im oberschlesischen Oppeln im heutigen Polen, bevor seine Familie nach Deutschland zog. Heute ist er bei Verdi für den Handel zuständig. Er hat sich aber - bedingt auch durch persönliche Erfahrungen - in das Thema Leiharbeit eingearbeitet. Seine Polnisch-Kenntnisse sind regelmäßig gefragt, wenn es mit der Kommunikation hapert.


Quelle

http://www.stimme.de/heilbronn/nachrichten/region/Bei-Leiharbeitsfirmen-taetig-Diese-Menschen-sind-faktisch-entrechtet;art16305,3795695
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dagobert


Beiträge: 3725


« Antworten #1 am: 16. Februar 2017, 15:39:43 »

Boah, eey.  POO
Da fehlen einem die Worte.

Wem der Artikel oben nicht reicht, auf der verlinkten Seite gibt es noch weitere Links zum Thema.
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