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Autor Thema: Stadtteilarbeit  (Gelesen 669 mal)
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Kuddel


Beiträge: 10863


« am: 17. Dezember 2017, 16:38:31 »

Ein vielversprechender Ansatz:
Es geht um radikale Stadtteilarbeit, die weniger auf klassische Themen wie Wohnen und Miete abzielt, sondern es gilt eine Art Stadtteilgewerkschaft aufzubauen. Gemeint ist damit, daß es um soziale Probleme gehen soll und das Problem der Ausbeutung. Da prekäre Jobs, oft befristet, manchmal im Graubereich der Schwarzarbeit oder immer an anderen Einsatzorten in der Leiharbeit, eine Organisierung am Arbeitsplatz fast unmöglich machen, wird der Wohnort zu dem Zusammenhang, der bleibend ist und an dem man die Menschen erreichen kann.

Gröpelingen als ehemaliger Werftarbeiterstadtteil in Bremen, ist nach der Schließung der Werft ein Bezirk mit weit verbreiter Armut und einem hohen Migrantenanteil.

Zitat
„Solidarisch in Gröpelingen“
Gemeinsam stark

Im Bremer Westen wächst die neue Stadtteilgewerkschaft „Solidarisch in Gröpelingen“ heran und will gemeinsam für die Sache kämpfen.



"Supersache": Viele Gröpelinger haben Stephan Heins und Sabine Zimmer schon ihr Herz ausgeschüttet.

„Hallo – haben Sie mal einen Moment Zeit?“ Wenn die Gruppe „Solidarisch in Gröpelingen“ im Stadtteil ihr weißes Zelt aufschlägt und Flyer in den verschiedensten Sprachen verteilt, dann dauert es meist nicht lange, bis Passanten neugierig zuhören und ihren Gesprächspartnern ihr Herz ausschütten. Von Schikanen durch den Arbeitgeber ist dann zum Beispiel zu hören, von Problemen mit dem Amt oder von der Wohnungsbaugesellschaft, die ihre Mieter in schimmeligen Wohnungen sitzen lässt. Erst kürzlich war es an einem Sonnabendnachmittag wieder so weit: Beim Eingang in den Grünzug an der Ecke Moorstraße / Selsinger Straße sprachen sechs Mitglieder der Gruppe Vorübergehende an und erzählten ihnen von ihrer Idee: „Wir wollen Leute zusammenbringen und versuchen, gemeinsam für unsere Sache zu kämpfen.“ Spontane Reaktion eines Angesprochenen: „Supersache – genau das brauchen wir hier in Gröpelingen!“ Es gab aber auch zurückhaltendere Stimmen: „Ich glaube mal, das wird nix!“

Wer weiß. Denn die Gruppe ist höchst rührig und tut viel für ihr erklärtes Ziel: sich gemeinsam organisieren. Seit den ersten zarten Anfängen vor einem guten halben Jahr wächst „Solidarisch in Gröpelingen“ beständig und über die Stadtteilgrenzen hinaus. Menschen verschiedenster Nationalitäten machen mit, und neben Leuten aus Gröpelingen und Walle kommen regelmäßig Engagierte aus der Neustadt, aus dem Steintor, aus Woltmershausen und Huchting. Darunter viele, die in der einen oder anderen Weise von Parteipolitik, Gewerkschaften oder anderen etablierten Organisationen enttäuscht sind. „Das ist mir zu weit von der Realität entfernt“, erzählt zum Beispiel ein junger Mann. Eine Frau ergänzt: „Es geht darum, dass Politik wieder zu uns Menschen zurückfindet und dass wir selbst unseren Alltag gestalten.“

Mit dabei ist Stephan Heins, der sich auch als Parteiloser im Gröpelinger Beirat engagiert. „Ich lebe seit vielen Jahren in Gröpelingen und sehe, wie es für viele im Stadtteil immer schwieriger wird“, erzählt er. „Wenn man hinter die Fassaden schaut, dann sieht man viele Probleme. ‚Solidarisch in Gröpelingen‘ möchte die Vereinzelung der Menschen hier in Gröpelingen aufheben und einen kollektiven Zusammenhalt schaffen.“ Dabei gehe es darum, gemeinsam Probleme zu lösen, Erfahrungen weiterzugeben und als Nachbarn – egal aus welchem Land – wieder mehr zusammenzuwachsen.

Zusammenhalt der Gröpelinger

„Wir haben irgendwann gemerkt, dass das Miteinander verloren gegangen ist“, sagt Stephan Heins. Zwar höre man immer wieder vom großen Zusammenhalt der Gröpelinger – diesen gebe es aber in einzelnen Quartieren inzwischen nicht mehr, ergänzt Sabine Zimmer: „Das liegt zum Beispiel daran, dass die Mieter in manchen Nachbarschaften häufig wechseln. Es gibt zwar durchaus innerhalb einzelner Communitys enge Strukturen, aber nicht darüber hinaus.“

Probleme mit dem Amt, mit der Arbeit oder was auch immer ließen sich aber nur mit vereinten Kräften lösen, sind Heins und Zimmer überzeugt: „Wir wollen deshalb eine Struktur aufbauen, um uns gegenseitig zu helfen, zu unterstützen und zu ergänzen.“ Dabei könnten zum Beispiel gemeinsame Aktionen organisiert werden oder es könnten Erfahrungen weitergegeben werden, wenn es um Probleme gehe, die auch jemand anderes aus der Gruppe schon einmal hatte. Einen konkreten Fall gab es schon, dem die Gruppe gemeinschaftlich eine Wende zum Positiven geben konnte: Eine Leiharbeitsfirma hatte sich einer erkrankten Mitarbeiterin entledigt, indem ihr eine Selbstkündigung zur Unterschrift vorgelegt worden war. Was sie da unterschrieb, wurde der Frau dabei allerdings nicht erklärt. Das Jobcenter verhängte daraufhin eine Sperrfrist für ihr Arbeitslosengeld; bei Solidarisch in Gröpelingen wurde ihr geholfen, dagegen Widerspruch einzulegen. „Wir haben ihr außerdem angeboten, mit ihr zum Arbeitgeber zu gehen“, erzählen Stephan Heins und Sabine Zimmer. Dies sei dann aber nicht mehr nötig gewesen.

Das Thema Zeitarbeit beschäftigt die Gruppe derzeit besonders intensiv. Hintergrund ist eine Gesetzesänderung im April. Demnach müssen alle, die länger als neun Monate in einem Betrieb arbeiten, denselben Lohn wie ihre festangestellten Kollegen bekommen. Dies führt Stephan Heins zufolge dazu, dass viele Unternehmen Leiharbeitern zum Jahresende gekündigt hätten, um neue einzustellen. Kürzlich hat die Gruppe rund ums Güterverkehrszentrum Flyer verteilt, um auf diese Ungerechtigkeit aufmerksam zu machen und dagegen aktiv zu werden. Denn, so Heins: „Leiharbeit nutzt diejenigen aus, die so arbeiten müssen, und bedroht auch die Arbeitsbedingungen der Festangestellten.“

Bei aller Fachkenntnis – eine Beratungsstelle kann und will Solidarisch in Gröpelingen ausdrücklich nicht sein. „Es geht nicht um eine Dienstleistung oder um Sozialarbeit, sondern darum, zusammen aktiv zu werden“, betonen Heins und Zimmer. Wichtig sei der Gruppe außerdem, sich nicht ausschließlich mit Problemen zu beschäftigen. Deshalb lädt die Stadtteilgewerkschaft auch regelmäßig zu Filmabenden ein und schafft daneben Möglichkeiten, sich über kulturelle Themen auszutauschen, zusammen zu kochen oder sich einfach nur mal so im „Café Solidarisch“ zu treffen. Das findet momentan noch im „Mosaik“ am Liegnitzplatz und im Bewohnertreff an der Rostocker Straße statt. Geplant ist, demnächst einen eigenen Stadtteilladen als Treffpunkt zu eröffnen. Und auch auf Facebook ist die Gruppe natürlich vertreten. Für die Zukunft gibt es ambitionierte Pläne: „Es wäre schön, wenn es ähnliche Zusammenschlüsse irgendwann zum Beispiel auch in Hemelingen oder Huchting gäbe“, sagt Sabine Zimmer.
https://www.weser-kurier.de/bremen/stadtteile/stadtteile-bremen-west_artikel,-gemeinsam-stark-_arid,1669298.html

Der in dem Text erwähnte Stadtteilladen ist bereits gefunden und angemietet. Die Gruppe kriegt mit hilfe eines Unterstützerkreises die nicht unerhebliche Miete zusammen.

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Kuddel


Beiträge: 10863


« Antworten #1 am: 12. Februar 2018, 18:44:37 »

Zitat
Revolutionäre Stadtteilarbeit
Drei Initiativen wollen Anwohner_innen über Hilfe bei Alltagsproblemen organisieren


    Von Florian Kastl


Dass viele Menschen in Großstädten nicht einmal die eigenen Nachbarn kennen, ist mehr als nur Klischee. Linke Stadtteilprojekte möchten das ändern - indem sie Bewohner_innen zum solidarischen Miteinander einladen. Im Zuge einer Veranstaltung der Gewerkschaftslinken Hamburg stellten sich drei solcher Initiativen aus Hamburg und Bremen vor: Wilhelmsburg Solidarisch, St. Pauli Solidarisch und Solidarisch in Gröpelingen.

Gröpelingen ist nicht unbedingt einer der Bremer Stadtteile, die den Glanz vergangener Hansetage tragen. Viele Erwerbslose, hohe Kriminalität und soziale Probleme machen ihn zum vermeintlichen Problembezirk. Genau hier sind Stephan Heins und Sabine Zimmer aktiv. Mit der Initiative »Solidarisch in Gröpelingen« betreiben sie etwas, was Sabine Zimmer »revolutionäre Stadtteilarbeit« nennt. Angetrieben sahen sich die Bremer von zwei Faktoren. Einerseits sei man mit der radikalen linken Praxis unzufrieden gewesen. »Viele wollen von oben die Machtverhältnisse verschieben«, so Sabine Zimmmer, »Sie arbeiten oft gegen die Gesellschaft«.

Dazu kommt eine gewerkschaftliche Komponente: Gerade durch die Zunahme von Leiharbeit trauten sich viele Arbeiter_innen nicht mehr, sich zu organisieren, weiß Stephan Heins. Es sollte also eine Art Stadtteil-Gewerkschaft her. Die Idee: Man organisiert die Menschen einfach außerhalb der Arbeitsplätze und vermindert so die Gefahr, dass der drohende Jobverlust sie davon abhalten könnte, aktiv zu werden. Doch selbst abseits der Werktätigkeit stehe man hier bisweilen vor Problemen. Bei einer Zusammenkunft von Mieter_innen beispielsweise. »Erst bekamen wir einen Raum vom Quartiersmanagement für unser Projekt. Als man dort dann aber herausgefunden hat, dass wir eine Hausversammlung abhalten, hat man uns den Schlüssel direkt wieder abgenommen«, so Stephan Heins.

Die Ansprache der Menschen findet also direkt an deren Lebensmittelpunkt statt. Dabei geht es weniger um politische Mobilisierung, sondern vielmehr um Hilfe bei alltäglichen Problemen. Hartz IV, Mieterhöhung, Kündigungen. Gerade Gröpelingen als ethnisch vielfältiger Stadtteil sei für eine linke Gesellschaftsarbeit prädestiniert, findet Sabine Zimmer: »Leider haben nationalistische und religiöse Kräfte bereits ›gute Arbeit‹ geleistet.« Hier möchte man Alternativen bieten.

Die Hamburger Elbinsel Wilhelmsburg ist ebenfalls sozial prekär. Hier gibt es seit 2014 die Stadtteil-Initiative »Wilhelmsburg Solidarisch«. Auch hier sind alle Bewohner_innen des Viertels eingeladen, bei individuellen Problemen zu einem der Treffen zu kommen. Schnell wird dann oft klar, dass diese Probleme eben weniger individueller, denn struktureller Natur sind. Um sich dagegen auch aktiv zur Wehr setzen zu können, gibt es bei »Wilhelmsburg Solidarisch« auch eine Kampf- und Streikkasse.

Doch nicht nur finanziell wird geholfen. An einem Bürotag werden unter anderem gemeinsam Briefe von Vermietern und Behörden geöffnet. »Viele haben alleine davor schon große Angst. Es könnte ja wieder eine Rechnung drin sein«, weiß Aktivistin Kathi aus Wilhelmsburg. Aus einer Enttäuschung vom radikallinken Aktivismus sei man hier aber nicht gestartet, so die Aktivist_innen. Vielmehr spielten Erfahrungen rund um Räumungen in Berlin eine Rolle. Dort habe es stadtteilübergreifende Organisationstreffen geben, die sehr viel Zeit in Anspruch genommen haben. Also habe man beschlossen, sich in den Vierteln auf einer überschaubaren Ebene zu organisieren.

Der Sprung über die Elbe nach Norden führt nach St. Pauli, wo sich jüngst ebenfalls eine linke Stadtteil-Initiative gegründet hat - nach Vorbild der Wilhelmsburger. »Wir sind keine Sozialberatung«, sagt Aktivist Philipp. Noch aber ist die Initiative von St. Pauli im Entstehen begriffen. Um die zehn Menschen kämen im Schnitt zu den Treffen. Kritisch sei es auf St. Pauli nicht nur um die steigenden Mieten bestellt. Auch rassistische Polizeikontrollen gehörten zu den Themen auf der Agenda. Im Gegensatz zur Insel Wilhelmsburg sind die Voraussetzungen rund um Hamburgs Vergnügungsviertel jedoch anders. Hier möchte man von anderen Stadtteilprojekten lernen. Sabine Zimmer aus der Bremen Initiative ist zuversichtlich: »In unserer Arbeit haben wir bereits jetzt gesehen, was mit linker Stadtteilarbeit möglich ist.«
https://www.neues-deutschland.de/artikel/1075627.linke-basisarbeit-revolutionaere-stadtteilarbeit.html
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Kuddel


Beiträge: 10863


« Antworten #2 am: 12. Februar 2018, 18:51:40 »

Da will Kiel natürlich nicht hintenan stehen.

In informeller Form gab es das schon länger, doch nun gibt es revolutionäre Stadtteilarbeit unter eigenem Label und mit festen Terminen:

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