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Autor Thema: Suizid  (Gelesen 1172 mal)
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Kuddel


Beiträge: 11608


« am: 20. Dezember 2017, 13:06:18 »

Zitat
Interview
Suizid: «Wir haben die lange Tradition des lachenden Todes vergessen»

Mehr als 800 000 Menschen bringen sich pro Jahr weltweit um. Das sind mehr, als in Kriegen getötet werden. Der Philosoph Thomas Macho erklärt, was daran positiv sein soll.



Der Tod wird pathologisiert, dabei kann der Gedanke daran Trost spenden. La Santa Muerte – der Heilige Tod – wird in Mexiko angebetet.

Herr Macho, Sie schreiben in Ihrem neuen Buch «Das Leben nehmen», wir lebten in einer «suizidfaszinierten Welt». Ist unsere Gesellschaft nicht viel eher von ewiger Jugend fasziniert?

Beides gehört zusammen. Nehmen wir den Vampir Adam in Jim Jarmuschs Film «Only Lovers Left Alive»: Er leidet an der Unsterblichkeit und denkt sich daher einen raffinierten Suizid aus. Stephen King sympathisiert in seinen letzten Romanen mit der Idee, lieber einen rechtzeitigen und würdigen Tod zu sterben, als das Leben ewig zu verlängern. Die unheimlichen Pläne des Silicon Valley, dem Menschen das ewige Leben zu verkaufen, werfen ihre Schatten voraus.

Die Filme und Romane drücken also eine verbreitete, aber unbewusste Faszination für den Suizid aus?

Eine vorbewusste Faszination. Wir haben noch keine passenden Formen gefunden, um darüber zu reden. Der Jugendkult ist offensichtlich: Wir sprechen über unsere Fitness-Anstrengungen, über gesunde Ernährung und den Schönheitschirurgen, aber nicht über den mit dem Älterwerden wachsenden Wunsch nach dem Ende des Lebens. Die Kunst und die Philosophie dagegen tun das seit langem.

«Alle möglichen Motive werden in den Topf der Depression geworfen. In dieser Optik bringt der freiwillige Tod nur Versager hervor.»

Sie nennen den Suizid das «Leitmotiv der Moderne».


Sehen Sie: In der Antike und besonders in der stoischen Philosophie wird der Suizid positiv bewertet, wenn auch nur für eine schmale männliche Elite. Sich zur rechten Zeit das Leben zu nehmen, gilt als Zeichen von Besonnenheit und Reife. Unter dem Christentum dann wird der Selbstmord bekanntlich zur Todsünde und zum Verbrechen. Friedrich der Grosse, der sich von Voltaire beraten lässt, setzt die Entkriminalisierung in Gang, doch auch nachher noch wird die Leiche des Selbstmörders zur Strafe geschändet und das Familienvermögen konfisziert. In den Vereinigten Staaten wird noch im 19. Jahrhundert ein Sklave, der sich zu töten versucht, wegen Beschädigung fremden Eigentums bestraft. In Grossbritannien erfolgt die Entkriminalisierung erst 1961, in Israel noch später. Heute ist der Suizid keine Sünde mehr und auch kein Verbrechen, aber er ist eine Krankheit. Er ist pathologisiert worden. Dabei kann der Gedanke an ihn tröstlich sein.

Sie haben zum Thema Suizid über fünfhundert Seiten geschrieben, kaum einen einschlägigen Film ausgelassen – das Thema ist wohl eine persönliche Präferenz?

Natürlich, aber diese temporäre Präferenz kennt fast jeder Mensch. Darum geht es mir ja gerade.

Und Sie malen sich aus, welche Suizidmethode Sie wählen würden?

Ja, aber die verrate ich Ihnen nicht.

Reden wir über Statistiken: Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) töten sich viele Menschen in Asien, etwas weniger im Westen, am wenigsten in Afrika. Würden Sie daraus eine These von Suizidkulturen ableiten, von fernöstlicher Schamvermeidung und protestantischer Ethik zum Beispiel?

Nein, das wäre zu plakativ, und wissen Sie, diese WHO-Statistiken . . . Höchstens ein Drittel der Zahlen sind verlässlich, viele Länder schönen sie, die Dunkelziffer ist hoch. Über Suizide in Gefängnissen weiss man wenig. Anders als in Japan zum Beispiel gelten Suizide in China als Ausdruck von Egoismus. Bekannt ist die Episode, wie ein Automobilist auf einer Brücke einem Mann, der sich in die Tiefe stürzen wollte, aber durch sein Zögern einen Stau verursachte, den entscheidenden Stoss versetzte. Einer, der sich töten will, so die Überzeugung, soll ruhig sterben. Sicher ist aber, dass sich viel mehr Menschen das Leben nehmen, als man denkt, weltweit mindestens 800 000 jährlich. Die Zahl übertrifft die der Kriegstoten deutlich. Und die Reaktion ist fast immer die gleiche: Wie schlimm! Man schweigt, fühlt sich schuldig, schämt sich.

Gerade bei einem Adoleszenten ist die Selbsttötung aber wirklich schlimm, nicht zuletzt für die Eltern.

Das bestreite ich nicht. In vielen Fällen ist der Suizid eine Tragödie, die vielleicht hätte verhindert werden können. Aber wenn wir nur in der Terminologie von Prävention und Pathologie darüber reden, verbauen wir uns einen anderen Umgang mit dem Tod. Laut der WHO haben 90 Prozent der Suizide eine psychische Erkrankung als Ursache. Das ist schwer übertrieben: Da werden alle möglichen Motive in den Topf der Depression geworfen. In dieser Optik bringt der freiwillige Tod nur Versager hervor: Der Suizident hat vor dem Leben versagt, und die Angehörigen und Freunde haben versagt, weil sie ihm nicht zugehört haben. Vielleicht gebührt dem Menschen, der eigenhändig sein Leiden beendet, einfach nur Respekt?
Zitat
Mit dem Tod per Du

uha. · Der Kulturphilosoph Thomas Macho hat unter anderem zu Totenkulten, zur Beziehung zwischen Tier und Mensch, zu Science-Fiction und zur Zeitrechnung publiziert. Er analysiert unsere Gesellschaft, indem er sie von den Rändern her denkt. Sein jüngstes Buch, «Das Leben nehmen», soeben bei Suhrkamp erschienen, geht dem Suizid in der Moderne nach. Macho ist Direktor des Internationalen Forschungszentrums Kulturwissenschaften in Wien. Bis 2016 war er Professor für Kulturgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin.


Soll ein Lebensmüder sich von einem Arzt helfen lassen dürfen, wenn er sterben will, statt dass er vor den Zug springt?


Sie sprechen die aktive und die passive Sterbehilfe an: Die rechtliche Lage ist in Europa höchst komplex. Natürlich soll ein alter Mensch sterben dürfen, wenn er nicht mehr leben will. Man muss den Einzelfall beurteilen. Viel akuter scheint mir das Problem des sich ausdehnenden Zwischenreichs zwischen Leben und Tod zu sein: Was tun, wenn jemand sterben will, aber nicht mehr in der Lage ist, diesen Wunsch mitzuteilen? Und was tun, wenn jemand eine Patientenverfügung dazu aufgesetzt hat, unter welchen Umständen er sterben will, inzwischen aber seine Meinung geändert hat, die er nicht mehr artikulieren kann? Für dieses Problem gibt es kaum eine Lösung. Viele Ärzte ermöglichen ihren Patienten ein qualfreies Sterben, indem sie die Morphiumdosis erhöhen und so das Leben im Zwischenreich verkürzen; aber diese Praxis wird verschwiegen, weil sie häufig strafbar wäre.

Palliativmediziner warnen vor dem wachsenden Druck auf die kranken Alten, endlich zu sterben, weil sie für Gesellschaft und Angehörige nur noch eine Last seien, auch eine finanzielle.

Dieser Faktor wird überbewertet. Das Alt- und Krankwerden legt nun einmal den Gedanken an das Abschiednehmen näher. Viele alte Menschen nehmen sich das Leben. Man müsste die Stigmatisierung des Alterssuizids aufbrechen. Vor einigen Jahren ist an der Deutschen Oper Berlin bei einer Aufführung von Wagners «Tristan und Isolde» das sterbende junge Paar durch ein altes ersetzt worden, worauf das Publikum mit Buhrufen reagiert hat. Dabei hat der Liebestod eines alten Paars, wie ihn etwa Michael Haneke in seinem Film «Amour» zeigt, etwas Berührendes, Befreiendes.

Ist nicht der Tod einfach nur schrecklich?


Wir haben die lange Tradition des lachenden Todes vergessen: Denken Sie an die Totentänze, an den «Día de los Muertos» in Mexiko, an den morbiden Humor, den Enrique Vila-Matas in seinen Erzählungen über «vorbildliche Selbstmorde» demonstriert. Diese Kontexte haben wir verschüttet, als müsste jeder Tod grässlich sein, jeder Suizid pathologisch. Dabei teilen die Menschen ihre Sterblichkeit miteinander. Was uns trennt, verbindet uns.

Sie schreiben: «Wer sich das Leben nimmt, ergreift es.» Was meinen Sie damit?


Dass jemand sein Leben abrundet, indem er es beendet. Kafka soll dem Arzt, der ihm die tödliche Spritze gab, gesagt haben, er solle nicht fortgehen, worauf dieser erwiderte, er gehe nicht weg. Darauf sagte Kafka: Aber ich . . . Und schloss die Augen.

Die Kehrseite des Projekts des selbstbestimmten Sterbens ist: Muss ich mich jetzt auch noch um meinen Tod kümmern?

Ich würde sagen: Sie haben immerhin die Möglichkeit.

Kann Suizid ein subversiver Akt sein?


Sicher! Die politische Dimension des Suizids hat schon Sokrates hervorgehoben, der freiwillig den Giftbecher getrunken haben soll. Michel Foucault hat den Suizid sehr positiv bewertet. Der Suizident behauptet sich gegen die Todesdrohung politischer, staatlicher oder ökonomischer Macht. Er erteilt ihr eine Absage.

Zugleich erteilt er eine Absage an eine höhere, göttliche Macht, die das Ende des Lebens bestimmt?


Genau. Die politische Dimension des Suizids sollte respektiert werden. Wir aber begegnen den Suizidenten immer nur mit Mitleid oder Vorwurf.
https://www.nzz.ch/gesellschaft/wer-sich-das-leben-nimmt-ergreift-es-ld.1326101
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« Antworten #1 am: 19. August 2018, 19:07:24 »

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Trotz Gerichtsurteil 
Arzneimittel-Institut lehnt Anträge auf Sterbehilfe-Medikamente ab

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hat nach einem Bericht des Berliner "Tagesspiegel" bislang sieben Anträge auf den Erwerb von Sterbehilfe-Medikamenten abgelehnt. Dabei hatte das Bundesverwaltungsgericht das Institut verpflichtet, entsprechende Anträge zu prüfen.

"Das BfArM bescheidet Anträge stets nach sorgfältiger Einzelfallprüfung unter Berücksichtigung der individuellen Umstände", teilte die Behörde demnach auf Anfrage des Blattes mit. Tatsächlich werden Anträge laut "Tagesspiegel" (Montagsausgabe) dagegen trotz eines anderslautenden Gerichtsentscheids grundsätzlich abgelehnt.

Urteil wird umgangen
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...

Kriterien für eine Freigabe tödlich wirkender Medikamente zu entwickeln "würde die bisherige ethisch-politische Linie von Herrn Minister konterkarieren", hieß es demnach bezogen auf Spahns Amtsvorgänger Hermann Gröhe (CDU) in einem Vermerk bereits vier Tage nach dem Urteil. Die Vermerke habe das Blatt nach einer erfolgreichen Informationsklage einsehen können.

Quelle: t-online

Klar, gegen die ethisch-politische Linie eines Ministers kann ein Urteil nur abstinken. Das hat sicher etwas mit diesen Werten und Normen zu tun, die stehen ungeschrieben sogar über dem Gesetz.
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Es ist kein Zeichen geistiger Gesundheit, gut angepasst an eine kranke Gesellschaft zu sein.
Jiddu Krishnamurti
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« Antworten #2 am: 20. August 2018, 08:17:26 »

Oh ja, die westliche Wertegemeinschaft!
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« Antworten #3 am: 05. September 2018, 19:10:06 »

In Belgien und den Niederlanden gibt es die "Pill van Drion."
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Beiträge: 7164



« Antworten #4 am: 06. September 2018, 09:46:47 »

In Belgien und den Niederlanden gibt es die "Pill van Drion."

Ist alles in Niederländisch was ich dazu gefunden habe, es lässt sich daraus etwas zusammenreimen aber informativ ist anders, daß unsere unabhängige Qualitätspresse ggf. so ein Thema lieber nicht thematisiert spricht für sich, unser(e) Minister sollen ja nicht leiden.

Nachtrag:
Sterbehilfe Niederlande bringt bessere Suchergebnisse, seit 2002 in den Niederlanden erlaubt, hab auch schon vom gesellschaftlichen Gewöhnungseffekt gelesen, jedes Jahr sterben dadurch Menschen, mal mehr, mal weniger, ist also furchtbar grausam, wir sperren das Leid und Siechtum lieber weg, oder gehen den legalen Weg über mehr "verantwortungsvolle" Kriegsbeteiligung.

Noch ein Nachtrag:
Zitat
Tödliche Feldversuche

Ganz harmlos? Völkerrechtlich geächtet, ist Pfefferspray im Kriegseinsatz verboten. Doch in Deutschland darf es bei Demos eingesetzt und mit einem Aufkleber ("Zur Tierabwehr") an Minderjährige verkauft werden. Zwei aktuelle Todesfälle verdeutlichen das Gefahrenpotenzial.
...

Quelle: kontextwochenzeitung
« Letzte Änderung: 06. September 2018, 11:04:39 von Troll » Gespeichert

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