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Autor Thema: Geschichtliches: Der TUNIX Kongress  (Gelesen 51 mal)
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Kuddel


Beiträge: 10467


« am: 03. Februar 2018, 15:01:43 »

Ich habe die Zeit in bester Erinnerung. In der Schule habe ich ein Referat über die Grüundung der Grünen gehalten. Ich war TAZ Abonnent der ersten Stunde. Habe schon die wöchentlichen "Nullnummern" gelesen, bevor die Zeitung täglich erschien. Ich habe für die damals radikale Zeitung Werbung gemacht. Daß es mal eine reaktionäre Zeitung werden könnte, hab ich mir nicht träumen lassen.

Zitat
Der TUNIX-Kongress 1978
Neue Träume statt Weltrevolution



Nach dem TUNIX-Kongress 1978 entstanden zahlreiche Initiativen wie die Kultur-und Freizeitstätte auf dem ehemaligen UFA-Gelände in Berlin.

Nach APO und Deutschem Herbst - Weil die großen Utopien gescheitert waren, setzte die Linke auf die Politik der kleinen Schritte: Auf dem TUNIX-Kongress im Januar 1978 nahmen alternative Buchläden, Bürgerinitiativen und auch die "tageszeitung" ihren Anfang.

"Wir fangen wieder an, unser Leben in unsere eigenen Hände zu nehmen, wir werden wieder den Mut haben, zu dem zu stehen, was wir eigentlich wollen, wir scheißen auf das Modell Deutschland."

"Modell Deutschland", das war der Wahlkampfslogan der SPD im Wahlkampf von 1976 gewesen, aber 1977 war der deutsche Herbst durchs Land marodiert: Die Rote Armee Fraktion hatte Generalbundesanwalt Buback, Bankier Ponto, Arbeitgeberpräsident Schleyer ermordet, Kanzler Schmidts Modell Deutschland stand für Atomkraft, Berufsverbote, Überwachungsstaat, Rasterfahndung: für Hubschrauber über der Landstraße und Verkehrskontrollen mit Maschinenpistolen, um den "Sympathisantensumpf des Terrorismus" auszutrocknen.

Die Repression des Staates war allgegenwärtig, die Stimmung eisig, und nach dem Deutschen Herbst würde ein politischer Winter einziehen: Da beschlossen im Dezember 77 ein paar Spontis (beim Bier nach dem samstäglichen Kicken hinter der West-Berliner Kongresshalle), dem drohenden Erstickungstod der Linken ein neues Lebenszeichen entgegenzusetzen: einen lokalen Kongress mit dem irreführenden Namen TUNIX, der die Utopien noch einmal feiern sollte – als produktives Fanal, bei dem auch fröhliche Lieder gesungen wurden.

Abschied vom Klassenkampf


Macht die Politik der kleinen Schritte, fangt zuhause an mit dieser Kunst: Das war die neue Idee der undogmatischen Linken. TUNIX wurde zur größten linksintellektuellen Veranstaltung seit Beginn der Studentenbewegung. Die großen theoretischen Konzepte des SDS und der APO waren ebenso an der Realität gescheitert wie die dogmatischen Versuche kommunistischer Sekten, das Proletariat über Betriebsarbeit zum Klassenkampf zu führen. Die einzige Theorie, die übrig blieb, war die der Graswurzelrevolution, die Veränderung der eigenen Person

Aber die Veränderung sollte durchaus die Gesellschaft verändern – durch das Schaffen eines Gegenmodells in friedvollem Miteinander.

Es gab Arbeitsgruppen zum Staat ("Erobern oder zerstören?"), zu Anti-Psychiatrie, selbst verwalteten Jugendzentren und Food-Coops (zum "Aufbau einer eigenen Nahrungsmittelkette"); Frauen diskutierten über "Feminismus und Ökologie", und unter dem Motto "Rosa glänzt der Mond von TUNIX" trafen sich Männer, die bald die ersten Paraden zum "Christopher Street Day" organisierten. Es ging um linke Buchhandlungen, Anwaltskollektive und Windenergie, um politische Gefangene und um Kneipen: Der Programmpunkt hieß "Linke Kneipen - Abfüllstation oder Gegenöffentlichkeit?"


Die Nullnummer der alternativen "Tageszeitung", allgemein taz genannt, erschien im September 1978 mit einer Auflage von 55.000 Exemplaren. Die erset Ausgabe erschien aber erst am 17. April 1979.

Sogar die SPD war neugierig


Zur Unterhaltung spielten – für fünf Mark Eintritt - Bands wie Teller Bunte Knete, Missus Beastly und das sogenannte Linksradikale Blasorchester.

Nicht jeder verstand sofort die Zeichen der neuen Zeit. CDU-Mann Eberhard Diepgen jedenfalls nicht:

"Die politische Stoßrichtung dieser Veranstaltung ist aber nicht neu! Die alten Ziele der extremistischen und terroristischen Gruppen sind geblieben. Sie wollen diesen Staat und diese Gesellschaft zerschlagen, bekämpfen und unterwandern."

SPD-Mann Peter Glotz, West-Berliner Wissenschaftssenator, war neugieriger, trat sogar bei TUNIX auf, aber im Berliner Abgeordnetenhaus musste er sich in einem christdemokratischen Tumult für sein Interesse an den Gedanken dieser neuen jungen Linkenströmung rechtfertigen:

"Wo stellen Sie sich denn? Wo diskutieren Sie denn mit diesen jungen Menschen? Wo ist denn Ihre christliche Gesinnung? Was macht denn eigentlich Ihre eigene Grundeinstellung? Ich beantworte jetzt keine Rage, Herr Diepgen. Hören Sie zu! Hören Sie zu!"

Neue Buchläden, Reisebüros und eine neue Partei


Die Medien berichteten, wenn überhaupt, allenfalls über die Steinewerfer bei der Samstagsdemo. Was fehlte? Der Anwalt Christian Ströbele und der investigative Reporter Günther Wallraff stellten das Projekt "tageszeitung" vor, eine Idee, entstanden unter dem Eindruck einer großen Nachrichtensperre während der Schleyer-Entführung 1977.

TUNIX hieß der Kongress, aber tu was war die Grundstimmung. Buchläden, Ökobauernhöfe, Bürgerinitiativen, alternative Reisebüros – ein linkes Gründungsfieber war ausgebrochen. Befreit von der heiligen Pflicht des Revolutionärs, die Revolution zu machen, konnte man etwas Neues unternehmen, selbst auf dem abgeranzten Feld der Parteipolitik.

http://www.youtube.com/watch?v=HLP0jkZ6p54
http://www.deutschlandfunkkultur.de/der-tunix-kongress-1978-neue-traeume-statt-weltrevolution.976.de.html?dram:article_id=409055#

Am Anfang hatte ich schon eine gewisse Sympathie für die Grünen, die damit warben, ökologisch, basisdemokratisch, sozial und pazifistisch zu sein. Es gab aber schon in den Gründungstagen Kritik und in Hamburg war die Bunte Liste stark, die nicht nur friedlich und naturschützend sein wollte, sondern auch den Kapitalismus in Frage stellte und einen radikaleren feminismus propagierte. Es gab damals schon Leute, die prophezeiht haben, daß alles so kommen würde, wie es dann auch gekommen ist. Wenn man die Kapitalismus als Grundübel außer acht läßt und die Klassenfrage ignoriert, wird alles vom System aufgesogen und integriert. Wie stark sich Leute verbiegen können bei dem Marsch durch die Institutionen, kann man an Joschka Fischer sehen. Vom Steinewerfer gegen Bullen zum Unterstützer von NATO Bombardements.

Die Zeit war einerseits bewegt, voller Diskussionen, Konflikte und Kämpfe. Gelichzeitig war die Zeit ein einziges Elend. Der Mainstream, die breite Masse waren geprägt vom faschistischen Geist. Der Krieg und das daraus folgende Chaos und Elend hat die Menschen eingeschüchtert. Sie wollten nicht drüber nachdenken. Sie wollten vergessen, verdrängen und überkleisterten alles mit Konsum und wachsendem "Wohlstand". Arbeiten, Konsumieren, Fresse halten. Ein widerliches, lebensfeindliches gesellschaftliches Klima.

Die zotteligen bunten jungen Leute mit ziemlich cooler Musik waren ein Gegenentwurf gegen diese bedrückende Art zu leben. Sie hatten andere Erwartungen an das Leben, als jeden Tag in die Fabrik zu gehen ("Arbeit macht das Leben süß, süß wie Maschinenöl" - Ton Steine Scherben), Wochenendsuff und vielleicht einmal im Jahr ein Urlaub mit der Familie. Ein solches Leben - der pure Horror.

Diese Gegenkultur hatte etwas sehr Subversives, aber gleichzeitig war sie entpolitisierend. Es gab ein vergleichbar gutes Sozialsystem, man kriegte vom Arbeitsamt seine Kohle, mit der man klar kam, wenn einem der Konsumrausch am Arsch vorbeiging, und das Amt hat einen nicht weiter genervt.

Neben der "Alternativkultur" gab es noch die K-Gruppen, KPD/ML, KBW, KB, DKP u.v.a.. Deren Spießigkeit, Verkrampftheit, deren ganzer Lebensstil, Sprache, Auftreten waren mir zuwider. Mich konnte die Idee auch nicht mitreißen, jeden Tag zu einer beschissenen Arbeit zu gehen, nur in der Hoffnung dann eines Tages in den Betriebsrat gewählt zu werden, um dann tolle linke Betriebsratsarbeit zu machen. Bah! Und dann gab es noch die RAF. Deren Sprache wurde immer verquarster. Deren Ziele waren irgendwelche Köpfe von Staat, Wirtschaft und Militär. Und sie wurden in der linksradikalen Szene wie Heilige gehandelt. Wagte man es, irgendwas von diesen Säulenheiligen nicht gut zu finden, war man ein Verräter.
Als es mit der militanten Hausbesetzerszne losging, mischten sich einige Dinge. Es war eine starke Gegenkultur, die den Lebensstil der bürgerlichen Gesellschaft in Frage stellte und ein Gegenbild vorlebte. Der politische Ansatz, war einerseits radikal direkt, Gebäude wurden in der Dirketen Aktion enteignet und es gab miltante Angriffe auf "die Schweine", deren Büros und so. Gegener waren auch irgendwelche Köpfe, Stadtplaner, AKW Betreiber oder andere Umweltverschmutzer, Militärs und Politiker. So etwas wie eine "Klassenfrage" gab es nicht. Die Welt da draußen, das waren alles irgendwie Spießer, Leute, die uns großteils im Arbeitslager sehen wollten (so war das Klima wirklich).

In den frühen 80ern versuchte die Zeitschrift WILDCAT (Anfangs "Karlsruher Stadtzeitung") einen zeitgemäßen Klassenstandpunkt zu entwickeln, der sich nicht an den überholten ML-Theorien orientiert. Auch hier war man sprachlich recht verquarst, der Angang war manchmal auch verkopft, aber es war ein wichtiger politischer Input in die Linke Bewegung. Die WILDCAT hat ihr erscheinen irgendwann eingestellt und gab es noch als internen, überregionalen Diskussionszirkel. Die WILDCAT erscheint wieder, aber in viel kleinerer Auflage, sehr unregelmäßig und mit nicht mehr dem Einfluß, wie in den 80ern.

Wir sollten die geschichtlichen Erfahrungen nicht vergessen. Vieles müssen wir völlig neu aufbauen, die Stärken und Fehler vergangener Kämpfe zu kennen, kann jedoch nicht schaden.

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