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Autor Thema: Gespräche über Weltuntergänge  (Gelesen 695 mal)
0 Mitglieder und 1 Gast betrachten dieses Thema.
admin
Administrator

Beiträge: 2167


« am: 01. Januar 2018, 20:25:26 »

Ich hätte nicht gedacht, daß ich nochmal den Text einer (schweizer) Sozialdemokratin empfehlen würde...

Zitat
Fünf nach zwölf: Gespräche über Weltuntergänge
«Wenn mein Leben und das der Kinder bedroht ist, kann ich nicht mehr einfach mit dem Papier wedeln.» Gespräch mit Ursula Koch.

Wie gehst Du persönlich mit dieser bedrohlichen Situation um? Stichwort Resignation?


Das beschäftigt mich sehr häufig. Nach der Erkenntnis, dass es eigentlich zu spät ist oder zu spät sein könnte, kommt die Frage: Was soll ich noch tun? Was nützt der Kampf? Könnte ich nicht einfach alles sein lassen? Diese Fragen sind sehr bedrückend. Persönlich habe ich grosse Schwierigkeiten gehabt, als ich das Buch «Global 2000» genau studiert habe, da hatte ich echte Depressionen. Da habe ich phantasiert, ich gehe weg von hier, nach Neuseeland oder weiss der Teufel wohin. Ich habe mir gedacht, wenn die Situation hier immer schlimmer wird, dann gibt es irgendwo noch eine Nische, wo ich noch meine 20 Jahre leben kann. Und ich habe Freude am Leben! Diese Phase war begleitet von einer echten Depression und der Unfähigkeit, mich auf die Arbeit zu konzentrieren. Irgendwie habe ich diese Fluchtgedanken aufgegeben, und dann kam so etwas wie ein «Dennoch». Ich habe mir überlegt, wie ich mein Leben überhaupt noch sinnvoll leben könnte und habe gemerkt: Selbst wenn ich erkennen sollte, dass es zu spät ist, gibt es für mich noch eine sinnvolle Lebensführung, die darin besteht, dass ich, obwohl es zu spät sein könnte, alles tue, es doch nicht soweit kommen zu lassen. Ich lebe heute nicht mehr mit der Hoffnung, dass ich die Welt verändern könnte, obwohl ich auch das immer wieder denke, aber, zuerst denke ich ganz persönlich, dass ich mit diesem Engagement ein sinnvolles Dasein habe, mit dem Hinstehen gegen diese Entwicklung. Das hat etwas mit der Würde vor mir selbst zu tun.

Es ist nicht mehr nur ein Kampf für eine Zukunft, sondern es ist eine Daseinsform für heute, ein Leben im Hier und Jetzt, obwohl es zugleich ein Daseinskampf für die Zukunft ist.
weiter: https://www.infosperber.ch/Artikel/Umwelt/Krieg-Umweltzerstorung-Ursula-Koch

Der Text, auch wenn man nicht jedem Punkt beipflichten mag, ist lesenwert und diskussionswürdig.
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counselor


Beiträge: 2663



« Antworten #1 am: 02. Januar 2018, 06:42:28 »

Langsam kommt es wohl im Mainstream an, dass wir uns längst im Übergang zu einer Klimakatastrophe befinden.
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Alles ist in Bewegung. Nichts war schon immer da und nichts wird immer so bleiben!
BGS
Polarlicht


Beiträge: 2779



« Antworten #2 am: 03. Januar 2018, 19:42:22 »

Langsam kommt es wohl im Mainstream an, dass wir uns längst im Übergang zu einer Klimakatastrophe befinden.

Da werden Einige sich in der Tat noch wundern. Glücklich kann sich schätzen, wer ohne Nachkommen ist in dieser Welt.

MfG

BGS
« Letzte Änderung: 03. Januar 2018, 19:44:53 von BGS » Gespeichert

"Ceterum censeo, Berolinensis esse delendam"

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Kuddel


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« Antworten #3 am: 19. Januar 2018, 11:53:12 »

Ein Bekannter von mir aus der Schweiz wollte den Artikel nicht unwidersprochen stehenlassen.
Er wollte mit vollem Namen genannt werden "Rainer Thomann" und mailte: "Elegant wäre als Quellenangabe „Mitverfasser des Buches ‚Aufstieg und Fall der Arbeitermacht in Russland‘ + Link: http://diebuchmacherei.de/produkt/aufstieg-und-fall-der-arbeitermacht-in-russland/“. In diesem Buch geht es im Grund genommen um die gleichen Themen, auch wenn sich nach 100 Jahren um die besiegte Arbeitermacht in Russland ein wahres Dornengestrüpp an Mythen und Legendenbildungen rankt."

Zitat
Ursula Koch bin ich noch nie begegnet. Und sollte ich je mit ihr ins Gespräch kommen, würden wir uns wahrscheinlich heftig streiten.
 
Auf den ersten Blick wirken Ihre Aussagen im Interview plausibel. Beim genaueren Hinschauen handelt es sich allerdings eher um Allgemeinplätze, etwas despektierlicher ausgedrückt: ein grosses Blabla auf hohem Niveau. Es gibt ausserdem einige Sätze, die fatal sind und nicht unwidersprochen bleiben dürfen.
 
„In einer dezentralen Gesellschaft kann die heutige Technologie gar nicht entstehen und angewendet werden. Am Beispiel der Mikroelektronik: Die Chips, die ganze hard ware, das kann man/frau nicht im Selbstbau machen, das setzt eine ganz bestimmte zentralistische Gesellschaftsstruktur voraus.“
 
Die Behauptung, eine hochentwickelte Technologie würde nur in einer zentralistischen Gesellschaftsstruktur funktionieren, ist nichts anderes als bürgerliche Ideologie. Nachdem sie sich eine Welt nach ihrem eigenen Bilde geschaffen hat, kann sich die Bourgeoisie eine andere Welt schlicht nicht vorstellen. Daraus den Schluss zu ziehen, man müsse, um den Zerstörungen Einhalt zu gebieten, welche die kapitalistische Gesellschaftsordnung an Mensch und Natur angerichtet hat und weiter anrichtet, zu einer bäuerlichen Produktionsweise zurückkehren, ist buchstäblich reaktionär. Die Automatisierung der Produktion, welche die Lohnarbeit tendenziell überflüssig macht, und die digitale Technologie haben vielmehr Möglichkeiten und Chancen geschaffen, die noch vor einem halben Jahrhundert undenkbar waren. Sie erlauben insbesondere die globale Vernetzung dezentraler Strukturen, ebenso wie einen verantwortungsvollen Umgang mit der Natur. Was und wie angebaut wird, was und wie produziert wird (ob Waffen oder landwirtschaftliche Geräte), das war und ist ein politischer Entscheid. Genauer gesagt, er wird von jenen gefällt, welche die Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel besitzen.
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Rudolf Rocker
Waldkauz


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« Antworten #4 am: 19. Januar 2018, 13:25:55 »

Da hat er auch vollkommen recht, der Rainer!
Übrigens werden diese ganzen "Chips" in kleinen Klitschen (dezentral) entwickelt und gebaut und gehen dann erst in die Massenproduktion!

Früher hat man mal gesagt: "Wenn die Entwicklung so weitergeht, machen die Maschienen bald alles für uns und dann müssen wir noch zwei oder vier Stunden am Tag arbeiten."
Heute ist es so, das die Maschienen (fast) alles für uns machen und wir arbeiten sogar immer länger! Stattdessen hat sich die Produktion erhöht und es werden sinnlos Resourchen und Menschen verheizt, um Dinge zu produzieren, die keiner braucht!
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BGS
Polarlicht


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« Antworten #5 am: 19. Januar 2018, 14:09:42 »

Rainer Thomann hat recht mit dem Gesagten. Werde mir sein Buch besorgen, antiquarisch und bestimmt nicht bei "amazon". Aber erstmal skifahren in unberuehrter Natur, wie jeden Tag Smiley

MfG

BGS
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Rudolf Rocker
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« Antworten #6 am: 19. Januar 2018, 15:02:20 »

Das kannst Du doch direkt über die Buchmacherei bestellen. Siehe Kuddels Link.
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BGS
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« Antworten #7 am: 19. Januar 2018, 16:54:47 »

Gut, wird gemacht.

MfG

BGS
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Kuddel


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« Antworten #8 am: 02. Februar 2018, 11:48:24 »

Es war nur der 1. Teil seines Kommentars zu "Gespräche über Weltuntergänge".
Hier ist der Rest, den Rainer Ursula Koch entgegnet:
Zitat
„Es braucht eine völlig neue Art der Revolution, keinen blutigen Aufstand mehr, sondern wahrscheinlich eine noch viel grössere Weigerung, nicht mehr mitzumachen, nicht mehr zu konsumieren, nicht mehr zu funktionieren.“
 
Ein ähnliches Mantra hörte ich als Jugendlicher dauernd von meinem Vater, ein überzeugter Sozialdemokrat und Gewerkschafter. Als Beweis fügte er jeweils an: „Schau in Chile, der Allende, er ist auf friedlichen Wege an die Macht gekommen. Es braucht gar keine Revolution.“ Die Geschichte dauerte wenige Jahre, dann verstummte das Mantra meines Vaters. Und ich sehe ihn noch heute vor mir, wie er am 11. September 1973 wie versteinert am Mittagstisch sass und kaum einen Bissen hinunterbrachte. Für ihn war eine Welt zusammengebrochen und für mich die Ablehnung jeglicher reformistischer Illusionen gefestigter denn je.
 
Die Metapher von der „blutigen Revolution“, vom „blutigen Aufstand“, unterstellt den Aufständischen eine Neigung zu Blutdurst und Gewalttätigkeit. Abgesehen von vereinzelten Gewaltexzessen, die sich hauptsächlich zu Beginn eines Aufstands als verständliche Reaktion auf die jahrelang erlittenen Demütigungen und Erniedrigungen entladen, verlaufen Revolutionen vergleichsweise friedlich. Im Unterschied zu den Gegenrevolutionen in all ihren Formen, die stets blutige Rache nehmen für den gescheiterten Versuch, die Herrschaft und die Privilegien einer Minderheit zu beseitigen. „Um ein Seitenstück zu finden für das Benehmen des Thiers und seiner Bluthunde, müssen wir zurückgehen zu den Zeiten des Sulla und der beiden Triumvirate. (…) Nur der eine Unterschied ist da, dass die Römer noch keine Mitrailleusen hatten, um die Geächteten schockweise abzutun, und dass sie nicht ‚in ihren Händen das Gesetz‘ trugen, noch auf ihren Lippen den Ruf der ‚Zivilisation‘“, schrieb Marx über die Niederwerfung der Pariser Kommune von 1871. Seither zieht sich dasselbe Bild wie ein blutroter Faden sowohl durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts – wie auch des noch jungen 21. Jahrhunderts.
 
Die nach Ursula Koch „noch viel grössere Weigerung, nicht mehr mitzumachen, nicht mehr zu konsumieren, nicht mehr zu funktionieren“, ist ein individueller Entscheid, der zu einem schönen Teil von den jeweiligen Lebensumständen abhängt: für Leute, die Familie und Kinder haben, sieht die Sache anders aus als für Einzelpersonen ohne Verpflichtungen und mit gesichertem Einkommen. Im besten Fall kann Konsumverzicht zu einer Veränderung der Nachfrage nach bestimmten Waren führen, in keinem Fall jedoch zu einer Veränderung der Produktionsverhältnisse. Die Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel ist der Schlüssel zur gesellschaftlichen und politischen Veränderung. Daher hat es durchaus seine Berechtigung, wenn wir uns in Fürstenberg akribisch mit betrieblichem Widerstand gegen die Lohnsklaverei befassen, auch wenn sich die Formen des Widerstands im Laufe der Zeit und unter gewissen Umständen durchaus ändern können (Stichwort: Stadtteilarbeit). Um der rücksichtslosen Ausbeutung von Mensch und Natur ein Ende zu setzen, ist es unabdingbar, dass die Lohnsklaven ihre Fesseln abschütteln und sich die Produktionsmittel aneignen, kurzum: jener Vorgang, den Marx in den berühmten Statuten der I. Internationale als „ökonomische Emanzipation der Arbeiterklasse“ bezeichnete.
 
Zurück zum Thema der „blutigen Revolution“. Die möglichweise wichtigste Frage, die über das weitere Schicksale eines zunächst siegreichen Aufstandes entscheidet, besteht darin, nicht in die Falle eines Bürgerkriegs zu geraten. (Das ist mir bei der Untersuchung über die Arbeitermacht in Russland stärker denn je bewusst geworden.) Es ist höchst bedenklich, wie sorglos die revolutionäre Linke damit umging (und umgeht) und wie wenig Beachtung die Problematik überhaupt findet. (Um dann, dies nur nebenbei, 100 Jahre später zu behaupten, der Bürgerkrieg in Russland sei den Bolschewiki aufgezwungen worden!) Jeder Krieg, auch ein Bürgerkrieg, wird von einer militärischen Logik beherrscht. Mit der Konsequenz, dass sich militärische Strukturen allzu leicht verselbständigen, sich allmählich auch politischer Strukturen bemächtigten und dem gesellschaftlichen Emanzipationsprozess ein Ende bereiten. Daher ist es von ganz entscheidender Bedeutung, nichts unversucht zu lassen, um eine politische Entwicklung zu verhindern, die in einem Bürgerkrieg endet.
 
Man braucht übrigens in der Geschichte gar nicht weit zurückzugehen. Es ist erst wenige Jahre her, als die Proteste gegen das Assad-Regime in Syrien innerhalb weniger Monate zu einem Bürgerkrieg führten, aus dem es bis heute kein Entrinnen zu geben scheint. Als dann etwas später Rojava überall in den Schlagzeilen war, konnte man auch lesen, dass die Kurdenführer von Anfang an davor gewarnt und vergeblich darauf hingewiesen hatten, dass Assad nicht so leicht zu stürzen sei. Bedauerlicherweise war es auch bei uns innerhalb der radikalen Linken kaum möglich, nüchtern über das Thema zu diskutieren: Während einige glaubten, im Namen eines sehr seltsamen „Anti-Imperialismus“ ein mörderisches Regime verteidigen zu müssen, gaben sich andere einem resignativen Defätismus hin. Andere wiederum verherrlichen inzwischen völlig unkritisch die politischen Strukturen in den nordsyrischen Kurdengebieten. So hoffnungsvoll die gesellschaftlichen und politischen Ansätze dort vermutlich auch sind, so verfehlt wäre es beispielsweise, ernstzunehmende Bericht über Menschenrechtsverletzungen einfach zu ignorieren oder gar mit den Umständen des Bürgerkriegs zu rechtfertigen.
 
So düster sich die Weltlage derzeit auch präsentiert, es gibt keinen Grund, in Weltuntergangsstimmung zu verfallen. Auf der einen Seite sieht es so aus, als würde die Bourgeoisie überall fest im Sattel sitzen. Gleichzeitig sitzt sie auf einem Pulverfass, dessen Lunte längst zu brennen begonnen hat. Das Feuer scheint erloschen. Doch unter der fahlen Asche glimmt grimmig die Glut. Es wird den Mächtigen nicht gelingen, diese brennende Lunte auszulöschen. Dafür sorgen allein die gesellschaftlichen Widersprüche, die ausreichend Reibung und Wärme erzeugen, um das Feuer stets von Neuem zu nähren. Das Jahr 2018 hat mit Protesten und Aufständen im Iran begonnen. „Der Druck aus dem Volks ist so gross, dass ihm das Regime nicht standhalten wird“, erklärte ein junger Iraner, der in die Schweiz geflüchtet war, hoffnungsvoll im Interview mit einer grossen Boulevard-Zeitung (www.blick.ch/news/ausland/iranischer-regime-gegner-nima-pour-jakub-30-ueber-die-proteste-das-ist-der-anfang-vom-ende-id7796642.html).
 
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