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Autor Thema: Klassenkampf - was ist das?  (Gelesen 4475 mal)
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Kuddel


Beiträge: 10863


« am: 09. Februar 2018, 13:12:34 »

Ich eröffne hier einen neuen Strang für eine Laberrunde über Theorie und Praxis von "Klassenkampf".
Es geistern scheinbar unterschiedliche Vorstellungen durch die Köpfe. Man sollte klären, worin sich die Vorstellungen unterscheiden.
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counselor


Beiträge: 2900



« Antworten #1 am: 09. Februar 2018, 13:18:22 »

Klassenkampf ist, wenn die Kämpfe der Arbeiterklasse einen die Gesellschaft verändernden Charakter annehmen und die Arbeiterklasse ihre strategische Offensive gegen die Diktatur der Monopole beginnt.
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Kuddel


Beiträge: 10863


« Antworten #2 am: 09. Februar 2018, 13:50:48 »

Die Herangehensweise von Linken, die Leute mit einem gemeinsamen politischen Bewußtsein zusammenzutrommeln, hat zu dem herrschenden Zustand geführt. Es gibt ein winziges linkes Ghetto, das politisch wirkungslos ist. Aus dieser Position blickt man herabschauend auf diejenigen, die nicht den politischen Durchblick haben.

Diese Leute wollen keine Veränderung und auch keine Revolution
Selbst da wäre ich mir nicht so sicher.

Es geht aber nicht darum zu fragen, was für ein Bewußtsein sie haben, wen sie wählen oder wie sie drauf sind.
Klassenkampf heißt, daß man Menschen nach ihren gemeinsamen Interessen organisiert. Man organisiert Arme gegen die Armut, Mieter gegen den Vermieter und Arbeiter gegen Vorgesetzte und Chef/Management. Und dabei fragt man nicht, ob jemand die Revolution will oder Bildzeitung liest, ob er Helene Fischer hört oder AfD wählt.
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counselor


Beiträge: 2900



« Antworten #3 am: 09. Februar 2018, 14:19:14 »

Klassenkampf heißt, daß man Menschen nach ihren gemeinsamen Interessen organisiert. Man organisiert Arme gegen die Armut, Mieter gegen den Vermieter und Arbeiter gegen Vorgesetzte und Chef/Management. Und dabei fragt man nicht, ob jemand die Revolution will oder Bildzeitung liest, ob er Helene Fischer hört oder AfD wählt.
Da bist Du aber noch auf der Stufe von Einzelkämpfen um Einzelinteressen. Klassenkampf bedeutet aber, Einzelkämpfe zu Massenkämpfen zusammenzufassen und höher zu entwickeln.

Einzelkämpfe sind ein wichtiger Ausgangspunkt, aber nicht das Ende der Fahnenstange.
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Rudolf Rocker
Waldkauz


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« Antworten #4 am: 09. Februar 2018, 14:56:04 »


Diese Leute wollen keine Veränderung und auch keine Revolution
Selbst da wäre ich mir nicht so sicher.
Eine ähnliche Diskussion hatten wir schon mal zum Thema Erwerbslosenberatung!
Diese Diskussion hatte ein gewaltiges Loch ins Forum gerissen und ich will das jetzt nicht alles wieder durchkauen, aber:
Wir hatten festgestellt, das die Erwerbslosenberatung nicht dazu führte, das Erwerbslose den Vorteil eines gemeinsamen, solidarischen Handelns erkennen und sich Gedanken über mögliche Alternativen zum bestehenden Sytem machen. (Zumindest nicht in einem "linken Sinn". Viele rennen heute bei Pegida und Co. mit!)
Im Gegenteil: Die Elo- Inis (und andere Netzwerke, die sich um die Belange der Erwerbslosen kümmern) wurden im Grunde nur als Dienstleister gesehen. War das eigene Problem gelöst, sah man diese Leute nie wieder!
Die Folge davon war, das die Inis nur noch damit beschäfftigt waren, sozialrechtliche Fragen zu beantworten und Einzelfälle abzuarbeiten. Die eigentliche politische Arbeit trat immer mehr in den Hintergrund oder verschwand ganz!
Die Inis übernahmen die Aufklärungs- und Beratungsarbeit, die eigentlich die JC und Arbeitsargenturen hätten leisten müssen.

Jetzt stelle ich die Frage, warum jemand glaubt, das das bei den Erwerbstätigen anders sein soll?
Da werden sich dann Leute einen Ast freuen, das sie eine kostenlose Alternative zur Gewerkschaft finden (Mitgliedsbeitrag) und die Gruppen dann mit arbeitsrechtlichen Fragen zuschütten.
Diese Gruppen werden sich dann früher oder später nur noch mit arbeitsrechtlichen Fragen auseinandersetzen. Stimmt die Lohnabrechnung, ist das mit dem Zeitkonto so in Ordnung, welcher Tarifvertrag gilt überhaupt für den, usw.
Dann machen die "revolutionären Gruppen" plötzlich klassische Gewerkschaftsarbeit.
Was bringt das?
Warum sind Leute, die den Fehler bei den Elo- Inis erkannt haben, so vehement dafür den gleichen Fehler bei den Erwerbstätigen noch mal zu machen?
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Jetzt können wir endlich rausfinden, was wir anstelle unserer Großeltern getan hätten!
counselor


Beiträge: 2900



« Antworten #5 am: 09. Februar 2018, 16:20:12 »

Ist bei der Montagsdemo genauso. Die kommen, suchen Beratung. Und wenn das persönliche Problem gelöst ist, sieht man sie nie wieder.

https://montagsdemo-nuernberg.jimdo.com/beh%C3%B6rdenbegleitung/
« Letzte Änderung: 09. Februar 2018, 16:31:11 von counselor » Gespeichert

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dagobert


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« Antworten #6 am: 10. Februar 2018, 00:38:38 »

Die Elo- Inis (und andere Netzwerke, die sich um die Belange der Erwerbslosen kümmern) wurden im Grunde nur als Dienstleister gesehen. War das eigene Problem gelöst, sah man diese Leute nie wieder!
Dann werfe ich mal die Frage in den Raum, wie man an diesem Punkt gegensteuern könnte?
Wie kriegt man die Leute dazu, über den eigenen Tellerrand hinaus zu denken?

Da werden sich dann Leute einen Ast freuen, das sie eine kostenlose Alternative zur Gewerkschaft finden (Mitgliedsbeitrag) und die Gruppen dann mit arbeitsrechtlichen Fragen zuschütten.
Wobei ein kostenloses Angebot keine Rechtsschutzversicherung (ala DGB) bieten kann, insofern dürfte das Problem hier (m.A.n.) nicht ganz so krass auftreten.
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Rudolf Rocker
Waldkauz


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« Antworten #7 am: 10. Februar 2018, 11:39:35 »

Zitat
Dann werfe ich mal die Frage in den Raum, wie man an diesem Punkt gegensteuern könnte?
Wie kriegt man die Leute dazu, über den eigenen Tellerrand hinaus zu denken?
Diese Frage spukt auch schon lange in meinem Kopf rum. Ich hab da aber bis heute noch keine Antwort drauf finden können.

Zitat
Wobei ein kostenloses Angebot keine Rechtsschutzversicherung (ala DGB) bieten kann, insofern dürfte das Problem hier (m.A.n.) nicht ganz so krass auftreten.
Naja, das ist bei Elo- Inis ja ähnlich. Sobald klar wird das da eine Klage geführt werden muss, schickt man die Leute auch zu einem Anwalt. Der ganze Rest davor (also die Beratung) macht einen viel größeren Teil aus.
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Rudolf Rocker
Waldkauz


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« Antworten #8 am: 10. Februar 2018, 11:42:40 »

Aus dem anderen Thread:
Ich finde, in diesem Thread sollte es um den Mindestlohn gehen.

Yep, zumal ihr sowieos aneinander vorbei geredet geschrieben habt.

Konkrete Hilfe bei einem konkreten arbeitsrechtlichen Problem ist nunmal was anderes als Widerstand gegen die Verhältnisse an sich.

Danke dagobert! Du hast genau verstanden worauf ich hinauswollte!
« Letzte Änderung: 10. Februar 2018, 11:47:16 von Rudolf Rocker » Gespeichert

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Kuddel


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« Antworten #9 am: 21. Februar 2018, 15:02:45 »

Ganz grundsätzlich sollte man sich darüber klar werden, daß entscheidende gesellschaftliche Änderungen (die Überwindung der kapitalistischen Systems) nur durch die Klasse, durch die Mehrheit der Bevölkerung, durchgesetzt werden können und nicht von einem überschaubaren Kreis linker Revoluzzer. Das bedeutet, wenn man andere Verhältnisse will, muß man in die Auseinandersetzungen auch die unter den Verhältnissen leidenden Menschen einbeziehen, die in ihren politischen Vorstellungen nicht "links" sind und in ihrem Lebensstil nicht "alternativ" sind. Es muß die Kassiererin bei Aldi genauso angesprochen werden, wie der Siemensbeschäftigte in Berlin oder der Leiharbeiter aus Thüringen. Wenn wir nicht bereit sind diese Leute zu erreichen und mit ihnen entlang ihrer eigenen Probleme zu kämpfen, dann ist die Revoluzzerei eine reine Pose und ein Umsturz der Verhältnisse nicht möglich.
Deshalb möchte ich auch Dagobert vehement widersprechen:
Konkrete Hilfe bei einem konkreten arbeitsrechtlichen Problem ist nunmal was anderes als Widerstand gegen die Verhältnisse an sich.
Genau an dieser Stelle beginnt die Auseinandersetzung darum, wer Recht und Macht hat im Betrieb und in der Gesellschaft. Der Klassenkampf beginnt bei Auseinandersetzungen um Handwaschpaste im Waschraum. Es kann der erste Schritt sein, zusammenzuhalten und sich gemeinsam zu wehren. Auch beim einfachen Rat, was Arbeits- und Sozialrecht angeht, wird eine Vertrauensbasis aufgebaut.

Deshalb machen auch die Faschos Erwerbslosenberatung. Ihnen geht es nicht darum, daß es den Betroffenen damit besser geht. Ihnen geht es darum, so Vertrauen bei den Betroffenen zu gewinnen und bei der von sozialem Abstieg bedrohten Mehrheit der Bevölkerung. Und die Faschos wissen, warum sie sich jetzt der Betriebsarbeit widmen. Sie wissen, daß die entscheidende Macht in den Betrieben liegt (und nicht in den Parlamenten). Sie wollen nicht Revolution spielen, sie wollen die Macht ergreifen.

Mit einer solchen Haltung
Wie gesagt: Mich interessiert Siemens nicht und seine Mitarbeiter auch nicht!
sind wir von Klassenkampf und politischen Fortschritten weit entfernt.
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Rudolf Rocker
Waldkauz


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« Antworten #10 am: 21. Februar 2018, 19:18:57 »

Dieser Thread hier ist fast 10 Jahre alt.
Man kann gut erkennen, wieviele zigtausend Menschen von Siemens seitdem auf die Straße gesetzt wurden.
Man kann auch erkennen, welche politischen Folgen das hatte: Keine! Null! Nix! Nada!
Das gleiche gilt für andere Massenetlassungen bei Nokia, Opel oder sonstwo!
In zwei Monaten interessiert sich keine Sau mehr dafür und es geht weiter wie bisher!

35 Antworten und 5834 Aufrufe in 10 Jahren
Trainerdiskussion im Fußballforum: 1452 Antworten und 149184 Aufrufe in 1 Jahr!
Nur um mal klarzustellen welche Relevanz bzw. Nichtrelevanz dieses Thema hier hat.

Wie gesagt: Mich interessiert Siemens nicht und seine Mitarbeiter auch nicht!
Wenn dann ein Kommentar von mir dazu führt, zu behaupten ich würde hier "schlaumeiern" und das Forum "vollposten" kannst Du Dich hier in Zukunft mit Dir selber unterhalten!
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Rudolf Rocker
Waldkauz


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« Antworten #11 am: 21. Februar 2018, 19:30:56 »

Ach Kuddel, Du wirst es wohl nicht mehr kapieren, oder?
Du reißt irgenwelche Kommentare aus dem Zusammenhang, die schon tausendmal im entsprechenden Thread behandelt wurden. Das interessiert Dich aber nicht!
Du machst weiter mit diesem Unsinn, obwohl dieses Problem schon hundertmal angesprochen wurde!
Dir scheint es wichtiger zu sein, Leuten nervig ans Bein zu pissen, als eine sachliche Diskussion zu führen. Die mittlerweile ins bodenlose gesunkene Zahl an Usern lässt mich vermuten, das es vielen Leuten ähnlich geht.

Mach weiter so Kuddel! Mobbe die Leute hier raus, deren Meinung Dir nicht passt! Du hast es ja fast geschafft!
Ich für meinen Teil hab da keinen Bock mehr drauf!
Tschüß!!!
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Kuddel


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« Antworten #12 am: 21. Februar 2018, 21:23:40 »

Dir scheint es wichtiger zu sein, Leuten nervig ans Bein zu pissen, als eine sachliche Diskussion zu führen.

Diese Behauptung ist eine infame Unterstellung!
Es liegt mir fern hier irgendwem ans Bein zu pissen.

Es geht um das Thema dieses Threads: Klassenkampf - was ist das?
Es geht darum, diesen Begriff mit Inhalt zu füllen, damit man nicht aneinander vorbeiredet.
Es geht darum erst einmal die gesellschaftlichen Verhältnisse zu verstehen, um sie zu verändern. Man muß sich überlegen, wie man man sich die Druckmittel aneignet, die notwendig sind, das durchzusetzen, was man anstrebt.

Die mittlerweile ins bodenlose gesunkene Zahl an Usern lässt mich vermuten, das es vielen Leuten ähnlich geht.

Hä? Soweit ich weiß, steigt die Zahl der Besucher seit rund einem Jahr kontinuierlich.

Ach Kuddel, Du wirst es wohl nicht mehr kapieren, oder?
Du reißt irgenwelche Kommentare aus dem Zusammenhang, die schon tausendmal im entsprechenden Thread behandelt wurden. Das interessiert Dich aber nicht!


Noch so eine Unterstellung! Ich habe sehr wohl gelesen, wie du argumentiert hast.
Zitat
35 Antworten und 5834 Aufrufe in 10 Jahren
Trainerdiskussion im Fußballforum: 1452 Antworten und 149184 Aufrufe in 1 Jahr!

Mich interessiert erst einmal die Richtigkeit von Argumenten. Wenn uns Popularität oder Mehrheiten wichtiger wären, sollten wir das Forum dichtmachen und das Feld Bild.de und Katzenvideoplattformen überlassen.
 
Ich habe auch mitgekriegt wie du gesagt hast:
Zitat
Man kann gut erkennen, wieviele zigtausend Menschen von Siemens seitdem auf die Straße gesetzt wurden.
Man kann auch erkennen, welche politischen Folgen das hatte: Keine! Null! Nix! Nada!
Das gleiche gilt für andere Massenetlassungen bei Nokia, Opel oder sonstwo!
In zwei Monaten interessiert sich keine Sau mehr dafür und es geht weiter wie bisher!

Schon richtig. Niederlagen pflastern unseren Weg.
Ich würde am liebsten sagen, "wer kämpft kann verlieren, wer nicht kämpft hat schon verloren."
Aber in diesem Falle ist die Niederlage selbst verschuldet. Die Linke hat es in ihrer Überheblichkeit nie ernsthaft versucht sich in die Diskussion innerhalb der Siemens Belegschaft einzumischen. Man hat das Feld der sozialpartnerschaftlichen IGM überlassen. Es ist müßig über díe fürchterliche Politik der IGM zu schimpfen. Es fehlt an alternativen Strukturen. Ich rede hier nicht von einer alternativen Gewerkschaft, die die IGM von einem Tag auf den anderen ersetzen kann. Ich meine Einzelpersonen, die bereit sind, die Diskussion aufzunehmen. Ich meine z.B. ein Treffen, das sich regelmäßig der Probleme in einem solchen Betrieb annimmt. Vielleicht sogar eine Diskussion in diesem Forum. Damit macht man noch keine Revolution.  Aber eine solche Vorarbeit ist wichtig, ja, notwendig. Wenn sie nicht gemacht wird, muß man sich nicht wundern, wenn die Folgen folgende sind: "Keine! Null! Nix! Nada!"

Im Daimlerwerk Bremen gab es einen wilden Streik zur Abschaffung der Leiharbeit. Der kam nicht aus heiterem Himmel. Es war das Resultat jahrerlanger Wühlarbeit von Leuten, deren Anliegen es nicht ist, einfach einen Betriebsratssitz zu ergattern oder die Arbeitsbedingungen zu verteidigen. Sie diskutierten stets, wie man das kapitalistische Scheißsystem auf den Angeln heben kann. Sie haben unzählige Male getroffen, Veranstaltungen gemacht, mit Kollegen am Band diskutiert, Flugblätter herausgebracht. Wäre all das an Vorarbeit nicht gemacht worden, wäre unter den Kollegen nicht das Bewußtsein entstanden, daß es notwendig ist die Dinge selbst in die Hand zu nehmen, wenn man wirklich etwas verändern will.

Ich halte das für ganz zentrale Punkte, wenn man etwas verändern will.

Der Staat und der Siemenskonzern sind natürlich überglücklich, daß im Siemenskonzern die bewußtseinsbildenden Diskussionen ausgeblieben sind und sich die Beschäftigten widerstandslos wie die Schafe an die Schlachtbank führen lassen. Das heißt aber nicht, daß es so bleibt. Siemens und seine Belegschaft sind sicherlich nicht so egal, wie für Rudi. Das sehen wir in erschreckenden Maße an den Teilnehmern des Siemens Schweigemarschs in Erfurt:
Zitat

Schweigemarsch in Erfurt. Auch Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke), Oberbürgermeister Andreas Bausewein (SPD), Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee (SPD), Marion Walsmann (CDU) und Björn Höecke (AfD) laufen mit.
https://www.mdr.de/thueringen/mitte-west-thueringen/erfurt/siemens-schweigemarsch-erfurt-100.html

"Wir sind Siemens" und in der ersten Reihe Bodo Ramelow (Linke) und Björn Höcke (AfD) und hintenran Fahnen von der SPD, MLPD und Schwarz-Rot-Gold.

Da tobt der völlige Irrsinn!

Es ist auch das Ergebnis der verbreiteten Entpolitisierung. Man marschiert nicht einem Ich-und-mein-Ausbeuter-sind-Eins Transparent hinterher. Und man marschiert nicht in die gleiche Richtung wie AfD-Höcke! Man stellt sich ihm entgegen!!

Genau deshalb sind politische Diskussionen über Grundlangen und Grundsätze, von denen unsere politische Arbeit ausgeht, so wichtig.
Deshalb habe ich versucht eine Diskussion anzustoßen über den Begriff "Klassenkampf", damit man hier womöglich auch unterschiedliche Interpretationen und Herangehensweisen klären kann.

Es geht mir um eine inhaltliche Auseinandersetzung auf einem ganz wesentlichen und grundlegenden Gebiet.
Eine persönliche Anpisserei oder gar ein Mobbing liegen mir fern.

Ich habe aber das Gefühl, daß zwischen Rudi und mir jetzt derart dicke Luft herrscht, daß das Inhaltliche nicht mehr durchkommt. Vielleicht kann ja jemand anderes hier eingreifen, erklären oder vermitteln. Ich habe jedenfalls soweit versucht hier inhaltlich etwas rüberzubringen. Wenn etwas davon nicht verstanden wird, oder es zu widerlegen ist, dann kann man mich gern darauf ansprechen. Ich möchte definitiv keine gegenseitige Anpisserei sondern eine sachliche Diskussion.
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Tiefrot
Rote Socke


Beiträge: 3326



« Antworten #13 am: 22. Februar 2018, 23:56:47 »

Okay, dann ich jetzt mal.

Sich mit Ausbeutern und Sieg Heil Schreiern gleich zu machen, geht gar nicht.
Auf der anderen Seite definiere ich Klassenkampf jedoch nicht am zentralen Punkt der Arbeit.
Vielmehr dreht sich vieles um den Punkt, was nach dem Kapitalismus kommen soll.

Sieht Mensch genau hin, hat sich das Bisherige totgelaufen. Ganze Produktionen
lassen sich in Folge der Automatisierung mit 3 oder 4 Leuten bewerkstelligen,
aber die Frage, wer den ganzen Krempel am Ende kaufen soll und wovon, harrt
immer noch der Klärung.

BGE halte ich für Quatsch, eher macht sich Geld durch seine bloße Definition von Kaufkraft
und seine beliebige Herstell- und Vernichtbarkeit selbst obsolet. Dummerweise glaubt aber die
Mehrheit, Geld wäre ein Wert an sich. Dieser Irrglaube muß erstmal aufgeklärt werden.

Leider wird das beim Publikum sehr schwer werden, was sich erst im Kopf festgesetzt hat,
kriegt man kaum mehr raus. Roll Eyes

Übrigens, hat sich je einer die Frage gestellt, was ein Milliardär mit so viel Geld macht ?
Richtig, im Grunde nichts. Und Geldvermehrung nutzt weder seinem Besitzer, noch der
übrigen Menschheit. Schließlich kann man so viel Kohle gar nicht ausgeben...
« Letzte Änderung: 23. Februar 2018, 00:01:07 von Tiefrot » Gespeichert

Denke dran: Arbeiten gehen ist ein Deal !
Seht in den Lohnspiegel, und geht nicht drunter !

Wie bekommt man Milllionen von Deutschen zum Protest auf die Straße ?
Verbietet die BILD und schaltet Facebook ab !
Onkel Tom


Beiträge: 3502



« Antworten #14 am: 23. Februar 2018, 16:03:27 »

...
Eine ähnliche Diskussion hatten wir schon mal zum Thema Erwerbslosenberatung!
Diese Diskussion hatte ein gewaltiges Loch ins Forum gerissen und ich will das jetzt nicht alles wieder durchkauen, aber:
Wir hatten festgestellt, das die Erwerbslosenberatung nicht dazu führte, das Erwerbslose den Vorteil eines gemeinsamen, solidarischen Handelns erkennen und sich Gedanken über mögliche Alternativen zum bestehenden Sytem machen. (Zumindest nicht in einem "linken Sinn". Viele rennen heute bei Pegida und Co. mit!)
Im Gegenteil: Die Elo- Inis (und andere Netzwerke, die sich um die Belange der Erwerbslosen kümmern) wurden im Grunde nur als Dienstleister gesehen. War das eigene Problem gelöst, sah man diese Leute nie wieder!
...

Das musste ich auch schmerzhaft erkennen und die "ELSE" aufgeben..

Die Frage, wie mann gemeinsam stärker werden könnte, entpuppte sich nach und nach
als ein Wurm im Kopf, der sich in den Schwanz beißt.

Mag die Ursache des Scheiterns daran liegen, das menschliche Instinkte auf den
Gewinn, persönlicher Vorteile programmiert erscheinen oder haben sich Entsolidarisierung
und H4-System soweit in den Köpfen fest gefressen, das Zusammenkommen und der
Kampf um gemeinsame Interessen als Aussichtslos empfunden werden ?

Ich glaube, das die nächste "Kriese" alte Erinnerungen weckt und das Bedürfnis nach
gemeinschaftlicher Aktivitäten neu entfacht..

Weiter sehe ich mehr Chancen darin, wenn man in "Kleingruppen" dabei ist, da es ab einer
bestimmten Gruppengröße immer wieder zu Gruppendynamischen Prozessen kommt, die
in ein Auseinanderstömen und Zerspaltung einer größeren Interessensgemeinschaft enden.

Klingt wie Schlaumeierei, aber bin selbst so oft dabei auf die Schnauze gefallen, das ich
mir selber "dumm wie Brot" vorkomme und keiner Lösung näher komme.

 Roll Eyes



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Lass Dich nicht verhartzen !
Fritz Linow


Beiträge: 1040


« Antworten #15 am: 27. Februar 2018, 00:58:38 »

Die Linksradikale beschäftigt sich ja auch mit dem Thema. Da kommt dann neuerdings (immerhin) zum Beispiel dieses Schwubbelschwabbel raus:


Zitat
25.2.18(…)
Für die Neue Klassenpolitik heißt das: Sie müsste aufhören, nur Metadebatte zu sein. Man sollte nicht ausschließlich über sie schreiben, sondern aus der Perspektive, die sie aufmacht, über die Themen, die Menschen bewegen. Und zwar populistisch, verständlich und wiederum mit dem klaren Ziel, die Menschen, die man ansprechen will, in der zu schaffenden Klassenorganisation zu organisieren.
(…)

http://lowerclassmag.com/2018/02/vom-reden-zum-tun/

Ich glaube ja nicht, dass sie aus ihrer linksradikalen Hüpfburg herauskommen werden, aber wer weiß.

Am interessantesten ist wohl weniger, was eigentlich die Klasse ist, sondern vielmehr herauszufinden, was die Gemeinsamkeiten all derjenigen sind, die irgendwie das Gefühl haben, dass etwas nicht in Ordnung ist, aber gleichzeitig auch keinen Bock darauf haben, den völkischen Herrenschmenschen raushängen zu lassen…und halt daraus etwas zu basteln. Gerade die selbsternannten Linksradikalen sind da allzuoft eher kontraproduktiv und ein nerviger Hemmschuh.
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Rappelkistenrebell


Beiträge: 2805



WWW
« Antworten #16 am: 27. Februar 2018, 08:50:08 »

Lesenswert zu diesem Thema sind die Bücher von Werner Seppmann.Hier mal zwei Artikel dazu

Aus: Ausgabe vom 05.02.2018, Seite 12   / Thema

Der verkannte Machtfaktor - Die Arbeiterklasse zwischen Mythos, Verleugnung und Realität
Von Werner Seppmann



Betriebsabläufe stören. Die Veränderungen im Produktionsregime haben zwar vielerorts eine Entsolidarisierung mit sich gebracht, weil die Arbeiter besser gegeneinander ausgespielt werden können. Andererseits führen ­aufgrund einer ­engmaschigen Vernetzung der Produktionsprozesse schon geringfügige Eingriffe zu schmerzhaften Konsequenzen für das Kapital (Beschäftigte im Warnstreik, am 24. Januar im Seehafen Rostock)
Foto: Bernd Wüstneck/dpa

»Das Industriesystem als die entscheidende Stütze materieller Produktion [ist] ein Machtzentrum der Gesellschaft. Immer noch gilt deshalb: Hat man im industriellen Sektor das Sagen, so hat man eine gesamtgesellschaftliche Schlüsselposition inne«. (Michael Schumann, Soziologe)

Immerhin sind die Zeiten vorbei, als selbst in linken Kreisen, wenn von der Arbeiterklasse gesprochen wurde, schnell die Frage auftauchte: »Ja gibt es die denn überhaupt noch?« Auch in dieser Hinsicht haben die Weltwirtschaftskrise sowie die gesellschaftlichen Polarisierungstendenzen für Klarheit gesorgt und die Entwicklung halbwegs realistischer Gesellschaftsbilder gefördert. Aber einen großen Verbreitungsgrad haben sie dennoch nicht erreicht, denn noch immer hält sich hartnäckig die Behauptung, die Arbeiterklasse sei, wenn schon nicht verschwunden, dann zumindest einem rasanten Bedeutungsverlust unterworfen, weil die kapitalistischen Metropolenländer sich von Industrienationen zu »postindustriellen Gesellschaften« gewandelt hätten. Zentral ist die These, dass die in der materiellen Produktion Beschäftigten zu einer Minderheit in der Arbeitswelt geschrumpft und Wirtschafts- und Sozialgeschehen nicht länger durch die industrielle Produktion, sondern vorrangig durch Dienstleistung, Kommunikation und Informatisierung geprägt seien.

Wer jedoch mit offenen Augen durch die Welt läuft, wird schnell feststellen, dass viele Annahmen des Postindustriealisierungstheorems einer Überprüfung nicht standhalten, denn es ist kaum zu übersehen, dass der materielle Produktionssektor in den Arbeitsgesellschaften der Metropolen zentrale Bedeutung besitzt, auch wenn die schwerindustriellen Segmente »abgeschmolzen« sind. Aber dennoch verdoppelt sich der globale Rohstoffverbrauch. In den meisten Fällen im Zehn-Jahres-Rhythmus.

Schon ein einziges Indiz ist geeignet, das Postindustrialisierungskonstrukt ins Wanken zu bringen: nämlich die Zahl der Lkw, die alleine in Europa im Einsatz sind. Es gibt auf dem Kontinent 700 Millionen Einwohner und 30 Millionen Lkw. Es entfällt also statistisch auf 23 Europäer ein Lkw, der meist Tag und Nacht unterwegs ist. Die Kleinlaster sowie der Schiffs-, Flugzeug- und Eisenbahntransport sind dabei noch gar nicht berücksichtigt.

Strukturwandel der Klasse
Die zentrale Bedeutung der materiellen Produktion ändert indes nichts an der Tatsache, dass die Arbeiterklasse zahlenmäßig geschrumpft ist. Aber selbst nach den fragwürdigen Maßstäben der herrschenden Sozialstatistik, stellt sie mit knapp zehn Millionen Beschäftigten in der Bundesrepublik immer noch einen beträchtlichen »sozialen Block«. In den gleichen Statistiken ist auch davon die Rede, dass sich der Produzentenanteil an der Gesamtheit der abhängig Arbeitenden zugunsten von »Beschäftigten im Dienstleistungsbereich« reduziert habe und deshalb von einer Dienstleistungsgesellschaft gesprochen werden müsse. Doch auch diese Sichtweise hat nicht viel mit der Realität zu tun, weil viele Tätigkeiten, die heute statistisch mit dem Begriff »Dienstleistung« belegt werden, fraglos dem Produktionssektor zuzurechnen sind, denn der »ausgelagerte« und bei einer Dienstleistungsfirma beschäftigte Lagerarbeiter übt weiter eine produktionsbezogene Tätigkeit aus. Werden die Vorgänge im Kontext betrachtet, wird jedenfalls schnell deutlich, »dass so manche Verschiebung vom Industriellen- zum Dienstleistungssektor lediglich eine neue Namensgebung für im wesentlichen ähnliche Tätigkeiten darstellt«.¹

Die Statistik verrät auch nicht, wie elementar sich der Bedeutungsgehalt des »Dienstleistung«-Begriffs gewandelt hat. Er wird auf der Grundlage der arbeitsorganisatorischen Veränderungen eben nicht nur für planende, verwaltende, programmierende, vermittelnde und organisatorische Tätigkeiten verwandt, wie es traditionell der Fall war. »Dienstleistung« kann deshalb nicht umstandslos mit »immaterieller Arbeit« gleichgesetzt werden, weil es sich in vielen Fällen mittlerweile um Tätigkeiten handelt, die funktional den produktiven Kernprozessen zugeordnet sind. Das ist bei der Rohstoff- und Zulieferungslogistik der Fall, oder wenn der als »Dienstleister« kategorisierte Vertragsarbeiter beim Zusammenschrauben von Motorenteilen eingesetzt wird. Er übt also den sozialstatistischen Zerrbildern zum Trotz eine »produktionsbezogene Wirtschaftstätigkeit« aus, die »in typisch entwickelten Ländern immer noch mittel- und unmittelbar etwa zwei Drittel aller Arbeitsplätze« umfasst, »trotz allen Geredes von einer postindustriellen Gesellschaft«.²

Immaterielle oder produktive Arbeit?
Auch die Zunahme tatsächlicher Dienstleistungen, also die Erhöhung des Anteils diverser Formen »geistiger« und organisatorischer Arbeit, sowie das Anwachsen der »technischen Intelligenz« rechtfertigte zu keinem Zeitpunkt die Rede vom Beginn eines »postindustriellen Zeitalters«, denn diese Entwicklungen fanden innerhalb des Industriesystems statt und stellen eine wesentliche Bedingung seiner Fortexistenz dar. Die Verschiebungen zwischen den Beschäftigungs- und Qualifikationsgruppen haben wenig an der zentralen Bedeutung produktionsbezogener Lohnarbeit – also den industriellen Vorgängen einer Umformung des Naturstoffs – geändert.

Während die Zahl der unmittelbaren Produktionsarbeiter tatsächlich abgenommen hat (wer im Rückgang der Beschäftigten im ölverschmierten Arbeitskittel ein »Absterben der Arbeiterklasse« sieht, kann gleichwohl beruhigt sein, denn auch die gibt es noch zur Genüge), ist die Zahl der ihnen zugeordneten produktiven Arbeiter in den der materiellen Produktion zugehörigen »Randbereichen« beträchtlich angewachsen. In einem jener immer wieder erstaunlichen Sätze, mit denen Marx Entwicklungen anspricht, die sich zu seiner Zeit bestenfalls schemenhaft abzeichneten und deren Bedeutung erst ein Jahrhundert später vollständig deutlich wurde, verweist er darauf, dass sich »mit dem kooperativen Charakter des Arbeitsprozesses selbst (…) notwendig der Begriff der produktiven Arbeit und ihres Trägers des produktiven Arbeiters« erweitert. »Um produktiv zu arbeiten ist nun nicht mehr nötig, selbst Hand anzulegen; es genügt, Organ des Gesamtarbeiters zu sein, irgendeine Unterfunktion zu vollziehen«.³ Die Zunahme der vermittelnden (heute in der Regel mikroelektronisch bzw. kommunikationstechnologisch unterstützten) Tätigkeiten ist also nicht Ausdruck einer Abnahme der produktiven Arbeit, sondern eines Wandels ihrer Organisationsformen.

Wie immer man den Stellenwert einer sogenannten immateriellen Arbeit einschätzen mag: Sie führt keine selbständige Existenz, sondern ist in ihrem Kern der materiellen Produktion, als dem dominierenden Sektor, zugeordnet: »Die Verwandlung von Dienstleistungen in materielle Produkte« ist »die vorherrschende Tendenz«.⁴ Es gehört jedenfalls viel weltfremde »Phantasie« dazu, vom Verschwinden der Arbeiterklasse zu reden, oder, wie die »Multitude«-Theoretiker Michael Hardt und Toni Negri, gar zu behaupten, dass die Frauen und Männer in den Fabriken politisch bedeutungslos geworden seien. Fraglos hat es tiefgreifende Veränderungen in der Arbeitswelt gegeben, und es hat sich, teilweise in gravierender Weise, auch die Zusammensetzung der Arbeiterklasse verändert. Aber diese Transformationen haben aufgrund gewandelter Verwertungsstrategien des Kapitals (und eben nicht bloß als Ausdruck wertfrei verstandener »technologischer Innovationen«) und im Rahmen ­industriekapitalistischer Strukturen stattgefunden.

Existentielle Unsicherheit
Es ist für das Verständnis des Formationscharakters des Gegenwartskapitalismus aufschlussreich, dass es bei den traditionellen Merkmalen der Lohnabhängigenexistenz nicht nur eine hohe Konstanz, sondern auch sozialpolitische Tendenzen des Rückschritts gibt. Jenes Viertel der Lohnabhängigen, das in prekären Arbeitsverhältnissen steht, ist Ausdruck der Verbreitung von Widerspruchsformen, die schon als überwunden galten. Sie sind Beleg dafür, dass die »Unsicherheit der Lebensstellung« immer noch das prägende Merkmal für fast alle Menschen ist, die nur vom Verkauf ihrer Arbeitskraft leben, was sie schließlich »zu Proletariern macht«.⁵

Solche existentielle Unsicherheit ist auch zentrales Charakteristikum der digitalen Tagelöhner, den sogenannten Clickworkern, die nur nach Aufgabenanfall beschäftigt werden. Dieses neue Modell durch das Internet organisierter prekärer Arbeit nimmt einen größer werdenden Platz in der kapitalistischen Arbeitswelt ein und dient dazu, auch qualifizierte Lohnarbeiter weltweit gegeneinander auszuspielen.

Trotz vieler arbeitsorganisatorischer Veränderungen ist das Industriesystem vor allem in seinen Negativaspekten erstaunlich konstant geblieben. Arbeitsbelastung, Leistungsdruck und Reglementierung haben sich durch die Ausdehnung der hochtechnologischen Bereiche sogar verstärkt. Auch hinsichtlich der »klassischen« Belastungsformen haben die Arbeitsverhältnisse immer noch einen traditionell industriegesellschaftlichen Charakter: Ein Viertel aller Beschäftigten muss schwere Lasten tragen und heben, knapp 15 Prozent müssen in Zwangshaltungen (z. B. durch Überkopf-Arbeit) ihre Tätigkeiten ausüben, und 24 Prozent sind an ihrem Arbeitsplatz starker Lärmbelästigung ausgesetzt. Dort, wo traditionelle Belastungen tatsächlich abgebaut wurden, geschieht das nicht selten um den Preis einer Intensivierung der Arbeit, höheren Leistungsdrucks und der Zunahme psychischer Belastungsmomente.

Es gibt in den Spitzenbereichen des Industriesystems zwar Segmente mit vergrößerter Eigenverantwortung der Beschäftigten, jedoch hat das mit »selbstbestimmtem Arbeiten« nichts zu tun, denn in ihrer Grundtendenz ist die Arbeitswelt weiterhin dirigistisch organisiert, bestimmt das Verwertungsinteresse des Kapitals, wie intensiv und unter welchen Rahmenbedingungen gearbeitet wird. Vor allem auch die mittlerweile mikroelektronisch gesteuerte Maschine ist »nicht nur ein Arbeitsmittel, sondern zugleich ein Beherrschungs- und Ausbeutungsmittel«.⁶ Von diesem zentralen Aspekt aber lenken Science-Fiction-Phantasien ab: Nicht die Roboter übernehmen die Herrschaft, sondern die kontrollierende Macht des Management verstärkt sich.⁷ Digitalisierung führt zwar zu größerer »Transparenz« – nicht aber für die Lohnabhängigen.

Durch den verstärkten Einsatz des Computers hat sich ein »System permanenter Bewährung«⁸ etabliert, weil keine Nachlässigkeit und kein »Leistungstief« mehr unbemerkt bleiben und permanent die einzelnen Beschäftigen miteinander verglichen werden, um sie auf Grundlage dieser Vergleiche zu »selektieren«. Grundsätzlich bieten die IT-Technologien fast unbegrenzte Möglichkeiten, jede Regung und jeden Handgriff der Beschäftigten zu erfassen. Typischer als die Informatikertätigkeit ist für die »digitalisierte Arbeitswelt« die elektronische Lenkung und Kontrolle von Lagerarbeitern, die einen Computer am Körper tragen, der ihnen jeden Arbeitsschritt vorschreibt und auch ihren »Arbeitseifer« misst.

Dequalifizierung der Arbeit
Zu betonen ist auch, dass die »Digitalisierung an sich kein bisschen dazu beiträgt, eine Ware schneller oder mit weniger Aufwand herzustellen. Sie führt lediglich dazu, dass mehr Abläufe und Sachverhalte in Daten nachvollziehbar sind.«⁹ Oft wird dabei auch das Produzentenwissen gespeichert, um es weniger qualifizierten (und billigeren) Mitarbeitern zur Verfügung zu stellen. Seine aktuellen Einsatzvarianten bestätigen die schon jahrzehntealte Charakterisierung des Computers durch den Kybernetik-Pionier Norbert Wiener als »Kommando- und Kontrolltechnologie«.

Computereinsatz im Arbeitsleben bedeutet, dass alle relevanten betrieblichen Abläufe in einer so umfassenden Weise beschleunigt, reglementiert und überwacht werden, wie es in der Vergangenheit selbst durch das Fließband nicht möglich war. »Der Computer« ist damit zu einem zentralen Instrument des Klassenkampfes im Rahmen des beständigen Bestrebens des Kapitals nach einer Intensivierung der Ausbeutung geworden.

Es kann auch nicht von einem prinzipiellen Qualifizierungsschub als Konsequenz der Computerisierung ausgegangen werden. Es zeichnet sich ab, dass durch die Digitalisierung die Spaltungslinien in der Arbeitswelt, die es ja heute schon zwischen den Stammbelegschaften und den prekär Beschäftigen gibt, immer deutlicher werden. Zwar werden neue Arbeitsplätze mit hohen Qualifikationsanforderungen entstehen. Aber die sind auch in den letzten Jahrzehnten nur für eine, wenn auch umfangreiche Minderheit entstanden. Tatsächlich hat heute so mancher Produktionsarbeiter bei VW und Bosch das Qualifikationsniveau eines Technikers. Aber die High-Tech-Bereiche sind von sogenannter einfacher Arbeit (beispielsweise von den Zulieferern) umstellt.

In der Regel erfordert der Computereinsatz in der Arbeitswelt weniger Informatikerkenntnisse, als vielmehr Bedienungsfähigkeiten. Qualifizierte Informatiker werden wohl auch zukünftig in der Minderheit bleiben. Charakteristischer für die »digitalisierte Arbeitswelt« dürften die Callcenter, also jene modernen »Schwitzbuden« mit umfassender Reglementierung, Überwachung und einem auf die Spitze getriebenen Leistungsdruck, bleiben, in denen gegenwärtig alleine über eine halbe Million Menschen beschäftigt sind.

Homogenität der Arbeiterklasse?
Durch die bestehenden und neu sich entwickelnden Spaltungslinien in der Arbeitswelt werden alle Vorstellungen über die Arbeiterklasse als homogener Sozialblock in Frage gestellt. Aber sie entsprachen ohnehin nie dem Verständnis der Klassenverhältnisse bei Marx und Engels. Von konstitutiver Bedeutung war für sie die Erkenntnis, dass die Lohnarbeiter auch untereinander in einem Konkurrenzverhältnis stehen und es deshalb politischer Organisationen zur »Neutralisierung« der faktischen Spaltungseffekte durch ihre unterschiedlichen Arbeits- und Lebensverhältnisse bedarf. Soll die Arbeiterklasse zum Handlungssubjekt werden, muss der Zustand einer durch »Konkurrenz zersplitterten Masse« ¹⁰ überwunden werden.

Voraussetzung einer dieser Aufgabe angemessenen Aufklärungs- und Organisationsarbeit ist ein entwickelter Begriff von den Differenzierungsformen der Arbeiterklasse, wie er schon von Engels in seiner Untersuchung über »Die Lage der arbeitenden Klasse in England« gefordert wurde. Er spricht von den »Sektionen« und den »Klassen« des Proletariats und mahnt an, zwischen den Fabrikarbeitern sowie den in handwerklichen Kleinbetrieben Beschäftigten zu differenzieren und auch die Spezifik der Lebenslagen des städtischen und ländlichen Proletariats nicht unberücksichtigt zu lassen. Ebenfalls weist er auf die ethnischen Differenzen zwischen den Arbeitern englischer und irischer Abstammung als Trennungsmomente hin.¹¹ Später hat Marx in Hinblick auf diese Konfliktlinien sogar von einer in »zwei feindliche Lager gespaltenen« Arbeiterklasse in Großbritannien gesprochen.¹²

Trennungslinien innerhalb der Arbeiterklasse und deren Reflexion im Marxismus haben also schon eine lange Tradition. Es hat innerhalb der proletarischen Klassenformation eine beständige Auf- und Abwärtsbewegung zwischen Differenzierung und Homogenisierung gegeben. Gegenwärtig kommt den Momenten der Fragmentarisierung, Spaltung und Separierung wieder besondere Bedeutung zu, die eine Einsicht in gemeinsame Interessen erschweren.¹³

Grundlegende Widerspruchserfahrung
Überwunden werden können die ideologischen Desorientierungen immer noch am besten durch politische Organisations- und Selbstbewusstwerdungsprozesse innerhalb der Arbeitswelt. Nicht zuletzt, weil im Betrieb die gesellschaftlichen Widersprüche unmittelbar und mit besonderer Intensität erfahren werden. Denn die Arbeiterklasse als Produzentin des Mehrwerts ist dem permanenten Bestreben einer Erhöhung der Ausbeutungsrate von seiten des Kapitals ausgesetzt. Dessen Dauerattacke äußert sie sich heute in einem beständigen Prozess betrieblicher »Umstrukturierungen«, die von den Beschäftigten als permanente Bedrohung erfahren werden. Die Digitalisierung der Arbeitswelt ist Bestandteil und oft eine auf die Spitze getriebene Äußerungsform dieses Strebens nach einer Intensivierung der Ausbeutung.

Diese belastenden und verunsichernden Umwälzungen finden nach wie vor ihren Ausdruck in Gesellschaftsbildern der Lohnabhängigen, die konfliktorientiert sind und auch einen latenten Antikapitalismus einschließen.¹⁴ Viele neuere Untersuchungen belegen, dass sich ein Lohnarbeiterbewusstsein erhalten hat, »dessen Konturen nach wie vor ganz traditionell durch die Interessenwidersprüche von Kapital und Arbeit geprägt sind«¹⁵, so dass die Theorien über eine bruchlose Integration der Arbeiterklasse in die bürgerliche Gesellschaft Lügen gestraft werden. Dass die Verarbeitungsformen der Widerspruchserfahrungen dennoch nicht der Intensität der sozialen Konflikte entsprechen, ist Ausdruck der Tatsache, dass Klassenbewusstsein nur das Produkt organisierter Selbstaufklärung der Arbeiterklasse auf der Grundlage ihrer prinzipiell kollektiven Existenzgrundlagen sein kann. Dieser Problemkomplex steht im Mittelpunkt der marxistischen Klassentheorie. Sie fragt danach, unter welchen Bedingungen sich ein angemessenes Bewusstsein der eigenen Soziallage und über die eigenen Interessen entwickeln kann. Trotz der eine Bewusstseinsprofilierung erschwerenden Veränderungen in der Arbeitswelt bieten die großen Betriebe immer noch die besten Voraussetzungen dafür, auch wenn es durch arbeitsorganisatorische Veränderungen und eine Bedeutungszunahme mikroelektronischer Vermittlungsstrukturen neue Vereinzelungs- und Isolationstendenzen gibt. Nicht mehr selbstverständlich ist beispielsweise der persönliche Kontakt mit den Kollegen, mit denen man gemeinsam an einer Aufgabe arbeitet. Auch wenn sich durch vielfältige Rationalisierungsschübe und Auslagerungen die Belegschaften verkleinert haben, sind die größeren Betriebseinheiten immer noch von besonderer Bedeutung. Eine abnehmende Größe der Betriebseinheiten ist für die politische Sozialisation und die Organisationsfähigkeit der Lohnabhängigen weniger bedeutsam als die Qualität und Nachdrücklichkeit der Interessenartikulation, die Tradition (oder eben auch die fehlende Kontinuität) der Klassenkämpfe und die aus diesen Erfahrungen resultierenden Bewusstseins- und Handlungsdispositionen der Belegschaften. Auch große Teile einer jenseits der industriellen Kernbeschäftigung angesiedelten Lohnabhängigenklasse in den Vorsorgebereichen, den Logistik- und Personentransportunternehmen oder im Gesundheitssystem sind aufgrund ihrer kollektiven Arbeitssituation in größeren Betriebseinheiten strukturell handlungsfähig.

Neue Handlungsperspektiven
Trotz der aktuellen Digitalisierunginitiativen mit ihren Überwachungs- und Entsolidarisierungsaspekten lässt sich nicht grundsätzlich davon ausgehen, dass das strukturelle Handlungspotential der Arbeiterklasse verschwunden wäre. Es gibt zwar viele Entwicklungen, in deren Folge traditionelle Organisations- und Politisierungsvorstellungen vor eine Bewährungsprobe gestellt sind, beispielsweise weil die Beschäftigten immer intensiver gegeneinander ausgespielt werden können. Aber gleichzeitig ist durch die zunehmende Vernetzung der kapitalistische Produktions- und Reproduktionsprozess störanfälliger geworden. So könnten relativ geringfügige Eingriffe in die elektronischen Kommunikations- und Steuerungssysteme zu weitreichenden, für das Kapital schmerzliche Konsequenzen führen. Es kann allerdings nicht davon ausgegangen werden, dass in den Führungsetagen der Gewerkschaften oder der organisierten Linken ein Bewusstsein über diese neuen Einflussmöglichkeiten (schon) vorhanden wäre.

Anmerkungen

1 Ch. Harman: Workers of the World. Die Arbeiterklasse im 21. Jahrhundert, Frankfurt/M. 2003, S. 10

2 Th. Weiß: Dienstleistung und Globalisierung, in: Bundesarbeitsblatt, Nr. 2, 2002, S. 18

3 MEW, Bd. 23, S. 531

4 U. Huws: »Der Mythos der Weigtless economy«, in: Das Argument 238, H. 5/6, 2000, S. 648

5 MEW, Bd. 2, S. 344

6 MEW, Bd. 23, S. 674

7 Vgl.: P. Brödner: Industrie 4.0 und Big Data. Zwische Hype und Horror, Bergkamen 2016

8 A. Boes/A. Bultemeier: Informatisierung – Unsicherheit – Kontrolle, in: K. Dröge u. a., Die Rückkehr der Leistungsfrage, Berlin 2008, S. 69

9 M. M. Becker: Automatisierung und Ausbeutung. Was wird aus der Arbeit im Digitalen Kapitalismus?, Wien 2017, S. 31

10 MEW, Bd. 4, S. 470

11 Vgl.: MEW, Bd. 2, S. 320

12 MEW, Bd. 32, S. 668 f.

13 Vgl. W. Seppmann: Ausgrenzung und Herrschaft. Prekarisierung als Klassenfrage, Hamburg 2013

14 Vgl.: W. Seppmann: Die verleugnete Klasse. Zur Arbeiterklasse heute, Berlin 2011

15 M. Schumann: Metamorphosen von Industriearbeit und Arbeiterbewusstsein, Hamburg 2003, S. 102; vgl. auch: K. Dörre/A. Happ/I. Matuscheck (Hg.), Das Gesellschaftsbild der LohnarbeiterInnen. Soziologische Untersuchungen in ost- und westdeutschen Industriebetrieben, Hamburg 2013

Im Mangroven Verlag Kassel ist soeben der erste Band einer sechsbändigen Werkausgabe mit klassenanalytischen Arbeiten von Werner Seppmann erschienen: »Kapital und Arbeit. Klassenanalysen I«, ca. 220 Seiten, 17 Euro.

Als weitere Bände sind geplant: »Die Aktualität der Klassenfrage«, »Krise und Widerstand«, »Die verleugnete Klasse. Zur Arbeiterklasse heute«, »Kapitalismus und Computer. Die Digitalisierung der Arbeitswelt« und »Methodenfragen der Klassenanalyse«. (www.mangroven-verlag.de)

Veranstaltung mit Werner Seppmann zum Buch »Kapital und Arbeit. Klassenanalysen I« am Dienstag, den 13. Februar 2018, in der jW-Ladengelerie, Torstraße 6, 10119 Berlin. ­Beginn ist um 19 Uhr. Um Anmeldung unter mm@jungewelt.de oder 030/53 63 55 56 wird gebeten.

Quelle

https://www.jungewelt.de/artikel/326696.der-verkannte-machtfaktor.html?sstr=klassenanalyse
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« Antworten #17 am: 27. Februar 2018, 08:52:50 »

Aus: Ausgabe vom 12.02.2018, Seite 15   / Politisches Buch

Ausgrenzungsmaschine
Werner Seppmann legt den ersten Band seiner Klassenanalysen vor
Von Arnold Schölzel



Es herrscht Klassenkampf: Dinner der Delegierten des G-20-Gipfels in der Hamburger Elbphilharmonie (7.7.2017)
Foto: Kay Nietfeld/REUTERS

Sechs Bände mit Arbeiten von Werner Seppmann zur Klassenanalyse hat der Mangroven-Verlag angekündigt, mit »Kapital und Arbeit« liegt der erste vor. Er enthält, wie der Autor einleitend schreibt, »Momentaufnahmen«, die zwischen 2004 und 2007 als Beiträge des Projekts »Klassenanalyse@BRD« der Marx-Engels-Stiftung veröffentlicht wurden. Sie repräsentierten »das empirische und analytische Fundament weiterer Studien zur Klassenproblematik«, darunter die Bücher »Ausgrenzung und Ausbeutung. Prekarisierung und Klassenfrage« (2013), »Neoliberalismus, Prekarisierung und zivilisatorischer Verfall« (2015) sowie »Die fragmentarisierte Klasse. Strukturveränderungen der Arbeiterklasse« (für 2018 angekündigt).

Mit den Buchtiteln sind die entscheidenden Begriffe und Gegenstände, die im Mittelpunkt auch dieses Bandes stehen, benannt. Der Autor schreibt, selbst wenn die in diesem Band versammelten Texte bereits »historische Bestandsaufnahmen« darstellten, seien sie unverzichtbar, weil es »erst durch eine historisch-analytische Perspektive möglich wird zu begreifen, was die Lohnabhängigen in diesen zwei Jahrzehnten neoliberalistischer Umgestaltungen und einer offensiven Durchsetzung von Kapitalinteressen mit Hilfe der Sozialdemokratie verloren haben«. Das Ausmaß der sozialen und zivilisatorischen Regression, um die es hier geht, dämmert inzwischen selbst Bürgerzeitungen. Die soziale Ungleichheit hat weltweit, aber auch innerhalb der Bundesrepublik derartige Dimensionen angenommen, dass sie auch dort als Gefahr für die wirtschaftliche und gesellschaftliche Stabilität wahrgenommen wird.

Seppmanns Buch führt zurück in die Zeit der »sozialpolitischen Konterrevolution« durch die Regierung von SPD und Grünen zwischen 1998 und 2005, d. h. vor die Weltwirtschaftskrise von 2008 und das, was sich mit der sogenannten Digitalisierung zur Zeit verbindet. An Aktualität haben seine Analysen wenig verloren, im Gegenteil. Das hängt vor allem mit der objektiven Seite seines Gegenstands zusammen, den er so benennt: »Die Konfliktsituation zwischen Kapital und Arbeit hat seit den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts ein neues Gesicht bekommen. Der Klassenwiderspruch ist offensichtlicher geworden.« Allerdings: Die Menschen seien zwar desillusioniert, sähen aber keine Möglichkeit, ihre Situation grundsätzlich zu ändern. Zudem schränkt Seppmann ein: »Eine Vorstellung vom gesellschaftlichen Antagonismus ist noch kein Klassenbewusstsein.« Aus der ökonomischen Struktur und daraus resultierenden Widersprüchen lasse sich »kein automatisches Klassenhandeln ableiten«.

Im zweiten Schwerpunkt, dem Hauptinhalt des Buches, untersucht der Autor, warum das so ist, die subjektive Seite. Vor allem: Was tut die herrschende Klasse, damit alles bleibt, wie es ist? Die Frage danach wird in der akademischen Sozialwissenschaft nur selten gestellt, zumindest hierzulande. Dort werden zumeist die apologetischen Märchen von »Individualisierung« oder »Risikogesellschaft«, also vom Verdampfen der Klassen, erzählt. Seppmann formuliert dagegen als eine Art Forschungsmaxime: »Über die Unterklasse kann mit aufklärendem Effekt nur geredet werden, wenn auch die ›Oberklasse‹, also die Profiteure der ausbeutungsorientierten Umgestaltung der Sozialverhältnisse, immer mit im Blick gehalten werden.« Sein Ziel ist aber nicht eine Soziologie der Mächtigen, sondern die Untersuchung des Mechanismus, den diese nutzen, um das Subjektwerden der heutigen Arbeiterklasse zu verhindern. Das bekannte Zitat des Superspekulanten Warren Buffett ist dem Buch vorangestellt: »Es herrscht Klassenkampf, und meine Klasse gewinnt«.

Das lässt sich quantifizieren. Seppmann führt mehrfach im Buch das gezielt herbeigeführte Absenken der Lohnquote, d. h. des Anteils der Löhne und Gehälter am jährlichen Volkseinkommen, in der Bundesrepublik an. Allein die SPD-Grünen-Regierung, die nach eigenem Bekunden für die »neue Mitte« antrat, sorgte weltrekordverdächtig mit ihrer »Agenda 2010« für eine Reduktion dieses Anteils von neun Prozent, also für Reallohnsenkung und Armut.

Der Autor zeigt, dass dafür ein reaktionärer Gesellschaftsumbau, nicht nur eine Umverteilung von unten nach oben, nötig ist . Hier sind die Stichworte »Spaltung, Fragmentarisierung und Abkoppelung« als »Mechanismen der Kanalisierung gesellschaftlicher Widersprüche« für ihn maßgebend. Sie führen zu einer »Zweidrittelgesellschaft«, aber nicht im Sinne der Erfinder dieses Terminus: Ein Drittel der Bevölkerung lebt heute noch vergleichsweise komfortabel, zwei Drittel sind in Armut oder wachsender »sozialer Gefährdung«. Mit entsprechenden Folgen für die »zivilisatorische Reproduktionsfähigkeit«, sprich: Verrohung und Entsolidarisierung, verbunden mit Entrechtung und »Einschüchterung durch Verunsicherung«. Der Autor fasst zusammen: »Der heutige Kapitalismus funktioniert als Ausgrenzungsmaschine.« Sein Buch, das ein lesenswertes Kapitel über Ostdeutschland als Experimentierfeld für soziale Zerstörung enthält, ist eine Illustration dieses Satzes. Wer wissen will, wo und wie die heutigen Zustände einschließlich Nazirabauken im Parlament ihren Anfang nahmen, sollte es lesen.

Werner Seppmann: Kapital und Arbeit. Klassenanalysen I. Mangroven-Verlag, Kassel 2017, 162 Seiten, 17 Euro


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« Antworten #18 am: 27. Februar 2018, 09:11:36 »

Wir in der brd sollten auch unsere Oligarchen  kennen.Sie haben Namen und Adresse! Hier in der Verlinkung einige sehr lesenswerte Artikel zu unseren Ausbeutern!

„Unsere Oligarchen“
Spitzen des deutschen Finanzkapitals

Die fol­gen­den Beiträge er­schie­nen ab März 2016 in mo­nat­li­cher Ab­fol­ge in „Un­se­re Zeit“ (UZ), Zei­tung der DKP mit dem Hin­weis „von Ri­chard Co­rell und Ste­phan Müller, die seit den 1970er Jah­ren zum The­ma re­cher­chie­ren und u. a. in KAZ und jun­ge Welt schrei­ben.“

Zur Verfügung stand be­grenz­ter Platz, so dass kei­ne Un­ter­neh­mens­bio­gra­phi­en ent­stan­den, wohl aber 12 Por­traits, die dem deut­schen Fi­nanz­ka­pi­tal ein Ge­sicht ge­ben. Zum Auf­takt um­ris­sen wir un­se­re Fra­ge­stel­lung:


Nathalie von Siemens
Porsche und Piëch
Oetker – Pudding für die Heimatfront
Liz Mohn – Leitkulturschaffende
Aufstieg und Sinkflug des Zeppelin-Clans
Voith verdient(e) auch an Kriegen
Bosch – Zusammengehörigkeitsgedanken
Hasso Plattner herrscht über SAP – „Ich bin ein guter Diktator“
Schaeffler – Im Bankenkrach neugeboren
Die Geschwister Quandt – Geld aus der Sklavenarbeit diente zur Sanierung der heutigen Ertragsperle BMW
Die guten Werke von Fresenius – Dialyse-Monopolist und größter Krankenhauskonzern Europas
Henkel half Hitler an die Macht

Alle lesenswerten Portraits finden sich hier

http://kaz-online.de/artikel/unsere-oligarchen#seite1

« Letzte Änderung: 27. Februar 2018, 09:18:06 von Rappelkistenrebell » Gespeichert

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« Antworten #19 am: 27. Februar 2018, 18:50:44 »

Aber gleichzeitig ist durch die zunehmende Vernetzung der kapitalistische Produktions- und Reproduktionsprozess störanfälliger geworden. So könnten relativ geringfügige Eingriffe in die elektronischen Kommunikations- und Steuerungssysteme zu weitreichenden, für das Kapital schmerzliche Konsequenzen führen. Es kann allerdings nicht davon ausgegangen werden, dass in den Führungsetagen der Gewerkschaften oder der organisierten Linken ein Bewusstsein über diese neuen Einflussmöglichkeiten (schon) vorhanden wäre.

Das entspricht meiner Erfahrung als Support-Mitarbeiter. Störfälle an wichtigen Servern haben unmittelbare heftige Auswirkungen auf die Produktion in einem Werk. Es bietet sich also geradezu an, Konzernrechenzentren zu bestreiken, wenn man Konzerne wirklich treffen will.
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« Antworten #20 am: 06. März 2018, 22:22:44 »

Klassenkampf ist in der heutigen linken Szene ein Begriff ohne jeglichen Realitätsbezug.
Hat so viel Bedeutung, wie "Freiheit für Palästina!" Gut gemeint, doch folgenlos.

Einer der führenden Linksradikalen der Stadt hat in kleiner Runde gestanden, daß er in seinen prekären Jobs (kurz vorm Rentenalter) weiterarbeiten muß so lange er sich noch bewegen kann, weil ihm keine annähernd ausreichende Rente bleiben wird. Das war bei all seinen politischen Kämpfen nie Thema.
Ich habe monatelang in meinem Job jeden Tag unbezahlte Überstunden gemacht, weil mein Job ja für ein politisch anspruchsvolles Projekt war.
Meine Freundin geht seit Wochen unter Schmerzmitteln (Schulterschmerzen) zur Arbeit, weil sie nicht zum Arzt gehen mag.

Die deutsche Linke hat keinen blassen Schimmer von Klassenkampf!
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Arbeitsscheu und chronisch schlecht gelaunt!
Tiefrot
Rote Socke


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« Antworten #21 am: 07. März 2018, 10:43:49 »

Das sind ja Aussichten...  Roll Eyes
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Denke dran: Arbeiten gehen ist ein Deal !
Seht in den Lohnspiegel, und geht nicht drunter !

Wie bekommt man Milllionen von Deutschen zum Protest auf die Straße ?
Verbietet die BILD und schaltet Facebook ab !
counselor


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« Antworten #22 am: 07. März 2018, 16:24:45 »

Klassenkampf ist in der heutigen linken Szene ein Begriff ohne jeglichen Realitätsbezug.
Kann auch gar nicht anders sein, weil Klassenkampf in der BRD seit Jahrzehnten NICHT stattfindet. Jedenfalls nicht seitens der Arbeiterklasse. Der wenige Widerstand, der sich regt, ist noch kein Kampf. Hier geht es mehr um das Führen von Diskussionen, um ein Klassenbewußtsein zu entwickeln. Aber auch da stehen wir ganz am Anfang.
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Fritz Linow


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« Antworten #23 am: 16. März 2018, 12:23:18 »

Klassenkampf wurde 1920 niedergeschossen.

Zitat
Gegen die geplante Verabschiedung des Betriebsrätegesetzes mobilisierten USPD und KPD am 13. Januar 1920 eine demonstrierende Menschenmenge vor dem Reichstagsgebäude, etwa 100.000 Teilnehmer kamen. Preußische Sicherheitspolizei eröffnete das Feuer auf die Demonstranten. Bei diesem Blutbad vor dem Reichstag starben 42 Menschen, 105 wurden verletzt. Reichspräsident Friedrich Ebert sah sich gezwungen, den Ausnahmezustand zu verhängen. Das Gesetz passierte das Parlament am 4. Februar 1920.
https://de.wikipedia.org/wiki/Betriebsr%C3%A4tegesetz
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Kuddel


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« Antworten #24 am: 17. März 2018, 11:30:57 »

Mag Wompel vom LabourNet Germany hat sich ins Zeug geschmissen und einen recht ausführlichen Text geschrieben: Nichts Neues in der „Neuen Klassenpolitik“?

Die aktuelle Diskussion innerhalb der Linken kommentiert sie recht zerknirscht:
Zitat
Die radikale Linke hat die „soziale Frage“ wiederentdeckt und ein Zauberwort gefunden: Es lautet „Neue Klassenpolitik“ und soll wahre Wunder vollbringen, nämlich die politische Entwicklung der letzten 30 Jahre zurückdrehen und die Fehler dieser Zeit wieder gut machen.
http://www.prager-fruehling-magazin.de/de/article/1422.nichts-neues-in-der-neuen-klassenpolitik.html

Es lohnt, sich die Zeit für den kompletten längeren Text zu nehmen.
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