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Autor Thema: 12.5. Berlin: "chefduzen offline" Veranstaltungen  (Gelesen 543 mal)
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admin
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Beiträge: 2285


« am: 07. Mai 2018, 11:53:29 »

3 chefduzen-Veranstaltungen am 12.5. im Abstand (Rigaer Str 78) in Berlin

Im Rahmen der Diskussions- und Chaostage (10. bis 13. Mai) findet am kommenden Samstag eine chefduzen Veranstaltungsreihe statt.
http://www.russenbar.de/abstand



Zitat
chefduzen.de offline

Seit 2002 ist chefduzen.de als "Forum der Ausgebeuteten" ein virtueller Treffpunkt für den Austausch über Probleme mit Arbeit und Erwerbslosigkeit.
Chefduzen ist nicht nur ein Projekt der Selbsthilfe der Ausgebeuteten, sondern ein Versuch sich mit den gesellschaftlichen Verhältnissen anzulegen, auch jenseits traditioneller linker und gewerkschaftlicher Herangehensweise. Soziale Probleme und Konflikte beim Broterwerb sind der Ausgangspunkt dafür, sich kollektiv zu wehren. Antikapitalismus lebensnah.

chefduzen versteht sich nicht als reines Internetprojekt, sondern nutzt nur die Möglichkeiten der Verbreitung von Infos, der Diskussion und des Kontakteknüpfens im Netz. Im Rahmen dieses Projekts werden auch Treffen, Veranstaltungen und Protestaktionen organisiert.

10°° - 11°°
Der Britische Bergarbeiterstreik 1984


In den 80ern blies Margret Thatcher zum Generalangriff auf die britische Arbeiterbewegung. Die Bergarbeiter gehörten zum bestorganisierten Teil der Klasse. In den 70er Jahren haben sie zweimal mit Streiks die Regierung zum Rücktritt gezwungen. Thatcher wollte die Macht der Gewerkschaften und der britischen Arbeiterklasse brechen. Es wurde die Streikggesetzgebung verschärft, Streikposten mit größerer Teilnehmerzahl verboten, das Gewerkschaftsvermögen der Bergarbeitergewerkschaft beschlagnahmt und mit massiver Polizeigewalt gegen Streikende vorgegangen. Es wurde über 12 Monate ein erbitterter Kampf geführt. Es entwickelten sich Kampfformen und Bündnisse, die für einen Arbeitskampf ungewöhnlich sind. Wegen des beschlagnahmten Gewerkschaftvermögens entstand eine Solidaritätsbewegung, die für materielle Unterstützung sorgte, damit die Arbeiter nicht durch Hunger zurück an die Arbeit gezwungen werden. Für die konservative Bergarbeiterkultur war es neu, von Migranten- Schwulen- und Lesbengruppen Unterstützung zu bekommen. Die Bergarbeiterfrauen begannen die Streik mit kollektiven Suppenküchen zu unterstützen. Die Politische Bedeutung der Frauengruppen wuchs, sie übernahmen teilweise die Führung in dem langen Arbeitskampf. Es entwickelte sich eine internationale Unterstützung und in Kiel organisierten ehemalige Hausbesetzer zusammen mit Gewerksschaftern und anderen Aktivisten Geldsammlungen, Veranstaltungen und Reisen von Streikaktivisten nach Deutschland und Kieler Unterstützer reisten selbst an die Streikfront. Ohne diese Erfahrungen wäre es nicht zu der Gründung des Projekts chefduzen gekommen.

11:30 - 13°°
15 Jahre chefduzen - Klassenkampf online und offline


Das Forum Chefduzen.de ist eine feste Größe in aktuellen Auseinandersetzungen rund um Verarmung, Prekarisierung und Entrechtung. Es ist die Quelle für Themen diverser Medien und hat Journalisten Kontakte geknüpft für zahlreiche Reportagen und Material geliefert für Bücher. Den Ausbeutern entging nicht die Wirkung des Austauschs unter den Ausgebeuteten, die besser informiert und mutiger sich vieles nicht mehr gefallen ließen. Besonders berüchtigte Unternehmen bekamen so auch Probleme Personal zu rekrutieren. Es begann eine beispiellose Welle von juristischen Attacken gegen das Forum mit der Androhung astronomischer Zwangsgelder und auch mehrmonatiger Haft. Aber auch der Einsatz bezahlter Hacker konnte das Forum nicht zum Verstummen bringen. Die Aktivitäten im Rahmen und Umfeld des Forums waren folgenreich. Auf einem großen Flughafen setzten Leiharbeiter mit einer Mischung von Sabotage und wildem Streik ihre Forderungen durch. In einem Callcenter mit rund 600 Beschäftigten meldeten sich in einem kollektiven "Sick-Out" Dreiviertel der Beschäftigten Krank. Zu den Schwerpunkten der Aktivitäten ums Forum gehören Leiharbeit und Callcenterjobs. Aber auch die Arbeit der Berufskraftfahrer ist ein besonders beackertes Thema.

13:30 - 15°°
Unter Truckern


In Zeiten der Just-in-Time-Production ist der Transportsektor eine Achillisferse der Wirtschaft. Wenn der Transport aus dem Takt gerät, werden große Bereiche der Wirtschaft lahmgelegt. Theoretisch hätten die Berufskraftfahrer eine enorme Macht. Doch in Deutschland sind sie Einzelkämpfer geblieben und sie haben nicht nur seit Ewigkeiten keine Lohnerhöhung gekriegt, sondern ihre Arbeitsbedingungen sind immer prekärer geworden. Seit 2010 läuft im Rahmen von Chefduzen das Projekt "Kilometerfresser", das sich speziell den Arbeitsbedingungen der Berufskraftfahrer widmet, egal ob Paktetbote, Taxifahrer oder Trucker im internationalen Verkehr. In diesem Rahmen sind rund 40 Videobeiträge entstanden, die die Arbeitsbedingungenen und die Organisierungsversuche in der Branche beschreiben. In dieser Veranstaltung gibt es Filme und Anekdoten aus einem Millieu, das vielen linken Aktivisten nur wenig bekannt sein dürfte.
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admin
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Beiträge: 2285


« Antworten #1 am: 11. Mai 2018, 13:07:00 »

Ihr seid in Berlin?

Dann kommt vorbei!

Sa.12.5.

10°°
11:30
13:30

Rigaer Str. 78
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admin
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Beiträge: 2285


« Antworten #2 am: 21. Mai 2018, 15:19:11 »

Die Veranstaltungsreihe in Berlin hat eine Vorgeschichte...



Ich hielt es für sinnvoll, den Kampf gegen Spekulanten und Miethaie zu unterstützen und wollte gern ein paar andere Ideen in die "linksradikale" Szene tragen. Ein klassenkämpferischer Ansatz ist da wenig bekannt.



Die Rigaer Straße im Ostberliner Bezirk Friedrichshain genießt eine gewisse Berühmtheit. Es handelte sich um einen Stadtteil einfacher Leute und einer blühenden Szene verschiedener Subkulkturen.
Zitat
Im Zuge der Hausbesetzer-Bewegung 1990/91 wurden auch in der Rigaer Straße mehrere Häuser besetzt, in die linke Wohngemeinschaften einzogen. In einigen der besetzten Häuser wurden kollektiv betriebene Kneipen und Veranstaltungsräume eröffnet. 1992 wurden einige der Hausbesetzungen durch den Abschluss von Mietverträgen legalisiert, andere wurden im Rahmen der Räumungswelle unter dem Innensenator Jörg Schönbohm nach dem Berliner Allgemeinen Sicherheits- und Ordnungsgesetz (ASOG) 1997 geräumt. Überregionale Aufmerksamkeit erhielten die besetzten Häuser in der Rigaer Straße 84 und 94 im Zuge ihres Kampfes für den Erhalt der Projekte.
https://de.wikipedia.org/wiki/Rigaer_Stra%C3%9Fe

Die ältesten erhaltenen Gebäude wurden von Heinrich Ferdinand Eckert für die Arbeiter seiner Landmaschinenfabrik in Auftrag gegeben und 1875/1876 errichtet. Natürlich blieb Friedrichshain nicht von Gentrifizierung und Spekulanten verschont. Diese historischen Gebäude wurden 2016 abgerissen, um dem Neubau-Projekt Carré Sama-Riga Platz zu schaffen.

Zitat
Ende 2015 erklärte die Polizei die Rigaer Straße und angrenzende Gebiete auf Grund der Häufung politisch motivierter Straftaten zu einem „kriminalitätsbelasteten Ort“ nach dem Allgemeinen Sicherheits- und Ordnungsgesetz (ASOG), zeigte verstärkt Präsenz und führte verdachtsunabhängige Personenkontrollen durch. Zwischen Mitte Oktober 2015 und dem 27. Januar 2016 kontrollierte die Polizei 1500 Personen.
https://de.wikipedia.org/wiki/Rigaer_Stra%C3%9Fe#Geschichte

»Wer meint, in der Rigaer Straße oder sonst wo die Friedhofsruhe einzuläuten, sollte mit unserem Drang nach einem selbstorganisierten und unkommerziellen Leben rechnen«, so steht es in der Einladung zu den »Chaos- und Diskussionstagen« vom 10. bis 13. Mai.

Das Springerblatt WELT voeröffentlichte am 8.5. folgendes:
Zitat
Linksautonome kündigen „Chaostage“ in der Rigaer Straße an

Angekündigtes Chaos: Vor dem erneuten Prozess um besetzte Räume in dem umstrittenen Haus in der Rigaer Straße in Berlin-Friedrichshain hat die linksautonome Szene zu Widerstand aufgerufen. Für die Zeit bis zum Gerichtstermin am 14. Mai sind demnach „Diskussions- und Chaostage“ sowie unangemeldete Demonstrationen geplant.

So wird für Samstagabend zu einer Demonstration in Neukölln aufgerufen. Dazu heißt es in einem Aufruf im Internet: „Kommt um 18.00 Uhr zum Herrfurthplatz und werdet Teil einer unkontrollierten Menge, oder macht euch Gedanken zu dezentralen Aktionen jeglicher Couleur und stiftet Chaos.“ Bewusst wolle man die Demonstration nicht bei der Polizei anmelden: „Wir werden nicht mit dem Staat, den wir ablehnen und zerstören wollen, verhandeln.“

Schon am Donnerstag wollen die Unterstützer der Bewohner in der Rigaer Straße vor dem Haus Nr. 94 eine Art Flohmarkt organisieren, um sich „die Straße zu nehmen“.
https://www.welt.de/politik/deutschland/article176162188/Berlin-Linksautonome-kuendigen-Chaostage-in-der-Rigaer-Strasse-an.html



Die Staatsmacht versuchte den Bezirk in einen militärisch besetzten Stadtteil zu verwandeln, an den Straßenkreuzungen standen Mannschaftswagen und Polizeitrupps marschierten in Kampfmontur durch das Wohngebiet. Bereits der Flohmarkt am Donnerstag wurde als Bedrohung angesehen und abgeräumt. Uns ist aber in einem Trupp von 5 Leuten das Plakatieren gut gelungen und in der gesamten Gegend sind noch heute Plakate von Chefduzen zu sehen.



Als noch eine handvoll Plakate übrig war, hat uns schließlich das Auge des Gesetzes wahrgenommen und 3 von uns wurden von 4 Bullenwannen eingekesselt. Es gab das volle Programm. Mit gespreizten Beinen beide Hände gegen den Polizeibus. Ein Beamter ging mir durch Jacken-, Hemd- und Hosentaschen und zog mir die Jeans bis unter den Arsch herunter. "Sie sind aus Kiel? Willkommen in Berlin!" Nicht übel.

Bei der Polizei scheinen die Einstellungskriterien ähnlich niedrig, wie bei der Bundeswehr zu liegen. Halbwegs vernünftige Gespräche waren mit ihnen kaum möglich. "Hören sie auf Bier zu trinken!" "Sie dürfen jetzt nicht rauchen!" "Nehmen sie ihren Fuß von der Hauswand." Es war wirklich stumpf. In ihrem Frust reagierten sie sich sogar an Touristen und Anwohnern ab. "Ihr Fahrrad hat kein Licht!" "Bei dieser Maßnahme dürfen sie nicht einfach durchgehen." Als ich fragte, ob sie einen solchen Job denn gerne machten, bekam ich als Antwort: "Ich liebe diesen Beruf." So wird es sein.

Das ganze Spektakel dauerte weit über eine Stunde. Am Ende wurde ihnen von der Einsatzzentrale oder einer anderen höheren Stelle mitgeteilt, es war alles für die Katz. Es würde kein Verfahren eingeleitet. Die ganze Zeit waren wir 3 von 10 und mehr Beamten eingekreist. Dabei hatten die bereits unsere Papiere. Lächerliche Aktion.


Die Punkkneipe ABSTAND bot den Veranstaltungsraum für die Chefduzenvorträge

Die Veranstaltungen waren umso besser.
1. Der Britische Bergarbeiterstreik in den 80ern. Der bedeutendste Arbeitskampf der letzten 40 Jahre in Europa. Er zog weltweit Kreise weit über die traditionellen gewerkschaftlichen Strukturen hinaus. Ich war damals aktiv in einer deutschen Soligruppe und habe die Streikenden in UK besucht. Ohne diese Erfahrungen würde es heute chefduzen wohl nicht geben.
2. 15 Jahre chefduzen.de Hintergründe, praktische Erfahrungen und Anekdoten vom Forum der Ausgebeuteten.
3. Unter Truckern - Organisationsversuche von Berufskraftfahrern. Ein Projekt, das aus dem Forum hervorgegangen ist.



Das Publikum war wirklich interessiert. Es gab Applaus und viel Lob. Es gab auch Kommentare, daß es ja spannend war, auch mal was von richtigen Arbeitern zu hören. Ein Armutszeugnis für Leute, die sich für "links" halten. Im Anschluß fand eine Veranstaltung zum Thema "Freiräume" statt. Die war weitaus besser besucht als die Chefduzenvorträge. Die linke Szene beschäftigt sich wohl am liebsten mit sich selbst.



Am Abend sollte es noch eine Demo gegen Repression geben. Unser Transparent für den in China inhaftierten VW Leiharbeiter Fu Tianbo konnte nicht entrollt werden ohne zu riskieren, daß es sofort beschlagnahmt wird. Die Polizeipräsenz war einfach zu massiv und sie war auf Konfrontation aus. Es gelang ihr die Demo zu stoppen.




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« Antworten #3 am: 23. Mai 2018, 12:38:46 »

Zitat
Das Publikum war wirklich interessiert. Es gab Applaus und viel Lob. Es gab auch Kommentare, daß es ja spannend war, auch mal was von richtigen Arbeitern zu hören. Ein Armutszeugnis für Leute, die sich für "links" halten. Im Anschluß fand eine Veranstaltung zum Thema "Freiräume" statt. Die war weitaus besser besucht als die Chefduzenvorträge. Die linke Szene beschäftigt sich wohl am liebsten mit sich selbst.
Naja, es führten natürlich auch nen paar andere Faktoren zu den Besucher zahlen.
- die Veranstaltung war sehr kurzfristing geplannt und durchgeführt worden. Eine seperates Bewerben war nicht möglich, nur ein Tag vorher. Leute mussten durch zufall drauf stoßen und eine beschreibung befand sich nur im online Program
- Dort stand die Veranstaltung als chefduzen offline, worunter sich keiner was vorstellen kann, der chefduzen nicht kennt. und der Zeitrahmen war mit 5 std erstmal abschreckend. Die einzelnen Themenblöcke zu bewerben wäre einfache (war erst ersichtlich wenn die Klappe aufgeklickt wurde).
- 10 uhr morgens ist verdammt früh auf nen Sa im Abstand. Durch die angegebene Zeit (10-15 Uhr) ist nicht ersichtlich das es noch viel Sinn ergibt später zu kommen.

Naja und ansonsten ist das Thema wie schon erwähnt nicht das prominensteste. Dein Urteil teil ich zwar, aber mit Einschränkungen.
Ich fands gut und interessant. Auch gut war der Übergang und Zusammenhang der drei Themen / Teilvorträge, es ermöglicht ein Vergleichen und lernen aus vergangenen Kämpfen . Ein Vorteil bei wenigen Leuten ist, das Diskussion und Input loker ineinander übergeen können. Das macht es spannenderund komplexer. Ich hät mir trotzdem dopelt soviele Teilnehmer gewünscht.
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admin
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« Antworten #4 am: 23. Mai 2018, 14:01:32 »

Ich wollte es nicht runtermachen. Mir gefiel die Idee und ich fand die Vortragsreihe gelungen. Es war eine subjektive Einschätzung und bestätigte meinen Eindruck, daß die Politszene sehr im eigenen Saft schmort. Deshalb diese Veranstaltung(en) als Angebot für einen anderen Blick auf die Verhältnisse und andere Felder der Auseinandersetzung.

So etwas kann ich mir auch anderenorts vorstellen. Gegen Reisekosten sollte das kein Problem sein.
Eine handvoll Themen wären spontan für Veranstaltungen möglich. Darüber hinaus wäre viel mehr denkbar, doch das funktionert dann nur mit größerer Vorbereitung und mehr Aufwand.

Grundsätzlich strebe ich mehr Aktivitäten jenseits des Internets an.
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