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Autor Thema: Arbeit und linke Politik  (Gelesen 415 mal)
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admin
Administrator

Beiträge: 2329


« am: 09. Oktober 2018, 11:33:57 »

Dieses Forum wurde gegründet als Gegenentwurf zur herrschenden linken Politik.
Die Auseinandersetzungen, die von der linken Szene/Bewegung geführt werden, dienen der Selbstbestätigung und haben nahezu keine Auswirkungen auf die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse.

chefduzen gibt es, damit Menschen zusammenfinden entlang sozialer Probleme und Konflikte, auf einer antifaschistischen Grundlage. Ansonsten muß man weder "politisch" noch "links" sein, um hier über Probleme mit Ämtern, Job oder Vermietern zu reden. Nur wer hier neoliberal oder sozialdarwinistisch auftritt, fliegt hier ebenso schnell raus, wie ein Fascho.

Der wichtigste Ort für gesellschaftlich relevante Auseinandersetzungen sind weder Demonstrationen und Kundgebungen, noch Veranstaltungen oder Internetplattformen. Es ist der Arbeitsplatz. Dort ist es weitgehend ruhig und so ist auch der politische Stillstand zu erklären. Arbeit wird heute anders organisiert, als vor 100 Jahren: Homeoffice, Leiharbeit, Werkverträge, Freiberuflichkeit und Scheinselbstständigkeit und Clickwork. Auf all das haben wir noch keine Antworten. Wir diskutieren die heutigen Methoden der Ausbeutungsmaschinerie kaum.

Bei chefduzen treten wir seit 16 Jahren weitgehend auf der Stelle. Kaum jemand hat die Grundidee, die hinter diesem Forum steht, auch nur im Ansatz verstanden. Ich bin schon froh, daß es zumindest nachgelassen hat, daß Leiharbeiter hier beschimpft und beleidigt werden, weil sie in der Leiharbeit schuften. Ihnen gab man die Schuld an der Existenz der Sklavenhändlerbranche, ja am ganzen Ausbeutersystems selbst. Immer wird nur Rückzug propagiert. Man soll nicht einen Job in der Leiharbeit, im Callcenter oder in der Logistik arbeiten. Dabei wären das die idealen Orte schlechthin, wenn man Ungerechtigkeit oder "das kapitalistische System" angreifen möchte. Ich kenne Leute, die extra in solchen Ausbeuterbuden anheutern, um den Kampf aufzunehmen. Diese Leute bewundere ich und ich hoffe, ihr Herangehen macht Schule. Viel wichtiger sind diejenigen, die nicht aus "politischen" Gründen arbeiten gehen, sondern einfach arbeiten, um ihre Miete zu zahlen. Die sollten ihre Arbeit nicht nur erleiden und einen Notausgang suchen, sondern sie sollten überlegen, wie man sich wehrt und seine Würde bewahrt. Wir müssen erst wieder lernen, wie das geht. Es geht hier nicht um irgendwelche Fernziele wie "Streik", sondern um einfache Dinge, wie Widerspruch Vorgesetzten gegenüber, Einfordern an zustehenden Rechten, Absprachen mit Kollegen, langsam Arbeiten, Einsatz des "Gelben Scheins" und jede Menge mehr.

Selbst diese Schritte sind nicht immer einfach, doch sehr wichtig. So etwas sollten wir hier bequatschen. Man sollte einfach mal die Situation beschreiben, so daß auch Außenstehende sich ein Bild machen können. Wie sieht ein normaler Arbeitstag aus? Worüber streitet man sich mit Kollegen und Vorgesetzten? Was nervt einen bei der Arbeit?

Diese Diskussionen wurden hier bisher nicht geführt. Jeglicher Ansatz ist immer kaputtgelabert worden, von irgendwelchen Schlaumeiern, die verkünden, daß man da auf keinen Fall arbeiten darf.
Gespeichert
BGS
Polarlicht


Beiträge: 3055



« Antworten #1 am: 09. Oktober 2018, 12:30:08 »

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Der wichtigste Ort für gesellschaftlich relevante Auseinandersetzungen sind weder Demonstrationen und Kundgebungen, noch Veranstaltungen oder Internetplattformen. Es ist der Arbeitsplatz. Dort ist es weitgehend ruhig und so ist auch der politische Stillstand zu erklären. Arbeit wird heute anders organisiert, als vor 100 Jahren: Homeoffice, Leiharbeit, Werkverträge, Freiberuflichkeit und Scheinselbstständigkeit und Clickwork. Auf all das haben wir noch keine Antworten. Wir diskutieren die heutigen Methoden der Ausbeutungsmaschinerie kaum.

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Bei chefduzen treten wir seit 16 Jahren weitgehend auf der Stelle. Kaum jemand hat die Grundidee, die hinter diesem Forum steht, auch nur im Ansatz verstanden. Ich bin schon froh, daß es zumindest nachgelassen hat, daß Leiharbeiter hier beschimpft und beleidigt werden, weil sie in der Leiharbeit schuften. Ihnen gab man die Schuld an der Existenz der Sklavenhänderbranche, ja am ganzen Ausbeutersystems selbst. Immer wird nur Rückzug propagiert. Man soll nicht einen Job in der Leiharbeit, im Callcenter oder in der Logistik arbeiten.

Dabei wären das die idealen Orte schlechthin, wenn man Ungerechtigkeit oder "das kapitalistische System" angreifen möchte. Ich kenne Leute, die extra in solchen Ausbeuterbuden anheutern, um den Kampf aufzunehmen. Diese Leute bewundere ich und ich hoffe, ihr Herangehen macht Schule. Viel wichtiger sind diejenigen, die nicht aus "politischen" Gründen arbeiten gehen, sondern einfach arbeiten, um ihre Miete zu zahlen. Dejenigen sollten ihre Arbeit nicht nur erleiden und einen Notausgang suchen, sondern sie sollten überlegen, wie man sich wehrt und sich seine Würde bewahrt. Wir müssen erst wieder lernen, wie das geht. Es geht hier nicht um irgendwelche Fernziele wie "Streik", sondern um einfache Dinge, wie Widerspruch Vorgesetzten gegenüber, Einfordern an zustehenden Rechten, Absprachen mit Kollegen, langsam Arbeiten, Einsatz des "Gelben Scheins" und jede Menge mehr.

Selbst diese Schritte sind nicht immer einfach, doch sehr wichtig. So etwas sollten wir hier bequatschen. Man sollte einfach mal die Situation beschreiben, so daß auch Außenstehende sich ein Bild machen können. Wie sieht ein normaler Arbeitstag aus? Worüber streitet man sich mit Kollegen und Vorgesetzten? Was nervt einen bei der Arbeit?
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Vielen Dank für die Verdeutlichungen.

Ist zwar geographisch weit weg von den Meisten, doch auch am Polarkreis gibt es langwierige prekäre Arbeitsverhältnisse (wie meines):

Der "Chef" hatte zuvor mir meine Arbeitszeit im Verhältnis zum Lohn Juni/Juli genau vorgerechnet und festgestellt, ich sei zwei Tage zuviel bezahlt worden an meinem Job im Hafen. So weit, so gut bzw. schlecht. Dann hiess es scheinbar grosszügig, ich könne die fehlenden beiden Tage nacharbeiten, indem ich einfach käme, wenn es mir passte. Ich arbeite nur auf Abruf direkt bei der Firma. Schon mehr als fünf Jahre inzwischen. Seit diesem Jahr lasse ich mir für die geleisteten Stunden monatlich Bescheinigungen ausstellen, damit mir die Arbeitsamtbürokratie vom Hals bleibt und um hoffentlich so meine Rechte als Arbeitnehmer in eventuellen zukünftigen Gerichtserfahren gegen den Arbeitgeber zu stärken. Denn Monat für Monat  heisst es in den Papieren "BGS
ist vorübergehend angestellt bei der Firma ... . " Immer "vorübergehend", dabei auf Abruf. 2018 war ich z.B. tätig im Januar, Februar, März, April, Mai, Juni, Juli, August und September . Mindestens 130 Arbeitstage (Mo.-Fr:) bis jetzt.

Heute früh kam ich somit zur Arbeit, da es mir passend schien und plötzlich hiess es, so ginge das nicht. Man würde mich anrufen, falls ich gebraucht würde. Ich hätte kotzen können, nach dem frühen Aufstehen und dem vorher Gesagtem!

Doch was blieb mir denn anderes übrig, als gute Miene zum bösen Spiel  zu machen? Sogenannter Kollege stand neben dem Chef und tat so, als sei ich gar nicht da. Dabei sind sie auf meine kurzfristigen Einsätze angewiesen, jedes Mal.

Das ist eine der heutigen Methoden den Ausbeutungsmaschinerie. Werde vermutlich noch diese Woche wieder angerufen für eintägige, kurzfristige Arbeit.

Ein Arbeitstag ist min 9-stündig. Dabei wird mir täglich eine Stunde abgezogen für Pausen, für die die Zeit zumindest vier Monate im Sommer absolut nicht reicht.

Die Arbeiter, sollten sie in das Büro wollen, dürfen nur den Nebeneingang, der auch für LKW-Fahrer vorgesehen, benutzen. Natürlich ist man dennoch stets freundlich, wir sind schliesslich in Skandinavien... .

Ungefähr seit vier Jahren bin ich in der hiesigen Gewerkschaft, damit im eventuellen Konfliktfall mit dem Arbeitgeber ich nicht völlig alleine bin, denn die wenigen "Kollegen" kann man hinsichtlich Widerstand völlig vergessen.

Es setzt mir zu, wie ein Sklave arbeiten zu müssen, auf Abruf. Dass die Arbeit oft dreckicg, gefährlich und körperlich fordernd ist, liegt in ihrer Natur (Hafen).

Persönlich sehe ich keinen Weg, die hiesige Ungerechtigkeit oder "das kapitalistische System" anzugreifen. Dann bin ich den Job sofort los und werde wohl aus Mangel an Arbeitsplätzen und Altersgründen nur noch on Wasser und Brot leben.

Ich beklage mich nicht, schildere nur eine Form der Ausbeutung. Immer noch besser, als ARGE und dergleichen, leider.

Der Arbeitsplatz.ist isoliert, vereinzelt Allerorten.Keiner sieht den Kollegen.
]
MfG

BGS

« Letzte Änderung: 09. Oktober 2018, 19:43:20 von BGS » Gespeichert

"Ceterum censeo, Berolinensis esse delendam"

http://www.chefduzen.de/index.php?topic=21713.msg298043#new
(:DAS SINKENDE SCHIFF DEUTSCHLAND ENDGÜLTIG VERLASSEN!)
counselor


Beiträge: 3509



« Antworten #2 am: 09. Oktober 2018, 16:57:32 »

Auch ich halte den Arbeitsplatz für entscheidend im Kampf für eine Welt ohne Ausbeutung und Unterdrückung.

Ich arbeite 25 Stunden in einer Großküche mit angeschlossener Wäscherei. Der Lohn ist niedrig und reicht zum Leben nicht. Das Verhältnis zu den KollegInnen ist gut. Wir respektieren uns und begegnen uns auf Augenhöhe und es gibt einen gewissen Zusammenhalt. Die Führungsmethoden der Abteilungsleitung ist ehr liberal (von gelegentlichen Ausrutschern abgesehen). Die Arbeit ist körperlich hauptsächlich im Stehen (typische Küchenarbeiten bis hin zur Reinigung des Hauses).

Zusammen mit einem Kollegen versuche ich, etwas Klassenbewußtsein in den Laden zu bringen. Von Kämpfen sind wir aber meilenweit entfernt. Viele Kollegen meinen, man könnte nichts ändern oder sind einfach heilfroh, überhaupt Arbeit zu haben. So war es ein Erfolg, einige Kollegen für die Wahlkampfkundgebung der Linken mit Gregor Gysi zu mobilisieren.

Das größte Ärgernis für mich ist der mickrige Lohn, der zum Leben nicht reicht.
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Alles ist in Bewegung. Nichts war schon immer da und nichts wird immer so bleiben!
Kuddel


Beiträge: 11690


« Antworten #3 am: 10. Oktober 2018, 11:45:18 »

Ich arbeite nur auf Abruf direkt bei der Firma.
Immer "vorübergehend", dabei auf Abruf.
Werde vermutlich noch diese Woche wieder angerufen für eintägige, kurzfristige Arbeit.

Ich kenne das gut. Ich habe über längere Phasen auch so gelebt.
Ich hatte subjektiv die Tagelöhnerei als persönliche Freiheit wahrgenommen, denn sie war mir lieber als das Gefühl, mein gesamtes Leben dem Rythmus der Stechuhr und dem betrieblichen Alltag zu unterwerfen. Ich verzichtete auf größere ökonomische Ansprüche und wurde entschädigt mit einem Haufen Zeit, die ich für mich hatte und die nicht mit Geld aufzuwiegen ist.
Das funktionierte aber nur so lange, wie die Tagelöhnerei halbwegs vernünftig entlohnt wurde und man von der Maloche noch Geld zurücklegen konnte. Wenn nichteinmal diese Jobs angeboten wurden, wurde das Gefühl der Freiheit von dem der Panik abgelöst.
Wenn man älter wird und die Gesundheit immer weniger robust ist, funktioniert dieses Lebenskonzept sowieso immer weniger.
Ich war immer davon überzeugt, ich könnte mir irgendwelche individuellen Nischen erhalten im ökonomischen Klarkommen.
Die Ausbeutungsverhältnisse änderns sich von Tag zu Tag, doch nicht zum besseren. Die Realität hat mich gelehrt, daß ich mir war vorgemacht habe.
Es gibt keine individuellen Auswege aus diesen Verhältnissen (wenn wir nicht mit dem goldenen Löffel im Mund auf die Welt gekommen sind).
Ich sehe keine Alternative dazu, sich kollektiv mit den Verhältnissen auseinanderzusetzen, alles andere bedeutet, wir werden von ihnen zerrieben, jeder für sich allein.
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