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Autor Thema: Anweisung an BA-Mitarbeiter für die Statistik  (Gelesen 1512 mal)
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BetrogenerBürger
Gast
« am: 26. Februar 2004, 15:25:16 »

Der Vermittler sitzt hinter einem grauen Schreibtisch. Auf der Tischplatte steht ein großer Monitor, daneben liegen viele Akten in rosafarbenen Deckeln. Weit über 700 Arbeitsuchende hat der Mann von der Arbeitsagentur in einer deutschen Großstadt zu betreuen. Wenn er über den Alltag in der Behörde spricht, klingt Verbitterung durch: "Wie soll man denn da nicht zynisch werden?", fragt er und weist auf eine Dienstanweisung hin. Sie trägt die Überschrift "Geschäftspolitik 2003, Ziel: Bestand Arbeitslose senken".

Um den ?Bestand? an Arbeitslosen zu senken, gebe es zwei Wege, meint der Mann vom Amt: Arbeitslose zu vermitteln oder sie zu vergraulen. Das Papier beschäftige sich mit Letzterem. In der Dienstanweisung sind so genannte "Ergebnisziele" festgelegt. Diese sind für "Teams" definiert, zu denen jeweils vier bis fünf Vermittler gehören. Jedes Team soll danach pro Monat "60 Fälle 1. MV" und "7 Fälle 2. MV" produzieren. "MV" steht für "Meldeversäumnis". Das heißt: Arbeitslose, die auf eine Vorladung vom Amt nicht reagieren, werden mit einer "Säumnisstrafe" belegt: Leistungsbezieher erhalten dann eine Zeit lang kein Geld. Wer ein zweites Mal nicht zum Meldetermin kommt, fliegt auch aus der Arbeitslosenstatistik.


4,6 Millionen Menschen sind derzeit in Deutschland offiziell als arbeitslos registriert. Keiner liest diese Zahl gerne  und alle finden sie zu hoch: Der Aufschwung lässt auf sich warten. Doch selbst wenn die Konjunktur anspringt, wird es nach Auffassung von Experten kurzfristig keine wesentliche Besserung am Arbeitsmarkt geben.

Da soll wenigstens die Statistik besser aussehen. So werden seit Jahresbeginn die Arbeitslosen anders erfasst: Wer von der Arbeitsagentur "trainiert" wird - in neuen Fertigkeiten oder schlicht für die nächste Bewerbung - zählt jetzt offiziell nicht mehr als arbeitslos. Im Januar verschwanden so 81.100 Arbeitsuchende aus der Statistik. Schon lange zählen auch die von den Ämtern geförderten Teilnehmer an Weiterbildungskursen, Arbeitsbeschaffungs- und Strukturanpassungs-Maßnahmen nicht als erwerbslos. Würden sie mitgezählt, hätte es im letzten Monat noch 331.000 registrierte Arbeitslose mehr gegeben.

Keiner der Zahlentricks ist so raffiniert wie der mit dem "Meldeversäumnis". "Eigentlich sollten das nur Sanktionen im Einzelfall sein", sagt der Vermittler von der Arbeitsagentur, der nicht namentlich genannt werden möchte. "Jetzt müssen wir aber die Strafen planmäßig und massenhaft produzieren." Insgesamt soll nach der Dienstanweisung allein in seinem Amt jedes Team 1200 so genannte Säumnistage pro Monat erzielen. Entsprechend lang würden dann bei Leistungsbeziehern auch fällige Zahlungen von der Arbeitsagentur eingespart. "Taktung und Häufigkeit der Einladungsaktionen pro Tag/Woche sind so zu planen, dass o. a. Ergebnisziele erreicht werden", heißt es in dem amtlichen Papier. Und das bedeutet: "Wenn die Zahl der angestrebten Meldeversäumnisse nicht erreicht ist, müssen die Arbeitslosen eben nochmal eingeladen werden", sagt der Mann vom Amt.

Der Phantasie der Vermittler sind offenbar keine Grenzen gesetzt. Je mehr Arbeitslose nicht kommen, desto besser stehen die Teams da "statistisch gesehen." Die Vorladungstermine kann man auch auf den Nachmittag oder  "zwischen Feiertag und Wochenende - auf Brückentage verlegen", weiß der Vermittler. "Da ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass Arbeitslose die Meldung versäumen."

Damit die Produktion von Meldeversäumnissen planmäßig vonstatten geht, können  - so empfiehlt es die Leitung der örtlichen Arbeitsagentur - "möglichst große Gruppen mit bis zu 200 Personen" zusammengestellt werden. Für solche Massenvorladungen steht der Hörsaal des benachbarten Berufsinformationszentrums zur Verfügung. Diese Großgruppen-Veranstaltungen liefen unterschiedlich ab, erzählt der Vermittler. Zum Teil würde den Eingeladenen im Hörsaal noch etwas über ihre Rechte und Pflichten erzählt. "Zum Teil gehen die Leute aber auch auf der einen Seite in den Saal rein, auf der anderen Seite wieder raus" - dort ist die Anwesenheitskontrolle. Das nütze zwar keinem Arbeitslosen und sei wegen der vielen Einladungen auch ziemlich aufwändig. Aber so würden durch Säumniszeiten einige tausend Euro gespart und zugleich werde die Statistik verschönert. "Und darum geht es ja", sagt er.

Erfahrungsgemäß fallen durch solche Schikanen (Amtsjargon: "Konsequente Einforderung der Meldepflichten") vor allem diejenigen aus der Statistik, die ohnehin kaum (noch) etwas von der Arbeitsagentur erwarten können. Die Zahl der in Nürnberg registrierten "Nichtleistungsempfänger" hat sich so stark verringert. Bezogen früher rund 30 Prozent der registrierten Arbeitslosen keine Leistungen, sind es nun nur noch 18 Prozent.

und noch viel mehr interessantes hier nachzulesen:

http://www.sueddeutsche.de/jobkarriere/erfolggeld/artikel/184/27157/
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Gast
« Antworten #1 am: 26. Februar 2004, 18:25:52 »

Paßt auch irgendwie dazu:

Zitat
Original von stern.de


Ausbau des "Virtuellen Arbeitsmarktes" gestoppt

Die geplante Erweiterung der BA-Online-Stellenbörse ist erst einmal auf Eis gelegt - Nachbesserungen haben Vorrang. Das wackelige und teure System war viel kritisiert worden.Zugleich entband Weise den bisherigen Projektleiter des Virtuellen Arbeitsmarktes, Jürgen Koch, von seinen Aufgaben.

Nach BA-Angaben waren die Kosten für den Ausbau des Virtuellen Arbeitsmarktes ursprünglich mit 65 Millionen Euro veranschlagt worden. Neue Berechnungen hätten allerdings ergeben, dass mit den geplanten Erweiterungen bis 2008 Kosten von rund 125 Millionen Euro anfallen würden. Dazu kämen weitere interne Kosten von rund 40 Millionen Euro für eine Erweiterung des BA-internen Netzes.


Und wer sich ein wenig mit online Angeboten auskennt hat sich sowieso über die schlecht gemachte und kaum funktionierende Online Stellenbörse totgelacht! (Aber die Geldbeträge sind nicht von schlechten Eltern!)
Gespeichert
BetrogenerBürger
Gast
« Antworten #2 am: 26. Februar 2004, 23:47:10 »

Zitat
Innenrevision wittert Korruption

Die Kostenexplosion beim virtuellen Arbeitsmarkt geht nach Einschätzung aus Kreisen der Bundesanstalt für Arbeit möglicherweise auf Korruption zurück. SPD- und CDU-Parlamentarier wollen den verantwortlichen Minister Wolfgang Clement vor den Wirtschaftsausschuss des Bundestags zitieren.


Zitat
Die Bundesagentur für Arbeit wird von einer neuen, millionenschweren Affäre erschüttert: Wegen der enormen Kostensteigerungen bei der Online-Jobbörse bestehe Verdacht auf Korruption, sagte Behördenchef Frank-Jürgen Weise. Für den Aufbau des Online-Portals seien Aufträge in Höhe von 15 Millionen Euro ohne Genehmigung der Vergabestelle vergeben worden. Auch der Bundesrechnungshof sei alarmiert.
Weise sagte der "Süddeutschen Zeitung" und der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (Freitagausgaben), die Innenrevision der Behörde habe die Staatsanwaltschaft eingeschaltet. Die Bundesagentur hatte am Mittwoch überraschend mitgeteilt, dass der Ausbau ihres Online-Portals vorerst gestoppt werde. Eine Risikoanalyse habe ergeben, dass bis 2008 Kosten von 165 Millionen Euro drohten. Projektleiter Jürgen Koch wurde von seinem Posten entbunden, laut "Süddeutscher Zeitung" soll er dem BA-Vorstand die Kostenexplosion verschwiegen haben.

Die Zeitung berichtet, die Nürnberger Staatsanwaltschaft verzichte vorerst auf ein Ermittlungsverfahren, zunächst müsse die Bundesagentur konkrete Verdachtspersonen benennen und weitere Akten vorlegen. Weise sprach im Gespräch mit der Zeitung von einer "zu großen Nähe" zwischen Behörde und Auftraggebern.

Noch Anfang Februar hatte die BA einen Magazinbericht über eine drohende Kostenexplosion bei dem Projekt dementiert, das von der Unternehmensberatung Accenture durchgeführt wird. Nun erklärte Weise, Projektleiter Koch habe bis vor zwei Monaten erklärt, der Kostenrahmen liege bei 77 Millionen Euro. "Meine Controller sind dann reingegangen und mussten feststellen, dass dies schon zu diesem Zeitpunkt falsche Angaben waren." Weise bestätigte, es seien ohne Rücksprache mit dem Vorstand Aufträge vergeben worden, die nicht ins Budget passten. Aus BA-Kreisen hieß es, es seien Aufträge aus der Projektgruppe heraus an der Vergabestelle vorbei direkt vergeben worden
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