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Autor Thema: Polnische Erntehelfer in Italien wie Sklaven gehalten  (Gelesen 5390 mal)
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Kater


Beiträge: 7111


« am: 19. Juli 2006, 16:49:06 »

Zitat
Erntehelfer wie Sklaven gehalten

ROM -
Die polnische und italienische Polizei haben nach gemeinsamen Ermittlungen 113 Polen befreit, die in der Region Apulien als "Arbeitssklaven" festgehalten worden waren. Die Polen wurden den Angaben zufolge "wie in Nazi-Lagern" gehalten und mußten rund 15 Stunden pro Tag ohne Pause auf dem Feld arbeiten. Zudem seien sie von ihren Bewachern mißhandelt worden, sagte Oberstaatsanwalt Paolo Grassi gestern in Bari.

In beiden Ländern wurden 25 Verdächtige festgenommen, denen Menschenhandel vorgeworfen wird. "Was wir entdeckt haben, ist eine völlige Mißachtung der menschlichen Würde", sagte Grasso, einer der Haupt-Mafiafahnder in Italien. "Diese Menschen wurden in unserem Land zu Sklaven."

Insgesamt seien 35 Haftbefehle ausgestellt worden. Die Tatverdächtigen stammen aus Bari und Foggia in der süditalienischen Region Apulien sowie aus Gebieten Ost- und Südpolens, die zu den ärmsten der EU gehören.

Die Opfer stammten ebenfalls aus diesen polnischen Regionen. Von dort seien sie mit Versprechen, Jobs zu bekommen, nach Italien gelockt worden. Dort seien sie dann gezwungen worden, für Hungerlöhne von zwei oder drei Euro die Stunde zu arbeiten.

Die Ermittler gehen davon aus, daß noch wesentlich mehr als die 113 befreiten Polen Opfer der Menschenhändler wurden. Möglicherweise hätten bis zu 500 Menschen unter solchen "sklavenähnlichen Bedingungen" arbeiten müssen. Außerdem geht die Polizei einigen Todesfällen von Polen in Apulien nach und prüft, ob diese mit den Arbeitslagern in Verbindung stehen könnten.

Es heißt, die Polen hätten ihre Bewacher mit "Kapo" anreden müssen, wie dies in Nazi-Lagern üblich gewesen sei. Fluchtversuche seien streng bestraft worden.

"Erntehelfern, die in menschenunwürdigen Verhältnissen gehalten werden, sind in Italien nichts Neues", klagte die Sprecherin des Uno-Flüchtlingshochkommissariats (UNHCR), Laura Boldrini. Die Polen hätten noch Glück gehabt, denn ihre Angehörigen meldeten sich, anders als die Familien der auf italienischen Feldern versklavten Afrikaner, bei ihrer diplomatischen Vertretung.

Ein Großteil der italienischen Erntehelfer rekrutiert sich mittlerweile aus Afrikanern, die mit schrottreifen Kuttern Lampedusa und Sizilien erreichen. In Cassibile auf der Insel hausen viele Schwarzafrikaner auf Matratzen am Stadtrand. Sie kommen zur Kartoffelernte, arbeiten für 35 Euro am Tag und haben keine Aufenthaltsgenehmigung. Auf der Piazza tasten Vermittler den Einwanderern morgens die Muskeln ab und prüfen, ob die Männer in acht Stunden so viel leisten können wie ein normaler Arbeiter in zwölf.


http://www.abendblatt.de/daten/2006/07/19/588012.html
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ManOfConstantSorrow


Beiträge: 6432


« Antworten #1 am: 19. Juli 2006, 18:06:50 »

In vielerlei Beziehung entwickeln sich die Verhältnisse nicht nur um Jahrzehnte, sondern um Jahrhunderte zurück.
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Arbeitsscheu und chronisch schlecht gelaunt!
Kater


Beiträge: 7111


« Antworten #2 am: 21. Juli 2006, 16:21:21 »

Zitat
APULIEN
Bewaffnete Vorarbeiter
Oliver Meiler

ROM. Ihre Aufseher mussten sie mit "Kapo" ansprechen, so, wie sich einst Wächter in den Arbeitslagern der Nazis rufen ließen. Im süditalienischen Apulien haben italienische und polnische Polizisten nahe Bari eine Bande ausgehoben, die auf den Gemüsefeldern mit Methoden der Sklaventreiberei Polen ohne Aufenthaltsbewilligung ausgebeutet hatten. 26 Bandenmitglieder wurden festgenommen, nur einer von ihnen ist Italiener.

Von bisher 113 Polen glaubt die Polizei zu wissen, dass sie per Zeitungsinseraten in der Heimat für nur 200 Euro Reisekosten nach Italien gelockt wurden - mit der Aussicht auf "Arbeit, Kost und Logis". Sie wurden in Lieferwagen über Ungarn oder Österreich nach Italien gekarrt, dort in Zeltlagern ohne Wasser und Strom untergebracht, für die Ernte auf die Tomatenfelder geschickt. Und sie wurden dabei von bewaffneten Männern bewacht - den Kapos. Wer sich wehrte, wurde geschlagen. Die Justiz kümmert sich auch um zwei Todesfälle, die bisher als Selbstmorde dargestellt wurden. Piero Grasso, Italiens oberster Mafiajäger, spricht von "wahren Lagern".

Rüde Regeln

Der Fall wirft ein bezeichnendes Licht auf die rüden Regeln auf dem Markt illegaler Arbeitskräfte. Seit langem herrscht dort ein Verdrängungswettbewerb. Die Zeitung Repubblica zitiert marokkanische Saisonarbeiter, die sich über die neue Konkurrenz aus Polen und Rumänien und über deren Dumpinglöhne beklagen: "Nun ist klar, warum wir, die wir mindestens fünf Euro verdienen wollen, keine Jobs mehr kriegen. Diese Polen und Rumänen ruinieren uns den Markt." Auf erschreckend tiefem Niveau. Und unter skandalösen Umständen. Zum Essen gab man den polnischen Arbeitern meist nur Wasser und Brot. Wer krank wurde, dem wurden 20 Euro Buße auferlegt. Doch Italien mag darüber nicht reden. Denkwürdigerweise hat nur eine der großen Zeitungen, die Repubblica, gebührend über diesen Skandal berichtet. Auch die sonst so redselige Politik schweigt. Es heißt, Italiener seien in dem Fall moderner Sklaverei nicht federführend gewesen. Sie hätten die Neuankömmlinge nur auf Arbeitgeber verteilt.

Die Felder aber, auf denen die polnischen Sklaven zwischen zehn bis fünfzehn Stunden im Tag gearbeitet haben, dürften Italienern gehören.


http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/tagesthema/570586.html


Zitat
Zwei Euro Lohn pro Stunde
Ausbeutung - Illegale Arbeitskräfte aus Osteuropa schuften zu Dumpingpreisen. In Italien wurden jetzt polnische Erntehelfer aus einem Lager befreit. Ein Beispiel für moderne Sklaverei im Zeitalter der Globalisierung.
Mia Raben

WARSCHAU. Die Geschichte des Weinbauortes Orta Nova reicht zurück bis ins 12. Jahrhundert. Im Jahr 1806 wurde das in der süditalienischen Region Apulien nahe Bari gelegene Städtchen autonom. Auf der Internet-Seite endet damit die Geschichte des Ortes. Die Moderne kommt nicht vor. Auch, dass dort noch Anfang der Woche Menschen wie moderne Arbeitssklaven schufteten, fehlt in der Chronologie. Zu Wochenbeginn haben polnische und italienische Polizisten in Orta Nova 113 Erntehelfer aus Polen befreit. Bewaffnete Wachmänner, hetzende Hunde und Schläge - die Saisonarbeiter haben dort unter skandalösen Umständen gelebt.

In der polnischen Presse berichteten die Ausgebeuteten gestern von ihren Schikanen. Tadeusz etwa. Der Arbeite erzählte der Zeitung Gazeta Wyborcza, wie er drei Monate lang im Lager gearbeitet, Artischocken, Zucchini, und Tomaten gepflückt habe. Er habe Geld für die Hochzeit seiner Tochter gebraucht und in der Baltischen Tageszeitung in Polen eine Anzeige gelesen. Eine gewisse Frau Ewa habe ihm knapp sechs Euro die Stunde versprochen. Tadeusz sei mit zwei Freunden losgefahren. Dort hätten sie von vier Uhr morgens bis ein Uhr mittags und von vier Uhr nachmittags bis spät abends arbeiten müssen. Es habe weder fließendes Wasser noch eine Toilette gegeben. Hinzu kamen Reibereien - mit den Aufsehern und unter den Arbeitern: Tadeusz: "Ich habe gesehen wie die Arbeiter behandelt wurden, aber die Leute haben sich auch untereinander geschlagen. Es waren auch Baseballschläger dabei. Kurz bevor die Polizei kam, flüchteten zwei Frauen mit Kindern."

Die ersten Erkenntnisse der Ermittler sind erschreckend. Die Betreiber der Arbeitslager sollen auch in Drogenhandel und Prostitution verstrickt gewesen sein. Drei Polen, zwei Ukrainer und ein Algerier sollen gleich mehrere Lager geleitet haben. 25 Menschen wurden in der Polizeiaktion "Gelobtes Land" festgenommen - darunter ein Italiener. In Polen wurden elf Hintermänner verhaftet, zwei weitere sind auf der Flucht. Nach Ansicht der Fahnder scheint es - mitten in der Europäischen Union - ein internationales, kriminelles Netzwerk zu geben, das polnische Arbeiter ausbeutet und misshandelt. Der italienische Fahnder Piero Grasso sagte entsetzt: "Diese Menschen wurden inmitten unseres Landes praktisch zu Sklaven gemacht."

In Polen sind offiziell 19 Prozent der Bevölkerung arbeitslos. Besonders auf dem Land leben viele Menschen an der Armutsgrenze. Jede Möglichkeit, ein bisschen Geld dazu zu verdienen, ist willkommen. Hunderttausende Polen, hoch und weniger Qualifizierte, drängen deshalb ins Ausland. Es sind moderne Wanderarbeiter in globalisierten Zeiten. Sie arbeiten als Putzfrau oder als Erntehelfer, in Schlachthöfen oder auf dem Bau.

Doch nicht überall sind sie willkommen. In Deutschland und Frankreich klagen die Gewerkschaften über Lohndumping durch Polen. Die reisen auf der Suche nach Arbeit immer weiter nach Süden. Auf den Feldern in Italien und Spanien aber treffen sie auf andere Arme: Saisonarbeiter aus Marokko und Tunesien. Osteuropäer und Nordafrikaner haben nichts als ihre Arbeitskraft, und sie konkurrieren erbittert um Jobs. Sie eint nur der Wunsch nach einem besseren Leben.

Diesen Traum hat auch Jolanta Bobryk. Die Polin ist 42. Sie erzählte gestern dem Boulevardblatt Fakt von ihren zwei Leben. Zuhause in Polen lebte sie mit ihrem Mann in einem unfertigen Haus von einigen Hektar Landwirtschaft. Dann habe sie in der Zeitung eine Anzeige gesehen. "Gut bezahlte Arbeit in Italien" wurde dort versprochen. Mit dem Bus sei sie von Wroclaw nach Süditalien gefahren, dafür habe sie 200 Euro gezahlt.

In Italien aber endete der Traum. Die Zustände im Lager hätten sie "sprachlos vor Entsetzen" gemacht, so Bobryk. Die hungrigen Helfer hätten nach der Feldarbeit nichtmal das Lager verlassen dürfen, um Essen zu kaufen. Mit Hilfe eines polnischen Busfahrers sei ihr dann die Flucht gelungen.

Szenen aus dem Arbeitsleben mitten in Europa. Das verfolgt die moderne Form der Sklaverei merkwürdig gleichgültig. Die Politik in Brüssel bleibt ruhig. Nur in Polen regt sich Unmut. Doch fühlt sich auch dort die Politik machtlos. Eine Sprecherin des Ministeriums für Arbeit sagte, viele Polen gingen gutgläubig an die Arbeitssuche im Ausland. Die Reisen würde aber jeder "auf eigene Faust" machen, so dass es schwer für die Behörden sei, einzugreifen. "Wir planen eine große Informationskampagne, um unsere Bürger vor unseriösen Angeboten zu warnen", sagte sie. Auf europäischer Ebene sei aber nichts geplant.

Auch die polnischen Saisonarbeiter bleiben auffallend leise. Die meisten der 113 befreiten Erntehelfer wollen in Italien bleiben. Sie wollen sich neue Jobs suchen. Die Verdienstmöglichkeiten sind zu verlockend.


http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/tagesthema/570587.html
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uwenutz
Gast
« Antworten #3 am: 28. September 2006, 19:30:07 »

... so sieht Europas Antwort der Osterweiterung in Wirklichkeit aus,
was für ein pervertiertes vereintes EU. Der Kapitalimus zeigt seine
wahre Fratze, er sorgt gleich einer Seuche dafür daß solangsam alles
unter ihm zu einer kranken Ausgeburt mutiert, vormals noch Mensch,
verkommt dieser, ehemalige Hunanoide zu einem Alien. Gleich einer
Matrix bemerkt man von Tag zu Tag mehr, dieses Land ist regelrecht
davon völlig befallen, vormalig nette Nachbarn werden zu geldgeilen
Mutanten, Arbeitkollegen mit denen man jahrelang verbandelte zu
feigen Gegnern, Mobbing ist oberste Teamfähigkeit. Jede Perversität
ist hoffähig sofern sie geldfähig ist. Faschistische Ideen werden
salonfähig, und in aller Munde genüsslich zelebriert. ... kollegtives
Gewissen, chritlicher Ethos, weit gefehlt.

Nichts aber auch gar nichts, hat man wirklich aus der Geschichte
gelernt, nur so ist es für mich nachzuvollziehen verständlich unverständlich.
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uwenutz
Gast
« Antworten #4 am: 23. Oktober 2006, 11:55:57 »

Zitat
Original von uwenutz
... so sieht Europas Antwort der Osterweiterung in Wirklichkeit aus,
was für ein pervertiertes vereintes EU. Der Kapitalimus zeigt seine
wahre Fratze, er sorgt gleich einer Seuche dafür daß solangsam alles
unter ihm zu einer kranken Ausgeburt mutiert, vormals noch Mensch,
verkommt dieser, ehemalige Humanoide zu einem Alien. Gleich einer
Matrix bemerkt man von Tag zu Tag mehr, dieses Land ist regelrecht
davon völlig befallen, vormalig nette Nachbarn werden zu geldgeilen
Mutanten, Arbeitskollegen mit denen man jahrelang verbandelte zu
feigen Gegnern, Mobbing ist oberste Teamfähigkeit. Jede Perversität
ist hoffähig, sofern sie geldfähig ist. Faschistische Ideen werden
salonfähig und in aller Munde genüsslich zelebriert.
... kollegtives Gewissen, chritlicher Ethos, weit gefehlt.

Nichts aber auch gar nichts hat man wirklich aus der Geschichte
gelernt, nur so ist es für mich nachzuvollziehen, verständlich unverständlich.
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regenwurm


Beiträge: 3536



« Antworten #5 am: 23. Oktober 2006, 13:09:36 »

passend dazu:

Moderne Sklaverei im 21. Jahrhundert
Nur wenige Menschen können sich vorstellen, dass es so etwas heutzutage noch gibt. Das ist auch nicht verwunderlich, denn Sklaverei ist ein Handel, der heimlich, still und versteckt abläuft und nicht bemerkt wird (oder aus Bequemlichkeit verdrängt wird: aus den Augen - aus dem Sinn)
Dennoch ist es das Geschäft, das weltweit am drittmeisten einbringt.

Übertopt wird es nur noch vom :

+Waffenhandel
+Drogenhandel

Kennzeichen moderner Sklaverei:
Die Sklaverei der heutigen Zeit ist ein wenig anders organisiert als in früheren Jahrhunderten.
Die wesentlichen Unterschiede sind, dass

Die heutigen Sklaven sehr billig zu haben sind, vor allem in Gebieten mit großer Armut. Die Sklavenhändler müssen keinen hohen Preis mehr bezahlen und dem entsprechend haben die heutigen Opfer der Sklaverei keinen großen Wert mehr, wegen dem man sie gut behandeln müsste.
Es besteht ein großer Vorrat an möglichen Opfern, denn die Sklaven kommen meist aus Ländern, in denen der Großteil der Bevölkerung arm und ohne großartige Zukunftsaussichten ist.
Da lässt sich ein krank gewordener oder verendeter Sklave leicht ersetzen.
Oft werden diese Menschen nicht wie früher durch Ketten festgehalten, sondern mittels Gewalt, Androhung von Gewalt, weil sie verschleppt worden sind und nicht mehr nach Hause können, durch fehlende Dokumente und durch Schulden.

Weltweit gibt es um die 27 Millionen Sklaven. Zum Beispiel in Ländern wie Indien, Pakistan, Brasilien, Bangladesh, Nepal, Afrika, in der Karibik, in der Dominikanischen Republik, in den USA, in der Schweiz, in England, Frankreich und in Deutschland (Nach Schätzungen der UN gibt es in Deutschland 200000 Zwangsprostituierte).

Quelle

Die Masse Mensch ist blind und taub oder verwirrt!!!
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ManOfConstantSorrow


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« Antworten #6 am: 17. April 2007, 18:37:26 »

17.04.07  
Der italienische Journalist Fabrizio Gatti hat den EU-Journalistenpreis für eine Reportage über die menschenunwürdige Beschäftigung von ausländischen Arbeitern in Süditalien gewonnen. Der Autor hatte sich selbst als Feldarbeiter anwerben lassen, um über die mafiösen Zustände bei der Beschäftigung von Leiharbeitern aus Osteuropa und Afrika aufzuklären.
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Kuddel


Beiträge: 11712


« Antworten #7 am: 05. März 2018, 12:53:51 »

Zitat
Zucchini, Tomaten, Suizid
Ausbeutung Landarbeiter aus Indien schuften auf den Feldern Italiens wie Leibeigene. Nur wenige wagen den Gang zur Polizei


Als Singh* eine italienische Polizeistation betrat, um seine Ausbeutung auf den Feldern Süditaliens anzuzeigen, war er voller Entschlossenheit. „Ich bin ein Sikh“, sagt der Landarbeiter aus der nordindischen Region Punjab, dessen wahrer Name ein anderer ist. „Und wenn ein Sikh eine Entscheidung trifft, dann zieht er sie durch, egal was passiert.“

Singh kannte das Risiko, das er einging. Ein paar Tage nach der Anzeige im Polizeirevier begannen die Drohungen und Einschüchterungsversuche. Nach einer Woche hatte er seinen Job verloren und war gezwungen, seine Wohnung zu räumen. „Ich habe Angst davor, nach Indien zurückzugehen“, sagt Singh, „weil ich dort ein Habenichts bin. Aber ich weiß auch: Wie wir hier in Italien behandelt werden, ist falsch.“

Die oft unsichtbaren indischen Landarbeiter in einigen der größten Agrarregionen Italiens sind zunehmend von Ausbeutung und Einschüchterung bedroht. Allein in der Region Pontina südlich von Rom sind geschätzt 10.000 indische Arbeitskräfte offiziell angestellt, viele von ihnen Sikhs. Die Salatköpfe, Tomaten und Zucchini, die sie in Pontina ernten, werden zum Gemüsegroßmarkt in Fondi, in der Region Latium, gebracht. Von dort aus werden sie nach ganz Italien verkauft und in andere europäische Länder exportiert.

Korruption und organisierte Kriminalität sind in Italiens Agrarsektor weit verbreitet. Allein im Jahr 2016 wurden geschätzte 21,8 Milliarden Euro an illegalen Profiten abgeschöpft. Pontina ist keine Ausnahme. Viele Arbeiter hier sind von inoffiziellen Vermittlern für Saisonarbeiter abhängig, wenn sie einen Job auf einem der Tausende über die Region verteilten Agrarbetriebe finden wollen. Und unter Druck, für deutlich weniger als den offiziellen Mindestlohn zu arbeiten.

Opium, um durchzuhalten

Nachdem Singh 2008 aus seiner Heimat Punjab nach Italien gekommen war, schuftete er zwölf Stunden am Tag, sechs Tage die Woche auf einer Obst-und-Gemüse-Plantage. Die Arbeit war hart, sein Chef ausfällig und gewalttätig, der Lohn betrug im besten Fall 150 Euro pro Woche, sagt Singh. Nach Angaben der von italienischen Ärzten geführten Organisation Medu sprechen 43 Prozent der indischen Landarbeiter kein Italienisch und haben de facto keinen Zugang zu Rechtssystem und Unterstützungsangeboten. Zusätzlich zur schlechten Bezahlung, um die sie oft noch geprellt werden, laborieren die in der Landwirtschaft arbeitenden Sikhs an überfüllten Unterkünften und Gesundheitsschäden infolge des Umgangs mit Pestiziden. Viele Arbeiter mischen morgens Opium in ihren Tee und nehmen abends starke Schmerzmittel, um weiterarbeiten zu können. Besonders stark betroffen sind dabei die Älteren, sagt Harbajan Ghuman, ein ehemaliger Landarbeiter und Sprecher der Sikh-Community. Einige Arbeitgeber versorgten ihre Mitarbeiter direkt mit Drogen oder Medikamenten. „Wie kann ein 50- oder 60-Jähriger sonst den ganzen Tag durchhalten?“, fragt Ghuman.

Die meisten nordindischen Arbeiter kommen mit einem Saisonarbeitsvisum ins Land. Dafür zahlen viele 7.000 bis 13.000 Euro an indische Mittelsmänner in Italien, die häufig mit italienischen Arbeitgebern gemeinsame Sache machen. Singh beschloss, zur Polizei zu gehen, nachdem er einen Sozialarbeiter der Kooperative In Migrazione getroffen hatte. „Vorher war ich blind. Sie haben uns über unsere Rechte aufgeklärt, da bin ich aufgewacht“, sagt er.

Der lange Weg bis vor Gericht


Im April 2016 beging ein junger Gewächshausarbeiter in Pontina Suizid. Danach gingen rund 2.000 indische Arbeiter auf die Straße, um gegen ihre Arbeitsbedingungen zu protestieren und einen Mindestlohn von fünf Euro zu fordern, immer noch weit unter dem gesetzlichen Mindestlohn von neun Euro. Seit den Protesten ist die Zahl derer, die wie Singh ihre Arbeitgeber anzeigen, stark gestiegen. „Früher wurden vielleicht fünf Fälle in zehn Jahren gemeldet. Seit 2016 waren es schon mehr als 80“, sagt Sozialarbeiter Marco Omizzolo, Mitgründer von In Migrazione. Allerdings drohe dies wieder abzuflauen, was unter anderem am schleppenden Tempo des italienischen Rechtssystem liege, das andere Betroffene von Anzeigen abschreckt. Wie Singh verlieren die, die es tun, fast immer ihre Arbeit. Sie einzuschüchtern, ist daher leicht. Singh sagt, dass er seit seiner Anzeige weder Unterstützung noch Schutz durch die Polizei erhalten habe. All das macht es schwierig, Arbeiter davon zu überzeugen, gegen ihre Chefs auszusagen, so Omizzolo.

Drei Jahre nachdem Singh die Polizeistation betreten und Anzeige erstattet hat, kommt sein Fall nun endlich vor Gericht. Sein Leben hat sich indessen nicht verändert. Singh arbeitet jetzt auf einer anderen großen Farm in der Region Pontina – unter den gleichen Bedingungen.
https://www.freitag.de/autoren/the-guardian/zucchini-tomaten-suizid
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Fritz Linow


Beiträge: 1304


« Antworten #8 am: 05. März 2018, 13:46:25 »

Ich frage mich ja immer, ob diese Sklavenhalterbedingungen in das BGE eingepreist sind.
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