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Autor Thema: Auswandererschicksale - Schuften unter südlicher Sonne für nichts und wieder nichts  (Gelesen 2995 mal)
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Wilddieb Stuelpner


Beiträge: 8920


« am: 13. September 2006, 10:12:44 »

MDR, Sendung "exakt" vom 05.09.2006: Auswandererschicksale - Schuften unter südlicher Sonne

Manuskript des Beitrages von Barbara Dobke, Annett Glatz und Andreas Rummel

130.000 Deutsche kehrten allein im letzten Jahr der Heimat den Rücken. Doch oft genug platzt der Traum vom Neuanfang.

Als Bauhelfer Manfred Nagel die Annonce las, klang es nach einem Traumjob in Spanien: ein Arbeitsvertrag über acht Jahre- guter Lohn und kostenlose Unterkunft - Luxusquartiere bauen.

O-Ton: Manfred Nagel
"Sportplatz, Tennisplatz, Golfplatz, Swimmingpool. Alles vom feinsten"

"Das alles sollten sie bauen?"

"Das sollten wir bauen ja, das wurde uns versprochen."

Versprochen von einer privaten Arbeitsvermittlung, die insgesamt 70 Männer bundesweit für den Job anwirbt. Doch schon bei der Abfahrt der erste Dämpfer. Eigentlich sollte es per Flugzeug nach Spanien gehen. Aber dann werden Manfred Nagel und Kollegen auf eine quälend lange Busreise geschickt. Dann vor Ort der eigentliche Schock: Vier Mann müssen sich 10 qm teilen. 12 Mann eine Toilette. In der Küche gibt es weder Herd noch Kühlschrank. Und trotz winterlicher Temperaturen fehlen Heizung und Warmwasser.

O-Ton: Manfred Nagel
"Wir haben gestunken wie die Schweine, wenn man so will. Wir konnten ja nicht mal baden, duschen nix, die Toiletten voll geschissen, keine Brille nix drauf. Ich bin hier hergekommen nach Deutschland mit Herpes, Immunschwäche und graue Haare."

Nach einer Woche hat Manfred Nagel genug und organisiert sich auf eigene Kosten einen Flug nach Hause. Statt endlich Geld zu verdienen, endet das Abenteuer Ausland mit einer Rechnung über 400 Euro.

Sein Kollege Manfred Heinrich hielt es drei Monate unter den katastrophalen Bedingungen in Spanien aus. Auch für ihn endete der Arbeitseinsatz im Ausland ohne Bezahlung. Manfred Heinrich auf der Suche nach seinem deutschen Ex-Arbeitgeber und dem damaligen Vermittler.

O-Ton: Manfred Heinrich
"Wir waren bemüht, wir haben gearbeitet und wurden dermaßen enttäuscht. Ich könnte hier in die Tür treten, aber das nützt ja alles nichts. Wir sind eben nur kleine Arbeiter, die auf etwas größerem Niveau von Leuten betrogen wurden."

Doch von den Verantwortlichen an diesem Morgen keine Spur. Abgezockt im Ausland. Ein lukratives Geschäft nicht nur für den Arbeitgeber. Auch der private Arbeitsvermittler könnte profitiert haben. Denn er kassierte pro Vermittlung eine Provision von 2.000 Euro von der Bundesagentur für Arbeit.

Seit Monaten ermitteln nun schon Polizei und Staatsanwaltschaft. Sie vermuten ein abgekartetes Spiel zwischen privaten Vermittlern und Arbeitgebern.

O-Ton: Michael Grunwald, Sprecher Berliner Staatsanwaltschaft
"Es steht der Verdacht im Raum, dass das alles nur getan wurde um zum einen an die Vermittlungsprovisionen zu kommen, zum anderen um die Arbeitnehmer um deren Lohn zu prellen und es wird auch noch untersucht, ob Sozialabgaben nicht geleistet wurden. Das entsprechende Ermittlungsverfahren dauert an und der Ausgang ist auch noch offen."

Manfred Nagel versucht den Horrortrip zu vergessen. Auf dem Rechtsweg hat er alles versucht, um an sein Geld zu kommen. Doch bis heute hat er keinen Euro gesehen.

O-Ton: Manfred Nagel
"Ich warte heute noch auf mein Geld."
Frage: "Glauben sie noch dran, dass sie das Geld jemals sehen?"
"Nein, das ist schon weg für immer."

Der Traum vom Arbeiten auf Zeit unter Palmen wurde zum Albtraum.

Gabi und Bernd Zumdick wagten es sogar, sich komplett in Spanien ein neues Leben aufzubauen. Palma de Mallorca- In Sichtweite des Meeres. Drei Querstraßen vom Strand entfernt, in der dritten Linie, wie die Einheimischen sagen, liegt ihr hübsches kleines Lokal. Im Februar dieses Jahres hatte es das Ehepaar aus Deutschland übernommen. Allein für die Ablöse haben sie fast ihr gesamtes Erspartes aufgebraucht. Doch es kommen viel zu wenig Gäste.

O-Ton: Gaby Zumdick
"Wir sind von Deutschland nach hier gekommen und haben einfach gemeint: ja, sie warten auf uns. So um das mal so einfach so zu sagen. Und da haben wir jetzt hier dieses Lokal gemacht. Es ist auch sehr schwierig, ich hab´ mich in die schöne romantische Terrasse verliebt, aber es ist in dritter Linie, und da kommen die Leute nicht bis hin."

Drei Gäste bis Mittag - und dann sitzen Gaby und Jürgen erst mal wieder alleine da - und warten. Einen Straßenzug zu weit vom Meer, Pech gehabt. Jedes Jahr versuchen zig Deutsche sich hier im Sonnenparadies Mallorca eine neue Existenz aufzubauen. Trotz Touristen en masse - das Risiko des Scheiterns ist hoch.

Auch Annette Verspohl muss täglich um Kunden werben. In ihr kleines Reisebüro kommen immer wieder Deutsche, die nicht einmal Geld für ein Rückticket haben. Geplatzte Träume vom Leben unter Palmen.

O-Ton: Annette Verspohl
"Und oft haben wir die Menschen, die gar nicht mehr weiter wissen. Die letzte Hilfe ist dann das Konsulat und die sind inzwischen schon soweit und sagen wir geben nur die Nothilfe, 15, 20 Euro und wer wirklich dringend einen Flug haben muss, der muss Leumunde in Deutschland bringen, dass auch wirklich das Geld bezahlt wird. Denn soviel Leute, wie dringend einen Flug zurück brauchen, kann das Konsulat gar nicht bezahlen."

Palma, Abends um halb zehn, hier ist ordentlich was los, Mallorca Stimmung, wie man sie kennt. Doch nur zwei Querstraßen weiter, im Kartoffelhaus von Gaby und Jürgen sitzen die beiden Inhaber schon wieder oder immer noch ganz alleine da.

O-Töne: Gaby Zumdick
Frage: "Was haben Sie für einen Umsatz gemacht?"
"Also wenn ich das grob überschätze: round about 80 Euro."
Frage: "Was brauchen Sie, um das halten zu können - am Tag?"
"Das Dreifache."
Frage: "Da leben Sie wahrscheinlich auch ein Leben in Angst - in Existenzangst?"
"Ja, schon. Doch - ganz massiv eigentlich! Ja, aber - wie müssen abwarten, was uns der September, Oktober noch bringt. Und wenn es nicht geht, müssen wir halt eben zumachen. Nützt nichts!"

Noch kämpfen Gaby und Jürgen Zumdick. Im Ausland noch mal komplett von vorne anfangen. Alles hinter sich lassen

Für Mirko Wagner ist dieser Traum bereits ausgeträumt. Er ist aus Neuseeland wieder in seine Heimatstadt Dresden zurückgekehrt. Jetzt serviert er exotische Drinks, um sich als Barkeeper wieder eine neue Existenz aufzubauen. Fast alles, was er einmal besaß, ist für das Leben in der Ferne draufgegangen.

O-Töne: Mirko Wagner
"Die Situation ist das, dass ich in DD in einer möblierten Studentenwohnung wohne, hause, wie auch immer. Finanziell fang ich komplett bei Null an, weil ich mit 1.000 Euro von Neuseeland zurückgekommen. Die natürlich irgendwann aufgebraucht sind."

Rückblick: Vor zwei Jahren besuchten wir Mirko Wagner zum ersten Mal. Damals löste er gerade seine eigene Bar auf. Als die Umsätze nachließen, der Mietvertrag auslief, war für Mirko Wagner und seine damalige Freundin die Zeit gekommen, noch einmal ganz von vorn anzufangen. Ein paar persönliche Erinnerungen - der Rest wurde verkauft oder verschenkt. Ein Abschied, der trotz aller Hoffnung schwer fiel.

"Wird schon gut."

Mirko Wagner wusste vorher weder, wo er sich in Neuseeland ein Leben aufbauen würde, noch hatte er einen konkreten Job in Aussicht.

O-Töne: Mirko Wagner
"Wir haben komplett bei Null angefangen, wir kannten niemand."

Neuseeland - die überwältigende Natur und die schönen Städte kannte das Paar aus dem Fernsehen - mehr nicht. Angekommen, reisten sie durch das Land auf der Suche nach einem Ort zum Leben und nach Arbeit. Denn ohne festen Job - keine Aufenthaltsgenehmigung. Mirko arbeitete wieder in seinem erlernten Beruf als Tischler. Auckland wurde ihr neues Zuhause. Doch das Einleben war schwer. Bald fehlten die alten Freunde, fehlte die Heimat.

Und ganz so ohne soziale Kontakte - war nicht schön. War sehr, sehr schwierig."

Auckland - eine Millionenmetropole. Darin seinen Platz zu finden, Mirko Wagner hat es nie wirklich geschafft.

"Was war ich denn noch? Ein Einwanderer - ein Neuankömmling- ein Niemand, kann man auch sagen "

Nach knapp einem Jahr änderte sich die Jobsituation in Neuseeland dramatisch - Mirkos Arbeitsvertrag lief aus - ein neuer war nicht in Sicht. Und immer öfter kamen dem Dresdner Gedanken an eine Rückkehr in die Heimat.

O-Töne: Mirko Wagner
"Es war halt nicht möglich, Arbeit zu finden. Dass was an Anzeigen zu dem Zeitpunkt in der Zeitung gestanden hatte, von dem war nichts mehr übrig."

Mirko Wagner zog die bittere Konsequenz und ging nach nur knapp 12 Monaten wieder zurück nach Dresden. Die Beziehung mit der Freundin ist zerbrochen. Jetzt muss er alleine wieder Fuß fassen. Als nächstes eine eigene Wohnung finden. Für den 42-jährigen ein schwerer Start in der alten neuen Heimat.

"Ich hab viel gesehen, viel gemacht. Aber was ist letzten Endes wirklich geblieben. Ich fang allein ganz von vorn an."

zuletzt aktualisiert: 05. September 2006 | 23:35
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Kuddel


Beiträge: 11229


« Antworten #1 am: 16. Juni 2017, 12:25:23 »

Zitat
Ausbeutung in Tapas-Bars: Wirte müssen ins Gefängnis

Sklavenarbeit: Oberlandesgericht auf Mallorca ordnet an, dass die Betreiber Haftstrafe antreten müssen



Die beiden verurteilten Wirte vor Gericht.


Zwei spanische Wirte auf Mallorca, die die Mitarbeiter ihrer Tapas-Bar-Kette El Olivo bis aufs Blut ausbeuteten, müssen laut einem am Donnerstag (25.5.) bekannt gewordenen Urteil des Oberlandesgerichts in Palma ins Gefängnis.

Der Mann und die Frau waren 2015 festgenommen worden und hatten die Vergehen gegen das Arbeitsrecht bei einer ersten Gerichtsverhandlung 2016 gestanden. Damals einigten sie sich mit der Staatsanwaltschaft auf eine Gefängnisstrafe von zwei Jahren.
Diese wird normalerweise ausgesetzt. Da die beiden Wirte aber weiterhin Mitarbeiter irregulär beschäftigten, sollen sie die Haftstrafe nun antreten. Sie können gegen diese Entscheidung noch einmal Einspruch erheben.

Die Verhältnisse in den über mehrere Stadtviertel in Palma verteilten Tapas-Bars sind durchaus mit dem Begriff Sklavenarbeit zu beschreiben.


Die Mitarbeiter arbeiteten 12 bis 14 Stunden am Tag, obwohl die der Seguridad Social gemeldeten Arbeitsverträge nur 2 bis 4 Stunden täglich verzeichneten. Die Gehälter waren geringer als die vom Tarifvertrag vorgeschriebenen. Die Mitarbeiter hatten nur einen Tag in der Woche frei und verzichteten meist freiwillig auf Krankschreibungen und Mutterschaftsurlaub, um ihre Stelle nicht zu verlieren. Beschimpfungen wie "Du Ratte" oder "Du Nichtsnutz" waren an der Tagesordnung, die Mitarbeiter wurden mit Kameras überwacht.

Die Hygiene-Verhältnisse waren nicht viel besser als die Arbeitsbedingungen. Dafür waren die Tapas dann aber auch konkurrenzlos günstig.
http://www.mallorcazeitung.es/lokales/2017/05/26/ausbeutung-tapas-bars-wirte-ins/51459.html
Gespeichert
BGS
Polarlicht


Beiträge: 2908



« Antworten #2 am: 16. Juni 2017, 16:11:01 »

Selbst schuld, wer unter solchen Bedingungen länger arbeitet.

Natürlich sind die Chefs Verbrecher und sollten noch härter bestraft werden.

MfG

BGS
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"Ceterum censeo, Berolinensis esse delendam"

http://www.chefduzen.de/index.php?topic=21713.msg298043#new
(:DAS SINKENDE SCHIFF DEUTSCHLAND ENDGÜLTIG VERLASSEN!)
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