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Autor Thema: Gewerkschaften  (Gelesen 152241 mal)
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Kuddel


Beiträge: 11684


« Antworten #500 am: 21. März 2018, 11:10:58 »

Ich habe den Artikel komplett durchgelesen. Klingt gut. Ich schätze das Prinzip von Basisgewerkschaften.
Ich habe mit der FAU in verschiedenen Städten zusammengearbeitet. Die Erfahrungen waren ernüchternd, teilweise richtiggehend deprimierend.
Immer wieder hatte ich es mit Unzuverlässigkeit zu tun. Mit nicht eingehaltenen Absprachen, mit dem Abbrechen der Kommunikation und organisatorischen Unzulänglichkeiten. Die in dem Artikel erwähnten "szenetypischen Verhaltensmuster" waren stets nervig.

Wenn es der FAU gelingt, sich weiterzuentwickeln wie in Bericht von Ferdi Konun beschrieben, könnte sie zu einer ernstzunehmenden Kraft in der Klassenauseinandersetzung werden. Ich drücke die Dauemen!
 
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Kuddel


Beiträge: 11684


« Antworten #501 am: 14. Mai 2018, 18:03:50 »

Zitat
21. Ordentlicher Bundeskongress des DGB:
Lobbyismus statt Klassenanalyse


… Unverkennbar in den vorliegenden Leitanträgen ist die Illusion, mit der Großen Koalition werde alles besser für die arbeitenden Menschen. Praktizierte der Deutsche Gewerkschaftsbund in früheren Jahren schon die „konzertierte Aktion“, so setzt der Bundesvorstand heute auf einen „gesellschaftlichen Zukunftsdialog“, wie immer der aussehen mag. Auf die verschärfte Gangart des Kapitals und die dadurch immer stärkeren gesellschaftlichen Klassengegensätze in Deutschland und Europa antwortet der DGB unverändert mit Sozialpartnerschaft und Lobbyismus...
http://www.labournet.de/wp-content/uploads/2018/05/dgb2018schedlbauer.pdf


Zitat
Stolz ist Hoffmann auf die neue Nähe zur SPD, die sich seiner Einschätzung nach im Koalitionsvertrag ablesen lässt, der „in wesentlichen Punkten unsere Handschrift trägt“.
https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/wahl-des-vorstands-wie-erfolgreich-ist-dgb-chef-hoffmann/21594672.html

Innergewerkschaftliche Demokratie?
Man kann Reiner Hoffmann wählen. Einen Gegenkandidaten gibt es nicht.
Die Delegierten in Berlin bestätigten ihn mit einer Mehrheit von 76,3 Prozent im Amt. Kein dolles Ergebnis.





Den DGB Gewerkschaften laufen die Mitglieder weg.
Das wäre nicht unbedingt negativ, gäb es eine positive Alternative.

Zur Zeit sind es hauptsächlich die Faschisten, die versuchen das entstandene Vacuum zu füllen.
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Kuddel


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« Antworten #502 am: 15. Mai 2018, 11:46:09 »

Zitat
Gründung der Internationalen Arbeiter*innen Konföderation (IAK) in Parma

Am 13. Mai 2018 wurde unter minutenlangem Applaus die Gründung der internationalen Gewerkschaftskonföderation IAK in Parma (Italien) vollzogen. Delegierte aus sieben Ländern hatten sich drei Tage über Statuten und Arbeitsschwerpunkte verständigt, um dem globalisierten Kapitalismus und den autoritären Entwicklungen in Europa und den Amerikas endlich eine kämpferische Internationale syndikalistischer Gewerkschaften entgegenzustellen.

Neben der CNT (Spanien), der USI (Italien) und der FAU (Deutschland), sind die IWW (USA und Kanada), ESE (Griechenland), FORA (Argentinien) und die IP (Polen) Gründungsmitglieder der Internationalen Arbeiter*innen Konföderation, die auf Englisch International Labour Confederation heißen wird. Der Gründungskongress von Parma hat in zahlreichen weiteren Gewerkschaften großes Interesse an einem Beitritt geweckt: So nahmen als Beobachter am Kongress die CNT-F (Frankreich), die FOB (Brasilien), der Vrije Bond (Niederlande und Belgien), die GG/BO (Deutschland) und die UVW (England) teil.

Die Gewerkschaftsinternationale hat zum Ziel, die Kämpfe von Arbeiter*innen zu verbinden und die Zusammenarbeit von Betriebsgruppen in den gleichen Branchen und Betrieben über Grenzen hinweg zu ermöglichen. Gemeinsame Workshops und Konferenzen werden Gelegenheiten schaffen, voneinander zu lernen und Arbeitskämpfe zu gewinnen. Der Schwerpunkt soll hierbei zunächst auf den Branchen Gastronomie, Logistik und Bildung liegen. Mit einem gemeinsamen Aktions- und Streiktag am 8. März möchte die IAK zudem feministische Kämpfe in den Mittelpunkt stellen.

Lang lebe die Konföderation!

http://www.fau.org/artikel/art_180513-210727
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Kuddel


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« Antworten #503 am: 04. Juni 2018, 10:44:49 »

Was für ein Scheiß ist denn das schon wieder?

Zitat
Gewerkschaften distanzieren sich von neuem Feuerwehr-Protest



 Einige Feuerwehrleute wollen am Freitag erneut protestieren – in Anlehnung an #berlinbrennt. Doch die Gewerkschaften halten von der neuen Aktion wenig.

Die Gewerkschaften wollen mit dem für Freitag angekündigten Protest einiger Berliner Feuerwehrmänner und ihrer Unterstützer nichts zu tun haben. „Die Feuertonne steht im Museum und wird zurzeit nicht wieder brennen“, stellt Stefan Ehricht, der bei der Gewerkschaft Verdi die Interessen der Feuerwehr vertritt, klar.

Hintergrund ist die Ankündigung von Feuerwehrleuten, zwei Protestaktionen zu initiieren: Am Freitag ab 20 Uhr sollen mehrere Mini-Tonnen vor dem Roten Rathaus brennen. Die Aktion soll aber nur 24 Minuten und sieben Sekunden dauern – in Anlehnung an den Rund-um-die-Uhr-Protest der #BerlinBrennt-Bewegung von vor einem Monat.

Danach wollen die Feuerwehrleute und ihre Unterstützer zum Brandenburger Tor ziehen, um dort mehrere Tonnen mit Kollegen aus Bitburg (Rheinland-Pfalz) zu entzünden.

„Die Aktion pausiert“

„Das Erinnern an unsere Mahnwache und den Protest ist okay, und ja, die Situation brennt noch immer. Aber die Aktion #berlinbrennt pausiert, daran gibt es nicht zu rütteln“, so Ehricht zur B.Z.

Man habe der Senatsinnenverwaltung das Versprechen gegeben, so lange die Verhandlungen zu besser Arbeitsbedingungen laufen, den Protest einzustellen. „Es passiert ganz viel im Hintergrund, das können wir uns von einigen wenigen Kollegen nicht kaputt machen lassen.“
https://www.bz-berlin.de/berlin/gewerkschaften-distanzieren-sich-von-neuem-feuerwehr-protest

Gewerkschaft fällt aktiven Kollegen in den Rücken.

Niemals sollte man hinnehmen, daß Gewerkschaften forden Arbeitsniederlegungen oder Proteste einzustellen, um Verhandlungen führen zu können. Arbeitsniederlegungen oder Proteste sind ein notwendiges Druckmittel in Verhandlungen.
Ebesowenig ist es akzeptabel, wenn Gewerkschaften im Geheimen mit dem Management verhandeln. evil
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Fritz Linow


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« Antworten #504 am: 04. Juni 2018, 11:09:19 »

Zitat
Aber die Aktion #berlinbrennt pausiert, daran gibt es nicht zu rütteln“, so Ehricht zur B.Z.


Der Verdistalino hat sein Handwerk halt gelernt:

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Kuddel


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« Antworten #505 am: 18. Juni 2018, 12:52:30 »

Unabhängige Gewerkschaften gründen eine neue globale Föderation

Im Mai 2018 wurde in Italien die Internationale Arbeiter_innen Konföderation (IAK) gegründet. Sie soll unabhängige Gewerkschaften und Arbeiter_innenorganisationen über Grenzen hinweg vereinigen. Wir haben einige Delegierte des Kongresses nach ihren eigenen Gewerkschaftsaktivitäten und ihren Hoffnungen gefragt, die sie mit der neuen Konföderation verbinden.

Die Londoner Gewerkschaft United Voices of the World (UVW) hat einen Bericht über ihr Erleben der Konferenz geschrieben (auf Englisch und auf Spanisch), den wir hier in Auszügen übersetzt haben:

Delegierte und Beobachter aus Griechenland, Brasilien, Marokko, Bulgarien, den Niederlanden, Belgien, Deutschlang, Italien, Katalonien, Spanien, Polen, den Vereinigten Staaten, Kanada, Frankreich, Österreich und Argentinien schickten Solidaritätsadressen oder nahmen an dem Kongress teil, der am Hauptsitz der unabhängigen italienischen Gewerkschaft USI stattfand.

Der Gedanke hinter der Gewerkschaftskonföderation ist es, die praktische internationale Solidarität unter kämpfenden Arbeiter_innen wieder neu zu entfachen...

Weiter und ein sehenswertes Video (5min): https://de.labournet.tv/unabhaengige-gewerkschaften-gruenden-eine-neue-globale-foederation
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Rappelkistenrebell


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« Antworten #506 am: 18. Juni 2018, 19:12:36 »

Diese sogenannten "unabhängigen Gewerkschaften" sind eine Abspaltung aus der IAA.Die meisten sind weiterhin in der IAA geblieben.
Ich zweifel ob die gefühlte trölfmilliardste Revoluzzervereinigung erfolgreich sein wird für die Weltrevolution.

Die spanische CNT hat sich daran gespalten....keine Ahnung wie es in anderen Ländern lief...in der Regel kümmere ich mich nicht so um Anarchistenkram ...

Es mangelt nicht an Häuptlingen, es mangelt an Indianern.....


Hier der Link der IAA

http://www.iwa-ait.org


« Letzte Änderung: 18. Juni 2018, 19:25:49 von Rappelkistenrebell » Gespeichert

Gegen System und Kapital!


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Rappelkistenrebell


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« Antworten #507 am: 27. Juni 2018, 07:55:24 »

Gewerkschaften: Wieso weshalb warum
VON THOMAS GOES


Dass sozialer Fortschritt erkämpft werden muss, ist eine linke Binse – dass die Arbeit in Gewerkschaften dafür zentral ist, hingegen nicht. Besser wäre es.

Wieso brauchen wir Gewerkschaften? Zum einen natürlich, weil unsere Lohn-, Arbeits- und Lebensbedingungen ohne Gewerkschaften weitaus schlechter wären. Die Erfolge der Gewerkschaften im 19. und 20. Jahrhundert basierten zwar zum Teil auf Kompromissen und Zugeständnissen an Unternehmen und Staat, brachten aber den 8-Stunden-Tag, höhere Löhne, Lohnfortzahlungen im Krankheitsfall und – indirekt – den Sozialstaat mit sich, der trotz allen Defiziten das Leben von Millionen von Menschen entscheidend verbessert hat. Es ist daher kein Wunder, dass sie nun seit Jahrzehnten unter Beschuss von Konzernen und Politikern stehen, die vor allem billige und flexible Arbeiterinnen wollen. Wer sich die Lage in denjenigen Industrieländern anschaut, in denen die Gewerkschaftsbewegung viel schwächer ist, ahnt wohin die Reise auch hier gehen könnte. Das grellste Beispiel ist wohl die Supermacht USA: das Lohnniveau ist niedriger, die Rechte der Beschäftigten schwächer, der Sozialstaat schlecht ausgebaut und die Prekarität weitaus größer als in Deutschland.

Aber das ist nicht der einzige Grund dafür, dass Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit ganz oben auf der linken Agenda stehen sollte. Der zweite ist strategischer Natur: Denn ohne, dass sich Millionen von Menschen ganz unmittelbar für ihre eigenen Interessen einsetzen, Konflikte mit Unternehmen und Staat als ihren Arbeitgebern ausfechten und dabei anfangen sich als bewusster Teil einer gesellschaftlichen Gruppe mit gemeinsamen Interessen zu begreifen, wird es wohl kaum ein sozialistisches Projekt geben, das sich in der buntscheckigen Arbeiterinnenklasse verankern, durchsetzungsfähig und hegemonial werden kann.

Im Boot mit Kapital & Kabinett oder Gegenwehr?
Aber, so wendet die linke Gewerkschaftskritik ein, sind die deutschen Gewerkschaften nicht sozialpartnerschaftliche Vereine, die Interessenwidersprüche befrieden? Sind die Gewerkschaftsführungen nicht in einem Boot mit “Kapital und Kabinett”?

Im Januar 2018 erklärte der Bundesvorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Reiner Hoffman, seine Unterstützung für eine Neuauflage der Großen Koalition – eine Koalition, die im besten Fall für ein Weiterwandern auf eingetretenen neoliberalen Wegen stand, welche die Lage von abhängig Beschäftigten bisher verschlechtert und prekarisiert hatten, wenngleich es einige kosmetische Nachbesserungen wie die Einführung des deutlich zu niedrigen Mindestlohns gab. Es wiederholte sich damit ein Schauspiel, das bereits eine Legislaturperiode zuvor aufgeführt wurde. So, mag der linke Gewerkschaftskritiker einwenden, ist die deutsche Gewerkschaftsbewegung halt: angepasst, integriert, ausverkauft.

Doch die deutsche Gewerkschaftsbewegung hat auch andere Gesichter. Zum Beispiel die Beschäftigten an den deutschen Standorten des Konzerngiganten Amazon, die sich seit Jahren organisieren, um einen Tarifvertrag durchzusetzen. Aktive arbeiten dabei mit langem Atem, wohlwissend, dass der Konzern sich jeden Millimeter Fortschritt hart abkämpfen lässt. Wenn es ihnen aber gelingt, einen Tarifvertrag durchzusetzen, würde es das Leben von Tausenden Angestellten konkret verändern und die Arbeitsbedingungen in der Branche tiefgreifend verbessern. Diese lebendige Organisierung von unten, der Kampf gegen die Geschäftsleitungen, das Ringen innerhalb der eigenen Belegschaft um Mehrheiten, die Angriffe und die Gegenmanöver von Seiten des Kapitals gehören auch zur Gewerkschaftsbewegung.

Ein anderes Schlaglicht: In einem ostdeutschen Automobilzulieferer bringt eine Kollegin die Idee vor, endlich einen Betriebsrat zu gründen. Sie weiß, dass eine solche Initiative vor wenigen Jahren zum Eklat führte, u.a. aufgrund von antigewerkschaftlicher Mobilisierung aus der Belegschaft, im Rahmen  derer die zuständige Gewerkschaftssekretärin als „rote Fotze“ beschimpft wurde. Die Arbeiterin sucht sich Vertraute, baut eine Gruppe auf, mit der sie die nächsten Schritte geht: Überzeugungsarbeit in der Belegschaft, Konfrontation mit den Vorgesetzten, Marginalisierung der Gegner, erfolgreiche Betriebsratswahlen und schließlich Tarifverhandlungen, die immerhin zu einem besseren Haustarifvertrag führen – und zu dem Bewusstsein, dass die eigenen Interessen gegen die Geschäftsleitung nur durch konfliktbereite Selbstermächtigung gemeinsam mit Kolleginnen durchgesetzt werden können.

Ebenfalls Teil der Gewerkschaftsbewegung sind die, zum Teil über lange Jahre gewachsenen, kritischen Vernetzungen innerhalb einzelner Gewerkschaften, die sowohl für fortschrittlichere politische Inhalte eintreten, als auch für eine kämpferischere, internationalistischere und demokratischere Gewerkschaftspolitik streiten. Dazu gehören konfliktorientierte Kollegenkreise in Betrieben, Vernetzungsinitiativen innerhalb einzelner Branchen, aber auch betriebsferne Einrichtungen wie Labournet oder die Zeitung express.

Rein in die Betriebe? Basics linker Gewerkschaftspolitik
Die Gewerkschaftsbewegung ist also alles andere als einheitlich. Sie versammelt neu formierte Gruppierungen, die sich aktuellen Prekarisierungstendenzen entgegenstellen, und bürokratieaffine Kader, für die aktiver Konflikt nicht mehr zum Teil des Repertoires gehört. Gerade in der radikalen Linken ist es aufgrund von Letzterem keineswegs selbstverständlich, Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit als Teil der eigenen politischen Agenda zu betrachten – geschweige denn als einen besonders wichtigen. Warum sollte das anders sein?

In der Geschichte der sozialistischen und kommunistischen Bewegung hatte die Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit eine weitergehende strategische Bedeutung, die sich vor allem aus der damals vorherrschenden marxistischen Gesellschaftsanalyse ergab. Vereinfacht gesagt, könnte man behaupten: ohne Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit, keine erfolgreiche und hegemoniefähige sozialistische Politik. Dafür gibt es mehrere gute Gründe:

Erstens, die Angehörigen der Arbeiterinnenklasse, ob sie es nun wollen oder nicht, werden aufgrund ihrer Klassenlage immer wieder mit Interessenwidersprüchen konfrontiert. Ganz besonders – aber nicht nur – geht es dabei um Ausbeutungsbestrebungen der Unternehmen, die, wie Marx es blumig formulierte, im unstillbaren Werwolfsheißhunger des Kapitals nach Mehrwert und Profit wurzeln. Im Arbeitsleben kehren die Widersprüche, die sich auch aus dem Interesse der Arbeitenden an guten Löhnen, Gesundheit oder Freizeit speisen, immer wieder. Wie dieses Widerspruchspotenzial politisch verarbeitet wird, ist offen, aber es ist strukturell gegeben.

Zweitens, die Arbeiterinnenklasse ist nicht automatisch oder vom Anfang an „vereinigt“. Es gibt soziale Ungleichheiten in ihr und sie ist fragmentiert; sie enthält durch Konkurrenz getriebene Individualisierung und politische Abwertungsideologien wie Rassismus und Sexismus, die weitere Spaltungen hervorbringen. Um zu kämpfen und die Interessen des Kapitals anzugreifen, muss das alles aber nicht von vornherein überwunden sein – Arbeitskämpfe beginnen nicht mit einer blitzsauberen Gesellschaftskritik, sondern mit ganz grundlegenden Forderungen nach Geld, „Respekt“ oder einer erträglichen Arbeitszeitgestaltung. Im Laufe von betrieblichen oder überbetrieblich geführten Kämpfen werden Spaltungslinien jedoch häufig herausgefordert und überwunden (wenn nicht, enden die Auseinandersetzungen oft in Niederlagen), reaktionäre Ideologien erschüttert und sich das Alltagsbewusstsein für politische Lernprozesse geöffnet.

Es stimmt durchaus, dass viele Forderungen der Gewerkschaften nicht antikapitalistisch sind, sondern „nur“ systemkonform und insofern für das Ziel tiefgreifender gesellschaftlicher Wandlungen uninteressant. Ein Kündigungsschutz oder höhere Löhne seien ja auch im Kapitalismus umsetzbar, so die kritischen Kritiker. Dennoch, so könnte man kontern, birgt eine Bewegung für eine kräftige Lohnsteigerung oder eine breite Mobilisierung für Arbeitszeitverkürzung immer noch mehr systemerschütterndes Potenzial in sich, als Großmobilisierungen gegen einen G8-Gipfel (weil Beschäftigte immer noch die Macht besitzen, Produktionsprozesse lahmzulegen). Entscheidend ist außerdem nicht, wo betriebliche bzw. gewerkschaftliche Auseinandersetzungen Halt machen, sondern welche weitergehenden Möglichkeiten in ihnen schlummern. Viele der Zielsetzungen, die in der real existierenden Gewerkschaftsbewegung aufkommen – eine „sozial verantwortliche“ Wirtschaft, eine „humane“ Arbeitswelt oder „gerechte“ Löhne – können gar nicht innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise verwirklicht werden. In diesem Sinne entsteht immer wieder ein – zum Teil diffuser – „konkreter utopischer antikapitalistischer Überschuss“, wie Ernst Bloch es (fast) formulierte. In diesem ganz speziellen Sinne ist jeder Schritt wirklicher Bewegung mehr wert als hundert gut ausgearbeitete Programme.

Das Beste zuletzt: die Arbeiterinnen verfügen auch über Machtquellen, um ihre eigenen Interessen durchzusetzen. Und wenn ein entsprechendes politisches Bewusstsein entsteht, könnten sie, zumindest theoretisch, neue Produktionsverhältnisse und eine neue Wirtschaftsweise erkämpfen. Im Wesentlichen ist das die Produktionsmacht, die darin besteht, dass Arbeiterinnen die Produktions- und Arbeitsprozesse unterbrechen können, durch die Kapital verwertet und Profit geschaffen wird; die Arbeitsmarktmacht, die sich daraus ergibt, dass für die Verwertung des Kapitals notwendige Arbeitsqualifikationen möglicherweise auf den Arbeitsmärkten selten sind; und die Organisationsmacht – die Macht der großen Zahl, die entsteht, wenn Arbeiterinnen sich in Gewerkschaften und Parteien zusammenschließen. Diese Formen der Arbeiterinnenmacht sind für eine antikapitalistische Strategie, die nicht allein von moralischer Empörung, sondern von praktischen Möglichkeiten einer sozialistischen Gesellschaft ausgeht, von herausragender Bedeutung.

Gewerkschaften als Einheit von Basis und Bürokratie
Wie einleitend angedeutet wurde, ist die Gewerkschaftsbewegung nicht einheitlich, sondern vielfältig und in sich widersprüchlich. Sofern sie nicht als Anhängsel und Werkzeug der Unternehmen gegründet werden – auch das gibt es – stellen Gewerkschaften immer in einem Mindestmaß gesellschaftliche Gegenmacht gegenüber den Übergriffen des Kapitals. Wenn sie Verträge mit Unternehmen schließen, können sie auch als Ordnungsfaktoren dienen, durch die Klassenkonflikte gebunden, geordnet und befriedet werden können. Gegenmacht und Ordnungsfaktor– das sind nicht Gegensätze, sondern zwei Momente eines dialektischen Widerspruchs. Entscheidend, um den politischen Charakter der Gewerkschaftsbewegung und ihre Rolle in den Klassenkämpfen zu beurteilen, ist, welches Moment des Widerspruchs führend ist. Sozialistinnen sollten darum ringen, ihre Gewerkschaften zu möglichst starken Gegenmächten und schwachen Ordnungsfaktoren zu machen.

Darüber hinaus sind Gewerkschaftsbewegungen ein widersprüchliches Ganzes aus einer volatilen, mal aktiveren, mal passiveren Basis, aus über eine längere Zeit politisch arbeitenden Aktivenkreisen in Betrieben und aus hauptamtlichen Gewerkschaftssekretärinnen. In diesem Ganzen gibt es Machtungleichheiten, die mit der Ausbildung einer Bürokratie einhergehen, die politisch bewusst bearbeitet werden müssen.

Hauptamtliche bilden eine eigene soziale Schicht, eine „Bürokratie unserer Klasse“, wie der US-amerikanische Theoretiker Hal Draper es einmal ausdrückte. Aber so lange es kapitalistische Arbeitsteilung gibt und nur Minderheiten dauerhaft politisch aktiv sind, sind von der Lohnarbeit freigestellte Hauptamtliche eine Errungenschaft, weil sie notwendige Arbeiten erledigen können.

Gleichzeitig bringt diese Bürokratisierung Probleme mit sich, die mit Wissensvorsprüngen und stärkeren Einflussmöglichkeiten zusammenhängen, die hauptberufliche Gewerkschafterinnen haben. Außerdem gibt es immer wieder die Tendenz von Aktivenkreisen, Betriebsräten und Gewerkschaftssekretärinnen, stellvertretend für die Beschäftigten und einfachen Mitglieder zu handeln. Das verstärkt Passivität und indirekt auch Ohnmachtsgefühle. Auf der anderen Seite gibt es bei einfachen Mitgliedern und bei aktiven Beschäftigten keineswegs eine ständig vorhandene Bereitschaft, aktiv zu sein und zu kämpfen. Viele Kolleginnen fordern deshalb ein „Recht auf Stellvertretung“ ein.

OK, wir haben’s kapiert – aber was nun?
Für sozialistische Politik, so hieß es einleitend, muss die Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit eine ganz zentrale Rolle haben. Linke Politik, wenn sie erfolgreich sein will, zielt darauf ab, die gesellschaftlichen und politischen Voraussetzungen dafür zu schaffen, um gleichzeitig gegen soziale und politische Angriffe, für Verbesserungen und Reformen zu mobilisieren, und sozialistische Produktionsverhältnisse zu erkämpfen.

Notwendig ist dafür ein Bündnis zwischen Arbeiterinnenklasse und verschiedenen Segmenten der Mittelschicht, in dem die Arbeiterinnenklasse impulsgeberin ist – sprich, “hegemonial” wird. Diese Notwendigkeit ergibt sich wiederum aus der vorhin angedeuteten Rolle im Produktionsprozess, die Arbeiterinnen eine einmalige potenzielle gesellschaftliche Macht geben.

Das setzt Selbstorganisierung in der Arbeiterinnenklasse voraus: politische Lernprozesse, durch die Arbeiterinnen stark werden und eine Klassenbewegung neu entsteht. Betriebliche und gewerkschaftliche Kämpfe spielen – das sollte deutlich geworden sein – eine grundlegende Rolle dabei. Denn hegemonial bzw. führend kann nur sein, wer sich seiner selbst bewusst ist, Macht aufgebaut hat, die Interessen von sich und anderen kennt und eine gemeinsame Perspektive öffnet, um sie durchzusetzen. Betriebliche Organisierung – der Aufbau von Gegenmacht von unten – ist sowohl ein erster Schritt als auch eine bleibende Voraussetzung, damit eine solche sozialistische Hegemonie möglich wird.

Das alles wird allein nicht reichen, aber ohne diesen Weg zu gehen, wird sozialistische Politik in der Luft hängen. Die Selbstermächtigung der Ausgebeuteten können wir nur dann stärken, wenn wir selber am Streit für unmittelbare Lebensinteressen teilnehmen. Die Möglichkeiten dafür werden etwa in Auseinandersetzungen bei Amazon, im Krankenhauswesen oder gegen „Union Busting“ sichtbar.

Gewerkschaften alleine werden sicherlich nicht ausreichen, eine andere, humanere Welt zu erlangen – ohne sie fehlt uns aber die potenzielle gesellschaftliche Macht, um große Reformen und Änderungen durchzusetzen. Sozialistinnen sollten daher möglichst Teil dieser betrieblichen und gewerkschaftlichen Lernbewegungen sein. Dazu gehört auch darüber nachzudenken, ob man selbst als “Organizer” aktiv werden kann. Würden heute 5-10 Menschen im Logistiksektor beginnen, sich in ihren Betrieben mit ihren Kolleginnen gemeinsam zu organisieren und sich zu vernetzen, wären kampagnenfähige Strukturen in fünf Jahren eine greifbare Möglichkeit. Damit wäre die Grundlage für Kampagnen für bessere Lohn- und Arbeitsbedingungen geschaffen, die weit in die Gesellschaft ausstrahlen könnten.

Wo wir Teil betrieblicher Organisierungen und gewerkschaftlicher Kampagnen sind, sollten wir unsere eigene politische Arbeit darauf ausrichten, Selbsttätigkeit und Selbstorganisation zu stärken; in der betrieblichen und überbetrieblichen Gewerkschaftsarbeit Gegenmacht aufzubauen, nicht zu binden; Interessenwidersprüche nicht zu verwischen, sondern über sie aufzuklären und zuzuspitzen; aktiv daran mitzuwirken, eine umfassende Arbeiterinnensolidarität zu schaffen, die nicht am eigenen Betrieb, in der eigenen Branche und im Nationalstaat Halt macht; konkrete Forderungen zu stärken, aber mit einer antikapitalistischen Stoßrichtung zu verbinden – nicht als Propagandaformel („nur der Sozialismus ist unsere Rettung“), sondern als konsequentes Verfolgen und Weitertreiben von Interessen und Forderungen, die in den wirklichen Auseinandersetzungen entstehen.

Thomas Goes
Thomas Goes arbeitet als Soziologe am SOFI Göttingen. Er ist Mitglied der LINKEN und aktiv bei „organisieren – kämpfen – gewinnen“ und bei „Projekt M“

Quelle

https://adamag.de/gewerkschaften-organizing-linke-organisierung?i-like-ada-cookies=1
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« Antworten #508 am: 27. Juni 2018, 15:54:14 »

Danke @Rappel. Der Artikel ist wirklich lesenswert.
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« Antworten #509 am: 17. Juli 2018, 16:48:23 »

Zitat
Wirtschaftskammer-Obmann fordert ein Verbot der Gewerkschaften

Der Welser Unternehmer ( Resch & Frisch) und Wirtschaftskammer-Obmann Josef Resch sorgt mit einer Aussage in einem Regional-TV-Sender für Irritierung. Resch forderte, dass Gewerkschaften "so wie im Süden der USA" verboten werden.

Quelle: https://kurier.at/chronik/oberoesterreich/wirtschaftskammer-obmann-fordert-ein-verbot-der-gewerkschaften/166.359.805
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« Antworten #510 am: 27. Juli 2018, 08:07:03 »

Gewerkschaftsaustritt aus der IG Metall in Berlin – nach fast 38 Jahren Gewerkschaftszugehörigkeit

http://www.labournet.de/wp-content/uploads/2018/07/igm_berlin200718.pdf
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« Antworten #511 am: 22. August 2018, 07:41:17 »

Zitat
21.8.18
Betriebsräte: Perfide Methoden bei der Salzgitter AG

In den Betriebsräten der Salzgitter AG und bei BMW in München hat offenbar die IG Metall das Sagen und verteidigt ihre Macht mit allen Mitteln.
(...)

https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/braunschweig_harz_goettingen/Betriebsraete-Perfide-Methoden-bei-der-Salzgitter-AG,igmetall372.html

Hängt vielleicht hiermit zusammen:
http://www.labournet.de/politik/gw/zielgruppen/migrant/social-peace-wir-werden-keine-falschen-kompromisse-eingehen-bei-bmw-und-daimler-bekommt-die-ig-metall-konkurrenz/
https://www.drgeffken.de/index.php?id=aktuelleinfos&no_cache=1&tx_ttnews%5Btt_news%5D=384&tx_ttnews%5BbackPid%5D=1
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« Antworten #512 am: 22. August 2018, 11:01:15 »

Danke für die Info.

Zitat
Zum 100jährigen Jubiläum von BMW hat sich in München die erste multikulturelle Gewerkschaft Deutschlands gegründet. Initiatoren sind der Münchner Betriebsrats-Rebell Murat Yilmaz (44) und der Manager Christian Lange (58), der sich für Menschenrechte in deutschen Konzernen einsetzt.

Yilmaz hatte im Jahr 2015 «schwarze Kassen in Millionenhöhe» in der Hand von BMW-Betriebsräten angeprangert. In der Folge wurde der Deutsch-Türke im Werk rassistisch beschimpft und bekam nach eigener Aussage sogar anonyme Morddrohungen.

Ex-Betriebsrat Lange, der bei BMW in der Vergangenheit unter anderem für das Nachhaltigkeitsmanagement mitverantwortlich war, sagt: «Wir dulden keine Diskriminierung muslimischer Kollegen und Andersdenkender. Wir wollen keine Angstkultur wie bei VW.»

Die Gründung der neuen Organisation ist eine Antwort auf rassistische Ausfälle von Verantwortlichen der IG Metall. Diese haben im Münchner BMW-Stammwerk zu Protesten und zu einer Austrittswelle aus der IGM geführt, die anhält.

Zitat
Für den Arbeitsrechtprofessor Peter Schüren ist es "außerordentlich problematisch, wenn das Unternehmen dem Betriebsrat dabei gefällig ist, interne Opposition still zu machen. Das sind zwei Aspekte - einmal durchbricht das die Ordnung der Betriebsverfassung, weil das keine anständige Interessenvertretung mehr ist - zum anderen muss der Betriebsrat solche Gefälligkeiten an andere Stelle zurückbezahlen. Das heißt, das ist im Grunde Korruption, die aus so etwas erwächst."
https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/braunschweig_harz_goettingen/Betriebsraete-Perfide-Methoden-bei-der-Salzgitter-AG,igmetall372.html

Es ist völlig krass, was da abgeht.
Für mich ein Beweis dafür, wie falsch es ist, sich allein um den prekären Sektor zu kümmern, wie es in der linken Szene so populär ist.
In den Großbetrieben hat die IGM mafiaähnliche Züge angenommen. Das ist nur möglich, weil es keine ausreichende linke Beobachtung und Kritik gibt, geschweige eine brauchbare Alternative zur IGM.

Wir müssen uns ALLEN Bereichen der Ausbeutung widmen. Der produzierende Sektor und der 1. Arbeitsmarkt gehören dazu. Es darf nicht allein "die Logistik" Ziel unserer Aktivitäten sein.
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Fritz Linow


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« Antworten #513 am: 22. August 2018, 12:02:39 »

(...)
Für mich ein Beweis dafür, wie falsch es ist, sich allein um den prekären Sektor zu kümmern, wie es in der linken Szene so populär ist.
In den Großbetrieben hat die IGM mafiaähnliche Züge angenommen. Das ist nur möglich, weil es keine ausreichende linke Beobachtung und Kritik gibt, geschweige eine brauchbare Alternative zur IGM.
Ach, ich weiß nicht so recht, ob eine linke Szene jetzt der richtige Ansprechpartner für so etwas ist. Wenn sich einige ,- wenn überhaupt-, für betriebliche Dinge interessieren und sich dann vermehrt um prekäre Beschäftigungsverhältnisse kümmern, dann kann es auch daran liegen, dass sie selber prekär beschäftigt sind. Und dass es gerade in der linken Szene populär ist, sehe ich auch nicht so wirklich. Mir fällt jetzt nur dieses komische makeamazonpay ein.

Dass es keine brauchbare Alternative zum sozialpartnerschaftlichen DGB gibt, wird ja schon seit Jahrzehnten verbockt. Da wird ausreichend von links beobachtet und Kritik geübt, im Zweifel wird aber dann doch das Hohelied auf die Einheitsgewerkschaft gesungen. Ich finde das durchaus schade, weil da viel Energie verschwendet wurde und wird, die man für den Aufbau einer Alternative gut gebrauchen könnte.

Ich hab jetzt auch keine Idee, wie man in Großbetrieben eine Alternative aufbauen könnte. Da müsste man wohl bei Null anfangen, weil in all den Jahren keine bis kaum Aufbauarbeit geleistet wurde, immer im Glauben, den DGB eines Tages umkrempeln zu können.
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Kuddel


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« Antworten #514 am: 22. August 2018, 13:25:31 »

Bei aller berechtigter Distanz zu einer linken "Szene", ging es mir auch nicht um selbige.
Zwischen der linksradikalen subkulturellen Szene und den alten Gewerkschaftslinken, die seit den 70ern davon träumen, den DGB umkrempeln zu können, gibt es einen Haufen Menschen mit einem eigenen Kopf und guten Gedanken, die zu grundlegend kapitalismuskritischen Schlüssen kommen. Die gibt es auch in den Betrieben.

Es geht mir auch nicht um diese ewigen Traktate, die über den DGB und seine sozialpartnerschaftliche Politik des Co-Managements erschienen sind. Davon gibt es eine Menge und einige sind sehr gut und hervorragend geeignet, sich von diesem Filz und dessen Rolle ein Bild zu machen.

Es geht darum, daß den Betriebsräten vor Ort auf die Finger geschaut und geklopft wird. Genau da besteht ein Mangel an Strukturen. Bei mehreren Callcentern haben die Agents dabei auf Chefduzen zurückgegriffen und recht gut beschrieben, wie Betriebsräte sich der Gegenseite verpflichtet fühlten und den eigenen Kollegen in den Rücken gefallen sind. Der Fall CCES24 wurde am detailreichsten geschildert.

Ich glaube nicht, daß man aus dem Stehgreif eine Alternative zu DGB und IGM aufbauen kann. Der erste Schritt wären informelle Strukturen.

Wo geht man hin, wenn einem der Kragen platzt, wenn man himmelschreiende Ungerechtigkeiten erlebt?

Die Linkspartei hat Betriebsarbeit überhauptnicht auf dem Zettel.
DKP und MLPD sind in meinen Augen interessierter daran, neue Leute unter ihre Fittiche zu bekommen, als betriebliche Auseinandersetzungen uneigennützig zu unterstützen.
Bei der FAU habe ich es mehrmals erlebt, daß der Versuch einer Kontaktaufnahme kläglich gescheitert ist.

Osteuropäische Leih- und Werksvertragsarbeiter aus dem Kreuzfahrtschiffbau und der Fleischindustrie erfuhren gute Unterstützung von Pastoren.

Der Hamburger Jour Fixe macht regelmäßig Veranstaltungen zu bestimmten Themen, Branchen und Betrieben. Zu solchen Anlässen finden  Leute zusammen, die Kontakte suchen, mit welchen, die über viel Wissen und Erfahrungen zu solchen Problemen verfügen.

Theoretisch könnten die Stadtteilgruppen/-Läden, die überall wie Pilze aus dem Boden sprießen, ein solcher Anlaufpunkt sein. Ich halte sie aber zu großem Teil für einen linken Hype und wahrscheinlich wird diese Mode schon bald von einer anderen abgelöst. Es werden nicht viele dieser Initiativen diesen Trendwechsel überstehen. Gerade eine Langfristigkeit socher Projekte wäre wichtig.

Und nochmal zurück zur selbsternannten linksradikalen Szene: Ich habe verschiedene Treffen/Veranstaltungen erlebt, da wehrte man sich fast schon hysterisch mit Händen und Füßen gegen Facharbeiter des 1. Arbeitsmarkts, die "eh alle reaktionär" seien, voll "unter Kontrolle der IGM" und überhaupt, der 1. Arbeitsmarkt sei "ein Konzept der Vergangenheit und hat keine Bedeutung mehr".

Totaler Bullshit!!!

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« Antworten #515 am: 17. Oktober 2018, 02:50:26 »

Aus: Ausgabe vom 17.10.2018, Seite 1   / Titel

Konsens statt Klassenkampf
DGB und BDA gratulieren sich zu 100 Jahren »Sozialpartnerschaft«. Bundespräsident feiert antisozialistischen Pakt als »historisches Ereignis«
Von Nico Popp


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Drei gegen »wilde Arbeitskämpfe« und »politische Streiks«: DGB-Chef Reiner Hoffmann, Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) und BDA-Präsident Ingo Kramer
Foto: Ralf Hirschberger/dpa
Geschichte, soll Napoleon mal gesagt haben, sei einfach die Lüge, auf die sich die Historiker geeinigt haben. In der Bundesrepublik wird beim Basteln einer nützlichen historischen Erzählung ziemlich viel gelogen; und wenn die Sache wirklich wichtig ist, sogar vom Staatsoberhaupt höchstpersönlich.

Am Dienstag feierten der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) und die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) im Hof des Deutschen Historischen Museums »100 Jahre Sozialpartnerschaft«. Die soll, so wurde hier erzählt, am 15. November 1918 mit dem Arbeitsgemeinschaftsabkommen zwischen freien und christlichen Gewerkschaften auf der einen und den großen Unternehmerverbänden auf der anderen Seite »begonnen« haben – für Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ein »wahrhaft historisches Ereignis«, von dem, wie er bedauernd hinzufügte, »nicht mehr viele« in Deutschland wüssten. Leider, denn damals sei eigentlich die Weiche in Richtung »Wohlstand«, »Demokratie« und »soziale Marktwirtschaft« gestellt worden. Man solle sich doch nur einmal Länder anschauen, in denen diese »Sozialpartnerschaft« nicht so »ausgeprägt« sei – »wilde Arbeitskämpfe« und »politische Streiks«.

Steinmeier erwähnte selbstverständlich nicht, was dieses Abkommen eigentlich ausmachte: In den ersten Tagen der deutschen Revolution von 1918/19, als der alte Staatsapparat gelähmt war, suchten die Industriellen nach handlungsfähigen Verbündeten gegen die radikale Arbeiterbewegung. Sie fanden sie in den Gewerkschaftsführern, die in vier Jahren Krieg viel Erfahrung bei der Bekämpfung der Antikriegsopposition gesammelt hatten. Diese Funktionäre wurden nun schnell und nicht ohne Geschick als »Vertreter« der Belegschaften »anerkannt«; den Achtstundentag gab es dazu, denn der war immer noch besser als der Sozialismus. Das war nach dem August 1914 die nächste strategische Parteinahme der Gewerkschaftsbürokratie für Kapital und Klassenstaat.

Steinmeier nannte diesen Vorgang »unglaublich mutig«. Jemand muss ihm erzählt haben, dass sich die Revolution insbesondere gegen die Gewerkschaften gerichtet hat: In der »von einem sozialistischen Rätestaat gesteuerten Industrie« brauche man nämlich »keine freien Gewerkschaften«. Den versammelten Spitzenfunktionären der Einzelgewerkschaften und der Unternehmerverbände rief er zu: »Was Sie leisten, ist wichtig für unser Land.«

Danach diskutierten DGB-Chef Reiner Hoffmann und BDA-Präsident Ingo Kramer ganz arbeitsgemeinschaftlich miteinander. Man weiß nun, dass Kramer und Hoffmann ab und an telefonieren: »Wir beide haben unsere Handynummern.« Kramer beschwerte sich über den Mindestlohn; den habe der Staat gemacht, und das sei ein Schlag gegen die Autonomie der Tarifparteien. Nach dem Geplauder meldete sich Verdi-Chef Frank Bsirske zu Wort und sorgte mit der Forderung, angesichts der »dramatischen Tarifflucht vieler Unternehmen« die Tarifbindung »deutlich zu stärken« – etwa bei der öffentlichen Auftragsvergabe –, für Unruhe bei Kramer, der sich sicherheitshalber wiederholte: »Wer nach dem Staat ruft, stärkt nicht die Tarifautonomie.«

Die deutsche Kapitalistenklasse muss nicht nach dem Staat rufen, um mit den Gewerkschaften fertig zu werden. Es hat sich – das dürfte vielen Gewerkschaftsfunktionären schon lange klar sein – nicht wirklich gelohnt, der Eigentumsordnung 1918/19 das Leben zu retten. Sie würden es beim nächsten Mal aber sicher wieder tun.

Quelle

https://www.jungewelt.de/artikel/341748.100-jahre-arbeitsgemeinschaft-konsens-statt-klassenkampf.html

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Kuddel


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« Antworten #516 am: 17. Oktober 2018, 10:48:38 »

Das nenn ich ehrlich!
Das Bündnis zwischen Ausbeuterschweinen und Gewerkschaft, besiegelt von der Regierung.



Im Hintergrund "100 Jahre Sozialpartnerschaft" mit den Logos von BDA und DGB.
Da könnte ebenso stehen "100 Jahre Arbeiterverrat".
Arbeitsminister Hubertus Heil hat sich derweil vor Begeisterung eingekackt.
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« Antworten #517 am: 17. Oktober 2018, 10:55:50 »

Die Sozialpartnerschaft wurde 1918 mit Blut besiegelt! Wenn es die "soziale marktwirtschaft" schon 100 Jahre gibt, war Deutschland zwischen 1933-1945 auch eine-laut Deutschem Gewerkschaftsbund...erbärmlich diese Verräter an den werktätigen Menschen! Niemals vergessen-niemals vergeben! Angry
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Fritz Linow


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« Antworten #518 am: 17. Oktober 2018, 12:28:48 »

Passt irgendwie rein:
Malte Meyer
Lieber tot als rot? Gewerkschaften und Militär in Deutschland seit 1914
Verlag Edition Assemblage (336 Seiten, 19.80 EUR)

http://www.labournet.de/politik/gw/geschichte/buch-lieber-tot-als-rot-gewerkschaften-und-militaer-deutschland-seit-1914/

Sehr gutes Buch, gerade die Fußnoten haben es teilweise in sich. Danach bleibt eigentlich nur noch Aus- und Drauftreten.
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« Antworten #519 am: 18. Oktober 2018, 11:58:34 »

In der aktuellen UZ ein kurzer Abriß über die Kumpanei von MSPD,Gewerkschaften und Kapital

Revolution statt „Demokratisierung“
7. Oktober 1918: Reichskonferenz der Spartakusgruppe
Von UZ  |    Ausgabe vom 12. Oktober 2018


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Prinz Max von Baden, der deutsche Reichskanzler (3.10.-9.11.1918) und preußische Ministerpräsident, begibt sich in Begleitung von Deutelmoser, Pressechef der Reichskanzlei (links), und Wilhelm Freiherr von Radowitz, Chef der Reichskanzlei, (rechts).

( Bundesarchiv, Bild 183-R04159)

Ende September, Anfang Oktober geriet auch das deutsche Kaiserreich in eine revolutionäre Krise. Zu den Maßnahmen, den Ausbruch der Revolution noch zu verhindern, gehörte die Einsetzung einer neuen Regierung unter Prinz Max von Baden, die sich nicht nur um Friedensverhandlungen mit den Entente-Mächten bemühte, sondern auch zu Zugeständnissen im Inneren bereit war. Zum Kabinett der Regierung von Max von Baden, die am 4. Oktober 1918 eingesetzt wurde, gehörten mit den Staatssekretären Gustav Bauer (verantwortlich für den Bereich Arbeit) und Philipp Scheidemann (ohne Geschäftsbereich) auch zwei Vertreter der Mehrheitssozialdemokraten. Zuvor hatten am 23. September Reichstagsfraktion und Parteiausschuss der SPD beschlossen, den Eintritt in eine neu zu bildende Regierung zu billigen. Mit Hilfe der sogenannten Parlamentarisierung, mit Zugeständnissen im Zusammenhang mit dem Wahlrecht, erweiterten Parlamentsrechten usw. sollte bei den Menschen im Land der Eindruck entstehen, Deutschland befände sich nunmehr auf dem Wege der Demokratisierung. Diese Illusion wurde sowohl durch den kaiserlichen Erlass vom 30. September 1918 über die Einsetzung einer „parlamentarischen Regierung“ als auch durch die Hereinnahme von Vertretern der Mehrheits-SPD in die neue Regierung des Prinzen Max von Baden erzeugt. (Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Bd. 3, S. 72 f.)
Eduard David, einer der führenden rechten Sozialdemokraten in jener Zeit (David gilt übrigens als Erfinder der „Burgfriedenspolitik“), notierte zwei Tage später, am 6. Oktober, in seinem Tagebuch: „Eine ereignisschwere Woche. Das neue Deutschland wurde geboren (…) Die Kandidatur Prinz Max auch von mir betrieben. Seit Unterredung vor Jahresfrist schätze ich ihn. Aber Prinz! Öffentlich konnte ich nicht für ihn eintreten.“ An anderer Stelle verkündete er das eigentliche Ziel der rechten Sozialdemokraten in der entstandenen Krise: Den Bestand der Monarchie gegen die Revolution zu schützen. David schrieb weiter: „Mein Hauptziel: die Losung der Partei sei bewusste Reformpolitik auf dem Boden des gegebenen Staates, scheint erreicht. Der Weg vom 4.8.14 bis 5.10.18 war schwer. Die Belastungsprobe war stark.
Manchmal war ich selbst irre, ob es der richtige Weg sei. Aber was wäre mit der revolutionären Taktik erreicht worden? (…) Der Prinz ist ein großer Mensch. Bewährt er sich auch als großer Mann, so wird seine Kanzlerschaft zur sozialistischen Demokratie, zum inneren und äußeren Frieden führen.“ (zitiert nach Heinz Wohlgemuth: Die Entstehung der Kommunistischen Partei Deutschlands. 1914–1918. Überblick, Berlin 1968, S. 247) In Wirklichkeit wurde keines der gesellschaftlichen Probleme durch die Einsetzung der neuen Regierung gelöst. Es ging allein darum, die sich anbahnende Revolution zu verhindern.
Die Spartakusgruppe machte deshalb von Anfang an klar, worum es bei dieser Regierungsbildung in Wirklichkeit ging. „Nicht in eurem Interesse ist diese Regierung geschaffen worden, sondern im Interesse eurer Bourgeoisie und um euch zum Schweigen zu bringen (…) Schweigt von euren Nöten! Hungert und friert in euren ungeheizten Stuben, aber wagt nicht zu protestieren, denn das würde die neue Regierung diskreditieren (…)“, hieß es in einem Aufruf. (Ebenda) Im Spartakusbrief Nummer 12 vom Oktober 1918 hieß es in diesem Zusammenhang: „Der Regierungssozialismus stellt sich mit seinem jetzigen Eintritt in die Regierung als Retter des Kapitalismus der kommenden proletarischen Revolution in den Weg.“
Am 7. Oktober einigten sich die Gruppe Internationale (Spartakusgruppe) und die Linksradikalen Deutschlands auf einer illegalen Reichskonferenz der Spartakusgruppe in Berlin auf ein revolutionäres Programm und die nächsten Schritte. In einem Aufruf stellten sie nicht nur fest, „Wir sind in die letzte Periode des Krieges eingetreten. Nach 50 Monaten zeigt sich sein Werk (…)
Dieses Resultat des Krieges hat in allen Ländern der Welt nicht nur die objektiven Grundlagen der Revolution verstärkt, sondern den Zeitpunkt des unmittelbaren Beginnens der Revolution herangeführt.“ Es wurde auch ein Programm der Revolution für die sofortige Beendigung des Krieges, für die revolutionäre Erkämpfung demokratischer Rechte und Freiheiten und für den Sturz des deutschen Imperialismus und Militarismus beraten. Ziel des Kampfes sei die sozialistische Republik, „die mit der russischen Sowjetrepublik solidarisch ist, zur Entfesselung des Kampfes des Proletariats der Welt gegen die Bourgeoisie der Welt“.Hervorgehoben wurde die große moralische Unterstützung, die die revolutionäre Bewegung in Deutschland durch die Oktoberrevolution gefunden hatte. Es wurde beschlossen, „den Genossen in Russland den Ausdruck des Dankes, der Solidarität und brüderlichen Sympathie zu übermitteln mit dem Versprechen, diese Solidarität nicht durch Worte, sondern durch Aktionen, entsprechend dem russischen Vorbild, zu betätigen“.
Die Konferenz verurteilte die Politik der Führer der Mehrheitssozialdemokraten. Sie wandte sich aber auch entschieden gegen die schwankende, opportunistische Politik der Führung der USPD, die die Bildung der Regierung des Prinzen Max von Baden gleichfalls als eine sich anbahnende Demokratisierung der deutschen Verfassungszustände einschätzte und eben nicht darauf verwies, dass entsprechende Schritte der neuen Regierung nur der Absicherung der Herrschaft der Hohenzollern und des Kapitals dienen sollten. 
Zu den unmittelbaren Forderungen der Revolutionäre gehörten:
1. Unverzügliche Freilassung aller politischen Gefangenen, Befreiung aller Soldaten, die wegen militärischer und politischer Verbrechen verurteilt sind.
2. Sofortige Aufhebung des Belagerungszustandes.
3. Sofortige Aufhebung des Hilfsdienstgesetzes.
4. Annullierung sämtlicher Kriegsanleihen ohne jede Entschädigung.
5. Enteignung des gesamten Bankkapitals, der Bergwerke und Hütten, wesentliche Verkürzung der Arbeitszeit, Festsetzung von Mindestlöhnen.
6. Enteignung des Groß- und Mittelgrundbesitzes, Übergabe der Leitung der Produktion an Delegierte der Landarbeiter und Kleinbauern.
7. Durchgreifende Umgestaltung des Heereswesens.
8. Abschaffung der Todes- und Zuchthausstrafe für politische und militärische Vergehen.
9. Übergabe der Lebensmittelverteilung an Vertrauensleute der Arbeiter.
10. Abschaffung der Einzelstaaten und Dynastien.
Über die Bedeutung und den Charakter dieser Forderungen heißt es im Aufruf: „Proletarier, die Erreichung dieser Ziele bedeutet noch nicht die Erreichung eures Zieles, sie sind der Prüfstein dafür, ob die Demokratisierung, die die herrschenden Klassen und deren Agenten euch vorflunkern, echt ist. Der Kampf um die wirkliche Demokratisierung geht nicht um Parlament, Wahlrecht oder Abgeordnetenminister und anderen Schwindel; er gilt den realen Grundlagen aller Feinde des Volkes: Besitz an Grund und Boden und Kapital, Herrschaft über die bewaffnete Macht und über die Justiz.“ (Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, S. 76–78)
Damit wurde klar auf die Grundfrage jeder Revolution orientiert, auf die nötige Veränderung der Macht- und Eigentumsverhältnisse.

Quelle

https://www.unsere-zeit.de/de/5041/theorie_geschichte/9579/Revolution-statt-„Demokratisierung“.htm

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Kuddel


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« Antworten #520 am: 20. Oktober 2018, 16:37:35 »

Die Kritik am herrschenden Gewerkschaftsapparat ist wichtig und notwendig.

Wir haben aber ein gewaltiges Problem.
Wir haben keine echte Alternative.

So richtig und sympathisch die Idee hinter FAU und Wobblies sein mag, so wenig werden sie diesem Anspruch in der Realität gerecht. Die Organisationen sind nicht nur zahlenmäßig winzig, sie kriegen kaum eine kontinuierliche Arbeit hin. Sie kommen aus den organisatischen Kinderschuhen linker Strukturen nicht heraus. Die Mitglieder und Aktivisten kommen und gehen. Hat man bei einem Syndikat mal zwei Jahre nicht vorbeigeschaut, wird man kaum mehr ein bekanntes Gesicht treffen. Alles neue Leute. Die werden wahrscheinlich auch nur begrenzte Zeit bleiben. Teilweise lösen sich Syndikate einfach auf und werden dann von neuen Leuten neu gegründet. Einige Syndikate/Städte/Gruppen mögen positve Ausnahmen bilden, doch ein Problem ist die weitgehende Beschränktheit auf eine linke Subkultur und es mangelt an einer Bekanntheit und Verwurzelung unter Arbeitern, die mit einer solchen Subkultur nichts zu tun haben. Man ist relativ stark, wo diese Szene selbst jobt, in der Gastronomie, im universitären Bereich und bei den Essensausfahrern von Foodora, Deliveroo und Co.. Ein tolles Beispiel jenseits des Szeneumfelds liegt in der "Mall of Shame" Kampagne in Berlin,  in der man osteuropäische Bauarbeiter bei ihrer Selbstorganisierung und ihren Protesten unterstützte, oder kürzlich in Hannover, als man Beschäftigte von Blumengeschäften organisierte. Möge das Schule machen!

Die Menschen fühlen sich hilflos ohne eine brauchbare Organisation oder Bewegung im Rücken.
Sie sind es auch.


Den DGB Gewerkschaften laufen die Mitglieder davon. Es ist eine Katastrophe, daß es uns bisher noch nicht gelungen ist, das Vakuum, das sich neben dem DGB gebildet hat, nur annähernd zu füllen. Die Faschisten springen gerade in diese Bresche. Ihre Kritik an den DGB Gewerkschaften ist oftmals gut und berechtigt. Sie unterscheidet sich kaum von der der FAU. Die Arbeiter sehen aber nur die berechtigte Kritik, der man kaum widersprechen kann. Sie sehen nicht, wofür die Faschisten stehen. Sie sind die brutalen Handlanger des Kapitals. Sie sprechen aber die Sprache der Arbeiter und sie verkörpern deren Wut. Das ist attraktiv. Sie können damit Arbeiter um den Finger wickeln. Auf lange Sicht werden sie die Arbeiter im Stich lassen, verraten und in die Pfanne hauen. Dann sind aber linke Alternativen bereits zerschlagen.

Es gab von den Rechten sogar schon Forderungen, wie "Generalstreik gegen Leiharbeit!". Solche Forderungen sind mit Sicherheit populär. Die Rechten haben gar nicht vor, sie jemals umzusetzen. Die rechten gewerkschaftlichen Organisationen mögen zwar noch winzig sein, doch sie haben das Zeug, eine rapide wachsende Rolle zu spielen. Die beste Strategen der Faschisten werden zu den betrieblichen Organisationen geschickt, sie kriegen auch die wortgewaltigsten Redner und jede organisatorische Hilfe, die man sich vorstellen kann. Damit wirken sie stärker, als sie (bisher) sind.

Wir kriegen gerade die Quittung dafür, daß die Linke das betriebliche Thema konsequent vernachlässigt, bzw. ignoriert hat.
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Fritz Linow


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« Antworten #521 am: 20. Oktober 2018, 20:11:40 »

Einige nicht vollständige Ergänzungen:

Viele, die eine Umwälzung der Verhältnisse anstreben, haben sich selber viel zu lange im DGB aufgehalten. Die Gewerkschaftsfrage erschöpfte sich immer darin, dass es irgendwann innerhalb des DGB funktionieren werde. Die Frage nach einer Alternative wurde gar nicht oder kaum gestellt. Es mag bisweilen gute Gründe dafür gegeben haben.

Diejenigen, die nach einer Alternative gesucht haben, haben dann zum Beispiel die FAU gegründet. Dabei gab und gibt es anscheinend immer noch viele Missverständnisse, zum Beispiel dass es sich um eine Arbeiterbewegung und nicht um eine linksradikale Hüpfburg handelt. Das ist teilweise auch der Zeit geschuldet gewesen, und dieses Missverständnis zu beseitigen ist eine Herkulesaufgabe. Das erklärt vielleicht auch die hohe Fluktuation bis hin zur (richtigen) Auflösung von Syndikaten. Auf der anderen Seite sollte man anerkennen, dass es immerhin diejenigen unter den Linken sind, die die Gewerkschaftsfrage in den Vordergrund stellen. Dasselbe gilt für die Wobblies.

Nun sprießen überall Stadtteilgewerkschaften und Stadtteilinitiativen aus dem Boden, und auch da besteht die Gefahr, dass es ein bunter Gemischtwarenladen für alle wird. Einige sind theorielastig, szenelastig, andere versuchen richtig gute Basisorganisation. Man wird sehen. Was ist eigentlich mit kleinen Städten, in denen es keine Stadtteile gibt? Da sollte man es genauso versuchen.
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Kuddel


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« Antworten #522 am: 22. Oktober 2018, 10:25:00 »

...Missverständnisse, zum Beispiel dass es sich um eine Arbeiterbewegung und nicht um eine linksradikale Hüpfburg handelt...
...dieses Missverständnis zu beseitigen ist eine Herkulesaufgabe...


Viele treten in die FAU ein, weil sie das kapitalistische System abschaffen wollen und den Bereich der Ausbeutung für ein wichtiges Feld des Kampfes halten. Dann stellen sie fest, daß man Arbeiter mit politischen Forderungen nicht erreicht und daß sie sich auf eine Diskussion über den Kapitalismus nicht einlassen wollen. Dann bleibt man weiter unter sich und diskutiert die politischen Fernziele im kleinen Kreis. Wenn man zur Erkenntnis kommt, daß man keinerlei Einfluß auf den Lauf der Welt hat, ist der Weg zum Austritt nicht weit.

Arbeiter*innen sind erst einmal nicht "politisch" und nicht "links". Ihre Interessen stehen jedoch im direkten Gegensatz zu den Interessen des Kapitals. Das Kapital hat seine Gegner im Inneren des Ausbeutungssystems. Wenn die Arbeiter*innen aufhören tagtäglich in dem Räderwerk so mitzuspielen, wie sie es sollen, wird es politisch. Wenn sie ihre Macht erkennen und sich zusammenschließen, entsteht eine echte Gegnerschaft zu den kapitalistischen Herrschaftsverhältnissen. Dagegen sind alle linken Demos, egal wie militant sie sein mögen, nur ein Kindergeburtstag, bzw. "eine linksradikale Hüpfburg".

In Polen hat diese Erkenntnis zu praktischen Konsequenzen geführt. Unglücklich mit der dogmatisch anarchistischen Gewerkschaft ZSP, die eine ihre Hauptaufgaben darin sah, politische Abweichler zu bekämpfen, gründete sich die "Inicjatywa Pracownicza" (= Arbeiterinitiative) IP. Sie entstand, um eine Alternative zu den Sozialpartnerschaftlichen Gewerkschaften, wie der Solidarnosc, zu entwickeln. Hier sollte es möglich sein, sich direkt für die Arbeiterinteressen einzusetzen, ohne jeden Kampf bereits im Vorfeld mit faulen Kompromissen zu ersticken.



Die Frustration über das Einknicken der einst kämpferischen Solidarnosc zu einer traurigen neoliberalen Organisation, ist enorm. Man sieht in der IP eine reale gewerkschaftliche Alternative, wenn es darum geht, für die eigenen Interessen zu kämpfen. So ist es möglich, daß Arbeiter*innen aus alten Industriebetrieben oder auch von Volkswagen sich dort organsierten, Supermarktbeschäftigte, Krankenpfleger*innen, Kindergärtnerinnen, sowie Klempner in der tiefsten Provinz, der IP beigetreten sind. Es ist kein Inzuchthaufen der linken Szene, hier treffen sich knorrige Indstriearbeiter, alte Muttchen und junge Radikale (manchmal sind die alten Muttchen radikaler als die Jungen), diskutieren ihre Möglichkeiten sich zu wehren, führen Arbeitskämpfe und machen erste Gehversuche im grenzüberschreitenden Kampf.

Deutsche Linke können damit erstmal wenig anfangen. Als polnische und deutsche Amazonarbeiter*innen gemeinsam in Berlin gegen die Verleihung des Springer Awards an Jeff Bezos demonstrierten, kommentierte man es bei der Interventionistischen Linken entsetzt mit, "die sind ja gar nicht links". Das Leben außerhalb der linksradikalen Hüpfburg bleibt ein Buch mit sieben Siegeln.

Eine IP Aktivistin und Amazonarbeiterin aus Poznan beschreibt ihre Erfahrungen:

! No longer available


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« Antworten #523 am: 22. Oktober 2018, 15:06:07 »

Genau! Arbeiter sind nicht automatisch links. Viele sind nicht einmal sonderlich politisch. Die meisten wollen ihre Arbeit gut verrichten, anständig behandelt und bezahlt werden. Und es gibt immer wieder Konflikte im Betrieb rund um die Arbeitsbedingungen.
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Alles ist in Bewegung. Nichts war schon immer da und nichts wird immer so bleiben!
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« Antworten #524 am: 23. Oktober 2018, 10:36:42 »

Die Beilage »Gewerkschaft« gibt eine Rückschau auf den gescheiterten Versuch, die 35-Stunden-Woche in Ostdeutschland einzuführen. Sie erscheint am Mittwoch, 24. Oktober, zusammen mit der Tagesausgabe von junge Welt.

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