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Autor Thema: Gewerkschaften  (Gelesen 141515 mal)
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Kuddel


Beiträge: 11452


« Antworten #500 am: 21. März 2018, 12:10:58 »

Ich habe den Artikel komplett durchgelesen. Klingt gut. Ich schätze das Prinzip von Basisgewerkschaften.
Ich habe mit der FAU in verschiedenen Städten zusammengearbeitet. Die Erfahrungen waren ernüchternd, teilweise richtiggehend deprimierend.
Immer wieder hatte ich es mit Unzuverlässigkeit zu tun. Mit nicht eingehaltenen Absprachen, mit dem Abbrechen der Kommunikation und organisatorischen Unzulänglichkeiten. Die in dem Artikel erwähnten "szenetypischen Verhaltensmuster" waren stets nervig.

Wenn es der FAU gelingt, sich weiterzuentwickeln wie in Bericht von Ferdi Konun beschrieben, könnte sie zu einer ernstzunehmenden Kraft in der Klassenauseinandersetzung werden. Ich drücke die Dauemen!
 
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Kuddel


Beiträge: 11452


« Antworten #501 am: 14. Mai 2018, 19:03:50 »

Zitat
21. Ordentlicher Bundeskongress des DGB:
Lobbyismus statt Klassenanalyse


… Unverkennbar in den vorliegenden Leitanträgen ist die Illusion, mit der Großen Koalition werde alles besser für die arbeitenden Menschen. Praktizierte der Deutsche Gewerkschaftsbund in früheren Jahren schon die „konzertierte Aktion“, so setzt der Bundesvorstand heute auf einen „gesellschaftlichen Zukunftsdialog“, wie immer der aussehen mag. Auf die verschärfte Gangart des Kapitals und die dadurch immer stärkeren gesellschaftlichen Klassengegensätze in Deutschland und Europa antwortet der DGB unverändert mit Sozialpartnerschaft und Lobbyismus...
http://www.labournet.de/wp-content/uploads/2018/05/dgb2018schedlbauer.pdf


Zitat
Stolz ist Hoffmann auf die neue Nähe zur SPD, die sich seiner Einschätzung nach im Koalitionsvertrag ablesen lässt, der „in wesentlichen Punkten unsere Handschrift trägt“.
https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/wahl-des-vorstands-wie-erfolgreich-ist-dgb-chef-hoffmann/21594672.html

Innergewerkschaftliche Demokratie?
Man kann Reiner Hoffmann wählen. Einen Gegenkandidaten gibt es nicht.
Die Delegierten in Berlin bestätigten ihn mit einer Mehrheit von 76,3 Prozent im Amt. Kein dolles Ergebnis.





Den DGB Gewerkschaften laufen die Mitglieder weg.
Das wäre nicht unbedingt negativ, gäb es eine positive Alternative.

Zur Zeit sind es hauptsächlich die Faschisten, die versuchen das entstandene Vacuum zu füllen.
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Kuddel


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« Antworten #502 am: 15. Mai 2018, 12:46:09 »

Zitat
Gründung der Internationalen Arbeiter*innen Konföderation (IAK) in Parma

Am 13. Mai 2018 wurde unter minutenlangem Applaus die Gründung der internationalen Gewerkschaftskonföderation IAK in Parma (Italien) vollzogen. Delegierte aus sieben Ländern hatten sich drei Tage über Statuten und Arbeitsschwerpunkte verständigt, um dem globalisierten Kapitalismus und den autoritären Entwicklungen in Europa und den Amerikas endlich eine kämpferische Internationale syndikalistischer Gewerkschaften entgegenzustellen.

Neben der CNT (Spanien), der USI (Italien) und der FAU (Deutschland), sind die IWW (USA und Kanada), ESE (Griechenland), FORA (Argentinien) und die IP (Polen) Gründungsmitglieder der Internationalen Arbeiter*innen Konföderation, die auf Englisch International Labour Confederation heißen wird. Der Gründungskongress von Parma hat in zahlreichen weiteren Gewerkschaften großes Interesse an einem Beitritt geweckt: So nahmen als Beobachter am Kongress die CNT-F (Frankreich), die FOB (Brasilien), der Vrije Bond (Niederlande und Belgien), die GG/BO (Deutschland) und die UVW (England) teil.

Die Gewerkschaftsinternationale hat zum Ziel, die Kämpfe von Arbeiter*innen zu verbinden und die Zusammenarbeit von Betriebsgruppen in den gleichen Branchen und Betrieben über Grenzen hinweg zu ermöglichen. Gemeinsame Workshops und Konferenzen werden Gelegenheiten schaffen, voneinander zu lernen und Arbeitskämpfe zu gewinnen. Der Schwerpunkt soll hierbei zunächst auf den Branchen Gastronomie, Logistik und Bildung liegen. Mit einem gemeinsamen Aktions- und Streiktag am 8. März möchte die IAK zudem feministische Kämpfe in den Mittelpunkt stellen.

Lang lebe die Konföderation!

http://www.fau.org/artikel/art_180513-210727
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Kuddel


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« Antworten #503 am: 04. Juni 2018, 11:44:49 »

Was für ein Scheiß ist denn das schon wieder?

Zitat
Gewerkschaften distanzieren sich von neuem Feuerwehr-Protest



 Einige Feuerwehrleute wollen am Freitag erneut protestieren – in Anlehnung an #berlinbrennt. Doch die Gewerkschaften halten von der neuen Aktion wenig.

Die Gewerkschaften wollen mit dem für Freitag angekündigten Protest einiger Berliner Feuerwehrmänner und ihrer Unterstützer nichts zu tun haben. „Die Feuertonne steht im Museum und wird zurzeit nicht wieder brennen“, stellt Stefan Ehricht, der bei der Gewerkschaft Verdi die Interessen der Feuerwehr vertritt, klar.

Hintergrund ist die Ankündigung von Feuerwehrleuten, zwei Protestaktionen zu initiieren: Am Freitag ab 20 Uhr sollen mehrere Mini-Tonnen vor dem Roten Rathaus brennen. Die Aktion soll aber nur 24 Minuten und sieben Sekunden dauern – in Anlehnung an den Rund-um-die-Uhr-Protest der #BerlinBrennt-Bewegung von vor einem Monat.

Danach wollen die Feuerwehrleute und ihre Unterstützer zum Brandenburger Tor ziehen, um dort mehrere Tonnen mit Kollegen aus Bitburg (Rheinland-Pfalz) zu entzünden.

„Die Aktion pausiert“

„Das Erinnern an unsere Mahnwache und den Protest ist okay, und ja, die Situation brennt noch immer. Aber die Aktion #berlinbrennt pausiert, daran gibt es nicht zu rütteln“, so Ehricht zur B.Z.

Man habe der Senatsinnenverwaltung das Versprechen gegeben, so lange die Verhandlungen zu besser Arbeitsbedingungen laufen, den Protest einzustellen. „Es passiert ganz viel im Hintergrund, das können wir uns von einigen wenigen Kollegen nicht kaputt machen lassen.“
https://www.bz-berlin.de/berlin/gewerkschaften-distanzieren-sich-von-neuem-feuerwehr-protest

Gewerkschaft fällt aktiven Kollegen in den Rücken.

Niemals sollte man hinnehmen, daß Gewerkschaften forden Arbeitsniederlegungen oder Proteste einzustellen, um Verhandlungen führen zu können. Arbeitsniederlegungen oder Proteste sind ein notwendiges Druckmittel in Verhandlungen.
Ebesowenig ist es akzeptabel, wenn Gewerkschaften im Geheimen mit dem Management verhandeln. evil
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Fritz Linow


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« Antworten #504 am: 04. Juni 2018, 12:09:19 »

Zitat
Aber die Aktion #berlinbrennt pausiert, daran gibt es nicht zu rütteln“, so Ehricht zur B.Z.


Der Verdistalino hat sein Handwerk halt gelernt:

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Kuddel


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« Antworten #505 am: 18. Juni 2018, 13:52:30 »

Unabhängige Gewerkschaften gründen eine neue globale Föderation

Im Mai 2018 wurde in Italien die Internationale Arbeiter_innen Konföderation (IAK) gegründet. Sie soll unabhängige Gewerkschaften und Arbeiter_innenorganisationen über Grenzen hinweg vereinigen. Wir haben einige Delegierte des Kongresses nach ihren eigenen Gewerkschaftsaktivitäten und ihren Hoffnungen gefragt, die sie mit der neuen Konföderation verbinden.

Die Londoner Gewerkschaft United Voices of the World (UVW) hat einen Bericht über ihr Erleben der Konferenz geschrieben (auf Englisch und auf Spanisch), den wir hier in Auszügen übersetzt haben:

Delegierte und Beobachter aus Griechenland, Brasilien, Marokko, Bulgarien, den Niederlanden, Belgien, Deutschlang, Italien, Katalonien, Spanien, Polen, den Vereinigten Staaten, Kanada, Frankreich, Österreich und Argentinien schickten Solidaritätsadressen oder nahmen an dem Kongress teil, der am Hauptsitz der unabhängigen italienischen Gewerkschaft USI stattfand.

Der Gedanke hinter der Gewerkschaftskonföderation ist es, die praktische internationale Solidarität unter kämpfenden Arbeiter_innen wieder neu zu entfachen...

Weiter und ein sehenswertes Video (5min): https://de.labournet.tv/unabhaengige-gewerkschaften-gruenden-eine-neue-globale-foederation
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Rappelkistenrebell


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« Antworten #506 am: 18. Juni 2018, 20:12:36 »

Diese sogenannten "unabhängigen Gewerkschaften" sind eine Abspaltung aus der IAA.Die meisten sind weiterhin in der IAA geblieben.
Ich zweifel ob die gefühlte trölfmilliardste Revoluzzervereinigung erfolgreich sein wird für die Weltrevolution.

Die spanische CNT hat sich daran gespalten....keine Ahnung wie es in anderen Ländern lief...in der Regel kümmere ich mich nicht so um Anarchistenkram ...

Es mangelt nicht an Häuptlingen, es mangelt an Indianern.....


Hier der Link der IAA

http://www.iwa-ait.org


« Letzte Änderung: 18. Juni 2018, 20:25:49 von Rappelkistenrebell » Gespeichert

Gegen System und Kapital!


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Rappelkistenrebell


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« Antworten #507 am: 27. Juni 2018, 08:55:24 »

Gewerkschaften: Wieso weshalb warum
VON THOMAS GOES


Dass sozialer Fortschritt erkämpft werden muss, ist eine linke Binse – dass die Arbeit in Gewerkschaften dafür zentral ist, hingegen nicht. Besser wäre es.

Wieso brauchen wir Gewerkschaften? Zum einen natürlich, weil unsere Lohn-, Arbeits- und Lebensbedingungen ohne Gewerkschaften weitaus schlechter wären. Die Erfolge der Gewerkschaften im 19. und 20. Jahrhundert basierten zwar zum Teil auf Kompromissen und Zugeständnissen an Unternehmen und Staat, brachten aber den 8-Stunden-Tag, höhere Löhne, Lohnfortzahlungen im Krankheitsfall und – indirekt – den Sozialstaat mit sich, der trotz allen Defiziten das Leben von Millionen von Menschen entscheidend verbessert hat. Es ist daher kein Wunder, dass sie nun seit Jahrzehnten unter Beschuss von Konzernen und Politikern stehen, die vor allem billige und flexible Arbeiterinnen wollen. Wer sich die Lage in denjenigen Industrieländern anschaut, in denen die Gewerkschaftsbewegung viel schwächer ist, ahnt wohin die Reise auch hier gehen könnte. Das grellste Beispiel ist wohl die Supermacht USA: das Lohnniveau ist niedriger, die Rechte der Beschäftigten schwächer, der Sozialstaat schlecht ausgebaut und die Prekarität weitaus größer als in Deutschland.

Aber das ist nicht der einzige Grund dafür, dass Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit ganz oben auf der linken Agenda stehen sollte. Der zweite ist strategischer Natur: Denn ohne, dass sich Millionen von Menschen ganz unmittelbar für ihre eigenen Interessen einsetzen, Konflikte mit Unternehmen und Staat als ihren Arbeitgebern ausfechten und dabei anfangen sich als bewusster Teil einer gesellschaftlichen Gruppe mit gemeinsamen Interessen zu begreifen, wird es wohl kaum ein sozialistisches Projekt geben, das sich in der buntscheckigen Arbeiterinnenklasse verankern, durchsetzungsfähig und hegemonial werden kann.

Im Boot mit Kapital & Kabinett oder Gegenwehr?
Aber, so wendet die linke Gewerkschaftskritik ein, sind die deutschen Gewerkschaften nicht sozialpartnerschaftliche Vereine, die Interessenwidersprüche befrieden? Sind die Gewerkschaftsführungen nicht in einem Boot mit “Kapital und Kabinett”?

Im Januar 2018 erklärte der Bundesvorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Reiner Hoffman, seine Unterstützung für eine Neuauflage der Großen Koalition – eine Koalition, die im besten Fall für ein Weiterwandern auf eingetretenen neoliberalen Wegen stand, welche die Lage von abhängig Beschäftigten bisher verschlechtert und prekarisiert hatten, wenngleich es einige kosmetische Nachbesserungen wie die Einführung des deutlich zu niedrigen Mindestlohns gab. Es wiederholte sich damit ein Schauspiel, das bereits eine Legislaturperiode zuvor aufgeführt wurde. So, mag der linke Gewerkschaftskritiker einwenden, ist die deutsche Gewerkschaftsbewegung halt: angepasst, integriert, ausverkauft.

Doch die deutsche Gewerkschaftsbewegung hat auch andere Gesichter. Zum Beispiel die Beschäftigten an den deutschen Standorten des Konzerngiganten Amazon, die sich seit Jahren organisieren, um einen Tarifvertrag durchzusetzen. Aktive arbeiten dabei mit langem Atem, wohlwissend, dass der Konzern sich jeden Millimeter Fortschritt hart abkämpfen lässt. Wenn es ihnen aber gelingt, einen Tarifvertrag durchzusetzen, würde es das Leben von Tausenden Angestellten konkret verändern und die Arbeitsbedingungen in der Branche tiefgreifend verbessern. Diese lebendige Organisierung von unten, der Kampf gegen die Geschäftsleitungen, das Ringen innerhalb der eigenen Belegschaft um Mehrheiten, die Angriffe und die Gegenmanöver von Seiten des Kapitals gehören auch zur Gewerkschaftsbewegung.

Ein anderes Schlaglicht: In einem ostdeutschen Automobilzulieferer bringt eine Kollegin die Idee vor, endlich einen Betriebsrat zu gründen. Sie weiß, dass eine solche Initiative vor wenigen Jahren zum Eklat führte, u.a. aufgrund von antigewerkschaftlicher Mobilisierung aus der Belegschaft, im Rahmen  derer die zuständige Gewerkschaftssekretärin als „rote Fotze“ beschimpft wurde. Die Arbeiterin sucht sich Vertraute, baut eine Gruppe auf, mit der sie die nächsten Schritte geht: Überzeugungsarbeit in der Belegschaft, Konfrontation mit den Vorgesetzten, Marginalisierung der Gegner, erfolgreiche Betriebsratswahlen und schließlich Tarifverhandlungen, die immerhin zu einem besseren Haustarifvertrag führen – und zu dem Bewusstsein, dass die eigenen Interessen gegen die Geschäftsleitung nur durch konfliktbereite Selbstermächtigung gemeinsam mit Kolleginnen durchgesetzt werden können.

Ebenfalls Teil der Gewerkschaftsbewegung sind die, zum Teil über lange Jahre gewachsenen, kritischen Vernetzungen innerhalb einzelner Gewerkschaften, die sowohl für fortschrittlichere politische Inhalte eintreten, als auch für eine kämpferischere, internationalistischere und demokratischere Gewerkschaftspolitik streiten. Dazu gehören konfliktorientierte Kollegenkreise in Betrieben, Vernetzungsinitiativen innerhalb einzelner Branchen, aber auch betriebsferne Einrichtungen wie Labournet oder die Zeitung express.

Rein in die Betriebe? Basics linker Gewerkschaftspolitik
Die Gewerkschaftsbewegung ist also alles andere als einheitlich. Sie versammelt neu formierte Gruppierungen, die sich aktuellen Prekarisierungstendenzen entgegenstellen, und bürokratieaffine Kader, für die aktiver Konflikt nicht mehr zum Teil des Repertoires gehört. Gerade in der radikalen Linken ist es aufgrund von Letzterem keineswegs selbstverständlich, Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit als Teil der eigenen politischen Agenda zu betrachten – geschweige denn als einen besonders wichtigen. Warum sollte das anders sein?

In der Geschichte der sozialistischen und kommunistischen Bewegung hatte die Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit eine weitergehende strategische Bedeutung, die sich vor allem aus der damals vorherrschenden marxistischen Gesellschaftsanalyse ergab. Vereinfacht gesagt, könnte man behaupten: ohne Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit, keine erfolgreiche und hegemoniefähige sozialistische Politik. Dafür gibt es mehrere gute Gründe:

Erstens, die Angehörigen der Arbeiterinnenklasse, ob sie es nun wollen oder nicht, werden aufgrund ihrer Klassenlage immer wieder mit Interessenwidersprüchen konfrontiert. Ganz besonders – aber nicht nur – geht es dabei um Ausbeutungsbestrebungen der Unternehmen, die, wie Marx es blumig formulierte, im unstillbaren Werwolfsheißhunger des Kapitals nach Mehrwert und Profit wurzeln. Im Arbeitsleben kehren die Widersprüche, die sich auch aus dem Interesse der Arbeitenden an guten Löhnen, Gesundheit oder Freizeit speisen, immer wieder. Wie dieses Widerspruchspotenzial politisch verarbeitet wird, ist offen, aber es ist strukturell gegeben.

Zweitens, die Arbeiterinnenklasse ist nicht automatisch oder vom Anfang an „vereinigt“. Es gibt soziale Ungleichheiten in ihr und sie ist fragmentiert; sie enthält durch Konkurrenz getriebene Individualisierung und politische Abwertungsideologien wie Rassismus und Sexismus, die weitere Spaltungen hervorbringen. Um zu kämpfen und die Interessen des Kapitals anzugreifen, muss das alles aber nicht von vornherein überwunden sein – Arbeitskämpfe beginnen nicht mit einer blitzsauberen Gesellschaftskritik, sondern mit ganz grundlegenden Forderungen nach Geld, „Respekt“ oder einer erträglichen Arbeitszeitgestaltung. Im Laufe von betrieblichen oder überbetrieblich geführten Kämpfen werden Spaltungslinien jedoch häufig herausgefordert und überwunden (wenn nicht, enden die Auseinandersetzungen oft in Niederlagen), reaktionäre Ideologien erschüttert und sich das Alltagsbewusstsein für politische Lernprozesse geöffnet.

Es stimmt durchaus, dass viele Forderungen der Gewerkschaften nicht antikapitalistisch sind, sondern „nur“ systemkonform und insofern für das Ziel tiefgreifender gesellschaftlicher Wandlungen uninteressant. Ein Kündigungsschutz oder höhere Löhne seien ja auch im Kapitalismus umsetzbar, so die kritischen Kritiker. Dennoch, so könnte man kontern, birgt eine Bewegung für eine kräftige Lohnsteigerung oder eine breite Mobilisierung für Arbeitszeitverkürzung immer noch mehr systemerschütterndes Potenzial in sich, als Großmobilisierungen gegen einen G8-Gipfel (weil Beschäftigte immer noch die Macht besitzen, Produktionsprozesse lahmzulegen). Entscheidend ist außerdem nicht, wo betriebliche bzw. gewerkschaftliche Auseinandersetzungen Halt machen, sondern welche weitergehenden Möglichkeiten in ihnen schlummern. Viele der Zielsetzungen, die in der real existierenden Gewerkschaftsbewegung aufkommen – eine „sozial verantwortliche“ Wirtschaft, eine „humane“ Arbeitswelt oder „gerechte“ Löhne – können gar nicht innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise verwirklicht werden. In diesem Sinne entsteht immer wieder ein – zum Teil diffuser – „konkreter utopischer antikapitalistischer Überschuss“, wie Ernst Bloch es (fast) formulierte. In diesem ganz speziellen Sinne ist jeder Schritt wirklicher Bewegung mehr wert als hundert gut ausgearbeitete Programme.

Das Beste zuletzt: die Arbeiterinnen verfügen auch über Machtquellen, um ihre eigenen Interessen durchzusetzen. Und wenn ein entsprechendes politisches Bewusstsein entsteht, könnten sie, zumindest theoretisch, neue Produktionsverhältnisse und eine neue Wirtschaftsweise erkämpfen. Im Wesentlichen ist das die Produktionsmacht, die darin besteht, dass Arbeiterinnen die Produktions- und Arbeitsprozesse unterbrechen können, durch die Kapital verwertet und Profit geschaffen wird; die Arbeitsmarktmacht, die sich daraus ergibt, dass für die Verwertung des Kapitals notwendige Arbeitsqualifikationen möglicherweise auf den Arbeitsmärkten selten sind; und die Organisationsmacht – die Macht der großen Zahl, die entsteht, wenn Arbeiterinnen sich in Gewerkschaften und Parteien zusammenschließen. Diese Formen der Arbeiterinnenmacht sind für eine antikapitalistische Strategie, die nicht allein von moralischer Empörung, sondern von praktischen Möglichkeiten einer sozialistischen Gesellschaft ausgeht, von herausragender Bedeutung.

Gewerkschaften als Einheit von Basis und Bürokratie
Wie einleitend angedeutet wurde, ist die Gewerkschaftsbewegung nicht einheitlich, sondern vielfältig und in sich widersprüchlich. Sofern sie nicht als Anhängsel und Werkzeug der Unternehmen gegründet werden – auch das gibt es – stellen Gewerkschaften immer in einem Mindestmaß gesellschaftliche Gegenmacht gegenüber den Übergriffen des Kapitals. Wenn sie Verträge mit Unternehmen schließen, können sie auch als Ordnungsfaktoren dienen, durch die Klassenkonflikte gebunden, geordnet und befriedet werden können. Gegenmacht und Ordnungsfaktor– das sind nicht Gegensätze, sondern zwei Momente eines dialektischen Widerspruchs. Entscheidend, um den politischen Charakter der Gewerkschaftsbewegung und ihre Rolle in den Klassenkämpfen zu beurteilen, ist, welches Moment des Widerspruchs führend ist. Sozialistinnen sollten darum ringen, ihre Gewerkschaften zu möglichst starken Gegenmächten und schwachen Ordnungsfaktoren zu machen.

Darüber hinaus sind Gewerkschaftsbewegungen ein widersprüchliches Ganzes aus einer volatilen, mal aktiveren, mal passiveren Basis, aus über eine längere Zeit politisch arbeitenden Aktivenkreisen in Betrieben und aus hauptamtlichen Gewerkschaftssekretärinnen. In diesem Ganzen gibt es Machtungleichheiten, die mit der Ausbildung einer Bürokratie einhergehen, die politisch bewusst bearbeitet werden müssen.

Hauptamtliche bilden eine eigene soziale Schicht, eine „Bürokratie unserer Klasse“, wie der US-amerikanische Theoretiker Hal Draper es einmal ausdrückte. Aber so lange es kapitalistische Arbeitsteilung gibt und nur Minderheiten dauerhaft politisch aktiv sind, sind von der Lohnarbeit freigestellte Hauptamtliche eine Errungenschaft, weil sie notwendige Arbeiten erledigen können.

Gleichzeitig bringt diese Bürokratisierung Probleme mit sich, die mit Wissensvorsprüngen und stärkeren Einflussmöglichkeiten zusammenhängen, die hauptberufliche Gewerkschafterinnen haben. Außerdem gibt es immer wieder die Tendenz von Aktivenkreisen, Betriebsräten und Gewerkschaftssekretärinnen, stellvertretend für die Beschäftigten und einfachen Mitglieder zu handeln. Das verstärkt Passivität und indirekt auch Ohnmachtsgefühle. Auf der anderen Seite gibt es bei einfachen Mitgliedern und bei aktiven Beschäftigten keineswegs eine ständig vorhandene Bereitschaft, aktiv zu sein und zu kämpfen. Viele Kolleginnen fordern deshalb ein „Recht auf Stellvertretung“ ein.

OK, wir haben’s kapiert – aber was nun?
Für sozialistische Politik, so hieß es einleitend, muss die Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit eine ganz zentrale Rolle haben. Linke Politik, wenn sie erfolgreich sein will, zielt darauf ab, die gesellschaftlichen und politischen Voraussetzungen dafür zu schaffen, um gleichzeitig gegen soziale und politische Angriffe, für Verbesserungen und Reformen zu mobilisieren, und sozialistische Produktionsverhältnisse zu erkämpfen.

Notwendig ist dafür ein Bündnis zwischen Arbeiterinnenklasse und verschiedenen Segmenten der Mittelschicht, in dem die Arbeiterinnenklasse impulsgeberin ist – sprich, “hegemonial” wird. Diese Notwendigkeit ergibt sich wiederum aus der vorhin angedeuteten Rolle im Produktionsprozess, die Arbeiterinnen eine einmalige potenzielle gesellschaftliche Macht geben.

Das setzt Selbstorganisierung in der Arbeiterinnenklasse voraus: politische Lernprozesse, durch die Arbeiterinnen stark werden und eine Klassenbewegung neu entsteht. Betriebliche und gewerkschaftliche Kämpfe spielen – das sollte deutlich geworden sein – eine grundlegende Rolle dabei. Denn hegemonial bzw. führend kann nur sein, wer sich seiner selbst bewusst ist, Macht aufgebaut hat, die Interessen von sich und anderen kennt und eine gemeinsame Perspektive öffnet, um sie durchzusetzen. Betriebliche Organisierung – der Aufbau von Gegenmacht von unten – ist sowohl ein erster Schritt als auch eine bleibende Voraussetzung, damit eine solche sozialistische Hegemonie möglich wird.

Das alles wird allein nicht reichen, aber ohne diesen Weg zu gehen, wird sozialistische Politik in der Luft hängen. Die Selbstermächtigung der Ausgebeuteten können wir nur dann stärken, wenn wir selber am Streit für unmittelbare Lebensinteressen teilnehmen. Die Möglichkeiten dafür werden etwa in Auseinandersetzungen bei Amazon, im Krankenhauswesen oder gegen „Union Busting“ sichtbar.

Gewerkschaften alleine werden sicherlich nicht ausreichen, eine andere, humanere Welt zu erlangen – ohne sie fehlt uns aber die potenzielle gesellschaftliche Macht, um große Reformen und Änderungen durchzusetzen. Sozialistinnen sollten daher möglichst Teil dieser betrieblichen und gewerkschaftlichen Lernbewegungen sein. Dazu gehört auch darüber nachzudenken, ob man selbst als “Organizer” aktiv werden kann. Würden heute 5-10 Menschen im Logistiksektor beginnen, sich in ihren Betrieben mit ihren Kolleginnen gemeinsam zu organisieren und sich zu vernetzen, wären kampagnenfähige Strukturen in fünf Jahren eine greifbare Möglichkeit. Damit wäre die Grundlage für Kampagnen für bessere Lohn- und Arbeitsbedingungen geschaffen, die weit in die Gesellschaft ausstrahlen könnten.

Wo wir Teil betrieblicher Organisierungen und gewerkschaftlicher Kampagnen sind, sollten wir unsere eigene politische Arbeit darauf ausrichten, Selbsttätigkeit und Selbstorganisation zu stärken; in der betrieblichen und überbetrieblichen Gewerkschaftsarbeit Gegenmacht aufzubauen, nicht zu binden; Interessenwidersprüche nicht zu verwischen, sondern über sie aufzuklären und zuzuspitzen; aktiv daran mitzuwirken, eine umfassende Arbeiterinnensolidarität zu schaffen, die nicht am eigenen Betrieb, in der eigenen Branche und im Nationalstaat Halt macht; konkrete Forderungen zu stärken, aber mit einer antikapitalistischen Stoßrichtung zu verbinden – nicht als Propagandaformel („nur der Sozialismus ist unsere Rettung“), sondern als konsequentes Verfolgen und Weitertreiben von Interessen und Forderungen, die in den wirklichen Auseinandersetzungen entstehen.

Thomas Goes
Thomas Goes arbeitet als Soziologe am SOFI Göttingen. Er ist Mitglied der LINKEN und aktiv bei „organisieren – kämpfen – gewinnen“ und bei „Projekt M“

Quelle

https://adamag.de/gewerkschaften-organizing-linke-organisierung?i-like-ada-cookies=1
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« Antworten #508 am: 27. Juni 2018, 16:54:14 »

Danke @Rappel. Der Artikel ist wirklich lesenswert.
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« Antworten #509 am: 17. Juli 2018, 17:48:23 »

Zitat
Wirtschaftskammer-Obmann fordert ein Verbot der Gewerkschaften

Der Welser Unternehmer ( Resch & Frisch) und Wirtschaftskammer-Obmann Josef Resch sorgt mit einer Aussage in einem Regional-TV-Sender für Irritierung. Resch forderte, dass Gewerkschaften "so wie im Süden der USA" verboten werden.

Quelle: https://kurier.at/chronik/oberoesterreich/wirtschaftskammer-obmann-fordert-ein-verbot-der-gewerkschaften/166.359.805
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« Antworten #510 am: 27. Juli 2018, 09:07:03 »

Gewerkschaftsaustritt aus der IG Metall in Berlin – nach fast 38 Jahren Gewerkschaftszugehörigkeit

http://www.labournet.de/wp-content/uploads/2018/07/igm_berlin200718.pdf
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« Antworten #511 am: 22. August 2018, 08:41:17 »

Zitat
21.8.18
Betriebsräte: Perfide Methoden bei der Salzgitter AG

In den Betriebsräten der Salzgitter AG und bei BMW in München hat offenbar die IG Metall das Sagen und verteidigt ihre Macht mit allen Mitteln.
(...)

https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/braunschweig_harz_goettingen/Betriebsraete-Perfide-Methoden-bei-der-Salzgitter-AG,igmetall372.html

Hängt vielleicht hiermit zusammen:
http://www.labournet.de/politik/gw/zielgruppen/migrant/social-peace-wir-werden-keine-falschen-kompromisse-eingehen-bei-bmw-und-daimler-bekommt-die-ig-metall-konkurrenz/
https://www.drgeffken.de/index.php?id=aktuelleinfos&no_cache=1&tx_ttnews%5Btt_news%5D=384&tx_ttnews%5BbackPid%5D=1
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« Antworten #512 am: 22. August 2018, 12:01:15 »

Danke für die Info.

Zitat
Zum 100jährigen Jubiläum von BMW hat sich in München die erste multikulturelle Gewerkschaft Deutschlands gegründet. Initiatoren sind der Münchner Betriebsrats-Rebell Murat Yilmaz (44) und der Manager Christian Lange (58), der sich für Menschenrechte in deutschen Konzernen einsetzt.

Yilmaz hatte im Jahr 2015 «schwarze Kassen in Millionenhöhe» in der Hand von BMW-Betriebsräten angeprangert. In der Folge wurde der Deutsch-Türke im Werk rassistisch beschimpft und bekam nach eigener Aussage sogar anonyme Morddrohungen.

Ex-Betriebsrat Lange, der bei BMW in der Vergangenheit unter anderem für das Nachhaltigkeitsmanagement mitverantwortlich war, sagt: «Wir dulden keine Diskriminierung muslimischer Kollegen und Andersdenkender. Wir wollen keine Angstkultur wie bei VW.»

Die Gründung der neuen Organisation ist eine Antwort auf rassistische Ausfälle von Verantwortlichen der IG Metall. Diese haben im Münchner BMW-Stammwerk zu Protesten und zu einer Austrittswelle aus der IGM geführt, die anhält.

Zitat
Für den Arbeitsrechtprofessor Peter Schüren ist es "außerordentlich problematisch, wenn das Unternehmen dem Betriebsrat dabei gefällig ist, interne Opposition still zu machen. Das sind zwei Aspekte - einmal durchbricht das die Ordnung der Betriebsverfassung, weil das keine anständige Interessenvertretung mehr ist - zum anderen muss der Betriebsrat solche Gefälligkeiten an andere Stelle zurückbezahlen. Das heißt, das ist im Grunde Korruption, die aus so etwas erwächst."
https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/braunschweig_harz_goettingen/Betriebsraete-Perfide-Methoden-bei-der-Salzgitter-AG,igmetall372.html

Es ist völlig krass, was da abgeht.
Für mich ein Beweis dafür, wie falsch es ist, sich allein um den prekären Sektor zu kümmern, wie es in der linken Szene so populär ist.
In den Großbetrieben hat die IGM mafiaähnliche Züge angenommen. Das ist nur möglich, weil es keine ausreichende linke Beobachtung und Kritik gibt, geschweige eine brauchbare Alternative zur IGM.

Wir müssen uns ALLEN Bereichen der Ausbeutung widmen. Der produzierende Sektor und der 1. Arbeitsmarkt gehören dazu. Es darf nicht allein "die Logistik" Ziel unserer Aktivitäten sein.
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Fritz Linow


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« Antworten #513 am: 22. August 2018, 13:02:39 »

(...)
Für mich ein Beweis dafür, wie falsch es ist, sich allein um den prekären Sektor zu kümmern, wie es in der linken Szene so populär ist.
In den Großbetrieben hat die IGM mafiaähnliche Züge angenommen. Das ist nur möglich, weil es keine ausreichende linke Beobachtung und Kritik gibt, geschweige eine brauchbare Alternative zur IGM.
Ach, ich weiß nicht so recht, ob eine linke Szene jetzt der richtige Ansprechpartner für so etwas ist. Wenn sich einige ,- wenn überhaupt-, für betriebliche Dinge interessieren und sich dann vermehrt um prekäre Beschäftigungsverhältnisse kümmern, dann kann es auch daran liegen, dass sie selber prekär beschäftigt sind. Und dass es gerade in der linken Szene populär ist, sehe ich auch nicht so wirklich. Mir fällt jetzt nur dieses komische makeamazonpay ein.

Dass es keine brauchbare Alternative zum sozialpartnerschaftlichen DGB gibt, wird ja schon seit Jahrzehnten verbockt. Da wird ausreichend von links beobachtet und Kritik geübt, im Zweifel wird aber dann doch das Hohelied auf die Einheitsgewerkschaft gesungen. Ich finde das durchaus schade, weil da viel Energie verschwendet wurde und wird, die man für den Aufbau einer Alternative gut gebrauchen könnte.

Ich hab jetzt auch keine Idee, wie man in Großbetrieben eine Alternative aufbauen könnte. Da müsste man wohl bei Null anfangen, weil in all den Jahren keine bis kaum Aufbauarbeit geleistet wurde, immer im Glauben, den DGB eines Tages umkrempeln zu können.
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Kuddel


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« Antworten #514 am: 22. August 2018, 14:25:31 »

Bei aller berechtigter Distanz zu einer linken "Szene", ging es mir auch nicht um selbige.
Zwischen der linksradikalen subkulturellen Szene und den alten Gewerkschaftslinken, die seit den 70ern davon träumen, den DGB umkrempeln zu können, gibt es einen Haufen Menschen mit einem eigenen Kopf und guten Gedanken, die zu grundlegend kapitalismuskritischen Schlüssen kommen. Die gibt es auch in den Betrieben.

Es geht mir auch nicht um diese ewigen Traktate, die über den DGB und seine sozialpartnerschaftliche Politik des Co-Managements erschienen sind. Davon gibt es eine Menge und einige sind sehr gut und hervorragend geeignet, sich von diesem Filz und dessen Rolle ein Bild zu machen.

Es geht darum, daß den Betriebsräten vor Ort auf die Finger geschaut und geklopft wird. Genau da besteht ein Mangel an Strukturen. Bei mehreren Callcentern haben die Agents dabei auf Chefduzen zurückgegriffen und recht gut beschrieben, wie Betriebsräte sich der Gegenseite verpflichtet fühlten und den eigenen Kollegen in den Rücken gefallen sind. Der Fall CCES24 wurde am detailreichsten geschildert.

Ich glaube nicht, daß man aus dem Stehgreif eine Alternative zu DGB und IGM aufbauen kann. Der erste Schritt wären informelle Strukturen.

Wo geht man hin, wenn einem der Kragen platzt, wenn man himmelschreiende Ungerechtigkeiten erlebt?

Die Linkspartei hat Betriebsarbeit überhauptnicht auf dem Zettel.
DKP und MLPD sind in meinen Augen interessierter daran, neue Leute unter ihre Fittiche zu bekommen, als betriebliche Auseinandersetzungen uneigennützig zu unterstützen.
Bei der FAU habe ich es mehrmals erlebt, daß der Versuch einer Kontaktaufnahme kläglich gescheitert ist.

Osteuropäische Leih- und Werksvertragsarbeiter aus dem Kreuzfahrtschiffbau und der Fleischindustrie erfuhren gute Unterstützung von Pastoren.

Der Hamburger Jour Fixe macht regelmäßig Veranstaltungen zu bestimmten Themen, Branchen und Betrieben. Zu solchen Anlässen finden  Leute zusammen, die Kontakte suchen, mit welchen, die über viel Wissen und Erfahrungen zu solchen Problemen verfügen.

Theoretisch könnten die Stadtteilgruppen/-Läden, die überall wie Pilze aus dem Boden sprießen, ein solcher Anlaufpunkt sein. Ich halte sie aber zu großem Teil für einen linken Hype und wahrscheinlich wird diese Mode schon bald von einer anderen abgelöst. Es werden nicht viele dieser Initiativen diesen Trendwechsel überstehen. Gerade eine Langfristigkeit socher Projekte wäre wichtig.

Und nochmal zurück zur selbsternannten linksradikalen Szene: Ich habe verschiedene Treffen/Veranstaltungen erlebt, da wehrte man sich fast schon hysterisch mit Händen und Füßen gegen Facharbeiter des 1. Arbeitsmarkts, die "eh alle reaktionär" seien, voll "unter Kontrolle der IGM" und überhaupt, der 1. Arbeitsmarkt sei "ein Konzept der Vergangenheit und hat keine Bedeutung mehr".

Totaler Bullshit!!!

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