Masseninhaftierung in den USA
In der Ära Reagan begann in den USA die Masseninhaftierung der eigenen Bevölkerung. Inzwischen hat dieses Phänomen im weltweiten Masstab eine Größe angenommen, die der USA eine Sonderstellung zukommen lässt. An der Princeton Universität in New Jersey fand nun ein Kongress statt, um die Hintergründe genauer zu beleuchten und Strategien gegen die Gefängnisgesellschaft zu entwickeln.Journalistin Linn Washington Jr. schrieb einen ausführlichen Bericht, der hier in deutscher Übersetzung veröffentlicht wird.

Amerika: Masseninhaftierungen verursachen kostspielige Katastrophe

LINN WASHINGTON Jr.
Herman Garner bestreitet nicht das Drogen Delikt, welches für neun Jahre die Gefängnistüren hinter ihm zuschlagen ließ.
Garner kritisiert jedoch, dass er weiter bestraft wird, obwohl er die Zeit für das Verbrechen abgessen hat.
Garner trägt den "Ex Verbrecher" Stempel.
Dieser Status macht es ihm unmöglich eine Anstellung zu finden, obwohl er einen Business Management Abschluss und zwei Jahre in einer juristischen Fakultät absolviert hat.
"Ich habe mich persönlich und im Internet an tausenden Plätzen beworben, aber ich kann keinen Job bekommen", sagte Garner, der in Cleveland Ohio lebt. Gerade veröffentlichte er ein Buch über seine Gefängnis- und Lebenserfahrungen unter dem Titel "Wavering Between Extremes" (1).
Vor kurzem nahm Garner an einer von mehreren hundert Teilnehmer_innen besuchten eintägigen Konferenz unter dem Titel "Inhaftierung einer Ethnie" teil, welche Vorträge von Pädagog_innen und Expert_innen über die verheerenden und vielschichtigen Auswirkungen der Masseninhaftierungen überall in Amerika vorstellte.
Im Durchschnitt inhaftiert die USA mehr Menschen als jedes andere Land der Erde. Es werden 25% aller Gefangenen der Welt bilanziert, obwohl nur 5% der Weltbevölkerung hier leben.
Amerika hält momentan über zwei Millionen in Gefängnissen. Nach Angaben der Bundesregierung wird die doppelte Anzahl durch Bewährungsauflagen und bedingte Freilassung überwacht.
Die Masseninhaftierungen kosten Amerika jährlich über 50 Milliarden US-$ - Geld was besser für die Errichtung von Arbeitsplätzen und Verbesserung der Ausbildung ausgegeben wäre.
Nach den Bundesgesetzen sind Personen mit Drogen Verurteilungen wie Garner für immer von finanzieller Hilfe für Ausbildung, Lebensmittel, Sozialhilfe und öffentlich geförderter Unterkunft ausgeschlossen.
Es sind jedoch lediglich Drogen Vergehen, die diese Ausschlüsse nach den Bundesgesetzen auslösen. Gewalttätige Banküberfälle, Geschäftsweltverbrecher wie die Wall Street Betrüger, welche Milliarden stehlen und sogar Mörder, welche ihre Strafe abgesessen haben, sind nicht dem nachträglichen Raub ihrer Rechte ausgesetzt, mit welchem diejenigen mit Drogen Verurteilungen geschlagen wurden. Das gilt auch für diejenigen, die lediglich wegen Besitz und unbedeutendem Drogenhandel einsaßen.
Akademiker_innen sehen in diesem Phänomen der Masseninhaftierung nur die Daten, aber für Millionen ist das ihr tägliches Leben" sagte der Princeton Podiumsteilnehmer Dr. Khalilah Brown-Dean von der Yale Universität.
Ausschlüsse unter Bundesgesetzen begründen die rechtlichen Rechtsberaubungen, die sich in den meisten Bundesstaaten wiederfinden, wie z.B. das Verweigern von Jobs oder das Verbot der Teilnahme an wahlen für ehemalige Verbrecher_innen.
"Die Masseninhaftierung löst Fragen über den Schutz und Bewahrung der Demokratie aus," sagte Dr. Brown-Dean, in dem er die vermuteten über fünf Millionen Amerikaner_innen erwähnte, welche durch diese Verbrechensausschlussgesetze nicht an Wahlen teilnehmen dürfen.
Viele dieser Verbrechens-Ausschlussgesetze stammen aus dem späten 19. Jahrhundert und wurden speziell entwickelt, um Afroamerikaner_innen von den Wahlen fern zu halten, um Amerikas Apartheid aufrecht zu erhalten.
Während der Präsidentschaftswahlen 2000 manipulierten Amtsträger_innen der Republikaner in Florida in betrügerischer Absicht das bundesstaatliche Anti-Verbrechensgesetz, um Zehntausende von Afroamerikaner_innen von der Stimmabgabe abzuhalten. So wurden viele Leute mit gewöhnlichen Namen wie z.B. John Smith ausgeschlossen, weil ein Verurteilter denselben Namen trug, obwohl sie selbst ein unbeschriebenes Strafregister hatten.
Und George W. Bush gewann durch Florida mit 357 Stimmen - dem Bundesstaat mit seinem Bruder Jeb als Governeur. Dieser Sieg ermöglichte ihm den Einzug ins Weiße Haus.
Nach einem zu Jahresanfang veröffentlichten Bericht der Smart on Crime Koalition machen es Regeln, die Barrieren für Bildung und Anstellung aufbauen, "zunehmend schwierig" für entlassene Gefangene, "straffrei zu bleiben".
Mehr als 60% der über zwei Millionen inhaftierten Amerikaner_innen gehören ethnischen Minderheiten an.
"Die USA sperren mehr ein als es Südafrika unter der Apartheid tat. Eine Nation, die Demokratie predigt, hat ein rassistisches Kastensystem in ihren Gefängnissen. Dieses Kastensytem müssen wir auflösen," sagte der Gastsprecher und Todestrakt Journalist Mumia Abu-Jamal aus Pennsylvania, der über Telefon auf der "Inhaftierung Konferenz“ aus dem Gefängnis sprach.
Rassismus ist die Gesamtüberschrift über alle ökonomischen und sozialen Behinderungspraktiken, die mit der Masseninhaftierung zusammen hängen.
Eine neuere Studie der Universität aus Wisconsin ergab, dass 17% weißer gegenüber nur 5% schwarzer ehemaliger Verurteilter Vorstellungsgespräche erhielten. Ein ethnisch basiertes Ungleichgewicht, welches zusätzlich verheerend für People Of Color wie Garner ist.
Die Professorin Michelle Alexander von der Juristischen Fakultät Ohio, welche über eine Internet Schaltung an der Konferenz in Princeton teilnahm, führte als wesentlichen Moment für die Steigerung der Inhaftierungszahlen in den letzten vier Jahrzehnten bei gleichzeitig sinkenden Verbrechenszahlen die Anti-Verbrechenspolitik an. Diese sei in gerissener Weise von konservativen Republikaner_innen aus politischen Gründen manipuliert worden.
Harte Gesetzgebung gegen Verbrechen in den 70iger und 80iger Jahren waren hauptsächlich "Strafrückschläge" gegen die Erfolge der Bürgerrechtsbewegung gewesen, sagte Alexander, Autorin des populären, 2010 erschienen Buches "The New Jim Crow: Mass Incarceration in the Age of Colorblindness" (2).
Die Gefängnisbevölkerung Pennsylvanias ist z.B. von 8243 im Jahr 1980 auf 51.487 im Jahr 2010 angestiegen. Kaliforniens Gefängnisbevölkerung sprang im selben Zeitraum von 23.264 auf 170.000.
Die Kosten der Inhaftierung erscheinen im Vergleich zu den Kosten für Fachoberschulen besonders obszön.
Ein im Januar 2011 veröffentlichter Bericht von Pennsylvanias Hauptgutachter merkte an, dass der Keystone Bezirk inzwischen jährlich 32.059 US-$ für einen Gefangenen ausgibt... Ein Posten, der das jährliche Schulgeld von 20.074 US-$ für das Business Management Abschluss Programme an Staatsuniversität von Pennsylvania übersteigt.
Laut einem Bericht eines UCLA (3) Professor vom Januar 2010 gibt der Goldene Staat (Anmerkung der Übersetzer_innen: umgangssprachliche Bezeichnung für Kalifornien) jährlich über 48.000 US-$ für die Inhaftierung einer Person aus. Das ist vier mal mehr als die Schulgeld Kosten für eine_n Bewohner_in Kaliforniens.
Amerikas zersetzender Krieg gegen Drogen - ein "Krieg" der schlichtweg die Hauptfiguren übersieht - hat afroamerikanische Familien zerstört, sagte Autorin und Professorin Alexander.
"Ein afroamerikanisches Kind wächst heute mit geringerer Wahrscheinlichkeit in einem Zwei-Eltern Haushalt auf als während der Sklaverei," sagte sie. "In großen städtischen Gegenden hat die Hälfte aller afroamerikanischen Männer Strafeinträge. Damit steht in ein Leben legaler Diskriminierung bevor," bestehend aus Ausschluss von Anstellung oder dem fehlenden Zugang notwendiger finanzieller Unterstützung, um eine existenzfähige Lebensqualität zu gewährleisten.
Afroamerikaner_innen machen 13% der amerikanischen Bevölkerung und 14 Prozent der Drogen Konsument_innen aus. Aber sie stellen 37% der Drogen bedingten Festnahmen und 56% der Insass_innen in Bundesstaatsgefängnissen für Drogenvergehen, wie Marc Mauer, Geschäftsführer des Sentencing Project (4) und Podiumsteilnehmer bereits 2009 in einer Aussage im Kongress anmerkte.
Die beiden ehemals Verurteilten Herman Garner und Dr. Eddie Claude Jr. von Princetons Zentrum für afroamerikanische Studien, welches die Konferenz ausrichtete, drückten ähnliche Meinungen zu den Auswirkungen der Masseninhaftierung aus.
Dr. Claude sagte während seiner Konferenz Eröffnungsrede, die Masseninhaftierung sei eine "moralische Krise mit politischen und sozialen Konsequenzen für Amerikas Zukunft."
In einem Interview beschrieb Garner das US Gefängnis System als das "größte Problem" in der afroamerikanischen Gemeinde.
Während Strafdiskurs verschärfende Politiker_innen die Masseninhaftierung voran treiben, benötigt die Haushalt sprengende Hartnäckigkeit das Wegschauen der Bevölkerung, sagte der Podiumsteilnehmer und Professor für Geschichte Dr. Khalil Gibran Muhammad. Er ist der neue Direktor des sagenhaften Schomburg Zentrums für die Erforschung schwarzer Kultur (5) in New York City.
"Die weiße und schwarze Mittelklasse sind die Art der `schweigenden Mehrheit´ mit Blick auf die Masseninhaftierung," klagte Dr. Muhammad an. "Diese `schweigende Mehrheit´ unterstützt die ungerechte Politik steigender Gesetzesanwendung und Inhaftierung als einzigen Weg, mit Verbrechen umzugehen," und ignoriert gleichzeitig bewährte alternative Ansätze wie "Jobs, Ausbildung und ein Ende der sozialen Ungleichheit."
Der bekannte Princeton Professor Dr. Cornell West kritisierte sowohl die weiße als auch die schwarze Mittelklasse sowie die schwarze Führung für ihre Untätigkeit gegenüber der Masseninhaftierung.
"Die neue afroamerikanische Mittelklasse und die afroamerikanischen Repräsentant_innen sind sich der Leiden in den armen afroamerikanischen Gemeinden nicht bewusst," sagte West während der Konferenz Grundsatz Unterhaltung zwischen ihm und Professor Alexander.
"Wir brauchen mehr Mittelklassen Angehörige mit aufrichtigem Respekt für die Armen. Das beinhaltet mehr als als Rollenmodell Berater_innen zu dienen," sagte er.
Autorin Alexander resümierte, dass die Abschaffung "des aberwitzigen Ausmaßes" der Masseninhaftierung "eine bedeutende soziale Bewegung" erfordere.
Ein Teilnehmer an der Princeton Konferenz, Daryl Brooks, ein Aktivist in Trenton, New Jersey, der den populären "Today's News N.J." Blog (6) betreibt, unterstützt Alexanders Aussage.
"Um dieses Problem zu lösen, brauchen wir Massenboykotte. America versteht nur Geld und Gewalt. Wir müssen Firmen schließen wie in den 60igern," sagte Brooks, welcher selbst drei Jahre im Gefängnis verbracht hat. Er nannte die damalige Verurteilung falsch und sagte, das habe darauf abgezielt, seinen Aktivismus zu brechen.
"Afroamerikanische Repräsentant_innen haben diese Einkerkerungen möglich gemacht, in dem sie zu wenig unternommen haben, diese Repression anzugreifen," sagte er.
Viele der Podiumssprecher_innen in Princeton sowie der Teilnehmenden stimmten darin überein, dass die Obama Regierung zu wenig gegen die Masseninhaftierung und ihre Folgen unternimmt.
Die Kritik richtet sich gegen die Obama Regierung für ihre sogenannten lauwarmen Ansätze gegenüber Folter und Gewalt, wie sie sich in den täglichen 240 sexuellen Übergriffen in bundesstaatlichen und föderalen Gefängnissen ausdrücke. Die Regierung betreibe Zeitschinderei in Bezug auf das Gesetz zur Abschaffung der Gefängnis Vergewaltigung, welches im Kongress bereits unter der Bush Regierung verabschiedet wurde.
Während Obama ein Wahlversprechen erfüllt hat, in dem er sich der ungleichen Verurteilung von Pulver Kokain und dem härter bestraften Crack Kokain (einer aus Pulver Kokain hergestellten Droge) annahm, hat seine Vorliebe für überparteilichen Konsens lediglich zu einer Verringerung, nicht jedoch zu einer Auflösung der Ungleichheit geführt.
Diese Gesetzgebung wurde nicht rückwirkend angewandt, so dass sie nicht die harten über zehn jährigen Verurteilungen für Crack Kokain betrafen, welche schon so viele afroamerikansiche und hispanische Insass_innen in föderalen Gefängnissen dahinsiechen lassen.
"Obama und (US General Staatsanwalt Eric) Holder haben keinen Mut, wenn es um den gefängnis-industriellen Komplex geht," so Dr. Cornell West.
LINN WASHINGTON, JR. ist Gründungsmitglied von This Cant Be Happening!, einem neuen, unabhängigen Online Magazin in journalistischem Kollektivbesitz
Dieser Artikel erschien dort am 4. April 2011 im englischen Original
http://www.thiscantbehappening.net/node/545
deutsche Übersetzung: Free Mumia Bewegung
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weitere Anmerkung der Übersetzer_innen
(1) Wavering Between Extremes
http://www.waveringbetweenextremes.com/(2) The New Jim Crow: Mass Incarceration in the Age of Colorblindness
http://www.thenewpress.com/index.php?option=com_title&task=view_title&metaproductid=1617(3) University of California Los Angeles (UCLA)
http://www.ucla.edu/(4) Sentencing Project
http://www.sentencingproject.org/template/index.cfm(5) Schomburg Center for Research in Black Culture
http://www.nypl.org/locations/schomburg(6) Today's News N.J.
http://todaysnewsnj.blogspot.com/