Österreich: Wehrmachtsdeserteure

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Der Erste, der nicht der Letzte sein will



Richard Wadani, geehrt für die Verdienste um die Befreiung Österreichs

Rehabilitierung funktioniert vor allem dann, wenn sie öffentlich geschieht. So gesehen war dieser Freitag einer der wichtigsten Tage im Leben des Richard Wadani. Im Wiener Rathaus wurde ihm als erstem Wehrmachtsdeserteur das Ehrenzeichen für Verdienste um die Befreiung Österreichs verliehen. Er sei der erste, wolle aber nicht der letzte geehrte Wehrmachtsdeserteur sein, gab er sich hoffnungsvoll.

Wadani wird 1922 als zweiter Sohn österreichischer Eltern in Prag geboren. Seine politische Überzeugung hat er vom Elternhaus mitbekommen. Beide waren sozusagen "g'standene" Sozialdemokraten, der frühe Kontakt Wadanis zu den Roten Falken daher nur logisch. 1938 muss die Familie zurück nach Wien gehen. Er habe dort einen Schutzbündler kennen gelernt. "Pass auf, Bua, dich ziehen sie bald ein", habe der ihn gewarnt und ihm geraten, sich zur Luftwaffe zu melden.

Er wird zum Kraftfahrer ausgebildet, 1942 versucht Wadani das erste Mal zu desertieren, was misslingt. Zwei Jahre später, nun an der Westfront, gelingt die Flucht. Das Kriegsende erlebt er als Soldat der tschechischen Armee in Großbritannien.

Wadani wird rasch erfahren, wie das Nachkriegsösterreich über Deserteure der Wehrmacht denkt. Als er im Arbeitsamt vorspricht, wird er sofort angepöbelt. Es sollte lange dauern bis Wadani öffentlich über sein Erlebnisse spricht. Noch 2001, als die Debatte über die Rehabilitierung der Deserteure voll einsetzt, tritt er anonymisiert auf, lässt sich nur seitlich fotografieren: "Wir hatten permanent Anrufe und Beschimpfungen."

"Wir" sind Richard Wadani und seine Ehefrau Sieglinde, mit der er abwechselnd in Wien und in ihrer Wohnung in Niederösterreich lebt. "Dort sind wir ständig im Wald", sagt er. Einmal in der Woche wird Volleyball gespielt. Über 60 Jahre ist er diesem Sport treu. Der frühere Sportlehrer war Bundestrainer und Bundeskapitän im Österreichischen Volleyballverband.

Zeit für politische Arbeit bleibt Wadani immer: sei es als Funktionär der KPÖ, aus der er nach der Zerschlagung des Prager Frühlings austritt, oder seit 2002 als Sprecher des Personenkomitees "Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Militärjustiz". Erreicht hat Wadani - mit anderen - einiges, obwohl er wohl eher von Teilerfolgen sprechen würde: Das Ehrengrab des NS-Fliegers Walter Nowotny ist keines mehr. Wadani war für eine Umbettung. Seit 2005 gibt es das Anerkennungsgesetz, die Deserteure wurden rehabilitiert. Direkt erwähnt werden sie im Gesetz jedoch nicht.

Und es mag nur ein Versehen sein: Bei der Ehrung am Freitag fehlte diese Nennung ebenso. Wadani sagt, er hätte erwartet, die Auszeichnung als Deserteur zu bekommen. Rehabilitierung funktioniert eben vor allem dann, wenn sie öffentlich geschieht.


http://derstandard.at/?url=/?id=2903685

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»Für mich war entscheidend, die Hitlerwehrmacht zu schwächen«

Gespräch mit Richard Wadani. Über die Schwierigkeiten beim Desertieren, die Unterstützung von Partisanen und die Anfeindungen, ein »Kriegsverräter« zu sein
Interview: Frank Brendle
 
Der Österreicher Richard Wadani (geb. 1922 in Prag) desertierte aus der Hitlerwehrmacht. Er ist Sprecher des Personenkomitees »Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Militärjustiz«.

Der Österreicher Richard Wadani ist 1922 in Prag geboren. In seiner Jugend schließt er sich kommunistischen Jugendorganisationen und einem Arbeitersportverein an. Nachdem seine Familie durch den »Anschluß« Österreichs zwangsweise die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten hat, muß sie Prag verlassen und zieht im Dezember 1938 nach Wien.
1941 wird Wadani als Kraftfahrer zur Luftwaffe eingezogen. 1942 scheitert ein erster Desertionsversuch. Wadani unterstützt als Soldat illegal Zivilisten und Partisanen.
Im Oktober 1944 wird er an die Westfront versetzt, wo er direkt an der Front verwendet wird und innerhalb von zwei Tagen desertiert. Er schließt sich einer tschechischen Exilarmee unter britischer Führung an.
Im Dezember 1945 kehrt er nach Wien zurück. In der Folgezeit engagiert er sich in der KPÖ, unter anderem im Bereich Sportpolitik. Er arbeitet als Sportlehrer und Bundestrainer der österreichischen Volleyballmeisterschaft.
1968 tritt Wadani aus der KPÖ aus, bleibt aber politisch engagiert.
2005 werden Wadani und andere Opfer der NS-Militärjustiz durch das Anerkennungsgesetz rehabilitiert.
Am 1. Juni 2007 erhält er den österreichischen Verdienstorden, mit dem sein Beitrag zur Befreiung Österreichs anerkannt wird.

Als Sie 1939 wehrpflichtig wurden, hat Ihre Mutter sämtliche Bilder von Ihnen verbrannt. Warum das?

Für meine Mutter und für mich war von Anfang an klar, daß ich bei der ersten Gelegenheit zu türmen versuche. Den Krieg der Nazis wollte ich zu keinem Zeitpunkt mittragen. Die Fotos hat meine Mutter deswegen verbrannt, weil man ja damit rechnen mußte, daß die Feldgendarmerie oder die Gestapo nach meiner Desertion eine Hausdurchsuchung machen würden. Es sollte ihnen auf keinen Fall ein Bild von mir in die Hände fallen, das sie zum Beispiel für ein Fahndungsbild verwenden konnten. Außerdem war es eine Sicherheitsmaßnahme für meine Mutter, die so glaubhafter beteuern konnte, daß sie keinen so engen Kontakt mit mir hatte.

Eine Desertion, die schon vor der Einberufung geplant war, dürfte zu den großen Ausnahmen der Wehrmachtsgeschichte gehören. Woher stammte Ihr Entschluß, Sie waren 1939 schließlich erst 17?

Meine Mutter war als junge Frau nach Prag gegangen, mußte meinen Bruder und mich allein durchbringen. Sie hat als Näherin gearbeitet, große Sprünge konnten wir uns nicht leisten. Daß wir zu den Ärmeren gehört haben, habe ich immer in der Schule gemerkt, wenn ich das Pausenbrot von einigen anderen Schülern gesehen habe. Ich hatte aber auch manchen fortschrittlichen Lehrer, der uns Schülern beibrachte, uns gegenseitig zu unterstützen. Das war mir schon eine Schule fürs Leben.
Meine Mutter tendierte mehr zu den Sozialdemokraten, ich selbst habe frühzeitig mit den Kommunisten sympathisiert. Weil ich auch ziemlich sportlich war, bin ich in die Sportorganisation der Kommunistischen Partei. Später bin ich dann zu den sogenannten Nestfalken und in einen kommunistischen Arbeiter-Turn- und Sportverein. Wir bekamen in diesen Organisationen eine gute politische Schulung. Ich habe unter anderem gelernt, keine falschen Kompromisse zu schließen. Die Ablehnung von Hitlers Kriegspolitik war mir immer eine Selbstverständlichkeit.

Wie hatte Ihre Familie den »Anschluß« erlebt?

Als Österreich ans Reich angeschlossen wurde, haben wir noch in Prag gelebt, als österreichische Staatsbürger. Wir haben automatisch die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten, und dann gab es mit den Behörden in Prag Schwierigkeiten, als wir uns um die weitere Arbeitsbewilligungen bemüht haben. So sind wir im Dezember 1938 aus Prag weggezogen und nach Wien gegangen. So blieb es uns wenigstens erspart, ein paar Monate später den Einmarsch der Wehrmacht in Prag erleben zu müssen.

Nicht erspart blieb Ihnen der Dienst in der Wehrmacht. Stimmt es, daß Sie sich freiwillig gemeldet haben?

Ja, das war eine taktische Überlegung. 1939 hat man mich erst einmal zum Arbeitsdienst einziehen wollen. Dazu kam es dann nicht. In Wien hatte ich einen Arbeitskollegen, der sich nach einiger Zeit und nach gegenseitigem Abtasten als ehemaliger Schutzbündler zu erkennen gab. So entwickelte sich ein guter menschlicher und politischer Kontakt. Der sagte zu mir: »Paß auf Bua, dich ziehen sie bald ein. Wie die Erfahrung zeigt, kommst du zuerst zum Arbeitsdienst, dann zum Militär und zwar zur Infanterie und dann bist du erledigt.« Diese Aussprache hat mir bei meiner Orientierung viel geholfen und mir vielleicht auch das Leben gerettet. Zur Infanterie wollte ich danach auf keinen Fall. Also habe ich mich zur Luftwaffe gemeldet, und wie sich herausstellte, war es ein richtiger Schritt. Ich brauchte dann nicht mehr zu fürchten, woandershin einberufen zu werden.

Als Sie dann 1941 Ihren Dienst antreten mußten, ist es mit der raschen Fahnenflucht aber erst mal nichts geworden.

Ich war am Anfang ein »normaler« Wehrmachtssoldat, und wurde als Kraftfahrer ausgebildet. Kurz bevor ich auf den Balkan geschickt werden sollte, die Nazis hatten gerade Jugoslawien und Griechenland überfallen, habe ich mich an einen Arzt gewandt, von dem ich wußte, daß ich ihm vertrauen konnte. »Wenn ich jetzt nicht ins Spital komme, muß ich mit zum Einsatz«, sagte ich zu ihm. Ich hatte damals eine Nasenscheidewandverkrümmung, die war nicht weiter schlimm, aber ich fragte den Arzt, ob man die Nase nicht einmal operieren könne. Er sagte: »Das geht«. Jetzt dachte ich mir, wenn wieder irgendein Einsatz kommt, dann muß der Blinddarm raus und dann eventuell die Mandeln. Nach dem Spital gab es dann vier Wochen Genesungsurlaub, und ich war sozusagen weg von diesem Einsatz.

Aber irgendwann waren Sie dann doch im Krieg.

Nach dem Genesungsurlaub hat man mich als Kraftfahrer einer Luftwaffeneinheit im Hinterland eingesetzt, in Polen und in der Ukraine. Ich war immer entschlossen, die Wehrmacht zu verlassen und mich der Roten Armee anzuschließen, aber als LKW-Fahrer war ich kaum einmal so nah an der Front und hatte kaum Möglichkeiten, die Seiten zu wechseln. Irgendwann habe ich mir gemeinsam mit einem Kameraden, der die gleiche Einstellung zu Hitlerdeutschland hatte, gesagt: »So, jetzt packen wir's«, und wir sind mit dem Lastwagen Richtung Osten gefahren. Unser Vorwand war, daß wir nach einem abgestürzten Flugzeug suchen sollten. Bei dieser Suchfahrt wollten wir die Frontlinie überqueren. Wir hatten uns vorher auf der Karte angesehen, wo die Front war, aber dann geriet die auf einmal in Bewegung. Wir mußten mit unserem LKW praktisch der Roten Armee hinterherfahren, und auf einmal waren wir fast mitten drin in der Hauptkampflinie. Da sind wir dann von deutschen Einheiten ins Gebet genommen worden, was wir denn an der Front zu suchen hätten. Zum Glück haben sie uns geglaubt, daß wir uns bloß verfahren haben, und uns ohne weitere Schwierigkeiten zurückgeschickt.

Heißt das, Sie waren in dieser Zeit ein ganz normaler, funktionierender Wehrmachtssoldat?

Ich habe natürlich meine antifaschistische Gesinnung nicht laut hinausrufen können. Es gab aber einige Kameraden, mit denen man ganz offen reden konnte. Ich habe auch ein paar gefunden, mit denen ich dann versucht habe, der Bevölkerung zu helfen, soweit es möglich war. Wir haben zum Beispiel Lebensmittel gestohlen und dann an Zivilisten verteilt, genauso wie Kleidung. Wir haben auch mitgeholfen, wenn wir wußten, da wollen Kriegsgefangene türmen. Daß ich ja praktisch immer mit einem Lastwagen unterwegs war, hat das viel ausgemacht. Auch was das Benzin anging: Ich habe öfters aus dem Tank so an die 40 bis 60 Liter Benzin abgezapft und an Russen gegeben. Die haben dann damit Molotow-Cocktails gebaut.

Die hätten ja im Extremfall gegen Sie selbst eingesetzt werden können

Das stimmt, aber über dieses Problem habe ich mir keine langen Gedanken gemacht. Für mich war es entscheidend, daß ich helfen konnte, die Hitlerwehrmacht zu schwächen. Ich habe ja, gerade weil wir im Hinterland waren, gesehen, welche Verbrechen die SS-Einsatzgruppen begangen. Da hingen in den Ortschaften die Leichen an den Bäumen und an den Straßenlaternen. Wir waren so weit weg von der Front, und doch waren dort überall Tote. Und das waren nicht tote Wehrmachtssoldaten, sondern russische oder ukrainische Zivilisten. Ob sie jetzt Kommunisten waren oder Partisanen oder einfache Leute – mit denen habe ich gefühlt, und zu denen habe ich mich bekannt, nicht zu denen, die da in deutscher Uniform in einem fremden Land standen. Das war für mich schon schwer zu verkraften, daß da praktisch meine Gesinnungsgenossen hingen und ich immer noch bei der Wehrmacht war. Aber eines war für mich klar: Wenn man eine Uniform tragen muß, zu der man sich nicht bekennt, dann kann man nur desertieren oder versuchen, der Bevölkerung zu helfen.

Ihre antifaschistische Gesinnung konnte doch auf Dauer den Vorgesetzten nicht verborgen bleiben. Hatten Sie nie Schwierigkeiten?

Meine große Hilfe war mein Vorgesetzter, ein aufrechter Österreicher, der mich vor so manchen unangenehmen Situationen bewahrte. Natürlich war allen, die mich kannten klar, daß ich kein Nazi bin, so gut konnte ich mich ja nicht verstellen, und das wollte ich auch gar nicht. Gefährlich wurde es, wenn man zu viel Kritisches geredet hat. Und natürlich durfte man sich nicht erwischen lassen, wenn man Wehrmachtseigentum nahm und an die Leute verteilte.
1944 ist dann aber genau das passiert, es gab eine anonyme Anzeige bei der Feldgendarmerie. Anscheinend hatte mich jemand dabei beobachtet, wie ich Lebensmittel verteilt habe. Da gab es dann Vernehmungen und eine Gerichtsverhandlung beim Feldgericht 4 in Lemberg. In dem Moment hat es sich dann ausgezahlt, daß ich so einen guten Kontakt zu meinem Vorgesetzten hatte. Der hat mich, als die Verhandlung vorübergehend ausgesetzt wurde – die mußten erst noch den anonymen Anzeiger suchen – kurzerhand nach Olmütz auf die Dolmetscherschule der Luftwaffe versetzt. Er wollte einfach, daß ich aus seinem Bereich verschwinde, weil es da allmählich brenzlig für mich wurde.

Zur Roten Armee fliehen ist Ihnen nicht gelungen, statt dessen landeten Sie 1944 an der Westfront …

Und dort war endgültig Schluß. Von der Dolmetscherschule sind wir kurz nach der Invasion der Alliierten in die Normandie geschickt worden. Dort war ich dann nicht mehr als LKW-Fahrer, sondern direkt an der Front, im Schützengraben. Und schon am dritten Tag bin ich desertiert.
Am ersten Tag habe ich erst einmal sondiert, wie es aussieht. Vor den Löchern war viel Stacheldraht und es gab auch Sicherungen durch Stolperdrähte mit angehängten Handgranaten. Am nächsten Tag bin ich dann in der Früh zwischen drei und fünf Uhr aus dem Schützenloch raus und rüber auf die andere Seite, wo Amerikaner waren. Ursprünglich wollte ein Kamerad mitgehen, mit dem ich schon in Olmütz den Plan geschmiedet hatte. Der hat dann leider im letzten Moment nicht mitgemacht. Das war ein ehemaliger Schutzbündler, der sich auf Renner berief und daß wir ja doch alle Deutsche seien usw. Mit einem Wort, er kam nicht mit. Es war eine unangenehme Geschichte, und ich bin dann weggegangen.

Sie sind dann nicht einfach in Kriegsgefangenschaft geblieben und haben auf das Kriegsende gewartet, sondern sie wollten Soldat bleiben.

Ich wurde kurz in ein Gefangenlager in Cherbourg interniert und habe mich gleich dafür gemeldet, daß ich in eine kämpfende Einheit kann, um gegen die Faschisten zu kämpfen. Eine österreichische Einheit gab es ja nicht, und da habe ich mich zur tschechischen Armee in England gemeldet. Als geborener Prager wurde ich nach Überprüfung akzeptiert. In der Armee wurde ich wieder als Kraftfahrer eingesetzt. 1946 bin ich auf meinen Wunsch als österreichischer Staatsbürger aus der Armee entlassen worden.

Wie hat die österreichische Nachkriegsgesellschaft auf Ihren Widerstand reagiert?

Die Stimmung in der Bevölkerung, aber auch in den Ämtern gegenüber einem Deserteur war deprimierend. Denn als ich am Arbeitsamt vorsprach, habe ich noch die englische Uniform getragen, und sofort wurde ich angestänkert. »Wie kommen Sie dazu, in einer fremden Armee gedient zu haben?«

Sie waren damals Mitlied der KPÖ. Man sollte meinen, daß zumindest dort Ihre Handlung Zustimmung und Anerkennung hätte finden müssen. Das war aber nicht der Fall?

In der KPÖ wurde es wohl zur Kenntnis genommen, das war aber dann auch schon alles. Ich habe immer das Gefühl gehabt, daß die KPÖ diejenigen, die zur Roten Armee übergelaufen waren, eindeutig bevorzugt. Meine Desertion war kaum ein Thema für die Partei, man muß aber auch sehen, daß die KP klein war und sich gegen die Reaktion nicht durchsetzen konnte.

Opfer des Faschismus wurden auch in Österreich mehr schlecht als recht entschädigt. Inwiefern waren Deserteure davon betroffen?

Wehrmachtsdeserteure wurden 60 Jahre diskriminiert, es gab keine Anerkennung als Widerstand, keine Anrechnung der Haftzeiten als Pensionsersatzzeiten. Wir sind einfach nur als Verräter in der Öffentlichkeit beschimpft worden. Noch vor ein paar Jahren hatte uns ein Bundesratsmitglied der Haider-Partei BZÖ als »Kameradenmörder« diffamiert. 2002 gründeten wir als eigene Interessensvertretung das Personenkomitee »Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Militärjustiz«. Wir wurden vor allem von Universitätsangehörigen, Künstlern, Mitgliedern aus anderen Opferverbänden und vereinzelten Abgeordneten unterstützt. Neben der tatkräftigen Unterstützung aus dem Universitätsbereich waren einzig die österreichischen Grünen, die sich jahrelang für uns eingesetzt und für uns gekämpft haben. Namentlich zu nennen wären hier der Initiator der Rehabilitierungsbemühungen Andreas Wabl, und in weiterer Folge über fast 10 Jahre lang, die jetzige Volksanwältin Terezija Stoisits. Im Jahr 2005 ist dann das so genannte Anerkennungsgesetz zu Stande gekommen. Jetzt sind wir juristisch und auch versorgungsrechtlich rehabilitiert.


http://www.jungewelt.de/2007/09-01/002.php

Kater:
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Deserteurs-Gedenken
Anlässlich des Nationalfeiertages wurde nicht nur feucht-fröhlich gefeiert, sondern auch nachgedacht - unter anderem über Opfer der NS-Militärjustiz

Während am Heldenplatz Punschstände, Bierzelte und begehbare Panzer lockten, begingen anderen den Natiobnalfeiertag etwas ernster. Wie schon in den vergangenen Jahren gedachten die Grünen gemeinsam mit Vereinen der "Opfer der NS-Militärjustiz" - also Deserteuren und angeblichen "Verrätern".

Erinnerungen

Im Wiener Donauspark, wo sich heute eine wohl gepflegte Parklandschaft ausbreitet, starben zwischen 1940 und 1945 hunderte Wehrmachtsdeserteure, ungehorsame Soldaten, im Kugelhagel von Erschießungskommandos. Nur mehr eine kleine Tafel erinnert an den ehemaligen "Militärschießplatz Kagran".

Die Gedenkveranstaltung im Donaupark fand bereits zum sechsten Mal statt, um den tausenden Opfern der Wehrmachtsjustiz zu gedenken. Der Sprecher des Personenkomitees "Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Militärjustiz", Richard Wadani machte klar: "Das offizielle Österreich hat für uns nichts übrig! Wir werden aber weiter dafür eintreten, dass die mit dem Anerkennungsgesetz 2005 erkämpften Verbesserungen und damit Anspruchsmöglichkeiten für NS-Opfer im Opferfürsorgegesetz und in der Pensionsversicherung den Betroffenen (Homosexuelle, sogenannte „Asoziale“, Opfer der NS-Militärjustiz) auch bekannt gemacht werden.“

Tod nach Weigerung

So, wie die Geschichte der "anderen Soldaten" in Österreich erst seit wenigen Jahren geschrieben wird, fehlten bis vor kurzem auch Publikationen über den "Militärschießplatz Kagran". Diese Lücke hat Herbert Exenberger vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) geschlossen. Gemeinsam mit Heinz Riedel recherchierte er die Fakten zur Hinrichtungsstätte. Bisher konnte er biographische Daten von 129 erschossenen Personen eruieren. Die meisten der Männer waren wegen Hochverrat, Wehrkraftzersetzung und Desertion zum Tode verurteilt worden. Im Zentrum der diesjährigen Veranstaltung stand die Präsentation eines Transparents mit den Namen dieser Ermordeten. Deren Weigerung, in Hitlers Vernichtungsfeldzug mitzumarschieren, soll durch diese Aktion gewürdigt werden. (red)


http://derstandard.at/?url=/?id=3091720

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Kärntner kämpfen gegen Nazi- Urteile

Kundgebung will Aufhebung von NS-Todes- urteilen gegen Kärntner Slowenen, die im Widerstand waren und verraten wurden.
So wenig Gnade Volksgerichtshofs-Präsident Roland Freisler und nachgeordnete Nazi-Schergen kannten, so wenig sind humanistisch gesinnte Kärntner bereit, die Untaten zu vergessen. Montagabend wird eine Kundgebung in Klagenfurt ein wichtiges Stück dazu beitragen, dass Ehre und Unschuld von 13 Kärntner Slowenen wieder hergestellt werden, die dem Justizterror der Nazis zum Opfer gefallen sind.

Kundgebung

Montag, 18 Uhr, im Burghof Klagenfurt (früher: Gestapo-Hauptquartier, heute: Museum Modernen Kunst)Rehabilitierung. 1943 wurden die Frau und zwölf Männer in Wien enthauptet. Die Todesurteile wegen Hochverrat hatte Freisler in Klagenfurt gefällt. "Unmittelbar vorher und hinterher war Freisler in München, um die Mitglieder der Weißen Rose mit den Geschwistern Scholl zum Tode zu verurteilen", sagt Vinzenz Jobst, der auch die Rehabilitierung des in Berlin hingerichteten Zeugen Jehovas und Wehrdienstverweigerers Anton Uran aus St. Martin am Techelsberg erfolgreich betrieben hat.

Christlicher Widerstand. Viele der angeblichen Deserteure und Hochverräter waren Soldaten auf Heimaturlaub, nur um festzustellen, dass Angehörige und Familie vertrieben worden waren und sich andere Leute auf ihrem Hof niedergelassen hatten. "Sie entschlugen sich ihrer Wehrpflicht und gingen in den Wald und den Widerstand", so Jobst. Das begann 1942, allmählich kamen in Kärnten 300 Widerstandskämpfer zusammen. Sie wurden verraten und verhaftet. 35 Personen waren im Freisler-Prozess angeklagt, darunter 22 wegen Beihilfe, weil sie die Widerstandskämpfer unterstützt hatten. Freisprüche gab es keine, und von den zu Haft verurteilten wurden einige zu Tode gequält. "Es ist signifikant, dass es sich hier um Widerstand von christlichen Klein- und Bergbauern handelt", betont Jobst. Bisher sei fast immer nur von Partisanen und Kommunisten gesprochen worden, wenn es um Widerstand ging. "Der christliche Widerstand wurde nicht thematisiert."

Resolutionen. Freisler betonte in seinem Urteil, dass es sich um Kärntner Slowenen handelte. Die brutalen Urteile sollten die Bevölkerung einschüchtern und alle weiteren Versuche in Kärnten und Rest-Deutschland, sich zu wehren, im Keim ersticken. Jobst und die anderen Kundgebungsteilnehmer wollen morgen, am 65. Gedenktag für diesen Opferkreis, zwei Resolutionen in Gang bringen. Erstens: Im Burghof in Klagenfurt soll eine Gedenktafel angebracht werden, die mahnt, dass dort - im Gestapo Hauptquartier - Menschen gequält wurden. Zweitens wird die Republik Österreich aufgefordert, alle nötigen Maßnahmen einzuleiten, um die Urteile gegen die 13 Kärntner von Amts wegen aufzuheben. "Die Feststellung der Unschuld ist auch für die Verwandtschaft wichtig", weiß Jobst, "denn das Stigma des Banditentums wurde im Nachkriegskärnten nie aufgelöst."

JOCHEN BENDELE

http://www.kleinezeitung.at/kaernten/klagenfurt/klagenfurt/1233374/index.do

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Österreich rehabilitiert Wehrmachts-Deserteure

Wien (AP) Mehr als 60 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hat das österreichische Parlament die Rehabilitierung der Wehrmachts-Deserteure beschlossen. Die späte juristische Wiedergutmachung wurde am Mittwochabend von einer breiten Parlamentsmehrheit mitgetragen, von der konservativen ÖVP über die sozialdemokratische SPÖ bis hin zu den Grünen. Einzig die rechtsgerichteten Parteien FPÖ und BZÖ stießen sich an der pauschalen Rehabilitierung ohne Prüfung der Einzelfälle.

Justizministerin Claudia Bandion-Ortner sprach von einem wichtigen symbolischen Schritt. In dem «Aufhebungs- und Rehabilitationsgesetz» werden sämtliche Urteile des Volksgerichtshofs, der Standgerichte und der Sondergerichte in der NS-Zeit für nichtig erklärt, ebenso die Sprüche des Erbgesundheitsgerichts, das Zwangssterilisierungen und -abtreibungen bewirkt hat. Eine Einzelfallprüfung ist nicht mehr nötig. Aufgehoben werden auch Urteile gegen homosexuelle NS-Opfer. Deserteure wurden auch kurz vor Kriegsende noch hingerichtet. Die Überlebenden waren für immer mit dem juristischen Makel behaftet.

Die Regierungskoalition und die Grünen setzten das Vorhaben im Parlament durch. Die rechtsgerichteten Parteien sorgten jedoch für eine kontroverse Debatte. Der FPÖ-Abgeordnete Harald Stefan sprach in der Debatte der österreichischen Nachrichtenagentur APA zufolge in Bezug auf Deserteure von «Kameradenmördern». Herbert Scheibner vom BZÖ wetterte demnach, es habe auch die «typischen Opportunisten» gegeben.

http://de.news.yahoo.com/1/20091021/tpl-sterreich-rehabilitiert-wehrmachts-d-cfb2994.html

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